Fingierter Lexikonartikel

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Ein fingierter Lexikonartikel, auch Nihilartikel (von lat. nihil ‚nichts‘) oder U-Boot genannt, ist ein frei erfundener Eintrag in einem Lexikon zu Personen oder Dingen, die außerhalb des Lexikons nicht bzw. nur als Fiktion existieren. Er soll als solcher vom Leser möglichst nicht erkannt werden. Auch frei erfundene Details in ansonsten zutreffenden Artikeln können in diesem Sinne als U-Boote bezeichnet werden.

Dabei entsteht eine paradoxe Kommunikationssituation: Um etwas im Lexikon nachzuschlagen, benötigt man normalerweise eine Referenz aus anderen Kontexten, die ihren Ursprung außerhalb des Lexikons haben. Bei einem erfundenen Lemma können derartige Referenzen nicht existieren. Der Artikel wird also im Idealfall nur nach dem Zufallsprinzip (Serendipity) gefunden. Es gibt allerdings einfacher zu findende fingierte Artikel, die entstehen, wenn zu einem plausiblen Lemma ein abweichender Eintrag gestellt ist. Ein Sonderfall derartiger Artikel ist die Übernahme oder Umwidmung von fiktiven Begriffen oder Namen aus fiktionaler Literatur in das (nicht-fiktionale) Lexikon, z. B. Morgensterns bekanntes Nasobēm oder die Steinlaus von Loriot.

Art und Wesen fingierter Artikel[Bearbeiten]

Es ist nicht immer einfach, einen fingierten Artikel als solchen zu erkennen. Dies gilt vor allem dann, wenn der Artikel etwa in mehreren Lexika erscheint oder weitergeführt wird. In einem solchen Fall kann die Eintragung in mehreren Lexika die Authentizität der Eintragung stützen und vortäuschen, dass es den beschriebenen Gegenstand tatsächlich gibt.

Das Aufdecken von fingierten Artikeln gehört oft auch zum publizistischen Spiel der Lexikonredaktionen und -verlage. Dieses Spiel kann in einzelnen Fällen auch in weiteren Publikationen – etwa auch Lexika – als Wissenschaftsparodie oder -satire weitergeführt werden.

Über unentdeckte fingierte Artikel – insbesondere auch in älteren Werken – lässt sich nur spekulieren. „Insider vermuten, dass jedes Lexikon falsche Stichwörter enthält.“[1]

Die (stilistische) Spannweite der in ihrem Erscheinungsbild uneinheitlichen Texte bewegt sich zwischen Parodie oder Travestie und dem imitativen Pastiche, das unter Umständen gar nicht durchschaut wird. Der Anteil von erkennbaren Elementen parodistischer Schreibweise kann sehr unterschiedlich sein. Dadurch ergibt sich auch eine unterschiedlich große Differenz zu üblichen, ernstgemeinten Lexikoneinträgen. Bei einem fingierten Artikel bleibt der Schematismus der Textsorte Lexikoneintrag in der Regel unangetastet.

In Lexikoneinträgen sind biographische Artikel literarischen Texten am ähnlichsten. Das kann auch der Grund dafür sein, dass unter den bekannten fingierten Artikeln biographische Artikel besonders häufig vertreten sind.

Da beim illegalen Abschreiben ganzer Lexika, die dann unter einem anderen Titel und in anderer Sprache publiziert werden, auch die fingierten Artikel mitkopiert werden, können diese auch als Plagiatsfallen dienen, um Verletzungen des Urheberrechts nachzuweisen (“errors are copyright”).

Einordnung in literarische Textgattungen[Bearbeiten]

Für eine weiterreichende Einordnung von fingierten Artikeln kann Umberto Ecos Vortrag Für eine semiologische Guerilla (New York 1967)[2] als Ausgangspunkt genommen werden. Dabei könnte ein Zusammenhang hergestellt werden zu den Luther-Blissett-Fälschungen.[3]

Die Definition solcher Fälschungen ist auch für fingierte Artikel charakteristisch. Allerdings gehen die Intentionen in fingierten Artikeln kaum über die Stufe von (Insider-)Scherzen (etwa in den Lexikonredaktionen und bei einem Teil der Leser) hinaus:

„Ein gutes Fake verdankt seine Wirkung dem Zusammenwirken von Imitation, Erfindung, Verfremdung und Übertreibung herrschender Sprachformen. Es ahmt die Stimme der Macht möglichst perfekt nach, um für einen begrenzten Zeitraum unentdeckt in ihrem Namen und mit ihrer Autorität zu sprechen […]. Ziel ist, […] einen Kommunikationsprozeß auszulösen, bei dem – oft gerade durch die (beabsichtigte) Aufdeckung der Fälschung – die Struktur der gefaketen Kommunikationssituation selbst zum Thema wird.“

– Handbuch der Kommunikationsguerilla[4]

Verwandte Textarten[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu fingierten Artikeln, die falsche Information in einem Gebrauchslexikon sind, gibt es auch noch literarische Lexikon-Fiktionen, ähnlich dem Eintrag „Uqbar“ in The Anglo-American Cyclopaedia (New York, 1917), der zugleich vorhanden und nicht vorhanden ist, und den Artikeln in A First Encyclopaedia of Tlön, Vol. XI, Hlaer to Jangr, die für den Erzähler etwas weit Kostbareres und Schwierigeres darstellen als „die zusammenfassende Beschreibung eines falschen Landes“, die er „in einem Band einer gewissen Raubdruck-Enzyklopädie“ „entdeckt“ hatte.[5]

Fingierte Artikel unterscheiden sich von ihrer Form als Wörterbuch- oder Lexikonartikel mit satirischer Schreibweise gegenüber anderen Medien eher durch ihren Charakter als Konterbande. Allerdings können auch Enzyklopädien, Lexika oder Wörterbücher als satirische Großformen dienen. Ein Beispiel dafür ist Ambrose Bierce, dessen bitterböse Lexikon- und Wörterbuchdefinitionen seit 1881 in der satirischen Wochenschrift The Wasp (San Francisco) erschienen. Später auch in anderen Zeitungen und schließlich gesammelt als The Cynic’s Word Book (1906) bzw. The Devil's Dictionary (1911). Bei Bierce kommen die Autoren von Wörterbüchern und Lexika nicht gut weg: „Lexikograph, subst.masc. Ein Schädling, […]“[6]

Eine interessante Variante der fingierten Artikel enthält eine von dem polnischen Science-Fiction-Autor Stanisław Lem verfasste Sammlung von Vorworten künftiger, noch ungeschriebener Bücher. Verfasst schon im Jahre 1971, beschreibt der Band Imaginäre Größe Bücher, die angeblich im Jahr 2009 bis 2029 erschienen sind (zur Zeit der Drucklegung, also 38–58 Jahre vorher). Am bemerkenswertesten ist das Vorwort zu Vestrands Extelopädie in 44 Magnetbänden aus dem Jahre 2011. In Zeiten lange vor PC und Public Internet ersonnen, werden heutige Online-Lexika mit regelmäßigen Aktualisierungen, der weltweiten Verbreitung und beständigen Verbesserungen schon recht treffend vorweggenommen, zudem wird eine Textprobe der Seiten 871–880 mit Stichworten von „Proffertine“ bis „Prolepsie“ zum „Nachweis“ der Ernsthaftigkeit inklusive einiger Grafiken vorgelegt.

Fundstellen[Bearbeiten]

Fingierte Lexikonartikel zu Gegenständen, die nicht existieren, oder zu existierenden, aber fachfremden Themen in realen Nachschlagewerken:

  • Apopudobalia
  • Bach, P. D. Q.
    • In: MGG = Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik gegründet von Friedrich Blume hrsg. von Ludwig Finscher. Personenteil 1. 2. Auflage. Kassel usw. 1999, Sp. 1551ff.
  • Binomi, Alessandro
    • In: Otto Forster: Analysis 1. Vieweg-Verlag, Braunschweig 1992, S. 204.
  • Dadophorus von Salamis
    • In: Lexikon der antiken christlichen Literatur (LACL). 3. erweiterte Auflage. Freiburg / Basel / Wien 2002, S. 183.
    • Mit Bezugnahme auf das LACL gibt es einen Eintrag von Dadophoros von Salamis auch in: Metzler Lexikon Antike, 2. Auflage, 2006, S. 126. (noch nicht in der 1. Auflage von 2000).
  • Duck, Donald als reale Person
    • In: dtv-Lexikon, Ausgabe 1997
  • Elchtest
    • In: Hartmut O. Häcker, Kurt-H. Stapf (Hrsg.): Dorsch. Psychologisches Wörterbuch. 14. Auflage. Bern 2004, S. 238.
  • Hingerl, Alois (Engel Aloisius)
  • Idiopathische maligne pampiniforme Pachygyrie (IMPP)
  • KKK-Regel (als Kinder, Küche, Kirche-Regel)
  • Kurschatten
    • In: Pschyrembel Wörterbuch Naturheilkunde und alternative Heilverfahren. Bearbeitet von der Wörterbuch-Redaktion des Verlages unter der Leitung von Helmut Hildebrandt. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1996, S. 167.
  • Lexikokratie
    • In: Werner Fuchs-Heinritz u. a.: Lexikon zur Soziologie [ab EA 1973]. 4. Auflage. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 397
  • Murphys Gesetz
    • In: Thomas Städtler: Lexikon der Psychologie. Wörterbuch. Handbuch. Studienbuch. Stuttgart 1998, S. 710 (=Kröners Taschenausgabe Bd. 357).
  • Oranjegevoel
    • In: Klaus Schubert, Martina Klein: Das Politiklexikon. Begriffe, Fakten, Zusammenhänge. Bonn 2011. S. 215f.
  • Pilzbarth, Jakob
  • Rhetograph
    • In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 7. Tübingen 2005 [anhand eines griechischen Vasenbildes wird behauptet, die Antike verfüge bereits über elektronische Laptops]
  • Salzdahlum, Karl Otto von
    • In: Lexikon zur Geschichte und Gegenwart der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Wiesbaden: Otto Harrassowitz 1992, S. 90f.
  • Steinlaus
    • In: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica. Bearbeitet von der Wörterbuchredaktion des Verlages Walter de Gruyter. 256. Auflage. Berlin / New York 1990, S. 1583. [Zuerst in der 255. Auflage von 1986, dann erweitert, nicht in der 257. Auflage, erneut verändert und erweitert in der 258., 259., 260. und 261. Auflage.]
  • Unzufriedensheitssatz
  • Verschlafen
    • [lat. abgek. morb. lex., Niedergangsseuche in Spätkulturen, bes. im westl. Abendland verbreitet. Galt als unheilbar; heute durch Einsatz des Zeiterfassungsgeräts lokal überwunden.]
    • In: dtv-Lexikon in 20 Bänden. München 1999, Band 19, S. 159. [Zuerst 1966. Bd. 19. S.197. In den Auflagen nach 1982 nicht mehr enthalten, dann aber Wiederaufnahme in veränderter Fassung.]
  • Zecken, Ixodida/Gemeine Steuer-Z.
    • In: Brockhaus – Die Enzyklopädie in 24 Bänden. 20. Auflage. Leipzig / Mannheim 1999, Band. 24, S. 481.
  • Zittath, Öppe
    • [Name konstruiert als angebliche Auflösung der Abkürzung ‚op. cit.‘]
    • In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Bd. 14. Berlin / Boston: Walter de Gruyter 2013, Sp. 1382–1384.
  • Zündapp, Marie-Thérèse [1]
    • In: Historisches Lexikon der Schweiz. Der Artikel, der auch auf Französisch und Italienisch vorliegt, wurde 2008 von einer Jury zum Wettbewerbssieger gewählt.

Im New Grove’s Dictionary of Music (1980) gab es (soweit bekannt) zwei fiktive Einträge, unter insgesamt über 20.000 Biographien: Dag Henrik Esrum-Hellerup, angeblich ein dänischer Komponist und Flötist, eingeschmuggelt vom Spezialisten für skandinavische Musik Robert Layton und benannt nach einem Vorort von Kopenhagen (Hellerup). Der andere Eintrag Guglielmo Baldini, italienischer Komponist, konnte seine Traditionslinie schon auf Hugo Riemann zurückführen (er wurde im Grove’s prüfungsresistent mit dem „Archiv für Freiburger Diözesangeschichte“ belegt). In den neuen Auflagen wurden beide entfernt, dafür gab es einen Artikel über fiktive Biographien von David Fallows.[9] Baldini fand sich nach Riemann, der ihm ein Madrigalbuch zuordnet und ihn in Ferrara um 1540 leben ließ, noch in mehreren Musiklexika. Das einzig erhaltene Exemplar seiner Madrigale verbrannte nach Prof. Budde leider im Zweiten Weltkrieg in Mainz.[10]

Wissenschaftliche Literatur zu fingierten Artikeln[Bearbeiten]

Die Literatur über literarische Fälschungen und über Parodie, Travestie und Pastiche scheint das Phänomen bisher zu übergehen oder nur zu streifen. Ein Grund dafür kann sein, dass darin Lexikonartikel als Gebrauchstexte nicht mit im Blickfeld sind. Es folgt eine Liste mit Veröffentlichungen zum Thema:

  • J. A. Farrer: Literarische Fälschungen. Mit einer Einführung von Andr. Lang. Aus dem Englischen von Fr. J. Kleemeier. Leipzig 1907.
  • Elisabeth Frenzel: Fälschungen, literarische. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. 2. Auflage. Berlin 1958. Bd. 1, S. 444–450.
  • Karl Corino (Hrsg.): Gefälscht! Betrug in Politik, Literatur, Wissenschaft, Kunst und Musik. Nördlingen 1988.
  • Werner Fuld: Das Lexikon der Fälschungen. Fälschungen, Lügen und Verschwörungen aus Kunst, Historie, Wissenschaft und Literatur. Eichborn, Frankfurt 1999.
  • Diagonal. Zeitschrift der Universität-Gesamthochschule-Siegen. Zum Thema: Fälschungen. 1994, Heft 2.
  • Alfred Liede: Parodie. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. 2. Auflage. Berlin / New York 1977, Band 3, S. 12–72.
  • Theodor Verweyen, Gunther Witting: Die Parodie in der neueren deutschen Literatur. Eine systematische Einführung. Darmstadt 1979.
  • Wolfgang Karrer: Parodie, Travestie, Pastiche. München 1977, UTB 581.
  • Winfried Freund: Die literarische Parodie. Sammlung Metzler Bd. 200, Stuttgart 1981.
  • Michael Ringel: 15 „U-Boote“ in Nachschlagewerken. In: Das listenreiche Buch der Wahrheit. Wertloses Wissen hoch 10. S. Fischer, Frankfurt am Main 1998, S. 202–213.
  • Michael Ringel: 28 Nihilartikel in Nachschlagewerken. In: Ringels Randnotizen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, S. 196–224.
  • Alan Sokal, Jean Bricmont: Eleganter Unsinn. 1. Auflage. C.H.Beck, 1999, ISBN 978-3-406-45274-1.

Dagegen finden sich im Feuilleton gelegentlich Glossen zu einzelnen Stichwörtern, aber auch zusammenfassende Darstellungen und Beispielsammlungen.[11][1]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Katharina Hein: Der Orthodidakt. In: Berliner Morgenpost. 16. Juli 2000.
  2.  Umberto Eco: Für eine semiologische Guerilla. In: Über Gott und die Welt. Essays und Glossen. München / Wien 1985 (übersetzt von Burkhart Kroeber).
  3. Handbuch der Kommunikationsguerilla. Verlag Libertäre Assoziation, Hamburg o. J. [1997]
  4. Handbuch der Kommunikationsguerilla. Verlag Libertäre Assoziation, Hamburg o. J. [1997], S. 65
  5. Jorge Luis Borges: Tlön, Uqbar, Orbis Tertius [1941]. In: Jorge Luis Borges: Fiktionen (Ficciones). Erzählungen 1939–1944. Übersetzt von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs. Frankfurt 1992. Werke in 20 Bänden, Bd. 5 = Fischer Taschenbuch 10581
  6. Ambrose Bierce: Aus dem Wörterbuch des Teufels. Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Dieter E. Zimmer. Frankfurt 1966 (= Insel-Bücherei Nr. 890).
  7. derbund.ch
  8. Spiegel Online
  9. James Oestreich zu Grove Dictionary und falsche Einträge. In: New York Times, 21. Januar 2001
  10. Zankl: Irrwitziges in der Wissenschaft
  11. Beispielsweise  Michael Ringel: Fehlerquelle. In: SZ-Magazin. Nr. 41, 1998.