Pishtaku

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Pistaku, peruanisches Retablo, Ayacucho.

Pishtaku, Pishtakuq oder Pishtaq (auf Ancash-Quechua), hispanisiert Pishtaco, in Südperu Nak'aq (auf Qusqu-Qullaw-Quechua), Nakaq (auf Chanka-Quechua) oder Kharisiri (auf Aymara), ist in der andinen Tradition der Quechua in Peru ein monströser, meist weißer Mörder, der den ermordeten Indigenen das Fett aussaugt.

Wortherkunft[Bearbeiten]

Das Wort Pishtaq „Schlächter“ leitet sich vom Verb in den zentralperuanischen Quechua-Mundarten (Waywash) pishtay „schlachten, die Kehle durchschneiden“ ab. Mit der gleichen Bedeutung wird im Südlichen Quechua der Name Nak'aq vom Verb nak'ay hergeleitet. José María Arguedas stellte hierzu 1953 fest, dass in Ayacucho und Apurímac der Name Nakaq und in Jauja (Junín) der Name Pishtaku allein den Menschenschlächter bezeichnet, niemals aber den Tierschlachter (Metzger).[1] In Ancash, wo Pishtakuq[2] oder Pishtaq[3] ebenfalls den Menschenschlächter bezeichnet, wird allerdings pishtaq auch für den Tierschlachter verwendet, und Kuchi Pishtaq (Schweineschlächter) ist der Name eines Sterns, bei dessen Erscheinen am Himmel am Vorabend von Allerheiligen die Schweine geschlachtet werden.[4] Im Cusco-Quechua wird wiederum nak'ay auch für das Schlachten von Tieren verwendet.[5] Bereits im Huarochirí-Manuskript drückt nakay das rituelle Schlachten eines Lamas für die Berggottheit (Wak'a) Pariacaca aus: Llamaykiktam nakapunki.[6] In Ch’akalqocha bei Chinchero (30 km von Cusco) wurde der Name des Menschenschlächters mit ñak'aq wiedergegeben,[7] ñak'ay heißt allerdings „fluchen“ und ist ein anderes Verb als nak'ay.[8] Die Endung -kuna (pishtaqkuna, nak'aqkuna) steht für die Mehrzahl.

Die Legende[Bearbeiten]

Die Legende vom fettsaugenden Mörder Pishtaku oder Nak'aq ist in den peruanischen Anden insbesondere in den Regionen Ancash, Huánuco, Junín, Huancavelica, Cuzco, Ayacucho, Apurímac, Pasco und im Bergland von Lima lebendig. Die traumatischen Erfahrungen der Indigenen mit den spanischen Eroberern – ähnlich wie auch mit Vertretern der Macht bis in die Gegenwart – wurden in der Kolonialzeit bereits früh in Mythen verarbeitet. Der Pishtaku macht sich über Männer und Frauen her, die allein sind, und schneidet ihnen die Kehle durch, um ihr Fleisch in Form von Chicharrones zu essen und das Fett zu verkaufen. In anderen Erzählungen begräbt er seine Opfer, mitunter lebendigen Leibes, um die Erde zu düngen und den Gebäuden Festigkeit zu geben.[9] Der Pishtaku ist in der Regel ein Weißer oder auch Mestize, ein Mann mit Hut und Lederjacke, hoch zu Ross oder im Auto, vom Staat privilegiert und hochgebildet.[10] Mitunter kann er zu einer benachbarten indigenen Ethnie gehören.[11]

Ricardo Palma beschreibt 1896 in der siebten Serie seiner Tradiciones Peruanas, wie Quechuas von Cusco in der Zeit um 1700 die dortigen Mönche vom Orden Padres Belethmitas oder Barbones (gegründet 1667) als Nacas (Quechua: nak'aqkuna) bezeichneten, die Indigene entführten und töteten, um ihnen Menschenfett zur Herstellung von Salben zu entnehmen.[12]

Als Handlanger katholischer Geistlicher tritt der Nak'aq (hier: ñak’aq), ehemaliger Jünger Jesu, noch in den Jahren 2005 und 2007 in der Erzählung San Bartolomé ñak’aqman tukupun („Wie Sankt Bartholomäus ein Nak'aq wurde“) aus der Gegend von Chinchero bei Cusco auf. Für abgeliefertes Menschenfett – benötigt für Menthol und Medizin – erhält er von den Priestern des Konvents Santo Domingo Silber (oder Geld). Während durch die Landreform unter Juan Velasco Alvarado ab 1969 der vormalige kirchliche Großgrundbesitz den Indigenen gehört und die Tribute – Naturalien und Arbeit – für „Christus, die Seelen und den Priester“ abgeschafft sind, treiben die Nak'aqkuna weiter ihr Unwesen, und ist es das Schicksal, durch einen Nak'aq zu sterben, kann man dem nicht entrinnen.[7]

In der andinen Tradition ist viel Körperfett ein Zeichen von Gesundheit, während Krankheiten mit Abmagerung und Fettmangel erklärt werden.[13] Die Praxis der Conquistadores, Wunden mit dem Fett erschlagener Feinde zu behandeln, entsetzte die Indigenen.[14][15]

In heutigen Erzählungen wird das Menschenfett für die Funktionsfähigkeit von Maschinen wie etwa Getreidemühlen oder Flugzeugmotoren, in anderen Fällen für pharmazeutische Produkte benötigt.[16][17][10][11] Ebenso werden in Entwicklungshelfern, dem US-amerikanischen Peace Corps oder den Missionaren von SIL International[11] Pishtaku gesehen.[10] Hierzu gehört auch die Vorstellung, dass Kinder zunächst gemästet werden, damit ihnen später das Fett ausgesaugt werden kann.[18]

Nach Einschätzung von Anthony Oliver-Smith, der in den 1960er Jahren in Ancash forschte, hat die Legende vom Pishtaku und das damit verbundene tiefe Misstrauen in die Fremden eine überlebenswichtige Funktion, um die indigene Gemeinde einig und auf Distanz von der realen Bedrohung durch die Weißen und Mestizen zu halten.[10]

Literarische Verarbeitung[Bearbeiten]

Der Pishtaco hat Eingang in verschiedene literarische Werke der spanischsprachigen südamerikanischen Literatur gefunden, so im Roman Tod in den Anden (Lituma en los Andes) von Mario Vargas Llosa sowie in der Erzählung Tierra de Pishtacos (Land der Pishtacos) von Dante Castro Arrasco.

Der Pishtaco war auch die Vorlage für eine 2009 bekannt gewordene, aber schnell als Erfindung einiger Polizisten entlarvte moderne Legende, nach der eine als Pishtacos bezeichnete Bande von Serienmördern im Zeitraum seit den 1970er Jahren 60 Menschen ermordet haben soll, um ihr Fett an Kosmetikfirmen zu verkaufen.

Literatur[Bearbeiten]

Texte auf Spanisch[Bearbeiten]

  • José María Arguedas: Cuentos mágico realistas y canciones de fiesta tradicional del valle del Mantaro, Provincias de Jauja y Concepción – Archivo del Instituto de Estudios Etnológicos. In: Folklore Americano, Jahr 1, Nr. 1, Lima 1953.
    • S. 218. Cuentos de Pishtacus (Degollador)
    • S. 219. El toro devora a los pishtacus
    • S. 220. El toro mata a los pishtacus
    • S. 222. El pishtacu es muerto por medio de un ardid
    • S. 226. El pishtacu es muerto a tiros

Texte auf Quechua[Bearbeiten]

  • S. Hernán AGUILAR: Kichwa kwintukuna patsaatsinan. AMERINDIA n°25, 2000. Pishtaku 1, Pishtaku 2 (auf Ankash-Quechua, mit spanischer Übersetzung)
  • Wañuchisqanmanta wirata tukuchinkus rimidyuman. Aufgezeichnet von Alejandro Ortiz Rescaniere 1971, erzählt von Aurelia Lizame (25 Jahre), comunidad de Wankarama / Huancarama, provincia de Andahuaylas, departamento del Apurímac. In: Alejandro Ortiz Rescaniere: De Adaneva a Inkarri: una visión indígena del Perú. Lima, 1973. S. 164-165 (auf Chanka-Quechua, online auf RUNASIMI.de: Nakaq (Nak'aq)).
  • Wirachunchu – Märchen aus den Anden. Nakaq. Huk upas kasqa warmichantin ..., in: Winfried Dunkel: Quechua für Peru-Reisende. 4. Auflage. Reise-Know-How-Verlag Rump, Bielefeld 2003, S. 117–119. ISBN 3-89416-078-0 (Kauderwelsch 36).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. José María Arguedas: Cuentos mágico realistas y canciones de fiesta tradicional del valle del Mantaro, Provincias de Jauja y Concepción – Archivo del Instituto de Estudios Etnológicos. In: Folklore Americano, Jahr 1, Nr. 1, Lima 1953, S. 218. No se llama nakaq a los carniceros en los pueblos de Ayacucho y Apurímac donde he vivido, así como no se llama pistacu a los de este mismo oficio en Jauja. Nakaq o pishtacu son los degolladores de seres humanos. Y este terrible personaje del que se cuentan tan pavorosas historias ha dado a la palabra una limitación absoluta. Nakaq es sólo este degollador de seres humanos.
  2. S. Hernán AGUILAR: Kichwa kwintukuna patsaatsinan. AMERINDIA n°25, 2000.
  3. Wolf Lustig: Glossar QUECHUA ANCASHINO-DEUTSCH, 1996.
  4. Herminio Matías Leiva et al.: Revalorando saberes tradicionales en la cuenca del río Casma. Asociación Evangélica Luterana de Ayuda para el Desarrollo Comunal, Lima 2011.
  5. Diospa Simin Qelqa (Bibel) 2004, Stellen (Beispiele): Sprüche 9,2: Uywakunatan nak'arqan, allin vinotan tupachirqan, mikhunatan mast'arqan, Leviticus 9,8: Aaronmi altarman asuykurqan, hinaspan pay kikinpa huchan pampachasqa kananpaq torillota nak'arqan.
  6. Hermann Trimborn (Hrsg.), Francisco de Avila (Komp.): Dämonen und Zauber im Inkareich. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Völkerkunde, Leipzig 1939. S. 43. Llamayquictam nacapunqui.
  7. a b Alison Krögel (2009): Layqas, ñak’aqs y condenados: los personajes sobrenaturales y la estética. Preparado para entregar en el Congreso 2009 de la Asociación de Estudios Latinoamericanos, Río de Janeiro, Brasil, del 11 al 14 de junio de 2009.
  8. Simi Taqe Qheswa - Español - Qheswa. Academia Mayor de la Lengua Quechua, Cusco 2006. S. 346: nak'aq. Degollador, matancero. Carnicero. nak'ay. v. Degollar, carnear o beneficiar un animal para el consumo. S. 352: ñak'aq. Que maldice o blasfema.
  9. Alberto Tauro del Pino: Diccionario enciclopédico del Perú ilustrado. Preparado bajo la dirección de Alberto Tauro. Juan Mejía Baca, Lima 1966-1967. Eintrag Pishtaco.
  10. a b c d Anthony Oliver-Smith: The Pishtaco: Institutionalized Fear in Highland Peru. The Journal of American Folklore, 82, Nr. 326, American Folklore Society, 1969. S. 363–368 (JSTOR).
  11. a b c Terry P. Smith: Con un solo corazón - la vida de los Quechuas de Panao. Comunidades y Culturas Peruanas N° 31. ILV (SIL International), Lima 2006.
  12. Ricardo Palma: Tradiciones Peruanas, séptima serie: IV. Los Barbones. Lima 1896.
  13. Mary J. Weismantel: Cholas and pishtacos: stories of race and sex in the Andes. University of Chicago Press, 2001. S. 199-200. ISBN 0-226-89154-2
  14. Jennifer McLagan, Leigh Beisch: Fat: An Appreciation of a Misunderstood Ingredient, with Recipes. Ten Speed Press, 2008. S. 216–217. ISBN 1-58008-935-6.
  15. Albert Marrin: Aztecs and Spaniards: Cortés and the conquest of Mexico. Atheneum, 1986. S. 76. ISBN 0-689-31176-1.
  16. Carolyn Nordstrom, Antonius C. G. M. Robben: Fieldwork under fire. Contemporary studies of violence and survival. University of California Press, 1995. ISBN 0-520-08994-4.
  17. Jean Franco, Mary Louise Pratt, Kathleen Elizabeth Newman: Critical passions: selected essays. Post-contemporary interventions. Duke University Press, 1999. ISBN 0-8223-2248-X
  18. Nancy Scheper-Hughes: Death without weeping: the violence of everyday life in Brazil. University of California Press, 1993. S. 236. ISBN 0-520-07537-4