Quäkertum
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Der Begriff Quäkertum bezeichnet die Gesamtheit quäkerischer Glaubens- und Lebensanschauungen, Organisationsformen und Bräuche. Der Begriff leitet sich von den ehemaligen Spottnamen Quäker ab, der ursprünglich ein Mitglied der Religiöse Gesellschaft der Freunde bezeichnete. Heute ist der Begriff Quäker gängiger Sprachgebrauch und wird auch von den Mitgliedern selbst verwendet.
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[Bearbeiten] Frühere Namen
Ursprünglich war das Quäkertum eine eschatologische Erweckungsbewegung[1], die sich nach Ende des Englischen Bürgerkriegs aus Dissenters und Seekers herausbildete. In den Anfängen des Quäkertum waren eine ganze Reihe von anderen Namen gebräuchlich, die auch z.T. den eschatologischen Erweckungsbewegungs-Charakter der Bewegung erkennen lassen. Das waren u.a.:
- Children of the Light
- Friends
- Friends Among Friends
- Friends of the Truth
- Publishers of Truth
- Quiet Helpers
- Saints
- Seekers of Truth
- Society of Friends
[Bearbeiten] Geschichte
Hauptartikel: Geschichte des Quäkertums und Geschichte der Quäker (Zeittafel)
Nachdem der Quaker Act 1662 die Versammlungen von Quakern in England verboten hatte, ermöglichte der toleration act von 1689 eine nachhaltige Konstituierung. Schon 1676 formulierte die Apology von Robert Barclay theologische Grundsätze auf akademischen Niveau und trug so zur Profilbildung bei. Im gleichen Jahr wurde das Meeting for Suffering von dem ein Jahr zuvor gegründeten London Yeary Meeting organisiert, um Maßnahmen gegen die Verfolgungen zu koordinieren. Bis dahin wurden die regen Missonstätigkeiten von Margaret Fell in Swarthmoor Hall organisiert. Schon 1657 reichten die Missionsreisen bis zum Sultan von Konstantinopel. Und ein Jahr später wurde sogar versucht, den Papst Alexander VII in Rom[2] selbst zu bekehren (was für einen der zwei Missionare tödlich endete. Der zweite konnte nur mit Mühe und Not über diplomatische Wege befreit werden[3]). Ein wichtiger Meilenstein war das so genannte Heilige Experiment, als William Penn von König Karl II. im Jahre 1681 zur Begleichung einer größeren Geldschuld ein riesiges Gebiet in der nordamerikanischen Wildnis vermacht bekam und zum dortigen Gouverneur ernannt wurde. Hier galt nun die Religionsfreiheit, nicht nur für Quaker.
Um das Jahr 1827 kam es in Nordamerika zur ersten großen Spaltung zwischen den so genannten Hicksites und der orthodoxen Bewegung. Im Laufe der Zeit ergaben sich weitere Spaltungen und Wiedervereinigungen.
Heute kann man drei Hauptströmungen unterteilen: Evangelikal, Konservativ und Liberal. Diese Gruppen haben zum Teil erhebliche Unterschiede in den Ansichten. Hier eine tabellarische Übersicht über einige Unterschiede:
| Evangelikal | Konservativ | Liberal |
|---|---|---|
| Bibel und Spirituelle Erfahrung sind gleichrangig. | Spirituelle Erfahrung ist wichtiger als die Bibel. | Spirituelle Erfahrung ist am wichtigsten. |
| Definiert sich durch Glauben | Definiert sich durch Glauben und Form | Definiert sich durch Methoden/Form |
| Versteht sich primär als Christen | Versteht sich primär als Quäker | Versteht sich primär als Quäker |
| Christlich | Christo-zentrisch' | Christlich, Post-Christlich, und Nontheistisch |
| Biblische Heilsgeschichte gilt als komplett und unumstösslich wahr. | Biblische Heilsgeschichte gilt als komplett und unumstösslich wahr. | Individuelle Entscheidung; in Teilen richtig; oder als Metapher zu verstehen. |
| Es gibt im Gottesdienst eine Liturgie oder Programm | Keine Liturgie oder Programm | Keine Liturgie oder Programm |
| Es gibt ein personelles Pastor-Amt zur Leitung der Gemeinde | Priestertum Aller mit unsichtbarer Führung (durch den Heiligen Geist) | Priestertum Aller mit unsichtbarer Führung (durch den Heiligen Geist) |
| Christliche Mission wird als Pflicht verstanden. | Begrenzte Öffentlichkeitsarbeit wird als Pflicht verstanden | Öffentlichkeitsarbeit wird als verzichtbar erachtet. |
| Traditionelle christliche Einstellung zur Sexualmoral. | Teils traditionelle, teils liberale Ansichten zur Sexualmoral. | Liberale Ansichten zur Sexualmoral. |
Auf Grund des breiten Spektrums an theologischen Auffassungen ist es schwer, Allgemeingültiges über das Quäkertum auszusagen. Der kleinste gemeinsame Nenner dürfe das sein, was als Quäkerzeugnisse bezeichnet wird. Das "Historische Friedenszeugnis" ist das einzige, was davon auch schriftlich fixiert wurde. Als weitere Zeugnisse sind unter Quäkern allgemein anerkannt, das "Zeugnis der Einfachheit", das der Gleichheit und das der Wahrhaftigkeit.
Hauptartikel: Quäkerzeugnis
Die Ursache für die schwach ausgeprägte Dogmatik beim Quäkertum ist in der Betonung und Gewichtung der persönlichen Erfahrung/Offenbarung (oder auch im alten Sprachgebrauch Heimsuchung) zu sehen. Ein (unter Quäkern) oft zitiertet Ausspruch soll das verdeutlichen:
- You may say Christ saith this, and the apostles say this, but what canst thou say? Art thou a child of the Light and hast thou walked in the Light, and what thou speakest is it inwardly from God?
Übersetzt:
- Ihr dürft sagen: Christus hat dies gesagt und die Apostel jenes - aber was kannst du selbst sagen? Bist du ein Kind des Lichts und hast du im Licht gewandelt, und was du sprichst, ist es im Innersten von Gott?
Die Bibel steht bei den frühen und den konservativen Quäkern an zweiter Stelle nach der persönlichen Offenbarung. Bei den liberalen Quäkern ist die Bibel zum Teil optional neben der eigenen spirituellen Erfahrung. Bei evangelikalen Quäkern ist die Bibel der persönlichen Erfahrung gleichgestellt und darf dieser auch nicht widersprechen.
Hauptartikel: Quäkertheologie
Identitätsstiftende Wirkung haben auch die so genannten "Ratschläge und Fragen"[5], durch die die Mitglieder und Versammlungen aufgefordert werden, sich und ihr Handeln zu prüfen. Diese Ratschläge und Fragen sind aber nicht einheitlich unter den verschiedenen Flügeln des Quäkertums. Und sie werden auch ständig weiter entwickelt. Ursprünglich wurden die Ratschläge und Fragen vom meeting of sufering vom London Yearly Meeting erstellt und landesweit verschickt. Und zwar zu den Zeiten der heftigen Verfolgungen. In Vordergrund der Fragen standen damals, ob die Mitglieder an den Zeugnissen festhalten, trotz der Verfolgung. Es wurde auch erfragt, wie viele im Gefängnissen säßen oder erschlagen wurden. Ob Güter konfisziert wurden und ob Geld gebracht wurde, wegen Händler-Boykotts oder Gerichtsverfahren, oder Hinterbliebene. Als die Verfolgung für die meisten Quäker - für sie persönlich - nicht mehr im Vordergrund steht, wurden die Fragen und Ratschläge angepasst.
Bei der Glaubenspraxis der Quäker kann man heute grob zwei Lager ausmachen. Den evangelikalen Quäkern mit ihrem so genannten programmierten Gottesdienst und dem Pfarramt stehen die konservativen und die liberalen Quäker gegenüber, die an der ursprünglichen Form des Gottesdienstes der frühen Quäker festhalten und einen so genannten unprogrammierten Gottesdienst haben und weiterhin auf hauptamtliche Prediger - also Pastoren - verzichten. Ein programmierter Gottesdienst hat einen geplanten Ablauf, eine unprogrammierte Andacht enthält lange Phasen des Schweigens, spontane Redebeiträge und keine (geplanten) musikalischen Elemente.
Hauptartikel: Quäkergebräuche
Durch die Zersplitterung in den letzten anderthalb Jahrhunderten gibt es zahlreiche Quäkerorganisationen, die versuchen, jeweils die eine oder andere Strömung unter sich zu vereinen. Dazu kommen noch eine Reihe von Organisationen mit Lobby-Charakter, die sich für bestimmte gesellschaftliche oder politische Ziele einsetzen und die über den inneren theologischen Differenzen stehen. Als Beispiel sei hier das "Quaker United Nations Office" (QUNO) genannt.
Hauptartikel: Quäkerorganisationen
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Dass die frühen Quäker (nicht nur in Deutschland) als "eschatologische Erweckungsbewegung" eingestuft werden können und sollten, weist Claus Bernet in seinem Buch "Gebaute Apokalypse" nach. ISBN 3-8053-3706-X
- ↑ an introduction to quakerism. Pnk Danelion, 2007, S.29. ISBN 0-521-60088-X
- ↑ Bei dem überlebenden handelt sich um John Perrot und bei dem getöteten Missionar um John Luffe (Love). Siehe Claus Bernet: Perrot, John in: Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon. Bd 20.2002, Sp. 1160-1167.
- ↑ Pink Dandelion: The Quakers - An Very Short Introduction. Oxford University Press, Oxfort 2008, S.108. ISBN 0-19-920679-1
- ↑ Die "Ratschläge und Fragen" online
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Literatur
- Eigenverlag
- Anna R. Fry: Die Weise der Quäker. Ein Versuch, die Lebensgesinnung des Quäkertums zu schildern. Friedrich, Bad Pyrmont 1946.
- Thomas F. Green: Vorbereitung zur Andacht. Über das Gebet und Wege der Vertiefung des geistlichen Lebens. Friedrich, Bad Pyrmont 1987
- Katharina Provinski, Ilse Wandrowsky: Die religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker). Quäkerhaus, Bad Pyrmont 2002. ISBN 3-929696-29-0
- William Taber: Vier Türen zur Andacht, unserem Gottesdienst. Quäkerhaus, Bad Pyrmont 1992. ISBN 0-87574-306-4
- Duncan Wood: Die Leute, die man Quäker nennt. Quäkerhaus, Bad Pyrmont 1990.
- Quäker, Glaube & Wirken. Deutsche Übersetzung des Handbuchs zur christlichen Lebensführung. Bad Pyrmont 2002. ISBN 3-929696-29-0
- Ratschläge und Fragen. Leitfaden für die Lebensführung. Bad Pyrmont 1995.
- Religion ohne Dogma. Darstellung des Glaubens der Quäker. Bad Pyrmont 1995, ISBN 3-929696-13-4
- Andere Verlage
- Harold Loukes: Die Quäker. Klett, Stuttgart 1965.
- Heinrich Otto: Werden und Wesen des Quäkertums und seine Entwicklung in Deutschland. Sensen Verlag, Wien 1972.
- Richenda C. Scott (Hrsg.): Die Quäker. Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1974, ISBN 3-7715-0163-6
- John Punshon: Portrait in grey. A short history of the Quakers. QHS, London 1984, ISBN 0-85245-180-6
- Douglas V. Steere: Quaker Spirituality. Selected Writings. Paulist Press, Mahwah NJ 1984, ISBN 0-8091-2510-2
- H. Larry Ingle: First among Friends. George Fox and the Creation of Quakerism. Oxford University Press, Oxford NY 1994.
- Howard H. Brinton: Friends for 350 years. The history and beliefs of the Society of Friends since George Fox started the Quaker movement. Penndle Hill Publications, Philadelphia Penn 1996, ISBN 0-87574-903-8
- Claus Bernet: Leben zwischen evangelischer Theologie und Quäkertum. In: Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim. Bensheim Bd 59, 2008, S. 29–35. ISSN 0934-8522
- Claus Bernet: Deutsche Quäkerbibliographie, vollständiges Schriftenverzeichnis des deutschen Quäkertums von den Anfängen um 1660 bis heute. Bautz, Nordhausen 2006, ISBN 3-88309-363-7
- Claus Bernet: Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst. – 20. Jahrhundert. Ein biographisches Lexikon. Bautz, Nordhausen 2007, ISBN 3-88309-398-X
- Claus Bernet: Deutsche Quäkerschriften des 18. Jahrhunderts. Olms, Hildesheim 2007, ISBN 3-487-13408-X
- Jack D. Marietta: The Reformation of American Quakerism, 1748–1783. University of Pennsylvania Press, Pensylvania 2007, ISBN 0-8122-1989-9

