Raoul Le Mouton de Boisdeffre

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Raoul de Boisdeffre

Raoul François Charles Le Mouton de Boisdeffre (* 6. Februar 1839 in Alençon; † 24. August 1919 in Paris) war ein französischer Berufssoldat. Während der Dreyfus-Affäre war er Chef des französischen Generalstabs.

Raoul de Boisdeffre war von 1879 bis 1880 französischer Militärattaché in Russland. 1887 wurde er zum Brigadegeneral ernannt. 1892 erfolgte die Ernennung zum Generalmajor. Er war 1892 entscheidend daran beteiligt, dass es zu einer ersten Allianz zwischen der Dritten Französischen Republik und dem zaristischen Russland kam. Es war ein wesentlicher Schritt, die Dritte Französische Republik aus ihrer politischen Isolation im ansonsten monarchistisch regierten Europa zu befreien.[1]

Rolle in der Dreyfus-Affäre[Bearbeiten]

Raoul de Boisdeffre wurde 1893 zum Leiter des französischen Generalstabs; in seine Verantwortlichkeit fielen damit auch die Ermittlungen gegen den jüdischen Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus, der im Generalstab diente. Alfred Dreyfus wurde am 22. Dezember 1894 wegen Landesverrats von einem Kriegsgericht zu lebenslanger Haft, militärischer Degradierung und Deportation verurteilt. Das Urteil basierte jedoch auf fragwürdigen Handschriftenvergleichen und rechtswidrigen Beweisen. Für die Wiederaufnahme des Verfahrens und den Freispruch Dreyfus' setzten sich zunächst nur Familienmitglieder und einige wenige Personen ein, denen im Verlauf des Prozesses Zweifel an der Schuld des Angeklagten gekommen waren. Der Justizirrtum weitete sich zur Affäre aus, als der neue Chef des französischen Nachrichtendienstes, Oberstleutnant Marie-Georges Picquart, den tatsächlichen Landesverräter Ferdinand Walsin-Esterhazy identifizieren konnte und sich den Forderungen seiner Vorgesetzten, zu denen Boisdeffre gehörte, widersetzte, das Fehlurteil gegen Dreyfus bestehen zu lassen. Picquart wurde seines Amts als Chef des Nachrichtendienstes enthoben, zunächst in die Provinz und dann nach Nordafrika versetzt, Esterhazy in einem Kriegsgerichtsverfahren auf Grund gefälschter Beweise am 11. Januar 1898 freigesprochen. Begleitet wurde der Prozess von Hetztiraden des antisemitischen Teils der französischen Presse, die die Verteidiger Dreyfus’ bezichtigten, im Dienste eines „jüdischen Syndikats“ einen ehrenhaften Offizier anzuklagen, um ihn gegen einen jüdischen Landesverräter auszutauschen.

Als Antwort auf Esterhazys Freispruch veröffentlichte der französische Autor Émile Zola am 13. Januar 1898 den Artikel J’accuse…!, der dieses Fehlurteil anprangerte. Der Artikel rückte den Fall Dreyfus in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion und erregte weit über die Grenzen Frankreichs hinaus große Aufmerksamkeit. In Frankreich und Algerien kam es in der Folge zu antisemitischen Krawallen. Picquart wurde aus der Armee entlassen und wegen Geheimnisverrats verhaftet, Zola wegen Verleumdung vor Gericht gestellt. Der Prozess gegen Zola erstreckte sich über zwei Wochen. Im Gerichtssaal gelang es den beiden Zola-Anwälten Fernand Labori und Albert Clemenceau, durch ihre geschickte Befragung den Zeugen immer wieder Aussagen zur Dreyfus-Affäre zu entlocken, obwohl der Vorsitzende Richter ständig versuchte, ihre Fragen auf Sachverhalte der Anklage zu beschränken. In die Enge getrieben, brachte General Pellieux erneut ein Dokument ins Spiel, das angeblich eindeutig die Schuld Dreyfus’ belege, und zitierte dann den Wortlaut des Le faux Henry. Als Labori darum bat, dem Gericht das Dokument vorzulegen, griff General Gonse ein, dem anders als Pellieux bewusst war, dass Le faux henry eine der Fälschungen im Geheimdossier war. Er bestätigte die Existenz des Dokuments, behauptete jedoch, es könne nicht öffentlich vorgelegt werden.[2] Das Gericht ließ daraufhin den Generalstabschef Boisdeffre als Zeugen auftreten. Boisdeffre bestätigte Pellieux’ Aussagen und wandte sich dann als Mahner an das Gericht:[3]

„Sie sind das Gericht, Sie sind die Nation; wenn die Nation kein Vertrauen in die Führer ihrer Armee hat, in die Männer, welche die Verantwortung für die nationale Verteidigung tragen, dann sind diese Männer bereit, ihre schwere Aufgabe anderen zu überlassen, Sie müssen es nur sagen. Das ist mein letztes Wort.“

Nach Léon Blums Ansicht machte der Prozess deutlich, dass die Behauptungen Zolas zutrafen.[4] Boisdeffres Worte, in der er eine Entscheidung zwischen der Armee und Zola sowie den Dreyfusverteidigern verlangte, hatten jedoch in der Öffentlichkeit und im Gerichtssaal einen starken Eindruck hinterlassen. Am 23. Februar wurde Zola zu einer Geldstrafe von 3.000 Franc und einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ministerpräsident Méline bezeichnete am nächsten Tag in der Abgeordnetenkammer die Fälle Zola und Dreyfus als abgeschlossen.[5] Zwei Tage später wurde Picquart unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Der neue Kriegsminister Godefroy Cavaignac ließ das Beweismaterials allerdings Monate später erneut untersuchen. Dabei kam zutage, dass Teile des Geheimdossiers gefälscht waren. Daran waren wesentlich Hauptmann Hubert Henry und der stellvertretende Leiter des Generalstabs, Charles Arthur Gonse, beteiligt. Hubert Henry beging am 31. August 1898 Selbstmord, Boisdeffre trat daraufhin von seinem Amt als Leiter des Generalstabs zurück. Die Entdeckung der Fälschung führte zu einem erneuten Kriegsgerichtsverfahren gegen Dreyfus, in dem er ein zweites Mal für schuldig erklärt wurde. Die Regierung Frankreichs begnadigte Dreyfus daraufhin. Boisdeffre zählte in dieser Zeit zu den entschiedenen Gegnern Dreyfus' und blieb von seiner Schuld überzeugt. Dreyfus wurde erst im Jahr 1906 vollständig rehabilitiert.

Nachweise[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Maurice Barrès: Scènes et doctrines du nationalisme. Éditions du Trident, Paris 1987, ISBN 2-87690-040-8.
  • Louis Begley: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-518-42062-1.
  • Léon Blum: Beschwörung der Schatten. Die Affäre Dreyfus. Aus dem Französischen mit einer Einleitung und mit Anmerkung von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2005, ISBN 3-937834-07-9.
  • Jean-Denis Bredin: The Affair: The Case of Alfred Dreyfus. George Braziller, New York 1986, ISBN 0-8076-1109-3.
  • Leslie Derfler: The Dreyfus Affair. Greenwood Press, Westport, Connecticut, 2002, ISBN 0-313-31791-7.
  • Vincent Duclert: Die Dreyfusaffäre. Militärwahn, Republikfeindschaft, Judenhaß. Wagenbach, Berlin 1994, ISBN 3-8031-2239-2.
  • Eckhardt Fuchs, Günther Fuchs: „J’accuse!“ Zur Affäre Dreyfus. Decaton-Verlag, Mainz 1994, ISBN 3-929455-27-7.
  • Ruth Harris: The Man on Devil’s Island - Alfred Dreyfus and the Affair that divided France. Penguin Books, London 2011, ISBN 978-0-141-01477-7.
  • Martin P. Johnson: The Dreyfus Affair - Honour and Politics in the Belle Époque. Macmillan Press Ltd, Houndmills 1999, ISBN 0-333-68267-X.
  • Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps (Hrsg.): J’accuse…! …ich klage an! Zur Affäre Dreyfus. Eine Dokumentation. Begleitkatalog zur Wanderausstellung in Deutschland Mai bis November 2005. Hrsg. im Auftrag des Moses-Mendelssohn-Zentrum. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2005, ISBN 3-935035-76-4.
  • Julius H. Schoeps & Hermann Simon (Hrsg.): Dreyfus und die Folgen. Edition Hentrich Berlin 1995, ISBN 3-89468-154-3.
  • George Whyte: Die Dreyfus-Affäre. Die Macht des Vorurteils. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-60218-8.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Harris, S: 61
  2. Begley, S. 151
  3. zitiert nach Begley, S. 152
  4. Blum, S. 82
  5. Begley, S. 152-153