Julius Streicher

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Julius Streicher (* 12. Februar 1885 in Fleinhausen bei Augsburg; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein nationalsozialistischer Politiker. Er war Gründer, Eigentümer und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes[1] Der Stürmer.

Streicher gehörte zu den 24 im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg Angeklagten und wurde 1946 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Biografie

Streicher war als unehelicher Sohn eins von neun Kindern des Volksschullehrers Friedrich Streicher und dessen Frau Anna (geb. Weiss). Nach Abschluss der achtjährigen Volksschule machte er eine Ausbildung zum Volksschullehrer.

Julius Streicher als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen, 1946

Von 1904 bis zu seiner Dienstentlassung 1923 arbeitete er in diesem Beruf. Bereits als Lehrer sei er durch Jähzorn und diktatorisches Gehabe aufgefallen, so der ehemalige Schüler und spätere SPD-Reichstagsabgeordnete Josef Felder.[2] Im Jahre 1909 ließ Streicher sich nach Nürnberg versetzen, wo er 1913 die Bäckerstochter Kunigunde Roth heiratete. Mit ihr hatte er zwei Söhne, Lothar (* 1915) und Elmar (* 1918). Kunigunde starb 1943 nach 30 Ehejahren. Im Mai 1945 heiratete er Adele Tappe, die seit Mai 1940 seine Sekretärin gewesen war.

Im Ersten Weltkrieg wurde der Leutnant der Reserve mehrfach ausgezeichnet. Bereits 1918 war er Mitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, einer antisemitisch-völkischen Organisation. Zunächst schloss er sich der antisemitischen Deutschsozialistischen Partei an, die er 1922 nach seinem Übertritt in die NSDAP mit dieser verschmolz.[3] 1923 nahm er am Hitler-Ludendorff-Putsch teil. Nachdem er bis dahin bei seinen politischen, so auch bei seinen antisemitischen Betätigungen stets von der Schulbürokratie gedeckt worden war, war er nun unhaltbar geworden und wurde vom Schuldienst suspendiert. Förmlich entlassen wurde er erst 1928. Seit 1923 war er ausschließlich politisch tätig. Streicher war im Nürnberger Stadtrat, von 1924 bis 1932 war er Abgeordneter des Bayerischen Landtags und von 1933 bis 1945 Mitglied des Reichstags. In der NSDAP war er von 1925 bis 1940 Gauleiter für Mittelfranken, später von Franken. In dieser Eigenschaft gab er sich schon in den 1930er Jahren den Titel „Frankenführer“. In der SA hatte er den Rang eines Obergruppenführers. Im Gau Mittelfranken ging er besonders scharf gegen Juden und bürgerliche Gegner vor. Seit März 1933 leitete er das „Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“, das die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Unternehmen, Rechtsanwälte und Ärzte vom 1. April 1933 koordinierte.

Streicher propagierte einen eliminatorischen und ungewöhnlich vulgären Antisemitismus, der ihm Kritik selbst in seiner Partei einbrachte. Die wesentliche Plattform dafür war die von ihm gegründete, ihm gehörende und von ihm herausgegebene Hetzschrift Der Stürmer. Das seit 1923 erscheinende Blatt erreichte 1938 mit einer halben Million Exemplaren seine höchste Auflage. Bekannt war Der Stürmer für seine antisemitischen Judenkarikaturen und seine Verquickung von Antisemitismus mit sexuellen Obsessionen, die ihn zu einem Medium politischer Pornografie machte. Im Vergleich mit anderen Führungsfunktionären des Nationalsozialismus charakterisierte Hannah Arendt Streicher vor diesem Hintergrund als einen „Sexualverbrecher“.[4] Seit 1927 zeigte Der Stürmer auf der Titelseite als Motto das aus dem Kontext gelöste Zitat „Die Juden sind unser Unglück“ des Historikers Heinrich von Treitschke.

Nach den Pogromen des 9. und 10. November 1938 zwang die Gauleitung die jüdischen Eigentümer „zugunsten der von dem Beauftragten der Gauleitung noch zu benennenden Erwerber Grundstücke, Häuser und Geschäfte zu erpresserischen Bedingungen (10 % des Wertes) zu verkaufen“.[5] „In Tag- und Nachtarbeit“[5] ging jüdisches Eigentum an Streichers Vertreter und von dort an hohe Parteigenossen. Der Verstoß gegen das Gebot der Entfernung von Juden aus der Wirtschaft ausschließlich durch staatliche Stellen vom 12. November 1938 führte zu einer Untersuchungskommission, die „in ein Wespennest von Korruption“[5] stieß. Die Kommission ergänzte ihren Bericht mit einer Liste sonstiger Vergehen und Abartigkeiten des Gauleiters, die seine Raffgier, seine exzessive Aggressivität selbst gegenüber führenden Parteigenossen und öffentliches übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen thematisierte. Streicher wurde vom obersten Parteigericht zwar nicht bestraft, aber doch aller Ämter enthoben. Zwar hielten auch hohe Parteigenossen ihn für „nicht ganz zurechnungsfähig“,[5] doch genoss er die persönliche Protektion Hitlers. Der Stürmer und der zugehörige Verlag, an denen Streicher gut verdiente, wurden ihm auf Hitlers Anweisung belassen. Streicher wurde verboten, Nürnberg zu betreten. Er wohnte unbehelligt außerhalb der Stadt auf dem Landgut Pleikershof bei Cadolzburg.

Nach dem Einmarsch der US-Streitkräfte in Bayern wurde Streicher am 23. Mai 1945 an seinem Fluchtort, einem Dorf bei Waidring in den Alpen, festgenommen. Ein Offizier war einem Hinweis aus der Bevölkerung gefolgt, dass sich in einem Haus ein hochrangiger Nationalsozialist verstecke.[6]

Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher behauptete Streicher, vom Genozid an der jüdischen Minderheit nichts gewusst zu haben, er sei lediglich ein „Naturfreund“ gewesen, der nur die „Fremdlinge“ aus dem Land habe haben wollen. Am 1. Oktober 1946 wurde er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt und etwa zwei Wochen später hingerichtet.

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/antisemitismus/stuermer/index.html
  2. Wolfgang Thierse, Ansprache des Bundestagspräsidenten beim Trauerstaatsakt für Josef Felder im Reichstagsgebäude in Berlin am 7. November 2000 online einsehbar; ganz ähnlich auch eine frühere Schülerin in: Franz Pöggeler, Der Lehrer Julius Streicher. Zur Personalgeschichte des Nationalsozialismus, Frankfurt (M.) u. a. 1991, S. 29.
  3. Diese und die folgenden Details zur Biografie nach: Franz Pöggeler, Der Lehrer Julius Streicher. Zur Personalgeschichte des Nationalsozialismus, Frankfurt (M.) u. a. 1991, S. 58f.
  4. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt (M.) 1962, zit. nach: Franz Pöggeler, Der Lehrer Julius Streicher. Zur Personalgeschichte des Nationalsozialismus, Frankfurt (M.) u. a. 1991, S. 107.
  5. a b c d Zitiert nach: Peter Hüttenberger, Die Gauleiter. Studie zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP, Stuttgart 1969, S. 201f.
  6. http://www.ushmm.org/outreach/hps0055m.htm – Interview mit Major Henry G. Plitt über die Verhaftung Streichers

[Bearbeiten] Literatur

  • Jay W. Baird: Das politische Testament Julius Streichers. Ein Dokument aus den Papieren des Hauptmanns Dolibois. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Dokumentation 26 (1978), S. 660-693.
  • Peter Hüttenberger: Die Gauleiter. Studie zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP, Stuttgart 1969
  • Franz Pöggeler: Der Lehrer Julius Streicher. Zur Personalgeschichte des Nationalsozialismus, Frankfurt (M.) u. a. 1991. ISBN 3-631-41752-7
  • Franco Ruault: „Neuschöpfer des deutschen Volkes“. Julius Streicher im Kampf gegen "Rassenschande", Frankfurt (M.) u. a. 2006. ISBN 3-631-54499-5
  • Randall Lee Bytwerk: Julius Streicher. Cooper Square Press, New York 2001. ISBN 0-8154-1156-1

[Bearbeiten] Weblinks

Commons Commons: Julius Streicher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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