Julius Streicher

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Julius Streicher (vor 1934)
Rede Streichers, bei der er den Befehl zum Abbruch der Nürnberger Hauptsynagoge erteilte, 10. August 1938

Julius Streicher (* 12. Februar 1885 in Fleinhausen bei Augsburg; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein nationalsozialistischer Politiker. Er war Gründer, Eigentümer und Herausgeber des antisemitischen und pornographischen Hetzblattes Der Stürmer. Der herausgebende Verlag blieb bis Kriegsende in Streichers Eigentum und machte Streicher zum mehrfachen Millionär.[1]

Streicher gehörte zu den 24 im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg Angeklagten und wurde 1946 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet.

Biografie[Bearbeiten]

Bis 1933[Bearbeiten]

Julius Streicher als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen, 1946

Streicher war eines von neun Kindern des Volksschullehrers Friedrich Streicher und dessen Frau Anna (geb. Weiss). Nach Abschluss der achtjährigen Volksschule machte er ebenfalls eine Ausbildung zum Volksschullehrer. Von 1904 bis zu seiner Dienstentlassung 1923 arbeitete er in diesem Beruf. Bereits als Lehrer sei er durch Jähzorn und diktatorisches Gehabe aufgefallen, so der ehemalige Schüler und spätere SPD-Reichstags- und Bundestagsabgeordnete Josef Felder.[2] Im Jahre 1909 ließ Streicher sich nach Nürnberg versetzen, wo er 1913 die Bäckerstochter Kunigunde Roth heiratete. Mit ihr hatte er zwei Söhne, Lothar (* 1915) und Elmar (* 1918). Kunigunde starb 1943. Im Mai 1945 heiratete er Adele Tappe, die seit Mai 1940 seine Sekretärin gewesen war.

Im Ersten Weltkrieg wurde Streicher mehrfach ausgezeichnet und 1917 zum Leutnant der Reserve befördert. Ab Februar 1919 war er Mitglied des Deutschen Schutz- und Trutzbundes, einer antisemitisch-völkischen Organisation. Im Januar 1920 trat er der aus dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund hervorgegangenen ebenfalls antisemitischen Deutschsozialistischen Partei (DSP) bei und wurde im April 1920 Mitglied des DSP-Reichsvorstandes. Nach der Auflösung der DSP im Herbst 1922 gründete Streicher am 20. Oktober 1922 in Nürnberg in Anwesenheit Hitlers die Ortsgruppe der NSDAP. 1923 nahm er am Hitler-Ludendorff-Putsch teil. Nachdem er bis dahin bei seinen politischen, so auch bei seinen antisemitischen Betätigungen stets von der Schulbürokratie gedeckt worden war, war er nun unhaltbar geworden und wurde vom Schuldienst suspendiert. Förmlich entlassen wurde er erst 1928. Seit 1923 war er ausschließlich politisch tätig. Streicher war Mitglied des Nürnberger Stadtrates, von 1924 bis 1932 war er auch Abgeordneter des Bayerischen Landtags. Ein früher Vertrauter Julius Streichers, der von Parteigenossen als „geistiger Leiter des Nürnberger Gaues“ angesehen wurde, war Ludwig Franz Gengler[3]. Gegen den Nürnberger Oberbürgermeister Hermann Luppe (DDP) führte Streicher einen reichsweit beachteten Prozess, bei dem er sich der Taktik der Diffamierungen und Verleumdungen bediente. Luppe bekam letztendlich recht und konnte bis 1933 sein Amt behaupten.[4]

In der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Als „Alter Kämpfer“ war Streicher von 1932 bis 1945 Mitglied der NSDAP-Fraktion des Reichstags. In der NSDAP war er von 1925 bis 1940 Gauleiter für Mittelfranken, später von Franken. In dieser Eigenschaft gab er sich schon in den 1930er Jahren den Titel „Frankenführer“. In der SA hatte er den Rang eines Obergruppenführers. Streicher stand in innerparteilicher Konkurrenz zu Nürnbergs Oberbürgermeister Willy Liebel, der stets um einen äußerlich korrekten Anschein bemüht war und Distanz zu Streicher hielt. Dieser reklamierte im Gau Franken die unbedingte Führungsrolle in der Partei und im Gau.

Streicher ging besonders scharf gegen Juden und bürgerliche Gegner vor und setzte dabei auch frühzeitig und demonstrativ auf äußerlich sichtbare Zeichen des Antisemitismus. Auf seine persönliche Intervention erfolgte so der Abbau des von ihm als „Judenbrunnen“ titulierten Neptunbrunnens 1934. Er erzwang den Abbruch der Hauptsynagoge am Hans-Sachs-Platz bereits im August 1938, also schon vor der Reichspogromnacht. Seit März 1933 leitete er das „Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“, das die Boykottmaßnahmen gegen jüdische Unternehmen, Rechtsanwälte und Ärzte vom 1. April 1933 koordinierte.

Streicher propagierte einen eliminatorischen und ungewöhnlich vulgären Antisemitismus, der ihm Kritik selbst in seiner Partei einbrachte. Die wesentliche Plattform dafür war die von ihm gegründete, ihm gehörende und von ihm herausgegebene Hetzschrift Der Stürmer, die regelmäßig pornographische Gräuelpropaganda über angebliche sexuelle Übergriffe von Juden an nichtjüdischen Frauen und Mädchen kolportierte.[5] Das seit 1923 erscheinende Blatt erreichte 1938 mit einer halben Million Exemplaren seine höchste Auflage. Bekannt war Der Stürmer für seine antisemitischen Judenkarikaturen und seine Verquickung von Antisemitismus mit sexuellen Obsessionen, die ihn zu einem Medium politischer Pornografie machte. Streicher war für seine sexuellen Eskapaden bekannt. Konkurrierende NSDAP-Funktionäre wie Göring verbreiteten, er hätte politische Gefangene vergewaltigt.[6] Seit 1927 zeigte Der Stürmer auf der Titelseite als Motto das aus dem Kontext gelöste Zitat „Die Juden sind unser Unglück“ des Historikers Heinrich von Treitschke.

Nach den Pogromen am 9. und 10. November 1938, bei denen allein in Nürnberg elf Menschen ermordet wurden, zwang die Gauleitung die jüdischen Eigentümer, „zugunsten der von dem Beauftragten der Gauleitung noch zu benennenden Erwerber Grundstücke, Häuser und Geschäfte zu erpresserischen Bedingungen (10 % des Wertes) zu verkaufen“.[7] „In Tag- und Nachtarbeit“[7] ging jüdisches Eigentum an Streichers Vertreter und von dort an hohe Parteigenossen. Der Verstoß gegen das Gebot der Entfernung von Juden aus der Wirtschaft ausschließlich durch staatliche Stellen vom 12. November 1938 führte zu einer Untersuchungskommission, die „in ein Wespennest von Korruption“[7] stieß. Dabei störte nicht etwa die Tatsache, dass die Juden im Gau Nürnberg faktisch ausgeraubt und ermordet wurden, sondern dass sich mit Streicher jemand bereicherte, dem dies nach NS-Sicht nicht zustand. Die Kommission ergänzte ihren Bericht mit einer Liste sonstiger Vergehen und Abartigkeiten des Gauleiters, die seine Raffgier, seine exzessive Aggressivität selbst gegenüber führenden Parteigenossen und öffentliches übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen thematisierte. Streicher wurde vom obersten Parteigericht zwar nicht bestraft, aber doch durch ein im Februar 1940 tagendes „Gauleiter-Ehrengericht“ aller Ämter enthoben.[8] Zwar hielten auch hohe Parteigenossen ihn für „nicht ganz zurechnungsfähig“,[7] doch genoss er die persönliche Protektion Hitlers. Der Stürmer und der zugehörige Verlag, an denen Streicher gut verdiente, wurden ihm auf Hitlers Anweisung belassen. Streicher wurde verboten, Nürnberg zu betreten. Er wohnte unbehelligt außerhalb der Stadt auf dem Landgut Pleikershof bei Cadolzburg. Auf Anordnung Hitlers durfte Streicher sowohl den Titel „Gauleiter“ weiterhin führen als auch die zugehörige Uniform tragen.

Nach 1945[Bearbeiten]

Nach dem Einmarsch von Einheiten der US Army in Bayern wurde Streicher am 23. Mai 1945 an seinem Fluchtort, einem Dorf bei Waidring in den Alpen, festgenommen. Ein Offizier war einem Hinweis aus der Bevölkerung gefolgt, dass sich in einem Haus ein hochrangiger Nationalsozialist verstecke.[9] Bis zu seiner Überstellung nach Nürnberg war Streicher (zusammen mit einer Gruppe von NSDAP-Funktionären und hohen Wehrmachtangehörigen) im Kriegsgefangenenlager Nr. 32 (Camp Ashcan) in Bad Mondorf (Luxemburg).

Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher behauptete Streicher zunächst, vom Genozid an der jüdischen Minderheit nichts gewusst zu haben; er sei lediglich ein „Naturfreund“ gewesen, der nur die „Fremdlinge“ aus dem Land haben wollte. Ihm konnte im Verfahren nachgewiesen werden, dass er durch eine jüdische Zeitung aus der Schweiz, die er im Abonnement bezog, über die Nachrichten über die Menschenvernichtung informiert war. Damit konfrontiert, wechselte er seine Behauptung dahingehend, dass er es nicht geglaubt habe. Auf die im Verfahren vielfach vorgebrachte Frage, wieso er nach Kenntnis dieser Meldungen immer noch im Stürmer ausdrücklich die Vernichtung der Juden forderte, versuchte Streicher, den Gerichtshof glauben zu machen, er habe mit „Vernichtung“ etwas anderes gemeint.[10]

Am 1. Oktober 1946 wurde er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet.

Literatur[Bearbeiten]

Historiografische Literatur
  • Jay W. Baird: Das politische Testament Julius Streichers. Ein Dokument aus den Papieren des Hauptmanns Dolibois. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Dokumentation 26 (1978/4), S. 660–693 (online)
  • Jay W. Baird: Julius Streicher. Der Berufsantisemit. In: Ronald Smelser, Enrico Syring und Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die braune Elite II. 21 weitere biographische Skizzen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadl 1999, S. 231–242, ISBN 3-534-80122-9.
  • Randall Lee Bytwerk: Julius Streicher. Cooper Square Press, New York 2001, ISBN 0-8154-1156-1.
  • Eugene Davidson: The Trial of the Germans. An Account of the Twenty-Two Defendants Before the International Military Tribunal at Nuremberg, Macmillan 1966, Nachdruck University of Missouri Press, Columbia, Missouri 1997, ISBN 978-0-8262-1139-2, S. 39–58. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  • Gustave M. Gilbert: The Nuremberg Diary, Farrar, Straus and Company, New York 1947, S. 301–306 (dt. Übers. Nürnberger Tagebuch, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Mai 1962, ISBN 3-436-02477-5, diverse Nachdrucke).
  • Thomas Greif: Julius Streicher (1885-1946). In: Fränkische Lebensbilder 21 (2006), S. 327-348.
  • Peter Hüttenberger: Die Gauleiter. Studie zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1969, Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Nr. 19, ISSN 0506-9408, (Erweiterte Dissertation, Bonn, 1966)
  •  Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform: Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4.
  • Franz Pöggeler: Der Lehrer Julius Streicher. Zur Personalgeschichte des Nationalsozialismus. Lang, Frankfurt 1991, ISBN 978-3-631-41752-2
  • Daniel Roos: Julius Streicher und „Der Stürmer“ 1923 - 1945. Schöningh, Paderborn 2014, ISBN 978-3-506-77267-1 (nicht eingesehen)
  • Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich? Fischer TB, Frankfurt 1987, ISBN 3-596-24373-4
  • Anna Maria Sigmund: „Das Geschlechtsleben bestimmen wir!“ Sexualität im 3. Reich. Heyne, München 2008, ISBN 978-3-453-13728-8; erweiterte und überarbeitete Taschenbucherstausgabe: 2009, ISBN 978-3-453-62035-3 S. 59–68 u. ö. (Biographie).
Fiktionale Literatur
  • Magnus Reitschuster: Unser Julius. Liturgische Farce. In: ders.: Stücke. Junge & Sohn, Erlangen 1997, ISBN 3-87388-032-6 , S. 105–168.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Julius Streicher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Historisches Lexikon Bayerns: Artikel "Der Stürmer", abgerufen am 8. April 2013
  2. Wolfgang Thierse, Ansprache des Bundestagspräsidenten beim Trauerstaatsakt für Josef Felder im Reichstagsgebäude in Berlin am 7. November 2000 online einsehbar; ganz ähnlich auch eine frühere Schülerin in: Franz Pöggeler, Der Lehrer Julius Streicher. Zur Personalgeschichte des Nationalsozialismus, Frankfurt (M.) u. a. 1991, S. 29.
  3. Franco Ruault: Neuschöpfer des deutschen Volkes. Julius Streicher im Kampf gegen Rassenschande. Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-631-54499-0. S. 267
  4. Eckart Dietzfelbinger, Gerhard Liedtke: Nürnberg - Ort der Massen. Das Reichsparteitagsgelände. Vorgeschichte und schwieriges Erbe. Links Verlag, Berlin 2004, S. 25
  5. Angelika Heider: Stürmer, Der. In: In: Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1997, S. 754.
  6. Robert Wistrich: Wer war Wer im Dritten Reich, S. 347.
  7. a b c d Zitiert nach: Peter Hüttenberger, Die Gauleiter. Studie zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP, Stuttgart 1969, S. 201f.
  8. Zitiert nach: Helmut Heiber, Die Rückseite des Hakenkreuzes, München 1993, S. 320 f., ISBN 3-423-02967-6
  9. Interview mit Major Henry G. Plitt über die Verhaftung Streichers
  10. http://www.zeno.org/Geschichte/M/Der+N%C3%BCrnberger+Proze%C3%9F/Indizes/Personen-Index/S dort I, 341 f; XII, 361, 387 f, 392 f, 416 f, 443 f, 447; XVIII, 243; XXII, 624 f