am-Progressiv

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Als am-Progressiv bezeichnet man in der deutschen Grammatik eine Variante der Verlaufsform. Statt zum Beispiel „Ich arbeite gerade“ wird vor allem in einigen Dialekten die Konstruktion „Ich bin am Arbeiten“ verwendet, um das Andauern der Handlung auszudrücken (siehe Progressiv). Die üblichste standardsprachliche Form ist „Ich bin beim Arbeiten“, zunehmend wird aber auch die Form „Ich bin am Arbeiten“ standardsprachlich verwendet.[1]

Der Progressiv mit „am“ ist vor allem in der rheinischen Sprache und anderen westdeutschen Dialekten bekannt. Er wird deshalb auch als rheinische Verlaufsform, Ruhrpott-Verlaufsform oder westfälische Verlaufsform bezeichnet. Solche Klassifizierungen sind allerdings irreführend, da sich diese Satzkonstruktion im gesamten westdeutschen Sprachraum bis in die Schweiz nachweisen lässt.

Vorkommen[Bearbeiten]

Diese Form wird in ihrem Entstehungsgebiet nicht nur von klassischen Dialektsprechern verwendet, sondern ist auch in der am Standarddeutschen orientierten Umgangssprache gängig. Extremere und abgewandelte Formen, wie „Wenn das Kind erst mal am laufen fängt, …“ (drückt nicht zwingend, aber potenziell einen Verlauf aus) oder „Ich bin grad einen Brief am schreiben dran“ sind jedoch vor allem im Ruhrdeutschen und weniger im übrigen westdeutschen Sprachraum anzutreffen.

Im Laufe der Zeit hat sich der Gebrauch der einfachen Verlaufsform auch auf die Umgangssprache anderer Teile des deutschen Sprachraums ausgeweitet. Laut Duden wird sie inzwischen „teilweise schon als standardsprachlich angesehen“.[2]

Die erweiterte Verlaufsform in Form einer Satzklammer ist allerdings in den Gebieten mit den dazugehörigen Dialekten verblieben. Ein Satz wie „Ich kann nicht ans Telefon kommen, ich bin gerade den Rasenmäher am reparieren“ wäre in Sachsen oder Österreich äußerst unüblich. Im Ruhrgebiet oder in der Schweiz hingegen ist eine solche Satzkonstruktion geläufig und wird auch häufig verwendet.

Die ripuarischen Sprachen und einige ostlimburgische Sprachen kennen eine weitere Verlaufsform, die mit „tun“ + Infinitiv gebildet wird, wie die englischen Verstärkungen, aber in der Bedeutung von diesen abweicht. Auf Kölsch sagt man etwa „Dä deijt do wunne“ (wörtlich: Der tut da wohnen) um auszudrücken, dass jemand dauerhaft und ganz gewiss dort wohnt. Im Gegensatz dazu würde „Dä eß do am Wunne“ (wörtlich: Der ist da am Wohnen) bedeuten, dass er nur vorübergehend, für eine gewisse überschaubare Zeit, gerade dort wohnt, etwa für einen Urlaub. Auch diese Form findet man in die Umgangssprache der Hochsprache übernommen, aber deutlich seltener und regional begrenzter als die erste Form.

Eine dem am-Progressiv ähnliche Konstruktion existiert auch im Niederländischen (aan het + Verb) und ist dort allgemein akzeptiert.

Schreibungsdisput[Bearbeiten]

Die Frage der Schreibung des unflektierten Verbbestandteils des am-Progressivs („Ich bin am Arbeiten/arbeiten“) ist derzeit noch strittig. Der Duden erwähnt in seiner aktuellen Auflage die Form eher beiläufig und sieht das „Verb“ als traditionellen, substantivierten Infinitiv analog zu „Morgen ist (das) Schwimmen“ (anstatt: der Schwimmunterricht).[3].

Die Germanistin Gabriella Gárgyán führt hingegen in ihrer 2010 vorgelegten Dissertation den Begriff des Progressivverbs als neue Verbklasse ein, da sich das Verb funktional vom Indikativ unterscheide und plädiert für Kleinschreibung[4].
Alternativ dazu existiert die Ansicht, dass das am Bestandteil eines vierten Verbstatus neben Infinitiv, zu-Infinitiv und Partizip Perfekt ist; der am-Infinitiv wird nur von sein regiert. (Gallmann 2014)
Anhand von Internetbelegen kann zudem gezeigt werden, dass sich die Kleinschreibung des infiniten Verbs allgemein durchsetzt.[5]

Insofern muss der unflektierte Verbbestandteil des am-Progressivs nach zur Zeit geltender, als konservativ einzuschätzender Dudenrechtschreibung groß geschrieben werden. Aus linguistischer Sicht gibt es jedoch starke Argumente dafür, den Verbbestandteil als „echtes“ Verb einzustufen, so dass als Folge der weiteren Forschung und Grammatikalisierung der Form in der Sprache die Kleinschreibung als Regel etabliert werden mag.

Literatur[Bearbeiten]

  • Krause, Olaf: Progressiv im Deutschen. Eine empirische Untersuchung im Kontrast mit Niederländisch und Englisch. Niemeyer, Tübingen 2002
  • Gisela Zifonun, Ludger Hoffmann, Bruno Strecker et al. (Mannheimer Institut für Deutsche Sprache). Grammatik der deutschen Sprache. Berlin - New York: Walter de Gruyter 1997, S. 1877-1880
  • Dudengrammatik ab 7. Auflage 2006, Rz 594 insb. S. 434 (Verlaufsform, Progressivkonstruktion)
  • Gabriella Gárgyán: Der am-Progressiv im heutigen Deutsch. Frankfurt: Peter Lang Edition 2014

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Duden - Richtiges und gutes Deutsch Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle 6., vollständig überarbeitete Auflage, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2007
  2. Duden Bd. 9, 6. Auflage 2007, S. 62, 7. Auflage 2011, S. 66
  3. Dudengrammatik 8. Auflage 2009, Rz. 594 S. 427
  4. Gabriella Gárgyán: Der am-Progressiv im heutigen Deutsch. Frankfurt: Peter Lang Edition 2014, S. 56
  5. Rödel, Michael: Verbale Funktion und verbales Aussehen – die deutsche Verlaufsform und ihre Bestandteile. In: Muttersprache 3/2004, 220-233, zitiert nach Gárgyán

Weblinks[Bearbeiten]