Rheinische Verlaufsform

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als rheinische Verlaufsform oder am-Progressiv bezeichnet man eine unter anderem in rheinischen Dialekten übliche grammatikalische Variante. Diese ist auch in angrenzenden Gebieten und Dialekten bekannt und wird dort entsprechend als Ruhrpott-Verlaufsform oder westfälische Verlaufsform bezeichnet. Solche Klassifizierungen sind allerdings irreführend, da sich diese Satzkonstruktion im gesamten westdeutschen Sprachraum bis in die Schweiz nachweisen lässt. Sie besteht darin, statt zum Beispiel „Ich arbeite gerade“ eine der englischen Progressiv-Konstruktion ähnliche Form zu verwenden: „Ich bin am Arbeiten“ oder: „Als es an der Haustür klingelte, war ich gerade am Essen“.

Diese Form wird in ihrem Entstehungsgebiet nicht nur von klassischen Dialektsprechern verwendet, sondern ist auch in der am Standarddeutschen orientierten Umgangssprache gängig. Extremere und abgewandelte Formen, wie „Wenn das Kind erst mal am laufen fängt, …“ (drückt nicht zwingend, aber potenziell einen Verlauf aus) oder „Ich bin grad einen Brief am schreiben dran“ sind jedoch vor allem im Ruhrdeutschen und weniger im übrigen westdeutschen Sprachraum anzutreffen.

Im Laufe der Zeit hat sich der Gebrauch der einfachen Verlaufsform auch auf die Umgangssprache anderer Teile des deutschen Sprachraums ausgeweitet. Laut Duden wird sie inzwischen „teilweise schon als standardsprachlich angesehen“.[1]

Die erweiterte Verlaufsform in Form einer Satzklammer ist allerdings in den Gebieten mit den dazugehörigen Dialekten verblieben. Ein Satz wie „Ich kann nicht ans Telefon kommen, ich bin gerade den Rasenmäher am reparieren“ wäre in Sachsen oder Österreich äußerst unüblich. Im Ruhrgebiet oder in der Schweiz hingegen ist eine solche Satzkonstruktion geläufig und wird auch häufig verwendet.

Die ripuarischen Sprachen und einige ostlimburgische Sprachen kennen eine weitere Verlaufsform, die mit „tun“ + Infinitiv gebildet wird, wie die englischen Verstärkungen, aber in der Bedeutung von diesen abweicht. Auf Kölsch sagt man etwa „Dä deijt do wunne“ (wörtlich: Der tut da wohnen) um auszudrücken, dass jemand dauerhaft und ganz gewiss dort wohnt. Im Gegensatz dazu würde „Dä eß do am Wunne“ (wörtlich: Der ist da am Wohnen) bedeuten, dass er nur vorübergehend, für eine gewisse überschaubare Zeit, gerade dort wohnt, etwa für einen Urlaub. Auch diese Form findet man in die Umgangssprache der Hochsprache übernommen, aber deutlich seltener und regional begrenzter als die erste Form.

Die rheinische Verlaufsform kommt auch im Niederländischen vor und ist dort allgemein akzeptiert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Krause, Olaf: Progressiv im Deutschen. Eine empirische Untersuchung im Kontrast mit Niederländisch und Englisch. Niemeyer, Tübingen 2002
  • Gisela Zifonun, Ludger Hoffmann, Bruno Strecker et al. (Mannheimer Institut für Deutsche Sprache). Grammatik der deutschen Sprache. Berlin - New York: Walter de Gruyter 1997, S. 1877-1880
  • Dudengrammatik ab 7. Auflage 2006, Rz 594 insb. S. 434 (Verlaufsform, Progressivkonstruktion)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Duden Bd. 9, 6. Auflage 2007, S. 62, 7. Auflage 2011, S. 66

Weblinks[Bearbeiten]