Roberto Assagioli

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Roberto Assagioli (* 27. Februar 1888 in Venedig, Italien; † 23. August 1974 in Capolona, Arezzo, Italien) war ein Pionier der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie. Er war Arzt, Psychiater und Psychotherapeut und entwickelte die Psychosynthese, ein Modell des Menschen, das Körper, Geist und Seele umfasst. Dieses bildet die Grundlage für die therapeutische Psychosynthese, findet aber auch Anwendung in der Pädagogik, auf sozialen Feldern, im Bereich der persönlichen Entwicklung und Beratung und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Psychosynthese gilt als eine wichtige Grundlage in der Entwicklung der humanistischen und transpersonalen Psychologie und Psychotherapie.

Leben[Bearbeiten]

Roberto Assagioli hieß mit vollem Namen Roberto Marco Grego Todesco Assagioli. Die Mutter Elena Kaula, in Ägypten geboren, kam aus einer venezianischen Familie, der Vater Leone Grego war Ingenieur und stammte aus Verona. Beide waren Juden. Der Vater starb, als Roberto zwei Jahre alt war. Die Mutter heiratete später den Arzt Emmanuele Assagioli, der Roberto adoptierte. Robertos kulturelle Bildung war durch ein anregendes Familienumfeld und gute finanzielle Mittel sehr umfangreich. Er lernte schon als Kind fast gleichzeitig drei Sprachen. In Venedig besuchte er das Lyzeum Foscarini. Im Jahr 1904 erwarb er mit 16 Jahren das Abitur mit sehr guten Noten. Diese Schule kam laut Alessandro Bertis Studie der klassisch-humanistischen wie auch der wissenschaftlichen Neigung Assagiolis zugute. Dieses weit gefasste Interesse von Philosophie und Literatur bis zur Wissenschaft zog sich durch sein ganzes Leben. Neben seiner Muttersprache Italienisch sprach er fließend Deutsch, Englisch und Französisch und las klassisches (d.h. sog. "Alt-")Griechisch, Latein, Russisch und Sanskrit. Sein Interesse umfasste ein großes Spektrum von Fachgebieten und Wissensbereichen, besonders intensiv forschte er in den Grenzbereichen zwischen Medizin, Pädagogik und Religion.

Im November 1904 zog die Familie Assagioli nach Florenz, wo Roberto sein Medizinstudium begann: zuerst mit dem Schwerpunkt Chirurgie, dann Psychiatrie. Die Psychologie war noch kein eigenständiges Fach, so bahnte sich sein Interesse für die menschliche Psyche einen anderen Weg. Assagiolis kulturelles Interesse war ebenfalls weitgefächert; bereits 1906 begann seine Mitarbeit bei der florentinischen Zeitung Leonardo. 1906 reiste er nach Wien, vermutlich traf er Freud, auf jeden Fall hatte er Kontakt zu dessen Umfeld. Im selben Jahr hatte er Kontakt zu römischen Theosophen. In Genf traf er die Psychologen Édouard Claparède und Theodore Flournoy, der auch mit Carl Gustav Jung in Kontakt stand und mit dem er lange in Verbindung blieb. 1907 erschien ein Artikel in der Zeitschrift Leonardo, betitelt „Il nuovo pensiero americano“ (zu deutsch etwa "Das neue amerikanische Denken"), in dem schon einige grundlegende Gedanken seines späteren Werkes, der Psychosynthese, enthalten sind, z.B. die Betonung des Willens als einer wichtigen seelischen Kraft im Menschen. 1907 besuchte Assagioli das Burghölzli, die psychiatrische Universitätsklinik von Zürich, und entschied sich, die Psychoanalyse zum Thema seiner Doktorarbeit zu machen. Hier traf er auch Carl Gustav Jung und war dort regelmäßiger Gast. Jung schreibt am 13. Juli 1909 an Sigismund Freud:„..unter ihnen ein gewisser Dr. Assagioli aus Florenz,von der dortigen psychiatrischen Klinik. Er ist ein offener aufnahmefähiger junger Mann...“. Mit Jung blieb er bis zu dessen Tode verbunden. Im August 1909 besuchte Assagioli den Internationalen psychologischen Kongress in Genf. Hier beschäftigte er sich intensiv mit der Psychologie des religiösen Ausdrucks, der Mystik und deren außergewöhnlicher Bewusstseinszustände, die ins Gebiet der transpersonalen Psychologie fallen. 1909 begann er bei Professor Tanzi in Florenz seine Doktorarbeit mit dem Titel „La Psicoanalisi“, die er am 1. Juli 1910 mit einer Disputation abschloss und mit der er zum Doktor der Medizin approbierte.

Nach seiner Graduierung arbeitete Assagioli als Assistenzarzt bei Eugen Bleuler in der Psychiatrie Burghölzli. Bleuler beschrieb damals erstmals das „Gespalten-Sein des Geistes“ als "Schizophrenia". Bleuler war zur Zeit, als Assagioli bei ihm arbeitete, äußerst kritisch gegenüber S.Freud eingestellt. Nach seiner Zeit als Assistenzarzt praktizierte Assagioli als Psychiater in Italien, er gehörte zum Kreis der frühen Psychoanalytiker und war wesentlich daran beteiligt, die Psychoanalyse in Italien zu etablieren. Er war Mitglied der von Alice Bailey gegründeten Arkanschule und deren Vertreter für Italien. [1], [2]

Psychosynthese[Bearbeiten]

Ab 1910 wies Assagioli auf die Begrenzungen des psychoanalytischen Konzepts hin: Solange der Mensch nur als von seinen biologischen Trieben bedingt verstanden werde, könne er nur teilweise erfasst, aber nicht in seiner Ganzheit gesehen werden. Assagiolis Anliegen war es, eine wissenschaftliche Psychologie zu entwickeln, die die Realität der Seele anerkennt, und die Freude, Sinn, Erfüllung, Kreativität, Liebe und Weisheit, also die höheren Energien und Strebungen des menschlichen Daseins ebenso miteinbezieht wie die Impulse, Triebe und Bedürfnisse der vitalen Basis der menschlichen Natur.

Er kreierte sein psychologisches Konzept und Weltbild, die Psychosynthese, mit der er bestrebt war, die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Medizin und Psychologie und die Weisheitslehren der Völker zusammenzufügen zu einem Menschenbild, das die biologische Gebundenheit des Menschseins in einen größeren Rahmen der persönlichen Wahl und Verantwortung einbinden sollte und diesen wiederum in einen noch umfassenderen der spirituellen Verbundenheit und Teilhabe.

Zitate[Bearbeiten]

„Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper.
Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle.
Ich habe Wünsche, aber ich bin nicht meine Wünsche.
Ich habe einen Geist, aber ich bin nicht mein Geist.
Ich bin ein Zentrum aus reinem Bewusstsein.[3]

.

„Eine der Hauptursachen des heutigen Durcheinanders ist der Mangel an Liebe auf Seiten derer, die Willen haben, und der Mangel an Willen bei jenen, die gut und liebevoll sind.“

aus: Die Schulung des Willens

Werke[Bearbeiten]

Originalausgaben[Bearbeiten]

Zu Lebzeiten erschienen:

  • Psychosynthesis. A Manual of Principles and Techniques, Hobbs, Dormann & Company, New York 1965.
  • Psicosintesi. Per l'armonia della vita, Mediterranee, Roma 1966.
  • The Act of Will, Viking Press, New York 1973.

Postum erschienen:

  • Psychosynthesis Typology (= Übersetzung des italienischen Originals I tipi umani), The Institute of Psychosynthesis, London 1983.
  • Educare l'uomo domani, Ed. Istituto di Psicosintesi, Firenze 1988.
  • Lo sviluppo transpersonale (a cura di M. Macchia Girelli), Astrolabio, Roma 1988.
  • Comprendere la Psicosintesi (a cura di M. Macchia Girelli), Astrolabio, Roma 1991.
  • Psicosintesi. Per l'armonia della vita, Astrolabio, Roma 1993.

Deutsche Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Handbuch der Psychosynthesis. Angewandte transpersonale Psychologie. Herausgegeben, bearbeitet und mit einem Vorwort versehen von Erhardt Hanefeld, Aurum, Freiburg 1978.
  • Handbuch der Psychosynthese. Prinzipien, Methoden und Techniken, API, Adliswil 1988.
  • Handbuch der Psychosynthese. Grundlagen, Methoden und Techniken, Nawo, Rümlang 2004, ISBN 3-9522591-0-1.
  • Die Schulung des Willens. Methoden der Psychotherapie und der Selbsttherapie, Junfermann, Paderborn 1982 (9. Auflage 2003), ISBN 3-87387-202-1.
  • Psychosynthese und Transpersonale Entwicklung, Junfermann, Paderborn 1992.
  • “Psychosynthese und Transpersonale Entwicklung”. Nawo, Rümlang 2008, ISBN 978-3-9522591-5-3
  • “Psychosynthese Harmonie des Lebens”. Nawo, Rümlang 2010, ISBN 978-3-9522591-6-0
  • Typologie der Psychosynthese. Die 7 Grundtypen, API, Adliswil 1992, ISBN 3-85523-605-4.

Literatur[Bearbeiten]

  • Piero Ferrucci: Werde was du bist. Selbstverwirklichung durch Psychosynthese, Rowohlt (Taschenbuch), Reinbek 1986 (15. Auflage 2005), ISBN 3-499-17980-6.
  • Will Parfitt: Psychosynthese, Aurum, Braunschweig 1992.
  • Janette Rainwater: Therapie in eigener Verantwortung. Ein Übungsprogramm zur Selbsthilfe, Hugendubel (Irisiana), München 1993.
  • Ulla Pfluger-Heist: In der Seele liegt die Kraft, Nawo, Rümlang (Neuauflage) 2007, ISBN 978-3-9522591-4-6.
  • Sascha Dönges / Catherine Brunner Dubey: Psychosynthese für die Praxis. Grundlagen, Methoden, Anwendungsgebiete, Kösel, München 2005, ISBN 978-3-466-30679-4.
  • Paola Giovetti: Roberto Assagioli. Leben und Werk des Begründers der Psychosynthese, Nawo, Rümlang 2007, ISBN 978-3-9522591-2-2.
  • Gertraud Reichert/Karl Winter: Vom Geheimnis der heiteren Gelassenheit, 2. Auflage, Nawo, Rümlang 2007, ISBN 978-3-9522591-1-5
  • Zeitschrift: "Psychosynthese” seit 1999, erscheint 2x im Jahr, Nawo, Rümlang

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Alice Bailey, Die unvollendete Autobiographie, Seite 219 ff.
  2. Roberto Assagioli, Psychosynthesis, and the Esoteric Roots of Transpersonal Psychology.
  3. Rachel Harris: Relaxed! Die große Kraft der kleinen Pausen, Bauer Verlag, 2001, ISBN 3-7626-0836-9, Seite 296 (Anmerkung: Die erwähnten Sätze des Psychiaters Roberto Assagioli können auch für geistige Übungen verwendet werden).