Rolf Dieter Brinkmann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rolf Dieter Brinkmann

Rolf Dieter Brinkmann (* 16. April 1940 in Vechta; † 23. April 1975 in London) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer.

Leben[Bearbeiten]

Nach Schule und Buchhandelslehre lebte Rolf Dieter Brinkmann ab 1962 in Köln, wo er zunächst Pädagogik studierte, sich aber bald für ein Leben als freier Schriftsteller entschied. Zahlreiche kürzere Aufenthalte in London während der 1960er Jahre brachten ihm die anglo-amerikanische Lyrik und Popmusik jener Zeit nahe. In den Jahren 1972 bis 1974 war er Gast der Villa Massimo in Rom sowie Gastdozent in Austin (Texas). Brinkmanns frühe Prosa orientiert sich an der Ästhetik des nouveau roman.[1] Brinkmann machte die amerikanische Underground-Lyrik in Deutschland bekannt und wurde selbst der führende Underground-Lyriker Deutschlands in den 60er Jahren. Lyrik war für ihn Spiegelbild und direkte Reflexion des Faktischen. Auf die kurzzeiligen Gedichte der frühen Gedichtbände folgten nach 1970 prägnant „gesetzte“ Prosagedichte von enormer Vitalität und Bildkraft. Die Beschäftigung mit der US-Avantgarde (Frank O’Hara, William Carlos Williams) ab Mitte der 1960er Jahre beeinflusste Brinkmann stark. Die zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla 1969 herausgegebene Anthologie Acid. Neue amerikanische Szene zählt bis heute zu den wesentlichen Zeugnissen der amerikanischen Beat Generation. Der immer wieder als provozierender Rebell auftretende Brinkmann zog sich nach 1970 vom deutschen Literaturbetrieb zurück und widmete sich ausschließlich dem Schreiben und Collagieren der sogenannten „Materialienbände“. Außerdem entstand in den letzten Jahren sein lyrisches opus magnum Westwärts 1 & 2, das ihm 1975 posthum den Petrarca-Preis einbrachte und bis heute als einer der wichtigsten Gedichtbände des 20. Jahrhunderts gelten darf. Als weiteres Hauptwerk gilt Rom, Blicke, ein mit wilder Unerbittlichkeit auf Verfallenes, Obszönes fixiertes Konvolut aus Briefen, Notizen, Zeitungsausschnitten, Fotos, das von Brinkmann ursprünglich als „Materialienband“ für künftige Projekte gedacht war. Das Gesamtwerk Brinkmanns erscheint bei Rowohlt.

Brinkmann wurde am 23. April 1975 in London von einem Auto überfahren.

Als radikaler literarischer Erneuerer hat Brinkmann Einfluss auf nachfolgende Lyrikergenerationen im deutschen Sprachraum. Die Stadt Köln vergibt in Erinnerung an den Dichter seit 1990 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. In seiner Geburtsstadt Vechta würdigte die von 1992 bis 2013 bestehende Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft das Schaffen und Wirken Brinkmanns.

2005 wurden Originaltonaufnahmen des Autors aus dem Jahr 1973 unter dem Titel „Wörter Sex Schnitt“ veröffentlicht.[2] Harald Bergmanns 2006 in die Kinos gekommener Film Brinkmanns Zorn basiert auf den originalen Tonaufnahmen.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Bücher
  • Ihr nennt es Sprache. Achtzehn Gedichte. Auflage 500 nummerierte Exemplare, z. T. signiert; Willbrand, Leverkusen 1962. (Auslieferung durch den Autor verhindert.)[3]
  • Le Chant du Monde. Gedichte mit Radierungen von Emil Schumacher. Olefer Hagarpresse Rolf Kuhn, Olef/Eifel 1964.
  • Die Umarmung. Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1965.
  • Ohne Neger. Gedichte. Handpressendruck in 150 nummerierten Exemplaren. Collispress/Paul Eckhardt, Hommerich 1966.
  • &-Gedichte. Oberbaumpresse, Berlin 1966.
  • Raupenbahn. Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1966.
  • Was fraglich ist wofür. Gedichte. ebd. 1967.
  • godzilla. Gedichte. Wolfgang Hake, Köln 1968.
  • Keiner weiß mehr. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968.
    • TB: Rowohlt, Reinbek 1970.
  • Die Piloten. Neue Gedichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968.
  • Standphotos. Gedichte. Guido Hildebrandt, Duisburg 1969.
  • Gras. Gedichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1970.
  • Aus dem Notizbuch 1972, 1973 Rom Worlds End. Villa Massimo Druck, Rom u. Deutsche Akademie, München 1973.
  • Westwärts 1 & 2. Gedichte. Rowohlt, Reinbek 1975.
    • Westwärts 1 & 2. Gedichte. Erweiterte Neuausgabe. ebd. 2005.
  • Rom, Blicke. ebd. 1979.
  • Standphotos. Gedichte 1962–1970. ebd. 1980.
  • Der Film in Worten. Prosa. Erzählungen. Essays. Hörspiele. Fotos. Collagen. 1965–1974. Band 1 (von 4 gepl. Bänden.) ebd. 1982. Enthält u.a. Wie ich lebe und warum[4] (1970), veränderte Fassung.
  • Erzählungen. In der Grube. Die Bootsfahrt. Die Umarmung. Raupenbahn. Was unter die Dornen fiel. Band 2 (von 4 gepl. Bd.) ebd. 1985.
  • Eiswasser an der Guadelupe Str. Gedichte. Ebd. 1985.
  • Rolltreppen im August. Gedichte. Hrsg. von Chris Hirte. Volk & Welt, Berlin (DDR) 1986.
  • Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Träume. Aufstände/Gewalt/Morde. Reise Zeit Magazin. Die Story ist schnell erzählt. Tagebuch. Rowohlt, Reinbek 1987.
  • Schnitte. Ebd. 1988.
  • Künstliches Licht. Lyrik und Prosa, ebd. 1994.
  • Guten Tag wie geht es so. Erzählungen, ebd. 1996.
  • Briefe an Hartmut, ebd. 1999.
  • vorstellung meiner hände. Frühe Gedichte, ebd. 2010.
Herausgeber und Übersetzer
  • Der Gummibaum. Hauszeitschrift für neue Dichtung. Nr. 1–3. Privatdruck, Köln 1969 bis 1970.
  • Lunch Poems und andere Gedichte. Gemeinsam mit Frank O'Hara. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1969
  • ACID. Neue amerikanische Szene. Gemeinsam mit Ralf-Rainer Rygulla. März, Darmstadt 1969[5]
  • Silver Screen. Neue amerikanische Lyrik. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1969.
  • Übersetzer von Ron Padgett: Ein Gedicht (A Man Saw a Ball of Gold). In: März Texte 1. März, Frankfurt 1969 (Nachdrucke 1984 & Area, Erftstadt 2004); hier S. 52,[6] zweisprachig. Auch in R. P.: Große Feuerbälle, Rowohlt, Reinbek, 1973
  • Der joviale Russe. Gedicht. Mit Ralf-Rainer Rygulla (nach Guillaume Apollinaire: La jolie rousse). In: März-Texte 1. März, 1969 (Nachdrucke 1984, 2004.[7] S. 70, 72. mit Anm. 12. Ein Adaptionsversuch des Apollinaire-Gedichtes nach der Lautgestalt, ohne Rücksicht auf eine inhaltliche Bedeutung)
  • Guillaume Apollinaire ist tot. Gedichte, Prosa, Kollaborationen. Mit Ted Berrigan. März, Frankfurt 1970
    • Auswahl: "Drei Gedichte", nämlich: Persönliches Gedicht Nr. 9; Auf ein frohes Wiedersehen (für Dick Gallup); Für Dich (für James Schuyler) zweisprachig in März-Texte 1, Reprint Area, Erftstadt 2004[8] S. 264–271.
Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften
  • Vanille und Anmerkungen zu meinem Gedicht „Vanille“. In: März-Texte 1. März, 1969, S. 106–140 und S. 141–144 . Eine Text-Bild-Collage und eine Erläuterung. Reprint 2004[9]
  • Interview mit einem Verleger. Mit Jörg Schröder und weiteren Genannten. Im Reprint Area, Erftstadt 2004, S. 285–298.[10]
  • Wie ich lebe und warum. Fotocollage. In: Renate Matthaei (Hrsg.): Trivialmythen März, Frankfurt 1970. Wieder in dies., Hg., bei Area 2004[11] S. 387–393. Jörg Schröder & Barbara Kalender

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Ludwig Arnold (Hg.), Zeitschrift text + kritik, Themenheft: Rolf Dieter Brinkmann. Nr. 71, 1981, ISBN 3-88377-074-4 Inhaltsverzeichnis Mit kommentierter Auswahlbibliographie
  • Johann Reißer: Archäologie und Sampling - Die Neuordnung der Lyrik bei Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Kling und Barbara Köhler. Kadmos, Berlin 2014, ISBN 978-3-86599-222-2.
  • Thomas Boyken, Ina Cappelmann und Uwe Schwagmeier (Hrsg.): Rolf Dieter Brinkmann: Neue Perspektiven. Orte, Helden, Körper. Fink, München 2010, ISBN 978-3-7705-4945-0.
  • Theo Breuer: Was Neues im Westen oder Brinkmann macht weiter. In: T. B.: Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000. Edition YE, Sistig 2005.
  • Maleen Brinkmann: R. D. Brinkmann. Literaturmagazin 36. Rowohlt, Reinbek 1995, ISBN 3-498-03892-3.
  • Karl-Eckhard Carius (Hrsg.): Brinkmann. Schnitte im Atemschutz. edition text + kritik, München 2008.
  • Roberto Di Bella: ‚... das wildgefleckte Panorama eines anderen Traums‘. Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt. Königshausen & Neumann, Würzburg 2015, ISBN 978-3826050848. ( = Studien zur Kulturpoetik. Hrsg. von Torsten Hahn, Erich Kleinschmidt und Nicolas Pethes; Band 18)
  • Otto Dörner: Rolf Dieter Brinkmann – Der Dichter aus Vechta. In: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 1987. Vechta 1986, S. 322–340.
  • Tanja Dückers: Die Bombe im Kopf. Auch nach 50 Jahren ist B’s Lyrik noch aufsehenerregend. In: Dschungel. Beilage zu jungle world Nr. 40, 7. Oktober 2010, S. 12f. (Zur Buchausgabe Vorstellung meiner Hände). Online lesbar.
  • Gunter Geduldig, Ursula Schüssler (Hrsg.): /:Vechta! Eine Fiktion!/: der Dichter Rolf Dieter Brinkmann. Secolo, Osnabrück 1995.
  • ders. & Claudia Wehebrink (Hrsg.): Bibliographie R. D. Brinkmann. Aisthesis, Bielefeld 1997.
  • ders. (Hrsg.): Amerikanischer Speck, englischer Honig, italienische Nüsse. Rolf Dieter Brinkmann zum 60. Eiswasser. Zeitschrift für Literatur, 7. Jahrgang, 2 Bände, Eiswasser Verlag 2000.
  • ders. und Marco Sagurna (Hrsg.): Too much. Das lange Leben des Rolf Dieter Brinkmann. 2. Auflage. Eiswasser, Vechta 2000.
  • Oliver Kobold: Lange nachdenkliche Gänge. Rolf Dieter Brinkmanns Lyrik und Prosa 1959–1962. Universitätsverlag WINTER, Heidelberg 2014.
  • Stefan Greif: „Schlagwörter sind zum Schlagen, hast du das begriffen?“ Sprache und Gewalt bei Rolf Dieter Brinkmann. In: Robert Weniger (Hrsg.): Gewalt und kulturelles Gedächtnis. Stauffenburg, Tübingen 2005, ISBN 3-86057-219-9, S. 139–151.
  • Andreas Moll: Text und Bild bei Rolf Dieter Brinkmann. Intermedialität im Spätwerk. Peter Lang, Frankfurt am Main 2006.
  • Hansjürgen Richter: Ästhetik der Ambivalenz. Studien zur Struktur „postmoderner“ Lyrik, exemplarisch dargestellt an Rolf Dieter Brinkmanns Poetik und dem Gedichtband „Westwärts 1 & 2“.' Peter Lang, Frankfurt am Main 1983.
  • Jan Röhnert, Gunter Geduldig (Hrsg.): Rolf Dieter Brinkmann. Seine Gedichte in Einzelinterpretationen. 2 Bde., Walter de Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-022362-0.
  • Jörgen Schäfer: Pop-Literatur. Rolf Dieter Brinkmann und das Verhältnis zur Populärkultur in der Literatur der sechziger Jahre. M & P Verlag für Wissenschaft und Forschung, Stuttgart 1998.
  • Stephanie Schmitt: Intermedialität bei Rolf Dieter Brinkmann. Konstruktionen von Gegenwart an den Schnittstellen von Text, Bild und Musik. transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2224-9.
  • Udo Seinsoth: Katalog Nr. 20. Bibliografie der Veröffentlichungen. Antiquariat Beim Steinernen Kreuz (Hrsg.): Rolf Dieter Brinkmann zum 50. Geburtstag. Eigenverlag, Bremen 1990, S. 38–57.
  • Ingo Sundmacher: Brinkmann meets Burroughs. Literatur und intermediale Postmoderne. In: Z. Zeitschrift für Kultur- und Geisteswissenschaften. H. 16, 1998. Fösse, Hannover ISSN 0945-0580 S. 3–16.
  • Burkhard Meyer-Sickendiek: „creating a spontaneous bop prosody“: US-Import und literarische Rhythmik im Werk Rolf-Dieter Brinkmanns, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 3 (2014), S. 369–391.

Hörspiele[Bearbeiten]

  • Auf der Schwelle, Regie: Raoul Wolfgang Schnell, WDR 1971.
  • Besuch in einer sterbenden Stadt, Regie: Ulrich Gerhardt, WDR 1973.
  • Die Wörter sind böse - Kölner Autorenalltag 1973 - Eine subjektive Dokumentation, Regie: Hein Bruehl, WDR 1974.
  • The Last One (Lesung beim Cambridge Poetry Festival 1975)
  • Longkamp, Regie: Ulrich Gerhardt , BR 2008.
  • Schnitte, Regie: Ulrich Gerhardt, BR 1995.
  • Der Tierplanet, Regie: Raoul Wolfgang Schnell, WDR 1972.
  • To a world filled with compromise we make no contribution, Regie: Ulrich Gerhardt, BR 1996.
  • Wörter Sex Schnitt. Originaltonaufnahmen 1973, BR 2005. (5-CD-Box, ISBN 978-3-943157-23-9)

Film[Bearbeiten]

Theaterstücke[Bearbeiten]

Obwohl Rolf Dieter Brinkmann keine Theaterstücke geschrieben hat, gibt es vor allem im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einige Darstellungen seiner Texte.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Diese Orientierung teilt er in formaler Hinsicht mit den Autoren der Kölner Schule des Neuen Realismus um Dieter Wellershoff; inhaltlich ist die Bedeutung von Nathalie Sarrautes Les Fruits d’or (deutsch: Die goldenen Früchte, 1963) hervorzuheben (Barbara Kalender, Jörg Schröder: Kriemhilds Lache. Neue Erzählungen aus dem Leben. Verbrecher, Berlin 2013, ISBN 978-3-943167-39-9, S. 247–249).
  2. Martin Conrads: Lass uns von Sex reden Rezension in: Netzeitung.de. 25. April 2005.
  3. Udo Seinsoth: Katalog Nr. 20. (Bibliografie der Veröffentlichungen.) In: Antiquariat Beim Steinernen Kreuz (Hrsg.): Rolf Dieter Brinkmann zum 50. Geburtstag. Eigenverlag, Bremen 1990, S. 39.
  4. siehe unten Einzelveröff.
  5. Zu ACID: Nachdruck mehrerer hier unter "März" erwähnter Texte bzw. Übersetzungen, Paginierung immer nach "März-Texte 1" von 1969, wieder in: "März-Texte 1 und Trivialmythen" Area-Verlag, Erftstadt 2004, mit geringfügig abweichender Seitenzahl, ISBN 3-89996-029-7.
  6. siehe Anm. zu ACID.
  7. siehe vorige Anm.
  8. siehe obige Anm. zu Padgett
  9. Siehe vorige Anm.
  10. Siehe die Anm. zu ACID.
  11. Siehe vorige Anm.
  12. Webseite zum Film Brinkmanns Zorn