Roma in Tschechien und der Slowakei

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Die Roma-Minderheit in der Slowakei (Volkszählung 2001)

Die Volksgruppe der Roma stellen einigen Schätzungen zufolge die größte ethnische Minderheit in Tschechien und die zweitgrößte ethnische Minderheit in der Slowakei nach der ungarischstämmigen Bevölkerungsgruppe dar. Die hier ansässigen Roma sprechen den sogenannten zentralen Dialekt der Sprache Romani.

Geschichte[Bearbeiten]

Der erste urkundliche Nachweis von Roma auf dem Gebiet der beiden heutigen Länder Tschechien und Slowakei datiert aus dem Jahr 1423. Es handelt sich um einen Schutzbrief des Königs Sigismund, der auf der Zipser Burg ausgestellt wurde. Ab 1427 sind erste Ausschreitungen und Verfolgungen von Roma nachgewiesen. Diese haben teilweise politische, wirtschaftliche und kirchliche Gründe, da man teilweise in den Roma feindliche osmanische Kundschafter vermutete. 1627 wurden Roma in Böhmen für vogelfrei erklärt, was bedeutet, dass man sie ungestraft ermorden konnte. Oftmals waren Roma andererseits auch als geschickte Handwerker und Musiker willkommen, die neue Handwerkstechniken in entlegene Gebiete brachten.

Kaiserin Maria Theresia von Österreich beendete zwar die Verfolgungen, plante jedoch eine rigorose Assimilationspolitik, die neben der Wegnahme der Kinder, um sie umerziehen zu lassen, auch eine Christianisierung umfasste. Die Roma waren weiterhin Diskriminierung ausgesetzt. Vielfach wurden sie im Rahmen der Industrialisierung Arbeiter, da ihre traditionellen Handwerke an Bedeutung verloren.

Auch während der 1. Tschechoslowakischen Republik waren die Roma Ziel von Assimilations- und sogenannten "Zivilisations"-Bemühungen. Mit der Annexion des Sudetenlandes und der Besetzung der sogenannten "Resttschechei" fielen fast sämtliche dort ansässigen Roma dem systematischen Massenmord durch die nationalsozialistische Herrschaft zum Opfer. Nach dem Krieg lebten in Tschechien noch ca. 600 Roma von vormals 8000. In der formal unabhängigen Slowakei wurden die dort ansässigen Roma vermehrt diskriminiert, die Verfolgung dieser Volksgruppe erreichte jedoch nicht das Ausmaß, das im direkten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich bestand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vermehrt slowakische, rumänische und ungarische Roma sowie Roma aus der Sowjetunion in den tschechischen Grenzgebieten, in denen bis dahin Deutschböhmen und Deutschmährer lebten, sowie in Industriegebieten beispielsweise im heutigen Ústecký kraj, im Liberecký kraj oder im Moravskoslezský kraj angesiedelt, um den Bevölkerungsverlust aufzufangen. Während der kommunistischen Herrschaft wurde die traditionelle Lebensweise der Roma unterbunden. Man bemühte sich von staatlicher Seite, die Assimilation dadurch zu fördern, dass man Familienverbünde auseinanderriss.

Heutige Situation[Bearbeiten]

Nach Ende der kommunistischen Herrschaft organisierten sich Roma einerseits verstärkt in Vereinen und Verbänden, andererseits bestand die gesellschaftliche Diskriminierung fort. So waren Roma bevorzugtes Angriffsziel neonazistischer Gruppierungen, wie beispielsweise im März 2010 in Vítkov in Mährisch-Schlesien, wo ein zweijähriges Mädchen bei einem Brandanschlag lebensgefährliche Verbrennungen erlitt [1]. In Tschechien trat die politisch bedeutungslose, aber offensiv auftretende neonazistische Partei Národní strana um Petra Edelmannová wiederholt mit der Forderung nach einer "Endlösung der Zigeunerfrage" auf, womit eine Deportation nach Indien gemeint war. In Ústí nad Labem (Aussig) wurde am 13. Oktober 1999 eine Mauer in der mehrheitlich von Roma bewohnten Matiční-Straße errichtet. Nach Protesten und der Zusage finanzieller Förderung für den Aufkauf von drei Einfamilienhäusern von Altanwesenden und für Sozialprogramme wurde die Mauer nach einigen Wochen am 24. November wieder abgebaut.[2] Im Internet-Netzwerk "facebook" unterstützten im März 2010 85.000 Personen eine Kampagne gegen freiwilligen Schulunterricht auf Romani in einzelnen tschechischen Schulen[3]. In der Presse wurde in der Vergangenheit über Sterilisationen von Romafrauen berichtet, die mit diesem Eingriff meist nicht einverstanden oder darüber im Vorfeld nicht informiert wurden. Diese Praktiken bestünden auch noch nach Ende der kommunistischen Ära fort [4] Wiederholt wurde außerdem über Ausreisewellen asylsuchender Roma nach Übersee, insbesondere nach Kanada, berichtet. Dies sei ein Grund, warum es seit 2009 bis heute wieder eine Visumpflicht für tschechische Staatsbürger bei der Einreise nach Kanada gebe.[5]

Generell leben Roma in schlechtergestellter sozialer Umgebung. Zum Teil wurden sie in den Städten mit anderen sozial schwachen Einwohnern zusammen angesiedelt, wodurch arme Stadtwohngebiete wie Košice–Luník IX, Most-Chanov oder Litvínov-Janov entstanden sind. In der Slowakei treten vermehrt ländliche Ansiedlungen auf, die Merkmale von Slums aufweisen, z. B. im ostslowakischen Svinia.

Es gehen immer noch überdurchschnittlich viele Roma-Kinder auf Sonderschulen, womit ihnen die Chance auf höhere berufliche Qualifikationen fehlt. Eine Vertretung der Roma im tschechischen oder slowakischen Parlament fehlt, was auch dadurch begünstigt wird, dass ein Gruppenzusammenhalt nicht sehr stark ausgeprägt ist. Eine Umsetzung der Minderheitenrechte wie beispielsweise muttersprachlicher Schulunterricht, Sprachgebrauch bei Behörden usw. ist in Tschechien bis jetzt noch nicht vollständig erfolgt.[6]

Die in den 1990er Jahren fehlenden sozialen Programme unterstützten das Entstehen sozialer Brennpunkte in ärmeren Gegenden Tschechiens (insbesondere in Nordböhmen und Nordmähren). In den letzten Jahren sind vermehrt Konflikte mit sozialem und rassistischem Hintergrund zu verzeichnen, beispielsweise 2011 im Schluckenauer Zipfel[7] oder in Krupka.

Zahlen[Bearbeiten]

In der Tschechoslowakei lebten der Volkszählung im Jahr 1980 nach 288.440 Roma, davon 88.587 in Tschechien. Ende 1989 lebten in der Tschechoslowakei nach Angaben der der ehemaligen Nationalkomitees 399.654 Roma, davon 145.711 (36,5 %) in Tschechien und 253.843 (63,5 %) in der Slowakei.[8]

Bei der Volkszählung im Jahr 2001 bekannten sich in Tschechien lediglich 11.746 Einwohner zur Roma-Nationalität.[9] Die restlichen ethnischen Roma betrachteten sich als Tschechen oder als Angehörige anderer Nationalitäten, oder sie gaben aus Furcht vor möglichen negativen Auswirkungen eine andere Nationalität an. Die Bevölkerungsgruppe der ethnischen Roma wird in Tschechien auf zwischen 250.000 bis 300.000 Personen geschätzt.[10] In der Slowakei geht man von ca. 520.000 [11] Roma aus (ca. 10 % der Bevölkerung).

Kultur[Bearbeiten]

Von 1969 bis 1973 existierte in der Tschechoslowakei kurz der „Verband der Zigeuner - Roma“ (Svaz Cikánů – Romů).

Zu den Roma-Künstlern gehören z. B. die Sängerin Věra Bílá oder die Hiphop-Gruppe Gipsy.cz. In Košice befindet sich das Roma-Theater Romathan. In Brünn wurde 1999 von Roma-Intellektuellen das Museum der Roma-Kultur gegründet, welches seit 2005 eine vom Staat getragene Einrichtung ist.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bericht über Brandanschlag in Vítkov
  2. http://zpravy.idnes.cz/pred-10-lety-postavili-zed-v-maticni-domy-kvuli-nimz-vznikla-zbouraji-1ib-/domaci.asp?c=A091011_121634_domaci_jw
  3. Artikel von Radio Prag über Petition gegen Unterricht auf Romani
  4. Spiegelartikel über Sterilisationen von Romafrauen in Tschechien
  5. Czech Republic objects to Canada visa move, online auf: ca.reuters.com (u. a. Quellen), abgerufen am 5. Dezember 2010
  6. [1]
  7. Artikel in der FAZ
  8. http://web.mvcr.cz/archiv2008/prevence/obcanum/publik/romove/pov_obd.html
  9. www.czso.cz, abgerufen am 1. April 2010
  10. European Roma Rights Centre, zit. nach Současná romská komunita v Evropě [Gegenwärtige Roma-Gemeinschaft in Europa] romove.radio.cz, tschechisch, abgerufen am 31. März 2010
  11. http://www.tau.ac.il/Anti-Semitism/asw2000-1/vago.htm

Weblinks[Bearbeiten]