Süleyman Nazif

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Süleyman Nazif

Süleyman Nazif (osmanisch ‏سلیمان نظیف‎; * 1870 in Diyarbakır; † 4. Januar 1927 in Istanbul) war ein osmanisch-türkischer Dichter, Journalist und Staatsbeamter.

Leben[Bearbeiten]

Nazif wurde als Sohn des Dichters und Geschichtswissenschaftlers Sait Pascha geboren. Er begann sehr früh mit seiner Bildung in Maraş und wurde später in Diyarbakır eingeschult. Ab 1879 erhielt er in Maraş Privatunterricht von seinem Vater und Französischunterricht von einem armenischen Priester. Nach dem Tod seines Vater 1892 arbeitete Süleyman Nazif in mehreren Posten im Vilâyet Diyarbakır. 1896 wurde er befördert und arbeitete in Mosul. Nachdem er nach Istanbul gezogen war, begann er Artikel gegen den absolutistischen Sultan Abdülhamid II. zu schreiben, wobei er sich mit den Ideen und Zielen der Jungosmanen anfreundete. Unter Druck floh er für acht Monate nach Paris, um Artikel für verschiedene Zeitungen zu schreiben.

Nach seiner Rückkehr wurde Süleyman Nazif gezwungen, zwischen 1897 und 1908 als Sekretär an einem Posten im Vilâyet Hüdavendigâr (Bursa) zu arbeiten. Hier trug Nazif zum literarischen Magazin Servet-i Fünûn („Reichtum des Wissens“) bei, bis es von der osmanischen Regierung 1901 zensiert wurde.[1] 1908 zog er wieder nach Istanbul, trat dem Komitee für Einheit und Fortschritt bei und arbeitete als Journalist. Er gründete die Zeitung Tasvir-i Efkar zusammen mit dem Journalisten Ebüzziya Tevfik. Diese Zeitung musste allerdings unter Zensurdruck bald wieder schließen. Nach der Machtabgabe Abdülhamids II. im Jahre 1908 arbeitete Süleyman Nazif als Gouverneur der osmanischen Provinzen Basra (1909), Vilâyet Kastamonu (1910), Trapezunt (1911), Mossul (1913) und schließlich Bagdad (1914).

Als Gouverneur von Bagdad[Bearbeiten]

Während des Völkermords an den Armeniern spielte Süleyman Nazif als Gouverneur von Bagdad eine wichtige Rolle bei der Verhinderung von Morden in seiner Provinz. So fing Nazif einen Konvoi von Deportierten mit 260 armenischen Frauen und Kindern ab, welche in den Tod gesandt werden sollten. Nazif verlangte, dass der Konvoi in eine sicherere Zone nach Mosul geleitet werden sollte, doch sein Vorschlag wurde abgelehnt und die Angehörigen des Konvois wurden schließlich ermordet.[2] Während seiner Zeit als Gouverneur von Bagdad besuchte er Diyarbakır, wo er einen „stechenden Geruch von verwesenden Leichen [antraf, welcher] die Atmosphäre durchdrang und dass der bittere Gestank seine Nase verstopfte“. Nazif kritisierte Mehmed Reşid, den Gouverneur von Diyarbakır, der als „Schlächter von Diyarbakır“ bekannt war.[3] Nazif, der aussagte, dass Reşid „durch Massaker Tausende Menschenleben zerstörte“, schrieb über ein von Reşids gebildetes Komitee mit dem Ziel des Findens einer „Lösung der Armenierfrage“;[4] Nazif ermutigte auch andere Gouverneure dazu, sich dem Deportationsbefehl zu widersetzen. In einem Brief an seinen Bruder Fâik Âli Bey (Ozansoy), dem Gouverneur von Kütahya, schrieb Nazif: „Nimm nicht an diesem Ereignis teil, achte auf unsere Familienehre.“[5]

In einem Schreiben an den Innenminister konstatierte Nazif, die katastrophalen Deportationen und Morde in Diyarbakır seien Reşids Werk. Er allein sei verantwortlich. Er tötete die Kaymakams, um alle anderen oppositionellen muslimischen Männer und Frauen abzuschrecken und präsentierte die Leichen der Kaymakams in der Öffentlichkeit.[6] Als der Innenminister Talât Pascha, selbst führend beteiligt am Völkermord, Reşid wegen Diebstahls verurteilte, kritisierte Nazif, einen Mörder nur als Dieb zu verfolgen.

Nach dem Krieg[Bearbeiten]

Am 23. November 1918 wurde Nazifs Artikel mit dem Titel Kara Bir Gün („Ein Schwarzer Tag“) in der Zeitung Hadisat veröffentlicht, um die Französischen Besatzungskräfte Istanbuls zu verurteilen. Der Artikel brachte den Kommandanten der französischen Einheiten dazu, Nazif durch ein Erschießungskommando hinzurichten, der Befehl wurde allerdings zurückgenommen. Weil Nazif bei einem Treffen zu Ehren von Pierre Loti am 23. Januar 1920 eine Rede hielt, wurde er durch das britische Militär ins Exil nach Malta gezwungen. Nach dem Türkischen Befreiungskrieg kehrte er wieder zurück.

Nazif, ein Kritiker der imperialistischen Mächte, stieß auf deren Feindschaft als er seinen satirischen Artikel Hazret-i İsa'ya Açık Mektup („Offener Brief an Jesus“) schrieb, in dem er an Jesus Christus all jene Verbrechen beschrieb, die von dessen Anhängern in seinem Namen begangen wurden. Zwei Wochen später veröffentlichte er „Die Antwort von Jesus“, in dem er aus der Sicht von Jesus die Vorwürfe widerlegte und antwortete, dass nicht er für die Verbrechen der Christen verantwortlich sei. Die beiden Briefe erregten Aufsehen unter den Christen in der Türkei und Westeuropa und Nazif sollte vor Gericht gestellt werden, wozu es nicht kam, da Nazif sich entschuldigte. Er blieb aber weiterhin kritisch gegenüber der „Kreuzfahrermentalität“ der Imperialisten, welche ihre Macht auf den Boden der Türkei ausdehnen wollten.[7]

Büste im Gazi Köşkü von Diyarbekir

Er starb am 4. Januar 1927 an Lungenentzündung und wurde am Märtyrerfriedhof Edirnekapı begraben.

Werke[Bearbeiten]

  • Batarya ile Ateş (1917)
  • Firak-ı Irak (1918)
  • Çal Çoban Çal (1921)
  • Tarihin Yılan Hikayesi (1922)
  • Nasıruddin Şah ve Babiler (1923)
  • Malta Geceleri (1924)
  • Çalınmış Ülke (1924)
  • Hazret-i İsa'ya Açık Mektup (1924)
  • İki Dost (1925)
  • İmana Tasallut-Şapka Meselesi (1925)
  • Fuzuli (1926)
  • Lübnan Kasrının Sahibesi (1926) (La châtelaine du liban, 1924 von Pierre Benoit), Übersetzung

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Necati Alkan: Süleyman Nazif’s Nasiruddin Shah ve Babiler: an Ottoman Source on Babi-Baha’i History. (With a Translation of Passages on Tahirih*). In: h-net (Hrsg.): Research Notes in Shaykhi, Babi and Baha'i Studies. 4, Nr. 2, November 2000. Abgerufen am 13. November 2008.
  2. David Gaunt: Massacres, resistance, protectors. S. 306.
  3.  Perry Anderson: The new old world. pbk. ed. Auflage. Verso, London 2011, ISBN 978-1-84467-721-4, S. 459 („Resit Bey, the butcher of Diyarbakir“).
  4. Joost Jongerden und Jelle Verheij: Social Relations in Ottoman Diyarbekir, 1870-1915. Leiden 2012, S. 279
  5. Bülent Günal: Binlerce Ermeni'nin hayatını kurtarmıştı. In: HaberTurk. Abgerufen am 23. April 2013 (türkisch): „Pasif de olsa bu olaya katılma, ailemizin şerefine dikkat et.
  6. David Gaunt: Massacres, resistance, protectors. S. 177.
  7. Necati Alkan: Süleyman Nazif's 'Open Letter to Jesus': An Anti-Christian Polemic in the Early Turkish Republic. In: h-net (Hrsg.): Middle Eastern Studies. 44, Nr. 6, November 2008. Abgerufen am 29. Dezember 2008.