Mehmed Reşid

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Mehmed Reşid (türkisch Mehmet Reşit Şahingiray), (* 8. Februar 1873; † 6. Februar 1919 in Istanbul)[1] war Gouverneur (vali) des Vilâyet Diyarbakır im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs. Er gilt als einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern und den Assyrern sowie für die Verfolgung der Griechen in und um Diyarbekir.[2] Bekannt ist er als „Schlächter von Diyarbakir“.[3]

Biografie[Bearbeiten]

Mehmed Reşid wurde am 8. Februar 1873 in eine adygeisch-tscherkessische Familie im Kaukasien des Russischen Kaiserreiches geboren und zog im Jahre 1874 mit seiner Familie nach Konstantinopel. Er besuchte dort die Militärschule für Medizin und war einer der Gründer des Komitees für Einheit und Fortschritt (KEF). 1894 wurde Reşid zum Assistenten des deutschen Professors Düring Pascha am Haydarpaşa-Krankenhaus ernannt. Als seine Verbindungen zum KEF 1897 von der Polizei entdeckt wurden, wurde er nach Tripolitanien (heute Libyen) ausgewiesen.[4] Er diente als Arzt in Tripolis bis 1908, als er nach im Zuge der Jungtürkischen Revolution nach Istanbul zurückkehrte. Er trat im folgenden Jahr von seiner Position im Osmanischen Militär zurück, und begann seine Karriere in der Staatsverwaltung, die ihn nach İstanköy im Libanon, nach Karesi und schließlich nach Diyarbekir zog.[5]

Über die Jahre radikalisierte sich Reşid zunehmend, und 1914 war er schließlich überzeugt, dass die Christen des Reiches an den wirtschaftlichen Nöten Schuld seien.[1] Während seiner Amtszeit als Bezirksgouverneur von Karesi organisierte er die erzwungene Deportation der osmanischen Griechen, eine Politik, die vom osmanischen Innenminister Talât Pascha unterstützt wurde.[6]

Gouverneur von Diyarbekir[Bearbeiten]

Sein besonders gegen Armenier gerichteter Hass manifestierte sich in den Massenmorden an den Armeniern und Assyrern, die er nach seinem Amtsantritt als Gouverneur am 25. März 1915 in der Provinz Diyarbekir organisierte - am Höhepunkt des Ersten Weltkrieges. Die Regierung hatte den bisherigen Gouverneur Hamid Bey, der als zu armenierfreundlich galt, durch Reşid ersetzt. Reşid hingegen ließ sich selbst davon überzeugen, dass die einheimische armenische Bevölkerung sich gegen den osmanischen Staat verschwüre, und er zeichnete Pläne für die “Endlösung der Armenierfrage” auf.[7] Er erzählte in seinen Memoiren:

„Meine Ernennung nach Diyarbekir überschnitt sich mit einer sehr heiklen Periode im Krieg. Große Teile von Van und Bitlis wurden vom Feind [i.e., den Russen] eingenommen, Deserteure waren überall am Sündigen, Plündern und Ausrauben. Jesidische und nestorianische Aufstände in oder an der Grenze der Provinz verlangten die Anwendung von drastischen Maßnahmen. Die verletzende, offensive und flegelhafte Einstellung der Armenier gefährdete ernsthaft die Ehre der Regierung.“[8]

Während der nächsten zwei Monate wurden die Armenier und Aramäer der Provinz Opfer einer brutalen Vernichtungskampagne und wurden im Zuge großangelegter Blutbäder und Deportationen nahezu ausgelöscht.[9] Bestätigt vom venezolanischen Offizier und Söldner Rafael de Nogales, der die Region im Juni 1915 besuchte, erhielt Reşid ein Telegramm aus drei Wörtern mit dem Inhalt “Verbrenne-Zerstöre-Töte”, ein Befehl, dass als offizielle Genehmigung seiner Verfolgung der christlichen Bevölkerung zitiert wird.[10][11] Er ließ auch 800 syrisch-christliche Kinder bei lebendigem Leib verbrennen, nachdem er sie in einem Gebäude einschloss.[12] Nesimi Bey und Sabit Bey, die Gouverneure der Bezirke von Lice und Sabit, wurden aufgrund ihres Widerstandes gegen die Tötungen per Eilbefehl von Reşid ermordet.[13] Als er später vom KEF-Generalsekretär Mithat Şükrü Bleda gefragt wurde, wie er als Arzt das Herz hatte, so viele Menschen zu töten, antwortete er:

„Doktor zu sein ließ mich nicht meine Nationalität vergessen. In dieser Situation dachte ich bei mir, He, Doktor Reschid! Es gibt zwei Alternativen: Entweder werden die Armenier die Türken liquidieren, oder die Türken sie! Vor die Notwendigkeit gestellt, zu wählen, zögerte ich nicht lange. Mein Türkentum triumphierte über meine ärztliche Identität. Die Geschichte anderer Völker kann über mich schreiben, was sie will, mich bekümmert’s gar nicht. Die armenischen Banditen waren eine Menge schädlicher Mikroben, die den Körper des Vaterlandes befallen hatten. War es nicht die Pflicht des Arztes, die Mikroben zu töten?“[14]

Späte Jahre[Bearbeiten]

Das Meiste vom Schmuck und des Besitztums, das Reşid von den Armeniern konfiszierte, wurde an die Zentralregierung in Istanbul verschickt. Talât Paschas Interesse an diesen Wertsachen führte zu einer Ermittlung bei Reşid wegen Veruntreuung, in deren Rahmen herausgefunden wurde, dass er sich im Zuge der Tötungen persönlich bereichert hatte. Es wurde in das Vilâyet von Ankara transferiert, als er zu dieser Zeit eine Villa am Bosporus kaufte. Als Talât dies herausfand, entfernte er ihn von seinem Posten.[15]

Am Ende des Krieges wurde Reşid in Istanbul festgenommen und inhaftiert. Er schaffte es, zu entkommen, doch als die Regierungsautoritäten ihn umzingelten, nahm er sich das Leben, indem er sich in den Kopf schoss.[16]

Ehrung in der Türkei[Bearbeiten]

In Ankara ist ein Boulevard nach ihm benannt, um ihn zu ehren.[3]

Siehe auch[Bearbeiten]

Bibliografie[Bearbeiten]

  • Taner Akçam: The Young Turks' Crime Against Humanity: The Armenian Genocide and Ethnic Cleansing in the Ottoman Empire. Princeton University Press, Princeton 2012, ISBN 0-6911-5333-7..
  • David Gaunt: Richard G. Hovannisian (Hrsg.): Armenian Tigranakert/Diarbekir and Edessa/Urfa. Mazda Publishers, Costa Mesa, CA 2006..
  • Hans-Lukas Kieser: Ronald Grigor Suny und Fatma Müge Göçek (Hrsg.): A Question of Genocide: Armenians and Turks at the End of the Ottoman Empire. Oxford University Press, Oxford 2011..
  • Rafael De Nogales: Four Years Beneath the Crescent. C. Scribner's Sons, New York, London 1926..
  • Uğur Üngör: CUP Rule in Diyarbekir Province, 1913–1923. University of Amsterdam, Master's Thesis, 2005..
  • Uğur Üngör: The Making of Modern Turkey: Nation and State in Eastern Anatolia, 1913–1950. Oxford University Press, Oxford 2011, ISBN 0-19-960360-X..

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Üngör 2005, S. 39.
  2. Üngör 2011, S. 61–83, 88, 98.
  3. a b Perry Anderson: The new old world, pbk. ed., Verso, London 2011, ISBN 9781844677214 (Zugriff am 15. Februar 2013): „Resit Bey, the butcher of Diyarbakir“
  4. Kieser 2011, S. 130.
  5. Kieser 2011, S. 130–33.
  6. Kieser 2011, S. 132–33.
  7. Üngör 2011, S. 63–64.
  8. Üngör 2011, S. 63.
  9. Üngör 2011, S. 55–106.
  10. De Nogales 1926, S. 147.
  11. Üngör 2011, S. 72–73.
  12. Üngör 2005, S. 74.
  13. Kieser 2011, S. 142.
  14. Mely Kiyak: Die fehlenden Armenier von Diyarbakir. Zeit Online, 9. August 2013, abgerufen am 29. August 2013.
  15. Akçam 2012, S. 211–12.
  16. Üngör 2011, S. 62.