Türkische Literatur

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Die hier behandelte Türkische Literatur behandelt die türkischsprachige Literatur des seldschukischen Anatolien, des Osmanischen Reiches und der türkischen Republik und – weiter gefasst – auch die türkischsprachige Literatur, die außerhalb der Türkei entsteht. Soweit es das Verständnis erfordert, wird auch die zentralasiatische türkische Literatur und die unter der Herrschaft der Seldschuken, der nachseldschukischen türkischen Kleinfürsten Anatoliens oder der Osmanen entstandene Literatur in arabischer und persischer Sprache gestreift.

Geschichte[Bearbeiten]

Mit den Orchon-Runen verwandte Jenissei-Runen (ca. 730 n.Chr.)

Vorislamische Zeit[Bearbeiten]

Die Sprache der in Zentralasien vor der Annahme des Islam entstandenen türkischen Literatur wird unter dem Begriff Alttürkische Sprache zusammengefasst. Unter dem Namen dieser Sprache, deren erste Erzeugnisse in das siebte Jahrhundert und deren letzte in den Anfang des 18. Jahrhunderts datiert werden, werden teils recht unterschiedliche Dialektvarietäten zusammengefasst. Als gegenwärtiger Nachfolger dieser Sprache gilt die (neo-) uigurische Sprache. Gerade die älteren Varianten dieser Sprache gelten aber auch als Herkunftsreferenz für die ab dem 13. Jahrhundert in Anatolien erscheinenden Frühformen der türkeitürkischen Sprache.

Neben den Inschrifttexten vom Orchon umfasst die in dieser Sprache geschriebene Literatur zumeist Texte religiösen Inhalts, die dem Buddhismus, dem Manichäismus und dem Nestorianismus zuzuordnen sind. Die Sagen um den „Grauen Wolf“ (Bozkurt) und die Ergenekon-Legende gelten in nationalistischen Kreisen in der Türkei zwar als nationaler Ursprungsmythos, sind in der Türkei aber erst im 19. Jahrhundert als Übersetzung aus dem zentralasiatischen Tschagatai-Türkischen bekannt geworden. Motive aus diesen Sagen sind zwar schon von chinesischen Geschichtswerken über den Ursprung der Kök-Türken überliefert, in ihrer jetzigen Form gehen sie aber auf ein Werk zurück, das am Hof der mongolischen Ilchane entstanden ist und von einem Usbeken-Khan im 17. Jahrhundert weitertradiert worden ist.

Frühislamische Zeit[Bearbeiten]

Die Türken traten in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts zum Islam über, vorher war der Schamanismus das prägende Element der türkischen Gesellschaften. Mit der islamischen Religion veränderte sich auch das gesellschaftliche Leben und damit auch Sprache, Form und Inhalt der Literatur. Der Einfluss der arabischen und persischen Sprache auf die türkische Literatur nahm zu. „Kutadgu Bilig“ (11. Jahrhundert), das von Religion, Staat, Politik und Erziehung handelt, war das erste Werk der türkischen Literatur nach der Annahme des Islams. Neben dem von al-Kāschgharī (auf Arabisch) verfassten Wörterbuch der türkischen Sprache, dem „diwān lughāt at-turk“, das 7.500 Wörter aus verschiedenen türkischen Dialekten enthält, ist es ein wichtiges Zeugnis der türkischen Sprache jener Zeit. Weitere wichtige Personen für die zentralasiatische türkische Literatur waren Ali Şir Nevai und der Großmogul-Schah Babur: Nevai wegen seiner Gedichte, Wörterbücher und Werke über die Sprache, Babur vor allem aufgrund seines autobiografischen Werks „Vekayi Babürname“.

Ab dem 11. Jahrhundert bildete sich bei den Türken, die sich in Anatolien niederließen, das Türkei-Türkische heraus. Der islamische Einfluss hielt vom 11. Jahrhundert bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts an. In dieser Zeit kann die Entwicklung der türkischen Literatur in zwei Hauptgruppen unterschieden werden: die Diwan-Literatur und die – oft von Erzählern (Meddah) vorgetragene – Volksliteratur.

Das bekannteste Werk aus rum-seldschukischer Zeit ist das Ġarībnāme („Buch des Seltsamen“) des Sufi-Scheichs ʿĀšiq Pascha (ʿAlī bin Muḫliṣ, 1272–1332). Es besteht aus über 10.000 Doppelversen (Masnawī), die in zehn Kapitel (bāb), diese wiederum in zehn Unterkapitel eingeteilt sind. Jedes Kapitel beschäftigt sich mit einem Thema, das mit seiner jeweiligen Zahl zusammenhängt. So werden im 4. Kapitel unter anderem die vier Elemente und im 5. Kapitel die fünf Sinne abgehandelt. Die Themen sind moralischer und philosophischer Natur. Das Grab (Türbe) des in der Nachfolge von Dschalal ad-Din ar-Rumi (1207–1273) stehenden Dichters in Kırşehir wurde zu einem Pilgerort.[1]

Noch aus vorosmanischer Zeit stammt das Epos von Gesser Chan, das als größter zentralasiatischer Epenzyklus in tibetischer, mongolischer und türkischer Sprache bekannt ist. Das große türkische Volksepos ist „Dede Korkut“, das von dem Kampf der Turkstämme gegeneinander und gegen das christliche Oströmische Reich berichtet. Es wurde vermutlich im 15. Jahrhundert niedergeschrieben. Diesem Werk ähnelt auch der „Volksroman“ von Seyyid Battal Ghazi aus dem 13. Jahrhundert, der neben türkischen auch arabische und persische Einflüsse enthält und in märchenhafter Weise Epen aus der Frühgeschichte des osmanischen Reiches wiedergibt.

Osmanische Zeit[Bearbeiten]

Der Diwan-Dichter Fûzulî (um 1495–1556)

Die Literatur des osmanischen Reichs lässt sich in vier Abschnitte periodisieren. Die Altosmanische Literatur umfasst alle Werke bis ca. zur Eroberung Konstantinopels 1453. Darauf folgt die Zeit der Klassisch-osmanischen Literatur bis ca. 1600. Kennzeichnend ist, dass Istanbul das neue geistige Zentrum des Landes wird. Gleichzeitig steigt der arabisch-persische Einfluss. Mit dem Beginn des Niedergangs des Osmanischen Reiches beginnt die sogenannte "nachklassische Zeit". Mit dem Edikt von Gülhane ("Hatt-ı Şerif") beginnt die Zeit der Moderne und der Einfluss der europäischen Literatur.

Altosmanische Literatur[Bearbeiten]

Einer der ersten bekannten Vertreter türkischer Literatur war der Mystiker Yunus Emre, der im 13. Jahrhundert die Derwisch-Dichtung begründete und sowohl die höfische als auch die Volkskultur inspirierte. Ihm werden eine Vielzahl von Volksliedern zugeschrieben.

Klassisch-osmanische Literatur[Bearbeiten]

Die Literatur des Osmanischen Reiches war von islamischen Mystikern dominiert und orientierte sich besonders an der persischen Literatur, so zum Beispiel die Ghasel-Dichtung von Fuzūlī im 16. Jahrhundert. Die Inhalte sind vor allem Lobpreisungen weltlicher und geistlicher Autoritäten und Liebeslyrik. Dabei ist die Sprache vom Vokabular und dem Versmaß her ausgefeilt – und gleichermaßen festgefügt. Die höfische Literatursprache (siehe Osmanische Sprache) bestand bis zu ca. 80 % aus arabischen und persischen Wörtern. In dieser Form war sie nur den gebildeten Schichten des osmanischen Reiches zugänglich. Als Höhepunkt des persischen Einflusses gilt das Werk des Dichters Nergisi. Danach setzte langsam eine schrittweise Vereinfachung der Sprache ein.

Eine besondere Bedeutung hatten auch die Reiseschilderungen Evliya Çelebis (1611–1682), die zu den großen Reiseberichten der Weltliteratur gehören.

Moderne[Bearbeiten]

Mit der Tanzimat-Periode Mitte des 19. Jahrhunderts werden wie in der Politik auch in der Literatur westliche Einflüsse stärker. Nachdem westliche Literatur verstärkt ins Türkische übersetzt wurde, erscheinen in den 1870er Jahren die ersten türkischen Romane. Als erstes türkisches Werk dieser Literaturgattung gilt Sami Frashëris Buch Ta'aşşuk-ı Tal'at ve Fitnat („Die Liebe von Tal’at und Fitnat“) von 1872.[2] Eine besondere Rolle nimmt bei der Modernisierung die Zeitung Servet-i Fünûn („Schatz des Wissens“) mit dem Dichter Tevfik Fikret und dem Romancier Halid Ziya Uşaklıgil ein. Zugleich kommt auch eine nationalistische und patriotistische Dichtung auf.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Übersetzungen moderner türkischer Literatur ins Deutsche vorgenommen. Pioniere dabei waren der Orientalist Georg Jacob, quasi der Begründer der modernen Turkologie in Deutschland, und der in Istanbul lebende Journalist und Philologe Friedrich Schrader, der auch zahlreiche Übersichtsartikel über moderne türkische Literatur in deutschen Zeitungen und Zeitschriften verfasste.

Mündlich überlieferte Literatur[Bearbeiten]

Daneben entwickelte sich eine Volksliteratur, die besonders aus Volksliedern und Geschichten von volkstümlichen Helden wie Keloğlan und Nasreddin Hoca besteht (entfernt vergleichbar mit Till Eulenspiegel).

In Deutschland veröffentlichte Elsa Sophia von Kamphoevener türkische Volksmärchen, die sie seit 1951 in deutschen Rundfunkanstalten erzählt hatte.

Türkische Republik[Bearbeiten]

Mit der Ausrufung der Republik und der atatürkschen Reformen, besonders der Einführung der lateinischen Schrift 1928 und der großen Sprachreform ab 1932 kam es zu revolutionären Veränderungen in der türkischen Literatur. Die neuen Schriftsteller wandten sich von der herkömmlichen festgefügten Stilistik und Sprache ab. Dieses wurde besonders von den Garip-Dichtern um Orhan Veli propagiert.

Mit der Form veränderten sich zunehmend auch die Inhalte der türkischen Literatur. Beispielsweise Fakir Baykurt, Sabahattin Ali und Yaşar Kemal stellten die Dorfbevölkerung in den Mittelpunkt, Sait Faik und Hasan Ali Toptaş die Stadtmenschen. Mit der Hinwendung zur Schilderung der Lebensumstände blieb soziale und politische Kritik am Staat nicht aus. Der Staat reagierte mit Zensur und politischer Gewalt. Autoren wie Nâzım Hikmet, Yaşar Kemal oder Aziz Nesin verbrachten wegen der Verfolgung ihrer Publikationen viele Jahre in türkischen Gefängnissen. Kemal bezeichnete das Gefängnis deshalb als „Schule der türkischen Literatur“.

In der türkischen Poesie der 1950er Jahre taten sich die Bewegungen Garip und Zweite Neue hervor. Einer der bedeutendsten türkischen Lyriker des 20. Jahrhunderts war Fazil Hüsnü Daglarca, von dem auch mehrere Gedichtbände in deutscher Übersetzung erschienen sind.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine sentimentalistische populär-kommerzielle Literatur. Güzide Sabri Aygün veröffentlichte als erste populäre Liebesromane (z.B. منوّر Münevver von 1901). Diese Tradition wurde in der Republikperiode der Türkei fortgesetzt von Kerime Nadir, Muazzez Tahsin Berkand, Mükerrem Kamil Su, Cahit Uçuk, Mebrure Sami Koray, Nezihe Muhittin, Peride Celal.[3][4]

Obwohl Zensur und die drei Militärputsche (1960, 1971 und 1980) die Entwicklung der türkischen Literatur hemmen, gibt es heute eine sehr vielfältige und eigenständige türkische Literatur.

Ein bekannter Vertreter aktueller türkischer Literatur ist Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk (Das schwarze Buch 1991, Schnee 2005).

Türkische Literatur im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten]

Mit den Arbeitsmigranten kamen in den 1960er Jahren türkische Literatur und türkischstämmige Schriftsteller auch nach Westeuropa. Bücher wurden verstärkt übersetzt. Aras Ören, Yüksel Pazarkaya oder Emine Sevgi Özdamar befassten sich auf unterschiedliche Weise mit dem Leben in Deutschland. Teilweise wird dieses heute auch als deutsch-türkische Literatur bezeichnete Schrifttum auch wieder in die Türkei zurückgetragen.

Einem breiteren Publikum in Deutschland bekannt sind von den türkischen Schriftstellern vor allem der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk sowie Nâzım Hikmet und Yaşar Kemal, der 1997 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. Die prominenten deutsch-türkischen Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Emine Sevgi Özdamar, Zafer Senocak und Yadé Kara zählen zur deutschsprachigen Literatur, da sie original auf Deutsch schreiben und publizieren. Die lebhafte zeitgenössische Literatur-Szene der Türkei ist der deutschen Leserschaft weitgehend unbekannt.

Zu den Verlagen im deutschsprachigen Raum, die sich unter anderem auf türkische Literatur in deutscher Übersetzung spezialisiert haben, zählen Literaturca (Frankfurt am Main), Manzara (Pfungstadt), die Berliner Verlage Dağyeli und binooki, der in Norddeutschland angesiedelte Verlag auf dem Ruffel sowie der Züricher Unionsverlag mit seiner Reihe Die türkische Bibliothek.

Jeweils Ende März findet seit 2011 das türkische Literaturfestival „Dil Dile“ in der Berliner Volksbühne statt.[5][6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Beatrix Caner: Türkische Literatur – Klassiker der Moderne. Olms, Hildesheim 1998, ISBN 3-487-10711-2.
  • Priska Furrer: Sehnsucht nach Sinn. Literarische Semantisierung von Geschichte im zeitgenössischen türkischen Roman. Reichert, Wiesbaden 2005, ISBN 3-89500-370-0.
  • Wolfgang Günter Lerch: Zwischen Steppe und Garten. Türkische Literatur aus tausend Jahren. Allitera, München 2008, ISBN 978-3-86520-324-3.
  • Mark Kirchner (Hrsg.): Geschichte der türkischen Literatur in Dokumenten. Hintergründe und Materialien zur türkischen Bibliothek. Harrassowitz, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-447-05790-5.
  • Berna Moran: Der türkische Roman. Eine Literaturgeschichte in Essays. Band 1: Von Ahmet Mithat bis A. H. Tanpınar. Aus dem Türkischen übersetzt von Béatrice Hendrich. Harrassowitz, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-447-06658-7.
  • Brigitte Moser, Michael Weithmann: Landeskunde Türkei. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. Hamburg 2008. ISBN 978-3-87548-491-5, Kapitel 6: Literaturgeschichte, S. 206-268.
  • Wolfgang Scharlipp: Origin and Development of Turkish Crime Fiction. Readings in Eastern Mediterranean Literatures. Ergon Verlag, Würzburg 2006, S. 189–220. ISBN 3899135075.
  • Michaila Stajnova: Neue Richtungen im künstlerisch-literarischen Schaffen der osmanischen Türkei zu Beginn des 18. Jahrhunderts. In: Gernot Heiss, Grete Klingenstein (Hrsg.): Das Osmanische Reich und Europa 1683 bis 1789: Konflikt, Entspannung und Austausch. Oldenbourg, München 1983, ISBN 3-486-51911-5, S. 179–193.

Weblinks[Bearbeiten]

Bibliothekarische Ressourcen
Forschung und Debatten

Einzelnachweise, Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Franz Taeschner: Die osmanische Literatur. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung. Fünfter Band. Erster Abschnitt. Turkologie. Brill, Leiden 1982, S. 271f
  2. Allerdings wurden auch andere Werke mit diesem Titel bedacht. Vgl. hierzu z.B. Wolfgang Scharlipp: “The Problem of who wrote the first Turkish Novel”, in: Materialia Turcica, Bd. 25 (2005).
  3. Mediha Göbenli Zeitgenössische türkische Frauenliteratur - S. 48
  4. Oğuz Cebeci in Journal of Modern Turkish Studies - the literature of the sentimentalist women writers of the early to mid-Republican period, such as Muazzez Tahsin Berkand and Kerime Nadir
  5. http://www.dildile-literaturfestival.com
  6. Also machen wir’s selbst, Der Tagesspiegel vom 16. März 2012