Schloss Schwöbber

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Schloss Schwöbber

Schloss Schwöbber ist ein dreiflügeliges Wasserschloss bei Aerzen-Königsförde in der Nähe von Hameln in Niedersachsen. Es ist einer der bedeutendsten Bauten der Weserrenaissance, war einst berühmt für seine Gartenanlagen und wird heute als Hotel genutzt.

Baugeschichte[Bearbeiten]

Schwöbber, Merian-Ansicht, 1654
Eingangsbereich (Torflügel)
Ansicht vom Park aus

Ab etwa 1510 bis 1919 gehörte das Gut Schwöbber dem bekannten niedersächsischen Adelsgeschlecht der Münchhausen, der auch der berühmte Lügenbaron entstammt. 1510 werden Stacius von Münchhausen, Pfandinhaber der Amtsburg Aerzen, sowie seine Brüder als Lehnsleute des St. Bonfatiusstifts zu Hameln mit 3 Meierhöfen zu Schwöbber genannt. Stacius' vierter Sohn, Hilmar von Münchhausen, königlich spanischer Obrist im Dienste Philipps II., wird als Söldnerführer zu einem der reichsten Männer seiner Zeit. Er und seine Söhne Statius (1555–1633) und Hilmar der Jüngere (1558–1617) gehören zu den großen Bauherren der Weserrenaissance; als ihre Hauptwerke errichten sie neben Schwöbber die Schlösser Leitzkau, Bevern und Wendlinghausen.

Nachdem er den Pfandbesitz am Amtsschloss[1] in Stolzenau im Jahre 1562 zu Geld gemacht hat (er behält dort nur einen Burgmannshof), erwirbt der Obrist Hilmar 1564 das ehemalige Kloster Leitzkau bei Magdeburg zu freiem Eigentum und beginnt in den darauf folgenden Jahren mit dem Umbau zu einem Schloss. Ebenfalls 1564 erhält er – nach langen Verhandlungen – die Belehnung mit Schwöbber als neu immatrikuliertem Rittergut nebst der landesherrlichen Bewilligung, dort einen vererbbaren adeligen Sitz zu errichten. Dazu müssen vier Höfe umgesiedelt werden, deren Besitzer ein Stück weiter ins Tal ziehen, wobei sie ihre Fachwerkhäuser mitnehmen. Einer davon heißt Schwöbber und dieser Name bleibt dem neuen Edelhof. Ab etwa 1566 plant der Hamelner Baumeister Cord Tönnies den Schlossbau, der noch vor dem Tode Hilmars im Jahre 1573 mittels Drainage, Planierung und Ausschachtung, vielleicht auch schon Aufmauerung, begonnen und dann von seiner Witwe Lucia von Reden 1574–78 mit der Errichtung des Mitteltrakts ausgeführt wird. Hilmar übernimmt 1570 die Pfandschaft am gräflich Hoya'schen Schloss Steyerberg mit der Domäne Kloster Schinna, wo er 1573 stirbt. Etwas später gelingt es seiner Familie, das geringe Ackerland der Bauernhöfe in Schwöbber um 16 1/2 Hufe zu erweitern und im Tausch das Dorf Grupenhagen dazuzugewinnen.

Bei der Erbteilung der Söhne 1574 erlost der vierte Sohn, Hilmar der Jüngere von Münchhausen (1558–1617), das Gut Schwöbber sowie den Burgmannshof zu Rinteln, den der Obrist Hilmar und seine Brüder 1527 als schaumburgisches Lehen erworben hatten. 1588 baut er den Torflügel, 1602–1607 den nördlichen Teichflügel an. Über der Toreinfahrt befindet sich ein Doppelwappen Münchhausen, nämlich das der schwarzen Linie Hilmars des Jüngeren und das der weißen Linie seiner Frau Dorothea (1568–1624), einer Schwester des Ludolf von Münchhausen auf Hessisch Oldendorf sowie des Claus auf Apelern und des Otto, Erbauers von Schloss Schwedesdorf in Lauenau.

Historische Ansicht der Schloss- und Gartenanlagen in Schwöbber. Aus: „Nürnberger Hesperiden“, 1714
Historischer Grundriss der Schloss- und Gartenanlagen in Schwöbber. Aus: „Nürnberger Hesperiden“, 1714
Ananas-Denkmal und Park 2008
Der 1908 ausgebrannte und nach 1920 restaurierte Teichflügel
Allianzwappen der Eheleute Hilmar d. J. von Münchhausen aus dem Hause Rinteln (1558–1617), schwarze Linie, und Dorothea von Münchhausen (1568–1624) aus dem Hause Apelern-Lauenau-Oldendorf, weiße Linie, am Torhaus

Dem Schloss samt Zehntscheune und umgebender Wassergräben war ursprünglich ein Wirtschaftshof vorgelagert, so dass die Anlage auch nach der vierten Seite abgeschlossen war. Eine der Töchter Hilmars des Jüngeren, Hedwig, heiratete 1607 Gerhard Clamor von dem Bussche; das Ehepaar baute sich auf dessen Gut Hünnefeld im Osnabrückischen ein neues Schloss nach dem Vorbild Schwöbbers, freilich in schlichten Barockformen anstelle des Renaissancedekors.

Im Jahr 1668 ging Schwöbber an die Enkel Hilmars des Jüngeren, Otto I. von Münchhausen (1643–1717) und seinen Bruder Burchard, über; ab 1690 gehörte es Otto allein. Um 1700 wurde ein noch der Renaissance verhafteter Garten angelegt. Der Garten in Schwöbber war zu damaliger Zeit so bekannt, dass er 1714 auch in dem Kupferstichwerk „Nürnbergische Hesperides“ des Kaufmanns Johann Christoph Volkamer beschrieben und abgebildet wurde. Für das Jahr 1715 ist bekannt, dass der russische Zar Peter I., der Große zu Gast in Schwöbber war, da er sich für die zur damaligen Zeit größte Pflanzensammlung Europas und die Orangerie mit ihrer Ananaskultur interessierte.

1717 erbte Ottos Schwiegersohn und Neffe Friedrich von Münchhausen Schwöbber, 1741 dessen Sohn Landdrost Otto II. von Münchhausen (1716–1774), der sich wissenschaftlich mit Obst- und Gartenbau befasste, Autor des damals verbreiteten gartenbaulich-landwirtschaftlichen Lehrbuches „Der Hausvater“ war, als Begründer der Agrarwissenschaft gilt und über die aktuellen Strömungen der Gartenkunst bestens informiert war. Er wandelte den Schlosspark 1750 in einen der frühesten Englischen Landschaftsgärten Kontinentaleuropas (und nach bisherigem Forschungsstand wohl den frühesten deutschen) von etwa acht Hektar Ausdehnung um. Zedlers Universallexikon von 1743 berichtet vom „curiosen Münchhausischen Garten“, „woselbst man die schönsten und rarsten ausländischen Gewächse aus Ost- und Westindien zu sonderbarer Ergötzung beschauen kann: Ananas, Caffee-Bäume, Dattel, Mastix, zweyhundert Arten von Pomerantzen …“.[2] Die Baumschule Otto von Münchhausens war eine der bedeutendsten der damaligen Zeit; sie besaß als eine der ersten in Deutschland Gehölze aus Nordamerika. Der Freund Carl von Linnés erkannte bereits, dass die englischen Parks nicht ohne weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragbar waren:

„Man kann fürstliche Gärten nach der Art der englischen Parks anlegen; wenn wir deutschen Edelleute ihnen aber folgen und unsere Güter zu Parks machen wollten, so müßten wir auch so viele tausend Pfund von unsern Plantagen in Westindien zu erheben haben.“[3]

Ottos Tochter Sidonie heiratete 1766 Johann Friedrich von Veltheim (1731–1800) auf Destedt im Braunschweigischen, wo sie ab 1768 – nach dem Vorbild des Schwöbberschen Parks – den dortigen kleinen Französischen Garten zu einem weitläufigen Landschaftspark erweiterten, unter Mitarbeit des Gärtners Lenke aus Schwöbber. Dieses übernahm 1774 Sidonies Bruder, der Hamelner Landrat Otto III. von Münchhausen (1753–1828), dessen Ehefrau Wilhelmine von Reden aus Hameln 1815 von ihrem Bruder, dem preußischen Bergwerksminister Graf Reden, die schlesischen Besitzungen um Niederschwedeldorf erbte, die dann an ihre Tochter und deren Ehemann, Ottos III. Neffen Adolf von Münchhausen aus Stolzenau, fielen.

Ottos III. Sohn, Otto IV. (1786–1853) ließ 1840 in Schwöbber die Schlosskapelle errichten. Die im Stil der Neorenaissance ausgestattete Kapelle ist eines der frühesten Beispiele für das Aufgreifen regionaler Renaissanceformen, etwa zehn Jahre bevor dies im Schloss Schwerin zu einem ersten Höhepunkt gelangte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war Schloss Schwöbber ein Zentrum des regionalen kulturellen Lebens und wurde zu einem touristischen Ziel. Ottos IV. Bruder und Erbe August (1798–1861) ließ jedoch die berühmten Gewächshäuser in Schwöbber eingehen. Dessen Sohn Johann (1838–1919) verpachtete Schwöbber und kaufte Grund und Boden in Slowenien an. 1900 trat er es an seinen Neffen Burchard (1867–1940) ab, 1907 kam es unter Zwangsverwaltung der Ritterschaft, 1908 brannte der Teichflügel durch einen Blitzschlag aus und 1920 wurden Gut und Schloss, die seit 1511 im Besitz der Familie Münchhausen gewesen waren, für 126.000 Goldmark (1,5 Millionen Mark Inflationswert) verkauft. Ein Vetter des letzten Besitzers schrieb: "Ein Jahrhundert Schwöbber kenne ich... Hohen Glanz des Hauses sah ich. Im Trödlerladen endeten 16 Möbelwagen voll Schwöbber."[4]

Der Erwerber, Eduard Meyer (1859–1931), Pächter eines Saatgutbetriebs in Friedrichswerth, baute den ausgebrannten Teichflügel wieder auf und ließ in den Jahren von 1920 bis 1922 die Inneneinrichtung durch die Architekten Wangenheim und Lübke und den Maler Oscar Wichtendahl in eklektizistischer Weise umgestalten (mit Anleihen beim Mittelalter, Barock, Rokoko, Empire, Klassizismus und Symbolismus), wodurch – neben einigen Bränden, die weiteres zerstörten – heute nur noch der geringste Teil im Originalzustand erhalten ist. Auch die Gestaltung der 1920er Jahre steht jedoch inzwischen unter Denkmalschutz.

Während des Zweiten Weltkriegs war ab 1943 ein Teil der Kunstwerke der Kunsthalle Bremen in Schloss Schwöbber ausgelagert. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es zeitweise als Lehrerfortbildungsheim. Von 1985 bis 2002 wurde es als Clubhaus und Hotel des Golfplatzes Schloss Schwöbber genutzt. Im Oktober 1992 kam es erneut zu einem Großbrand im Mittelflügel. 2002 erwarben Ursula und Friedrich Popken, die Inhaber der Mode-Boutiquen-Kette „Ulla Popken“, das inzwischen einsturzgefährdete Gebäude und restaurierten und modernisierten das Schloss für 35 Millionen Euro. Im Jahr 2004 wurde dort das 5-Sterne-Schlosshotel Münchhausen eröffnet.

Kriegszerstörungen im Jahre 1945 sowie mangelnde Pflege und nachteilige Eingriffe nach 1960 führten zu einer fast vollständigen Aufhebung der einstigen historischen Struktur und Bedeutung der Parkanlagen. Die 2003 begonnene Wiederinstandsetzung orientierte sich an den Plänen der Architekten Heinrich Zeininger und Jürgen von Wangenheim (1875–1956; aus Wunstorf; Sohn des Walrab von Wangenheim (DHP)[5]) aus der Zeit um 1920. Das ehemalige Wegenetz konnte erst durch gründliche, archäologische Aufgrabungen wieder sichtbar gemacht werden. Nach der Beseitigung des in fast 50 Jahren entstandenen Wildwuchses sind auch die alten Blickachsen wieder frei und lassen die besondere Qualität der Anlage als Landschaftspark erkennen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Joachim Tute (Verf.), F. Popken (Hrsg.): Schloss Schwöbber: Geschichte und Gegenwart. Quensen, Hildesheim / Lamspringe 2005, ISBN 3-922805-89-2.
  • Bernhard Schelp: Die baulichen Veränderungen an Schloß Schwöbber. In: „… zur zierde und schmuck angelegt …“. (Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland; 22) 1996, S. 109–138.
  • Claus Bieger: Schloß Schwöbber: aus der Geschichte eines Kulturdenkmals. In: Niedersächsische Denkmalpflege, 15.1991/1992(1995), S. 73–80.
  • Marcus Köhler: Frühe norddeutsche Landschaftsgärten zwischen 1750 und 1770: die Landschaftsgärten und Parks von Schwöbber, Harbke und Marienwerder. Berlin, Freie Univ., Magisterarbeit, 1992.
  • Marcus Köhler: „Wenn wir erst einen ins Wilde angelegten Garten zu sehen gewohnt sind …“ Die frühen Landschaftsgärten von Harbke und Schwöbber. In: Die Gartenkunst, Jg. 5/1993 Heft 1, S. 101.
  • Ernst Andreas Friedrich: Das Schloß Schwöbber, S. 182-184, in: Wenn Steine reden könnten. Band IV, Landbuch-Verlag, Hannover 1998, ISBN 3-7842-0558-5.
  • Gebhard von Lenthe u. Ernst Mahrenholtz: Stammtafeln der Familie von Münchhausen, Teil II (Textband), Rinteln 1976.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schloss Schwöbber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rekonstruktionszeichnung des abgegangenen Schlosses Stolzenau in Stolzenau/Weser von Wolfgang Braun
  2. Titel. In: Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste. Band 36, Leipzig 1743, Spalte 549.
  3. O.v. Münchhausen: Der Hausvater, 1. Teil. 3. Aufl., Hannover, 1771, S. 2.
  4. Stats von Wacquant de Geozelles (Sohn von Johann von Münchhausens Schwester Anna) in einem Brief vom 22. Februar 1928 an den Dichter Börries Freiherr von Münchhausen, zitiert nach Lenthe und Mahrenholtz, Stammtafeln der Familie von Münchhausen, Heft 36 (Biographischer Textteil) der Schaumburger Studien, Verlag C. Bösendahl, Rinteln 1976, S. 293
  5. http://www.royalblood.co.uk/D1126/I1126769.html

52.0690833333339.2517333333333Koordinaten: 52° 4′ 9″ N, 9° 15′ 6″ O