Schwedische U-Boot-Affäre

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Als schwedische U-Boot-Affäre (schwed.: Ubåtskränkningar, U-Boot-Verletzungen) wird eine Reihe von Vorfällen betreffend ausländische U-Boote in schwedischen Hoheitsgewässern während der Spätphase des Kalten Kriegs, vor allem den 1980ern, bezeichnet. Die Vorfälle lösten in Schweden eine Debatte über eine mögliche Infiltration schwedischer Hoheitsgewässer durch sowjetische U-Boote aus.

Obwohl es bereits vor den 1980ern mehrere Vorfälle ausländische U-Boote in schwedischen Gewässern betreffend gab, werden unter dem Begriff der schwedischen U-Boot-Affäre Vorfälle, die sich nach der Strandung des sowjetischen U-Boots S-363 (unoffizielle schwedische Bezeichnung U-137) tief in schwedischen Gewässern am 27. Oktober 1981 zutrugen, bezeichnet. Die schwedische Marine reagierte mit verstärkten Patrouillen, Minenlegungen und elektronischen Überwachungsmaßnahmen sensibler Passagen. Mehrmals wurden mutmaßliche U-Boote mit Unterwasserbomben verfolgt und angegriffen, dabei kam es weder zu Treffern noch zu Aufbringungen.

Berichte über neue Sichtungen und Fernsehaufnahmen von schwedischen Marinehubschraubern, die Unterwasserbomben in küstennahe Gewässer abwarfen, häuften sich in den späten 1980ern. Die Episode wird in Schweden als ikonisch für den Kalten Krieg und die schwedischen Beziehungen zur Sowjetunion wahrgenommen. Die Berichte über das Eindringen von U-Booten in schwedischen Gewässer wurden zum Teil angezweifelt. Es entwickelte sich eine Debatte, deren Fronten zwischen den Trennlinien von Links und Rechts verliefen. Die Diskussion wurde von der Frage der Beziehungen zu Russland und der Gegenständlichkeit der schwedischen Neutralität beeinflusst. Die Sowjetunion dementierte die Verantwortung für allfällige Grenzverletzungen und gab an, dass sich S-363 aufgrund eines Navigationsfehlers in schwedische Gewässer verirrt hätte. Russland behält diese Position bei. Obwohl die Vorfälle mit dem Fall der Sowjetunion ein Ende fanden, läuft die Debatte weiter. Die schwedische U-Boot-Affäre war Gegenstand mehrerer Untersuchungen und zieht nach wie vor Medienaufmerksamkeit auf sich.

Liste von schweren bekannten Vorfällen[Bearbeiten]

  • 1962: Während einer Übung des schwedischen Militärs wurde ein U-Boot durch Radar und Hydrophone nördlich von Fårö in Gotland geortet. Es zog sich nach mehreren Abwürfen von Wasserbomben zurück.[1]
  • Herbst 1969: Während einer Marineübung an der Küste von Norrland kam das schwedische U-Boot HSwMS Springaren in direkten Kontakt mit einem ausländischen U-Boot, das den Ort des Geschehens verließ.[2]
  • 1973: Die schwedische Küstenwache sichtete nahe Kappelhamnsviken auf Gotland das Periskop eines U-Boots. Ein Zerstörer wurde zum Ort des Geschehens entsandt und nahm Kontakt zum U-Boot auf, das daraufhin die schwedischen Hoheitsgewässer verließ.[1]
  • Herbst 1976: Während einer Marineübung im Archipel von Stockholm wurde ein sowjetisches U-Boot des Typs W außerhalb schwedischer Gewässer anhand seines Radarsignals identifiziert. Ein schwedisches U-Boot stellte fest, dass das sowjetische U-Boot in schwedische Gewässer eindrang und nahm Geräusche auf. Nach der Annäherung von schwedischen U-Bootjagdhubschraubern und Zerstörern verließ das sowjetische U-Boot die schwedischen Gewässer.[3]
  • 18. September bis 6. Oktober 1980: Das schwedische Schleppschiff Ajax sichtete den Turm eines U-Boots bei Utö im Archipel von Stockholm. U-Bootjagdhubschrauer wurden entsandt, nahmen Kontakt auf und gaben Warnschüsse ab. Das U-Boot verblieb vor Ort und ergriff Maßnahmen zur Verschleierung seiner Position. Die schwedische Marine versuchte über mehrere Wochen hinweg, das U-Boot aufzubringen. Obwohl es mehrmals gesichtet wurde, konnte das U-Boot entkommen.[1][4]
  • 27. Oktober 1981: Die Strandung von S-363: Am Abend des 28. Oktober 1981 zeigte ein im östlichen Teil des Archipel von Karlskrona wohnhafter Fischer bei der Küstenwache telefonisch die Strandung eines U-Boots in Gåsefjärden, 30 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Karlskrona an. Die Meldung wurde ursprünglich in Zweifel gezogen, da die lokalen Gewässer als schwierig zu befahren gelten. Vor Ort wurde festgestellt, dass es sich bei dem gestrandeten Wasserfahrzeug um ein sowjetisches U-Boot handelte. Die Position wurde von schwedischen Truppen gegen eine mögliche Aktion der Sowjetunion zur Wiederflottmachung des U-Boots abgesichert. Nach mehreren Befragungen der Besatzung entschied die Regierungskoalition der Konservativen und der Liberalen Partei die Freigabe des U-Boots und seiner Besatzung. Dieser Vorfall markiert den Beginn der schwedischen U-Boot-Affäre.
  • 1. - 13. Oktober 1982: Der Vorfall von Hårsfjärden. Nach einer längeren Serie kleinerer Vorfälle legte die schwedische Marine eine Falle aus, indem sie in einem Gewässerabschnitt Minen und Sensoren ausbrachte. Ein ausländisches U-Boot betrat die Falle und löste die Reaktion der vor Ort stationierten Marinekräfte aus. Laut Berichten detonierten 33 Wasserbomben und 4 Minen. Das U-Boot entkam der Falle, kurz nachdem es in diese eindrang. Infolge des Vorfalls wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Sven Andersson eingesetzt, der in Übereinstimmung mit Carl Bildt die Sowjetunion als verantwortlich für den Vorfall ausmachte. Spätere Untersuchungen zogen die Schlüsse der Untersuchungen in Zweifel und vermuteten, dass ein ziviles Schiff mehrere aufgezeichnete Geräusche verursacht haben könnte. [5] Einzelne Positionen vermuten hinter dem Vorfall eine Verschwörung der NATO.[6]
  • 4. Mai 1983: Ein mutmaßliches U-Boot wurde in Törefjärden, nördlich von Luleå gesichtet, Minen wurden ausgelöst.
  • Mai 1983: Außerhalb von Sundsvall nahmen Hubschrauber Kontakt zu einem ausländischen U-Boot auf. Warnschüsse konnten nicht abgegeben werden, da zivile Journalisten in die Sicherheitszone um das U-Boot eindrangen. [7]
  • Sommer 1983: In Töreviken wurde ein U-Boot gesucht..
  • August 1983: Im Hafen von Karlskrona und im angrenzenden Archipel wurde ein U-Boot gesucht. Wasserbomben wurden im Hafen von Karlskrona abgeworfen.
  • 9.-29. Februar 1984. In Karlskrona kam es zu einer weiteren U-Boot-Jagd. 22 Wasserbomben wurden abgeworfen.
  • Frühsommer 1986: Das Abtauchen eines unidentifizierten Objekts wurde bei Klintehamnsviken auf Gotland beobachten. Bei einer Untersuchung des Meeresbodens wurden zwei Kettenspuren auf einer Länge von 1100 Metern festgestellt.
  • Sommer 1987: Bei einer Überprüfung von Magnetsensoren eines Minenfelds bei Kappelshamnsviken auf Gotland wurden durch das schwedische Militär „Klare Spuren eines kettengetriebenen Unterwasserfahrzeugs auf dem Meeresboden“ entdeckt.
  • Frühsommer 1988: Ein mutmaßlich ausländisches U-Boot wurde in Hävringebukten bei Oxelösund festgestellt. Geräusche des U-Boots wurden aufgezeichnet.
  • 13. April 2011: Ein mögliches ausländisches U-Boot wurde in Baggensfjärden bei Nacka geortet. Die Abteilung MTS-M2 der schwedischen Armee untersuchte den Vorfall.[8] Das Objekt konnte im Rahmen der Untersuchung als ein von Eis umgebenes Kanu identifiziert werden.[9]
  • 11. September 2011: Eine Person kontaktierte die Streitkräfte aufgrund einer Wahrnehmung außerhalb des Hafens von Göteborg. Die Marine entsandte mehrere Schiffe zur Ortung des unbekannten Objekts.[10][11]
  • 17. Oktober 2014. Eine umfangreiche Operation wurde zur Suche eines mutmaßlich beschädigten U-Boots im Schärengarten vor Stockholm gestartet. Verschlüsselte Sendungen auf einer von russischen Einheiten benutzten Notfrequenz wurden aufgezeichnet. Es soll sich um Kommunikation zwischen einem U-Boot und einem Militärstützpunkt in Kaliningrad gehandelt haben.[12][13][14] Kurz darauf räumte das schwedische Militär ein, dass bekannt gegebene Details bewusst falsch dargestellt wurden, um ausländische Dienste über die wahren Erkenntnisse der schwedischen Marine im Unklaren zu lassen.[15]

Kontroverse[Bearbeiten]

Die Ereignisse im Rahmen der U-Boot-Affäre wurden von Politikern und Medien kontrovers diskutiert. Obwohl es eindeutige Beweise für die Aktivität ausländischer Militärkräfte innerhalb schwedischer Hoheitsgewässer gibt (z. B. die Strandung von S-363 oder Kettenspuren am Meeresboden), beruht der Großteil der bekannten Informationen auf den Berichten von Nachrichtendiensten, Radarstationen, Unterwassersensoren und Zeugenaussagen.

Infolge der unvollständigen Beweislage werden die Ausmaße und die Verursacher der Infiltration zum Teil in Zweifel gezogen. Einzelne Positionen sind der Ansicht, dass U-Boote von NATO-Staaten für verschiedenen Vorfälle verantwortlich seien. Diese Positionen vermuten ferner eine geheime Erlaubnis der schwedischen Regierung, dass U-Boote der NATO-Staaten die schwedischen Hoheitsgewässer betreten hätten dürfen, was einen Bruch der schwedischen Neutralität bedeutet hätte. Die Herkunft von aufgezeichneten Geräuschen, die U-Booten zugeordnet werden, ist ebenfalls Gegenstand von Diskussionen. Verschiedenen Positionen ordnen einen Teil dieser Geräusche natürlichen Ursachen, Fischen, Nerzen oder zivilen Wasserfahrzeugen zu.

Kontrovers diskutiert wurde die Frage, ob S-363 die schwedischen Verteidigungslinien ausspionierte (was von der vorgedrungenen Position des U-Boots und der großen Zahl an ähnlichen Vorfällen nahegelegt wird), oder ob sich das U-Boot wie von seinem Kapitän behauptet, verirrte. Unklar blieb, ob das U-Boot mit Atomwaffen ausgerüstet war. Schwedische Militäreinheiten stellten bei der Untersuchung des gestrandeten U-Boots hohe Strahlendosen fest.

Caspar Weinberger äußerte 2000 in einem Interview mit Sveriges Television, dass in Folge der U-Boot-Affäre regelmäßig in Koordination mit der schwedischen Regierung Evaluierung der schwedischen Verteidigungsstrukturen stattfanden.[16] Ola Tunander leitet daraus ab, dass ein großer Teil der eingedrungenen U-Boote den NATO-Staaten zuzurechnen wäre und vermutet eine Maßnahme der psychologischen Kriegsführung mit dem Ziel der Schwächung der schwedischen Neutralität.[17][18]

Kultureller Einfluss[Bearbeiten]

Die Geschehnisse zwischen 1982 und 1983 bilden die Basis für den 2009 veröffentlichten Roman Der Feind im Schatten (Den orolige mannen) von Henning Mankell. Mankell bezeichnet die Affäre als einen der einschneidendsten Vorfälle in der politischen Geschichte Schwedens.[19] Mankells Theaterstück Politik, das im Herbst 2010 uraufgeführt wurde, thematisiert ebenfalls die U-Boot-Affäre.[20]

1984 veröffentlichte ein in Schweden lebender Finne unter dem Pseudonym Klaus Viking den satirischen finnischsprachigen Roman Wahrscheinlich ein U-Boot (Todennäköinen sukellusvene). Der Text wurde später von Paul Jansson unter dem Titel 'Sannolik u-båt' in die schwedische Sprache übersetzt. Der Roman beschreibt die schwedische Kultur und Politik aus der Sicht eines finnischen Immigranten, der eine U-Boot-Attrappe konstruiert und sie durch ein militärisches Sperrgebiet schleppt. Der Text reflektiert die Verwunderung der Nachbarn Schwedens über die wiederholten U-Boot-Jagden.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Christian Allerman: Ubåtsincidenter och främmande undervattensverksamhet - en tillbakablick och ett försök till summering. In: Kungl. Örlogsmannasällskapet (Hrsg.): Tidskrift i Sjöväsendet. Nr. 1, Karlskrona, 2007, S. 35-41.
  2. Bertil Malmberg: Några minnesbilder från ubåtsincidenter. In: Kungl. Örlogsmannasällskapet (Hrsg.): Tidskrift i Sjöväsendet. Nr. 1, 2007, S. 47-48.
  3. Björn Hamilton: En sovjetisk ubåtskränkning i Danziger Gatt år 1976. In: Kungl. Örlogsmannasällskapet (Hrsg.): Tidskrift i Sjöväsendet. Nr. 1, 2007, S. 44-46.
  4. Håkan Neckman: Personliga minnesbilder från ubåtsincidenter. In: Kungl. Örlogsmannasällskapet (Hrsg.): Tidskrift i Sjöväsendet. Nr. 1, 2007, S. 48-51.
  5. Ubåten i Hårsfjärden var skolskepp – 19 Mai 2008
  6. Lars Hansson: De döljer sanningen om ubåtsjakten. In: Expressen, 4. Dezember 2007. 
  7. Emil Svensson: Under den fridfulla ytan. Marinlitteraturföreningen, 2005, ISBN 91-85944-09-2.
  8. Är det en ubåt?. In: Aftonbladet, 5. Juni 2011. 
  9. Lennart Spetz: Marinens rapport: "Ubåt" var en flotte. In: Nacka Värmdö Posten, 26. Mai 2011. Abgerufen am 5. Juli 2011. 
  10. Främmande ubåt i Göteborgs Hamn. Sveriges Television AB. 15. September 2011.
  11. Misstänkt ubåt utanför Göteborg – 15 september 2011
  12. Sweden steps up hunt for 'underwater activity'. In: The Local. Abgerufen am 18. Oktober 2014. 
  13. Sweden boosts forces to search for 'foreign underwater activity'. In: Reuters. Abgerufen am 18. Oktober 2014. 
  14. SvD avslöjar: Skadad rysk ubåt söks i skärgården. In: Svenska Dagbladet. Abgerufen am 18. Oktober 2014. 
  15. Armee machte falsche Angaben (schwedisch), Schwedisches Fernsehen SVT, 20. Oktober 2014.
  16. Intervjun med Weinberger (Version vom 20. März 2004 im Internet Archive), svt.se, 7. März 2000
  17. Ola Tunander: Some Remarks on the US/UK Submarine Deception In Swedish Waters in the 1980s (PDF) International Peace Research Institute, Oslo. Abgerufen am 10. November 2010.
  18. Ola Tunander: The secret war against Sweden: US and British submarine deception in the 1980s. Psychology Press, 24. September 2004, ISBN 978-0-7146-5322-8 (Zugriff am 10. November 2010).
  19. Mankell på väg att lämna deckarna – 11. August 2009. In: Ystads Allehanda, Skånemedia AB, 11. August 2009. Archiviert vom Original am 19. Oktober 2014. 
  20. Palmepjäs av Mankell i Stockholm. In: Dagens Nyheter, Bonnier AB, 17. August 2009. 

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]