Stinkender Gänsefuß

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Stinkender Gänsefuß
Stinkender Gänsefuß (Chenopodium vulvaria), Illustration

Stinkender Gänsefuß (Chenopodium vulvaria), Illustration

Systematik
Ordnung: Nelkenartige (Caryophyllales)
Familie: Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae)
Unterfamilie: Chenopodioideae
Tribus: Chenopodieae
Gattung: Gänsefüße (Chenopodium)
Art: Stinkender Gänsefuß
Wissenschaftlicher Name
Chenopodium vulvaria
L.

Der Stinkende Gänsefuß (Chenopodium vulvaria), auch Stink-Gänsefuß[1] oder Übelriechender Gänsefuß[2] genannt, ist eine Pflanzenart in der Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae). Sie ist in Eurasien und Nordafrika weitverbreitet. Kennzeichnend ist der Geruch nach verwesendem Fisch, daher der Trivialname.

Beschreibung und Ökologie[Bearbeiten]

Vegetative Merkmale[Bearbeiten]

Der Stinkende Gänsefuß ist eine einjährige krautige Pflanze. Er besitzt einen starken, unangenehmen Geruch nach verwesendem Fisch (hervorgerufen durch Trimethylamin); der Geruch hält sich auch bei getrockneten Herbarpflanzen noch über Jahrzehnte und ist besonders intensiv beim Zerreiben der Pflanzenteile wahrnehmbar. Der aufrechte bis niederliegende, bemehlte und nicht rötliche Stängel wird etwa 40 Zentimeter lang und ist gewöhnlich stark verzweigt. Die untersten, aufsteigenden bis niederliegenden, bis 70 Zentimeter langen Seitenzweige wirken durch kurze Blattabstände manchmal fast gegenständig.

Die wechselständigen Laubblätter weisen eine Länge von bis zu 3 Zentimeter und eine Breite von bis zu 1,5 Zentimeter auf und sind 0,8 bis 0,9 Zentimeter lang gestielt. Die Blattspreite ist rhombisch bis oval, mit gestutzter oder verschmälerter Basis und ganzrandig. Sie sind grau mehlig bestäubt, besonders dicht auf der Unterseite; oberseits sind sie graugrün oder selten auch rötlich.

Blütenstand und Blüte[Bearbeiten]

In kurzen endständigen rispigen oder seitenständigen ährigen Gesamtblütenständen stehen in kleinen, fast kugeligen Knäueln (Teilblütenständen) die Blüten zusammen. Vorblätter fehlen. Die Blüten sind meist zwittrig. Die Blütenhülle besteht aus fünf mindestens bis zur Mitte verbundenen, mehligen Tepalen. Die freien Tepalenzipfel sind bei einer Länge und Breite von 0,5 bis 0,7 mm dreieckig mit abgerundetem Rücken. Es sind fünf Staubblätter (bei seitlichen Blüten oft fehlend) und zwei kurze Narben vorhanden.

Die Bestäubung erfolgt in der Regel durch den Wind, selten auch durch Insekten[3]. Die Blütezeit reicht in Deutschland von Juni bis September[3]. Für Pakistan wird eine frühere Blütezeit von April bis Juli angegeben.

Frucht und Samen[Bearbeiten]

Die flach-eiförmigen Früchte fallen zusammen mit der anliegenden Blütenhülle ab. Der horizontale Same ist bei einem Durchmesser von 0,9 bis 1,2 mm linsenförmig mit rundlichem Umriss. Seine braun-schwarze Samenschale ist glatt und weist nur schwache radiale Streifen auf.

Chromosomenzahl[Bearbeiten]

Die Chromosomenzahl beträgt 2n=18, (in einer Untersuchung wurden 2n=36 gefunden[4]).

Inhaltsstoffe und Giftigkeit[Bearbeiten]

Der unangenehme Geruch wird durch Trimethylamin verursacht. Alle Pflanzenteile gelten als wenig giftig.[5]

Hauptwirkstoffe sind Mono-, Di- und Trimethylamin, 1,14 % Betain.[5]

Trimethylamin verursacht in größeren Dosen cerebrale Krämpfe, die in wirklichen Tetanus übergehen können. Weiterhin können beobachtet werden eine Steigerung der Reflexerregbarkeit und eine Blutdrucksteigerung. Der Tod kann durch Atemstillstand eintreten.[5]

Da der Stinkende Gänsefuß wenig Trimethylamin enthält und sehr unangenehm schmeckt, ist eine Vergiftung unwahrscheinlich.[5]

Vorkommen und Gefährdung[Bearbeiten]

Der Stinkende Gänsefuß ist im Mittelmeergebiet (Nordafrika, Südeuropa), in Mittel- und Osteuropa, Südwestasien und Zentralasien heimisch. Eingeführt kommt er auch in Südafrika, Nordamerika und Australien vor. Er ist fast in ganz Europa von der meridionalen bis zur nördlich-gemäßigten Klimazone verbreitet, im Norden tritt er allerdings nur als Adventivpflanze auf[6].

Während er in Mitteleuropa auf das Flach- und Hügelland beschränkt ist, kann er im Iran bis in Höhenlagen von 2800 m gedeihen. Sein Lebensraum sind gestörte Stellen wie Gärten, Äcker und Straßenränder, im Iran auch Ödland, Steppen oder offene Trockenwälder.

In Deutschland wurde der Stinkende Gänsefuß bereits vor Jahrhunderten als Heilpflanze eingeführt und ist aus den Kulturen verwildert (Archäophyt). Er besiedelt hier kurzlebige Ruderalfluren (Verband Sisymbrion), beispielsweise an Wegen, Zäunen oder Mauern, auf Müll- oder Schuttplätzen, auf Hühnerhöfen, Gänseangern oder an offenen Jaucherinnen in alten Dorfkernen. Er ist eine Zeigerpflanze für Wärme und übermäßigen Stickstoffreichtum. Im System der Pflanzensoziologie ist er eine Kennart der Assoziation Chenopodietum vulvariae.[3]

Durch Bebauung, Dorfsanierung, Burgrestaurierung oder Verfugung von Mauern verschwinden heute die Lebensräume des Stinkenden Gänsefußes, so dass die Bestände in Mitteleuropa stark zurückgegangen sind. In Deutschland gilt diese Art als stark gefährdet (Rote Liste gefährdeter Arten 2). In Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Bayern gilt sie als stark gefährdet, in Niedersachsen mit Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg als vom Aussterben bedroht (Rote Liste 1). In Schleswig-Holstein, Hamburg und Berlin ist sie bereits ausgestorben.[7]

Auch in der Schweiz steht Chenopodium vulvaria als gefährdet oder vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste.[8]

Systematik[Bearbeiten]

Die Erstveröffentlichung von Chenopodium vulvaria erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, 1, S. 220.[9]

Synonyme für Chenopodium vulvaria L. sind Chenopodium foetidum Lam. (nom. illeg.), Chenopodium olidum Curtis (nom. illeg.)[6], sowie Atriplex vulvaria (L.) Garsault (nom. inval) und Atriplex vulvularia (L.) Crantz[4].

Nutzung[Bearbeiten]

Chenopodium vulvaria war in der Volksmedizin als Heilpflanze gebräuchlich. Die ganze Pflanze wurde gegen Krämpfe und gegen das Ausbleiben der Menstruation (Amenorrhoe) eingesetzt.[2] Ein Aufguss aus den getrockneten Blättern wurde bei der Behandlung von Nervösen Störungen, Hysterie und Frauenleiden verabreicht.[10]

Die Samen sollen gekocht oder gemahlen essbar sein. Um die schwach giftigen Saponine zu entfernen, ist vorheriges Einweichen und sorgfältiges Abspülen nötig.[10]

Die Pflanze wurde auch als Färbepflanze verwendet und lieferte gold-grüne Farbtöne.[2][10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Steven E. Clemants & Sergei L. Mosyakin: Chenopodium vulvaria - textgleich online wie gedrucktes Werk. In:  Flora of North America Editorial Committee (Hrsg.): Flora of North America North of Mexico. Volume 4: Magnoliophyta: Caryophyllidae, part 1, Oxford University Press, New York/Oxford u. a. 2003, ISBN 0-19-517389-9, S. 299. (Abschnitt Beschreibung)
  •  Henning Haeupler, Thomas Muer: Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz (= Die Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Band 2). Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2000, ISBN 3-8001-3364-4, S. 89. (Abschnitt Vorkommen)
  • Pertti Uotila: Chenopodium vulvaria. In: Karl Heinz Rechinger et al. (Hrsg.): Flora Iranica, Band 172 - Chenopodiaceae. Akademische Druck– und Verlagsanstalt, 1997, ISBN 3-201-00728-5., S. 42-43. (Abschnitte Beschreibung, Vorkommen)
  • Pertti Uotila: Chenopodium vulvaria - textgleich online wie gedrucktes Werk. In: Helmut Freitag et al.: Chenopodiaceae. In: Flora of Pakistan, Vol. 204 - Missouri Botanical Garden Press & University of Karachi, 2001, ISBN 1930723105. (Abschnitt Beschreibung)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag bei Botanik im Bild: Flora von Österreich, Liechtenstein und Südtirol, abgerufen am 14. Dezember 2011.
  2. a b c Trivialnamen und Anwendungen bei Liber Herbarum, abgerufen am 14. Dezember 2011.
  3. a b c Eintrag bei Biolflor, abgerufen am 14. Dezember 2011.
  4. a b Chenopodium vulvaria bei Tropicos.org. Missouri Botanical Garden, St. Louis. Abgerufen am 14. Dezember 2011.
  5. a b c d Lutz Roth, Max Daunderer, Kurt Kormann: Giftpflanzen – Pflanzengifte. Vorkommen, Wirkung, Therapie, allergische und phototoxische Reaktionen. Mit Sonderteil über Gifttiere. 6., überarbeitete Auflage, Sonderausgabe. Nikol, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86820-009-6.
  6. a b Pertti Uotila, 2011: Chenopodiaceae (pro parte majore) . – In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. Chenopodium vulvaria. Eintrag bei Euro+Med Plantbase., abgerufen am 14. Dezember 2011.
  7. Stinkender Gänsefuß. In: FloraWeb.de.
  8. Eintrag in Zentrale Datenbank der Schweizer Flora., abgerufen am 14. Dezember 2011.
  9. Erstveröffentlichung eingescannt bei Biodiversity Heritage Library
  10. a b c Chenopodium vulvaria bei Plants For A Future. Abgerufen am 14. Dezember 2011.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stinkender Gänsefuß (Chenopodium vulvaria) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien