Volksmedizin

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Volksmedizin umfasst das in der Bevölkerung von einer Generation zur nächsten überlieferte Wissen über Krankheiten, Heilmethoden und Heilmittel. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet die in ethnischen Kulturen überlieferte und gepflegte Volksmedizin als traditionelle Medizin. Die Ethnomedizin untersucht weltweit unter anderem die Ethnobotanik und Ethnopharmazie der einzelnen Völker.

Entstehung[Bearbeiten]

Die Entstehung der Volksmedizin reicht zurück bis in die Urgeschichte der Menschheit. Zum frühen Sammeln von Erfahrungen durch reines Ausprobieren − beispielsweise von Heilpflanzen oder von Heilmitteln tierischen oder mineralischen Ursprungs − kamen auch Beobachtungen von Tieren hinzu, die bei Krankheit instinktiv bestimmte Pflanzen fressen.

Schon früh dürften Schlussfolgerungen und theoretische Erwägungen entstanden sein, etwa die bevorzugte Anwendung von Pflanzen mit leberförmigen Blättern bei Leberleiden oder von gelbblühender Pflanzen bei Gelbsucht gemäß der Signaturenlehre. Solche Überlegungen werden von ihren Kritikern als Aberglaube eingeordnet. Leitend ist dabei der Vermutung, dass ähnliche Stoffwechselfunktionen bei Mensch und Pflanze zu Gestaltähnlichkeiten führen; die Gabe einer solchen Pflanze könne beim kranken Menschen zu einer Harmonisierung eben jener Stoffwechselfunktionen führen. Solche Überlegungen führen zur Gewinnung von Hypothesen, die durch die heilkundliche Praxis bestätigt oder widerlegt werden müssen (siehe auch Pflanzenheilkunde). In der Medizin des Altertums finden sich erste schriftliche Quellen auch zur früheren Volksmedizin.

Methoden und Mittel der Volksmedizin[Bearbeiten]

Zu den Heilmethoden gehören seit der Steinzeit auch chirurgische Eingriffe, wie archäologische Funden belegen. Beispielsweise finden sich Zeugnisse von Trepanationen und anderen chirurgischen Eingriffen auch im altägyptischen medizinischen Wundenbuch (das Papyrus Edwin Smith, siehe auch Medizin im Alten Ägypten).[1] Weiterhin gehören hierzu Schwitzkuren, verschiedene Arten des Heilfastens oder die Schienung von Knochenbrüchen. Die Volksmedizin hat auch philosophische und religiöse Komponenten, die vielfach bis heute die Fastenzeit prägen.

Europäischer Kulturraum[Bearbeiten]

Das medizinische Volkswissen im europäischen Kulturraum wurde über Generationen hinweg weiterentwickelt und ist heute eng mit der Naturheilkunde verwandt. Die Trennung von der Schulmedizin begann spätestens ab dem 19. Jahrhundert mit der zunehmenden medizinischen Forschung an Hochschulen und der Entwicklung chemischer Arzneimittel. Moderne Präparate basieren sehr oft auf Wirkstoffen, die auch in der Volksmedizin verwendet wurden. Nur sind dabei die jeweiligen Wirkstoffe isoliert, chemisch analysiert und werden teils synthetisch hergestellt.

Volksmedizin und Schulmedizin[Bearbeiten]

Im Mittelalter hatten das Kräuterweiblein und der Bader eine wichtige medizinische Funktion, besonders wenn die Inanspruchnahme eines Arztes zu teuer war. Die Berufsgruppe der Bader galt bis etwa 1400 als unehrenhaft und erhielt erst 1548 Zunftrechte. Gemeinsam mit den Barbieren waren sie so genannte Handwerksärzte – im Gegensatz zur akademischen Ausbildung heutiger Mediziner – und ihre Ausbildung genau geregelt. Mit dem Aufkommen des Medizinstudiums gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Medizinern „alter und neuer Schule“, die bis heute nachwirken. In Deutschland und teilweise auch in Österreich und der Schweiz hatten Laienärzte oder Bauerndoktoren noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Stellung bei der medizinischen Betreuung von Mensch und Vieh in ländlichen Gebieten.

Weltweit[Bearbeiten]

In Chinas Bevölkerung nimmt die Volksmedizin heute einen fast gleichwertigen Rang neben der Schulmedizin ein und die traditionelle chinesische Medizin (TCM) wird an Hochschulen gelehrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren dort in ländlichen Gegenden viele sogenannte Barfußärzte tätig, da es noch nicht genügend studierte TCM-Ärzte gab. Ähnliches gilt auch für viele andere Regionen weltweit.

Literatur[Bearbeiten]

  • Eberhard Wolff: Volksmedizin. Abschied auf Raten: vom definitorischen zum heuristischen Begriffsverständnis. In: Zeitschrift für Volkskunde. Band 94, 1998, S. 233–257.
  • Michael Simon: „Volksmedizin“ im frühen 20. Jahrhundert. Zum Quellenwert des Atlas der deutschen Volkskunde. Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz e. V., Mainz 2003, ISBN 3-926052-27-9 (Studien zur Volkskultur 28).
  • Carly Seifarth: Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin. Bohmeier, Leipzig 2005, ISBN 3-89094-436-1.
  • Françoise Loux: Das Kind und sein Körper in der Volksmedizin. Klett-Cotta, Stuttgart 1991, ISBN 3-12-935020-9.
  • Enrique Blanco Cruz: Von der Volkskrankheit zur Krankheit des Teufels. Volksmedizin in Peru. Vervuert, Frankfurt 1985, ISBN 3-921600-36-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anton Curic: Gesundheitslexikon A-Z. Eco, Eltville 1999, ISBN 3-933468-52-3, S. 70.
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