Tapirus kabomani

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Tapirus kabomani
Systematik
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Unpaarhufer (Perissodactyla)
Familie: Tapire (Tapiridae)
Gattung: Tapire (Tapirus)
Art: Tapirus kabomani
Wissenschaftlicher Name
Tapirus kabomani
Cozzuol, Clozato, Holanda, Rodrigues, Nienow, de Thoisy, Redondo & Santos 2013

Tapirus kabomani ist die kleinste der fünf heute lebenden Tapirarten. Sie wurde 2013 erstmals beschrieben und ist damit der erste neu entdeckte heute lebende Unpaarhufer seit 100 Jahren und das größte neuentdeckte Säugetier seit dem Saola. Der Holotyp wurde im Dezember 2009 im Amazonasregenwald gefunden. Die Diskussion um die Eigenständigkeit der Tapirart wird kontrovers geführt.

Beschreibung[Bearbeiten]

Habitus[Bearbeiten]

Tapirus kabomani erreicht eine Gesamtlänge von 130 cm und eine Schulterhöhe von etwa 90 cm. Mit einem durchschnittlichen Gewicht von 110 kg ist er kleiner als die bisher kleinste bekannte Tapirart, der Bergtapir (Tapirus pinchaque), welcher zwischen 150 und 225 kg wiegt.[1] Möglicherweise sind die Weibchen etwas größer als die Männchen. Das Fell ist dunkler als beim sympatrisch auftretenden Flachlandtapir (T. terrestris) und hat eine dunkelgraue bis dunkelbraune Tönung. Wie dieser besitzt er eine Mähne am Kopf, die aber breiter ist und weiter hinten ansetzt. Weibchen weisen einen hellen Kehlfleck vom Kinn über den Ansatz der Ohren bis zum Nacken auf, ähnlich dem Mittelamerikanischen Tapir (T. bairdii). Wie bei allen rezenten Tapirarten sind die Ohrenspitzen bei beiden Geschlechtern weiß gefärbt. Weiterhin ist die Schnauze hinter der Nase deutlich breiter gestaltet als beim Flachlandtapir. Auffällig erscheinen auch die verhältnismäßig kurzen Gliedmaßen im Vergleich zu den anderen heutigen Tapiren.[2]

Schädelmerkmale[Bearbeiten]

Charakteristisch ist der Scheitelkamm, der bei allen südamerikanischen Tapirarten auftritt, dem Mittelamerikanischen und dem Schabrackentapir (T. indicus) jedoch fehlt.[3] Im Gegensatz zum Flachlandtapir ist dieser bei Tapirus kabomani aber breiter und kürzer und setzt weiter hinten an, wobei er am Stirnbein dreieckig breit aufgefächert erscheint. Zudem ist er niedriger und verläuft nicht so stark geschwungen wie beim Flachlandtapir. Weitere Merkmale sind der nicht so stark aufwärts gerichtete Verlauf des Nasenbeins im Vergleich zum Berg- und Mittelamerikanischen Tapir und das leicht abwärts zeigende Rostrum.[2]

Verbreitung[Bearbeiten]

Tapirus kabomani kommt in Südamerika im westlichen Amazonien vor, wo er bisher für die brasilianischen Bundesstaaten Amazonas, Rondônia und Mato Grosso beschrieben ist, ebenso wie für das Departamento de Amazonas im südlichen Kolumbien. Die Landschaft, in der die Tapirart nachgewiesen ist, besteht aus einem Mosaik aus Wäldern und Savannen. Berichte von Augenzeugen lassen vermuten, dass die Art auch im östlichen Amazonien im Bundesstaat Amapá und in Französisch-Guayana anzutreffen ist.[2]

Lebensweise[Bearbeiten]

Über die Lebensweise von Tapirus kabomani ist kaum etwas bekannt. Untersuchte Kotreste ergaben verzehrte Blätter und Samen unter anderem der Babassupalme und anderer Palmengewächse wie Attalea und Astrocaryum.[2]

Systematik[Bearbeiten]

Innere Systematik der Gattung Tapirus (nur rezente Vertreter) nach Cozzuol et al. 2013[2]
 Tapirus 


 Tapirus bairdii (Mittelamerikanischer Tapir)


     

 Tapirus kabomani


     

 Tapirus pinchaque (Bergtapir)


     

 Tapirus terrestris (Flachlandtapir)





     

 Tapirus indicus (Schabrackentapir)



Tapirus kabomani gehört zur Gattung der Tapire (Tapirus), die erstmals im Miozän in Europa nachgewiesen ist und heute fünf rezente Vertreter aufweist. Die Tapire wiederum sind Teil der Familie der Tapire (Tapiridae). Diese stellen eine altertümliche und evolutiv sehr konservative Gruppe der Säugetiere aus der Ordnung der Unpaarhufer mit nur wenigen Merkmalsänderungen über die Zeit dar. Sie repräsentieren die Schwestergruppe der Nashörner, von denen sie sich vor rund 47 Millionen Jahren trennten,[4] und bilden mit ihnen die Ceratomorpha, die in der Unpaarhufersystematik den Hippomorpha mit den heutigen Pferden gegenübergestellt werden.[5]

Nach molekulargenetischen Untersuchungen trennte sich die Linie des einzigen rezenten asiatischen Tapirs, des Schabrackentapirs (Tapirus indicus), bereits vor 21 bis 23 Millionen Jahren ab, die des Mittelamerikanischen Tapirs (Tapirus bairdii) folgte vor etwa 19 bis 20 Millionen Jahren. Die südamerikanischen Vertreter spalteten sich erst vor 3 bis 3,5 Millionen Jahren von dieser Entwicklungslinie ab. Dies steht möglicherweise mit der Einwanderung der Stammform der südamerikanischen Tapire auf den südamerikanischen Kontinent nach der Schließung des Isthmus von Panama und der dabei entstandenen Landbrücke im Zusammenhang.[6][7] Die stärkere Aufsplitterung in die drei heutigen Tapirvertreter Südamerikas erfolgte aber erst im Mittleren Pleistozän vor 288.000 bis 652.000 Jahren. Tapirus kabomani steht dabei systematisch einer Gruppe gegenüber, die aus dem Flachlandtapir (Tapirus terrestris) und dem Bergtapir (Tapirus pinchaque) besteht. Der nächste fossile Verwandte ist dagegen Tapirus rondoniensis aus dem Oberen Pleistozän, der erst 2011 anhand eines 36 cm langen Schädelfundes aus dem westlichen Brasilien beschrieben wurde und der das Schwestertaxon darstellt.[8][2]

Entdeckungsgeschichte[Bearbeiten]

Die Erstbeschreibung von Tapirus kabomani erfolgte im Jahr 2013 durch Mario Cozzuol und Forscherkollegen. Der Holotyp (Exemplarnummer UFMG 3177) umfasst ein Skelett mit Hautresten eines jungen Männchens, dessen hinterer Backenzahn noch nicht durchgebrochen war. Dieses war im Jahr 2009 im südlichen Amazonasgebiet gesammelt worden. Weiterhin dienten mehrere Skelettteile und Schädel als Belegfossilien, die teilweise von Jägern des lokalen Stammes der Karitiana in brasilianischen Bundesstaat Rondônia erlegt worden waren. Ein Schädel war bereits 1912 von Theodore Roosevelt am Rio Sepotuba im Mato Grosso gesammelt worden und gehört heute zum Bestand des American Museum of Natural History. Weiterhin konnte die Tapirart im westlichen Amazonasgebiet anhand von Trittsiegeln und Kotresten nachgewiesen sowie mit Kamerafallen beobachtet werden. Der Wissenschaft erstmals vorgestellt wurde sie als mögliche neue Art im Jahr 2011 während eines internationalen Symposiums der Tapir Specialist Group der IUCN in Kuala Lumpur (Malaysia).[9] Der Artname leitet sich von „Arabo kabomani“ ab, der Bezeichnung des Tapirs in der Sprache der Paumari-Indianer. Die Beschreibung von Tapirus kabomani ist die erste eines rezent lebenden Tapirs seit 1865, als der Mittelamerikanische Tapir vorgestellt wurde.[2]

Kontroverse[Bearbeiten]

Schon kurz nach der Erstbeschreibung durch Cozzuol und Kollegen wurde die Etablierung einer neuen Tapirart im Amazonasbecken als kritisch betrachtet. So verwiesen einige Forscher auf methodische Unstimmigkeiten, da genetische Untersuchungen auf Hautresten vom südwestlichen und nordwestlichen Amazonasgebiet basierten, morphologische Studien aber nur auf Funden aus dem südwestlichen Verbreitungsgebieten, womit die Daten nur noch bedingt vergleichbar sind. Auch die genetischen Untersuchungen selbst wurden kritisiert, ebenso wie die Beurteilung der anatomischen Merkmale und der ethnographischen Hinweise lokaler, teils indigener Volksgruppen. Darüber hinaus wiesen die Wissenschaftler darauf hin, dass die Unterscheidung des Flachland- und des Bergtapirs ursprünglich weitgehend auf äußeren Merkmalen beruhte, die genetischen Abstände der beiden Arten aber sehr gering seien, so dass letztere möglicherweise nur eine spezielle ökologische Ausprägung (ecomorph) der ersteren sei.[10] Dem widersprachen aber Cozzuol und Kollegen, indem sie die deutlichen Unterschiede in der Schädelmorphologie, vor allem die abweichende Ausprägung des Scheitelkamms bei Tapirus kabomani im Vergleich zum Flachland- und zum Bergtapir hervorhoben. Auch ergaben die genetischen Untersuchungen ihrer Meinung nach markante Unterschiede zwischen den einzelnen Tapirarten.[11] Erneute Untersuchungen zeigten auf, dass sowohl der Bergtapir als auch Tapirus kabomani als monophyletisch anzusehen sind, der Flachlandtapir dagegen aber paraphyletischen Ursprungs sein könnte.[12] Während einer internationalen Tagung im November 2014, organisiert von der Tapir Specialist Group der IUCN, erfolgte eine kritische Auseinandersetzung über die Anerkennung von Tapirus kabomani als fünfte Tapirart. Dabei wurde von der Tapir Specialist Group ein neues Strategiepapier vorgeschlagen, das sowohl weitere Untersuchungen zur Absicherung des Artstatus von Tapirus kabomani vorsieht, als auch die Erarbeitung konkreter Schutzmaßnahmen im Falle einer vollständigen Anerkennung einbezieht. Die Laufzeit dieses Aktionsplans ist vorerst bis auf das Jahr 2017 festgelegt, wodurch bisher auch noch keine Aufnahme von Tapirus kabomani in die Rote Liste gefährdeter Arten der IUCN erfolgte;[13] dort sind derzeit nur die vier bereits länger bekannten Tapirarten ausgewiesen.[14]

Weblinks[Bearbeiten]

Fotos von Tapirus kabomani, aufgenommen mit Kamerafallen:

Quellen[Bearbeiten]

  1. Miguel Padilla, Robert C. Dowler und Craig Downer: Tapirus pinchaque (Perissodactyla: Tapiridae). Mammalian Species 42 (863), 2010; S. 166–182
  2. a b c d e f g Mario A. Cozzuol, Camila L. Clozato, Elizete C. Holanda, Flávio H. G. Rodrigues, Samuel Nienow, Benoit de Thoisy, Rodrigo A. F. Redondo und Fabrício R. Santos: A new species of tapir from the Amazon. Journal of Mammalogy 94 (6), 2013, S. 1331–1345 ([1])
  3. Luke T. Holbrook: The unusual development of the sagittal crest in the Brazilian tapir (Tapirus terrestris). Journal of Zoology 256, 2002, S. 215–219
  4. Christelle Tougard, Thomas Delefosse, Catherine Hänni und Claudine Montgelard: Phylogenetic Relationships of the Five Extant Rhinoceros Species (Rhinocerotidae, Perissodactyla) Based on Mitochondrial Cytochrome b and 12S rRNA Genes. Molecular Phylogenetics and Evolution 19, 2001, S. 34–44
  5. Luke T. Holbrook: Comparative osteology of early Tertiary tapiromorphs (Mammalia, Perissodactyla). Zoological Journal of the Linnean Society 132, 2001, S. 1–54
  6. Mary V. Ashley, Jane E. Norman und Larissa Stross: Phylogenetic Analysis of the Perissodactylan Family Tapiridae Using Mitochondrial Cytochrome c Oxidase (COII) Sequences. Journal of Mammalian Evolution, 3 (4), 1996, S. 315–326
  7. Jane E. Norman und Mary V. Ashley: Phylogenetics of Perissodactyla and Tests of the Molecular Clock. Journal of Molecular Evolution 50, 2000, S. 11–21
  8. Elizete C. Holanda, Jorge Ferigolo und Ana Maria Ribeiro: New Tapirus species (Mammalia: Perissodactyla: Tapiridae) from the upper Pleistocene of Amazonia, Brazil. Journal of Mammalogy 92 (1), 2011, S. 111–120
  9. Mario Cozzuol, Samuel Nienow, Camila L. Clozato, Fabrício R. Santos, Elizete C. Holanda, Flávio H. G. Rodrigues, Benoit de Thoisy und Rodrigo A. F. Redondo: A New Species of the Largest Living South American Herbivore from Amazonia: Evidence of a Hidden Mammalian Diversity in the Neotropics. In: Tapir Specialist Group (Hrsg.): Fifth International Tapir Symposium Hotel Flamingo Kuala Lumpur (Malaysia) 16-21 October 2011 - Symposium Program & Book of Abstracts. ([2])
  10. Robert S. Voss, Kristofer M. Helgen und Sharon A. Jansa: Extraordinary claims require extraordinary evidence: a comment on Cozzuol et al. (2013). Journal of Mammalogy 95 (4), 2014, S. 893–898
  11. Mario A. Cozzuol, Benoit de Thoisy, Hugo Fernandes-Ferreira, Flávio H. G. Rodrigues und Fabrício R. Santos: How much evidence is enough evidence for a new species? Journal of Mammalogy 95 (4), 2014, S. 899–905
  12. Mario A. Cozzuol, Fabrício R. dos Santos, Flávio H.G. Rodrigues, Ana Carolina Marinho Mota, Benoit de Thoisy und Hugo Fernandes-Ferreira: Revisiting Tapirus kabomani. In: Tapir Specialist Group (Hrsg.): Sixth International Tapir Symposium - Report - Campo Grande, Mato Grosso do Sul, Brazil 16-20 November, 2014. S. 58 ([3])
  13. Tapir Specialist Group: TSG Strategic Plan 2015-2017. In: Tapir Specialist Group (Hrsg.): Sixth International Tapir Symposium - Report - Campo Grande, Mato Grosso do Sul, Brazil 16-20 November, 2014. S. 59–77 ([4])
  14. IUCN: The IUCN Red List of Threatened Species. Version 2014.3. ([5]); zuletzt abgerufen am 22. Dezember 2014