Turing-Bombe

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Eine Wren bedient die Turing-Bombe (nachgestellte Szene aus Bletchley Park)

Die Turing-Bombe (auch: Turing-Welchman-Bombe oder Welchman-Turing-Bombe) ist eine elektromechanische Maschine, die während des Zweiten Weltkriegs von den britischen Kryptoanalytikern in Bletchley Park (B.P.)[1] eingesetzt wurde, um die mit der deutschen Schlüsselmaschine ENIGMA verschlüsselten Funksprüche zu entziffern.

Prinzip[Bearbeiten]

Schieferskulptur Turings mit ENIGMA (neben seinem Porträt an der Wand)
Die Turing-Bombe besteht aus der Hintereinanderschaltung von dreimal zwölf Walzensätzen der ENIGMA. Die Farben der „Trommeln“ (engl. drums) signalisieren die Nummer der entsprechenden Walze
(Walze I = rot,
Walze II = kastanienbraun,
Walze III = grün,
Walze IV = gelb,
Walze V = hellbraun,
Walze VI = blau,
Walze VII = schwarz,
Walze VIII = silber).[2]

Die Bombe, wie sie die Codeknacker kurz nannten, wurde auf der Grundlage der polnischen Bomba (siehe auch: Vergleich der Bombe mit der polnischen Bomba) vom britischen Mathematiker Alan Turing ersonnen und von seinem Kollegen Gordon Welchman durch Einführung des diagonal board (deutsch: Diagonalbrett) wesentlich verbessert (Turing-Welchman-Bombe). Dabei wird die Involutorik (Verschlüsseln = Entschlüsseln) der ENIGMA und speziell die Involutorik ihres Steckerbretts durch eine innerhalb der Turing-Bombe durchgeführte Hintereinanderschaltung mehrerer ENIGMA-Maschinen kryptanalytisch ausgenutzt. So lässt sich der Einfluss des Steckerbretts auf die Größe des Schlüsselraums abstreifen und der Suchraum drastisch verringern.

Der gesuchte Schlüssel kann durch Exhaustion (vollständiges Absuchen des Schlüsselraums) gefunden werden. Die hierbei verwendete Methode wird mit dem lateinischen Begriff Reductio ad absurdum (deutsch: Zurückführung bis zum Widerspruch) bezeichnet. Sie basiert auf der Verwendung eines wahrscheinlichen Worts (engl.: crib), dessen Vorkommen im Text erwartet oder zumindest angenommen werden kann. Aufgrund der bekannten inneren Verdrahtung der Schlüsselwalzen der ENIGMA und ihrer möglichen Stellungen zueinander können die beobachteten oder angenommenen Zusammenhänge zwischen dem vorliegenden Geheimtext und dem wahrscheinlichen Wort des Klartextes nur unter ganz bestimmten Bedingungen und nur bei sehr wenigen Schlüsseln erfüllt sein. Mit Hilfe dieser Methode gelingt es, die überwiegende Mehrzahl aller Schlüssel auszuschließen und so letztendlich den von den Deutschen zur Verschlüsselung ihrer Funksprüche verwendeten richtigen Tagesschlüssel der ENIGMA zu finden.

Die Bombe vergleicht die in der verschlüsselten Nachricht angenommene Textphrase (crib) mit dem entsprechenden Geheimtextfragment und probiert, mit allen möglichen Schlüsseleinstellungen für Walzenlage und Walzenstellung das Geheimtextfragment zu entschlüsseln. Passt das Ergebnis des Entschlüsselungsversuchs zum angenommenen Crib, dann entspricht die dazu benutzte Schlüsseleinstellung der Bombe möglicherweise dem gesuchten Tagesschlüssel der ENIGMA. Dabei noch auftretende „Fehltreffer“, die aufgrund der Kürze des Cribs durchaus möglich sind, müssen durch probeweise Entschlüsselung des restlichen Geheimtextes erkannt und verworfen werden. Ist der Tagesschlüssel der ENIGMA endlich gefunden, dann kann der gesamte Geheimtext, wie vom befugten Empfänger, einfach entschlüsselt werden.

Statt der in manchen populärwissenschaftlichen Darstellungen, Spielfilmen, wie „Enigma – Das Geheimnis“ und „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“, oder Romanen, wie beispielsweise ENIGMA des britischen Schriftstellers Robert Harris, genannten Zahl von „150 Millionen Millionen Millionen“[3] Möglichkeiten, die sie abzuarbeiten habe, sind es tatsächlich „nur“ 26³ oder 17.576 mal 60, also 1.054.560 Möglichkeiten, unter denen sie die „richtige“ Stellung finden muss (siehe auch: Kapitel Entzifferung und Schlüsselraum im Übersichtsartikel zur ENIGMA).

Diese etwa eine Million unterschiedlichen Fälle sind von Hand in vernünftiger Zeit praktisch nicht durchzuprobieren. Mithilfe der Turing-Bombe jedoch, die motorbetrieben mit 64 Umdrehungen pro Minute[4] während jeder Umdrehung 26 Fälle abarbeiten konnte, brauchte man nur noch 1.054.560/(26·64) Minuten, etwas mehr als zehn Stunden, um sämtliche Möglichkeiten durchzutesten. (Hinzu kommt noch die Zeit zum Einstellen und Umrüsten der Maschine auf die sechzig verschiedenen Walzenlagen, wodurch die Zeit auf rund zwanzig Stunden verdoppelt wird.)[5] Leistet man sich den Aufwand, sechzig Bombes einzusetzen, jeweils eine für jede Walzenlage, dann schrumpft die Zeit für einen Durchlauf von etwas mehr als zehn Stunden auf gut zehn Minuten[6] – eine durchaus erträgliche Zeit.

Geschichte[Bearbeiten]

Die amerikanische Hochgeschwindigkeits-Version der Turing-Bombe erreichte mit bis zu 2000[7] Umdrehungen pro Minute mehr als die fünfzehnfache Geschwindigkeit ihres britischen Vorbilds und war speziell gegen die Vierwalzen-ENIGMA gerichtet

Die erste voll betriebsfähige Turing-Welchman-Bombe (inkl. diagonal board) kam Mitte August 1940 zum Einsatz. Sie erhielt den Namen „Agnes“, möglicherweise zu Ehren von Agnes Meyer Driscoll, der US-amerikanischen Kollegin der britischen Codebreakers. Für die Exhaustion einer Walzenlage benötigte Agnes etwa 15 Minuten,[8] eine Zeitspanne, die bei späteren Exemplaren durch Erhöhung der Drehzahl der Trommeln auf etwa sechs Minuten reduziert werden konnte. Bis zum Kriegsende waren mehr als 210 Bombes allein in England in Betrieb.[9]

Darüber hinaus wurden unter Federführung von Joseph Desch in der National Cash Register Company (NCR) in Dayton, Ohio, ab April 1943 mehr als 120 Hochgeschwindigkeitsvarianten produziert, die speziell gegen die nur von den deutschen U-Booten verwendete ENIGMA-M4 gerichtet waren. Im Gegensatz zu den anderen ENIGMA-Modellen verwendete die M4 vier statt nur drei rotierende Walzen und konnte deshalb nur mit entsprechend aufwändigeren Bombes „geknackt“ werden.

Namensursprung[Bearbeiten]

Beim Begriff Bombe, den die britischen Codebreakers für ihre Maschine benutzten, handelt es sich um die französische Schreibweise des englischen Worts „bomb“ (deutsch: Bombe). Er wurde in Anlehnung an die polnische Vorläuferin der Turing-Bombe, der vom polnischen Codeknacker Marian Rejewski entwickelten Bomba (polnisch für Bombe) gewählt. Die Herkunft dieser ursprünglichen Bezeichnung ist nicht eindeutig geklärt.

Nach dem Krieg konnte selbst Rejewski sich nicht mehr daran erinnern, wie diese Bezeichnung entstanden war.[10] Gerne wird erzählt, er hätte mit seinen Kollegen Różycki und Zygalski gerade in einem Café eine Eisbombe verspeist, während er die Idee zur Maschine formulierte. Daraufhin habe Jerzy Różycki diesen Namen vorgeschlagen. Eine andere Hypothese ist, dass die Maschine ein Gewicht fallen ließ, ähnlich wie ein Flugzeug eine Bombe abwirft, und so deutlich hörbar signalisierte, dass eine mögliche Walzenstellung gefunden wurde.[11] Eine dritte Variante vermutet das Betriebsgeräusch der Maschine, das dem Ticken einer Zeitbombe geähnelt haben soll, als Grund für die Namensgebung.[12] Auch das Aussehen der Maschine, die Ähnlichkeit mit der typisch halbkugeligen Form einer Eisbombe gehabt haben soll, wird als Namensursprung angeführt.[13] Leider sind keine Bomby erhalten geblieben, so dass sich die verschiedenen Namenshypothesen nur schwer überprüfen lassen. Rejewski selbst gab hierzu ganz nüchtern an, zu dem Namen sei es gekommen, weil ihnen damals „nichts Besseres eingefallen sei“ (engl.: „For lack of a better name we called them bombs.“).[14]

Die Briten in B.P. jedenfalls übernahmen den ursprünglich polnischen Namen und übertrugen ihn ins Französische. Möglicherweise hat dies etwas damit zu tun, dass sich die polnischen Codeknacker im Jahr 1939 nach dem deutschen Überfall auf ihr Land und ihrer Flucht aus Polen in Frankreich aufhielten und von dort aus mit den Briten kommunizierten.

Bombe-Nachbau-Projekt[Bearbeiten]

Nachbau der Turing-Bombe in Bletchley Park

Am Originalort im etwa 70 km nordwestlich von London gelegenen Bletchley lief mehrere Jahre lang das Bombe-Nachbau-Projekt (englischer Originaltitel: Bombe Rebuild Project), dessen Ziel es war, eine Turing-Bombe nachzubauen. Dies ist inzwischen gelungen. Am 17. Juli 2007 wurde in einem kleinen Festakt in Anwesenheit von Edward, 2. Duke of Kent. und einiger ehemaliger Wrens der voll funktionsfähige Nachbau einer Turing-Bombe offiziell in Betrieb genommen.[15]

Filmische Rezeption[Bearbeiten]

Walzensatz eines Nachbaus der Turing-Bombe

Turing-Bombes in Aktion sind im britischen Spielfilm Enigma – Das Geheimnis zu sehen, der auf dem Roman ENIGMA[16] basiert und die Entzifferungsarbeit der britischen Codeknacker von Bletchley Park thematisiert. Bei den Bombes handelt es sich um Nachbauten, die nicht voll funktionstüchtig sind, aber das äußere Erscheinungsbild und speziell die rotierenden Trommeln wirklichkeitsnah darstellen. Auch die Arbeit der Codeknacker bei der Erstellung der für die Bombe notwendigen „Menüs“ wird sehr gelungen dargestellt. Die diversen Funksprüche sind speziell für den Film nach den Original-Vorschriften und Verfahren wirklichkeitsgetreu erzeugt und verschlüsselt worden.[17]

Die britisch-US-amerikanische Gemeinschaftsproduktion „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ aus dem Jahr 2014 illustriert das Leben und die Beiträge von Alan Turing als Codeknacker in Bletchley Park. Im besonderen Fokus steht dabei die Entwicklungsgeschichte „seiner“ Bombe, deren Konstruktion und Bedienung anschaulich dargestellt werden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Chris Christensen: Review of IEEE Milestone Award to the Polish Cipher Bureau for ‘‘The First Breaking of Enigma Code’’. Cryptologia. Rose-Hulman Institute of Technology. Taylor & Francis, Philadelphia PA 39.2015,2, S. 178–193. ISSN 0161-1194.
  • Donald W. Davies: The bombe - A remarkable logic machine. Cryptologia. Rose-Hulman Institute of Technology. Taylor & Francis, Philadelphia PA 23.1999,2, S. 108–138. ISSN 0161-1194.
  • David P. Mowry: German Cipher Machines of World War II (PDF; 1,1 MB) . Center for Cryptologic History, National Security Agency, Ford Meade 2003. 36 S.
  • Jennifer Wilcox: Solving the Enigma - History of the Cryptanalytic Bombe. Center for Cryptologic History, National Security Agency, Fort Meade 2001.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Turing-Bombe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gordon Welchman: The Hut Six Story – Breaking the Enigma Codes. Allen Lane, London 1982; Cleobury Mortimer M&M, Baldwin Shropshire 2000, S. 11. ISBN 0-947712-34-8
  2. The US 6812 Bombe Report 1944. 6812th Signal Security Detachment, APO 413, US Army. Publikation, Tony Sale, Bletchley Park, 2002. S. 9. Abgerufen: 16. März 2010. PDF; 1,3 MB
  3. Robert Harris: Enigma. Roman. Weltbild, Augsburg 2005, S. 71. ISBN 3-89897-119-8
  4. The US 6812 Bombe Report 1944. 6812th Signal Security Detachment, APO 413, US Army. Publikation, Tony Sale, Bletchley Park, 2002. S. 59. Abgerufen: 7. Januar 2014. PDF; 1,3 MB
  5. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 235. ISBN 0-304-36662-5
  6. Michael Miller: Symmetrische Verschlüsselungsverfahren – Design, Entwicklung und Kryptoanalyse klassischer und moderner Chiffren. Teubner, April 2003, S. 70. ISBN 3-519-02399-7
  7. John A. N. Lee, Colin Burke, Deborah Anderson: The US Bombes, NCR, Joseph Desch, and 600 WAVES – The first Reunion of the US Naval Computing Machine Laboratory. IEEE Annals of the History of Computing, 2000. S. 35. Abgerufen: 21. Mai 2008. PDF; 0,5 MB
  8. Friedrich L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse, Methoden und Maximen der Kryptographie. Springer, Berlin 2000 (3. Aufl.), S. 431. ISBN 3-540-67931-6
  9. Kris Gaj, Arkadiusz Orłowski: Facts and myths of Enigma: breaking stereotypes. Eurocrypt, 2003, S. 121ff.
  10. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 46. ISBN 0-304-36662-5
  11. Hugh Sebag-Montefiore: ENIGMA – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 46. ISBN 0-304-36662-5
  12. Simon Singh: Geheime Botschaften. Carl Hanser Verlag, München 2000, S. 194. ISBN 0-89006-161-0
  13. Friedrich L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse, Methoden und Maximen der Kryptographie. Springer, Berlin 2000 (3. Aufl.), S. 419. ISBN 3-540-67931-6
  14. Marian Rejewski: How Polish Mathematicians Deciphered the Enigma. Annals of the History of Computing, Vol. 3, No. 3, Juli 1981, S. 226.
  15. „The Royal Switch on“. Abgerufen: 1. Juli 2008.
  16. Robert Harris: Enigma. Roman. Weltbild, Augsburg 2005. ISBN 3-89897-119-8
  17. Tony Sale: Making the Enigma ciphers for the film „Enigma“. Abgerufen: 26. März 2008.