Ulrich von Liechtenstein

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ulrich von Liechtenstein (Codex Manesse, 14. Jh.).
Ulrich ist hier dargestellt als zimiergeschmückter Turnierritter in seiner 'Verkleidung' als Dame Venus (mit Amorpfeil und Fackel). In diesem Inkognito hatte er nach der Darstellung in seiner Lebensbeschreibung als Minneritter 1227 eine große literarische Turnierfahrt unternommen.

Ulrich von Liechtenstein (auch: Lichtenstein, * um 1200; † 26. Januar 1275) war ein Minnesänger und Dichter des Mittelalters, der in mittelhochdeutscher Sprache dichtete.

Leben[Bearbeiten]

Ulrich von Liechtenstein gehörte einem in der Steiermark begüterten und einflussreichen Ministerialengeschlecht an, das sich nach seinem Stammsitz Liechtenstein (südöstlich von Judenburg, heute Ruine) nannte, jedoch nicht mit den österreichischen Liechtensteinern stammesverwandt war.

Ulrich bekleidete einige bedeutende politische Ämter: In den Jahren 1244/1245 war er Truchsess der Steiermark, von 1267–1272 war er Marschall; im Jahr 1272 auch Landrichter. Aus den Jahren 1227 bis 1274 sind 95 Urkunden erhalten, in denen sein Name erwähnt wird; acht dieser Urkunden hat er selbst ausgestellt. Die Frauenburg (heute Burgruine) soll sein Lieblingssitz gewesen sein. Sie befindet sich oberhalb der Gemeinde Unzmarkt-Frauenburg im Murtal in der nördlichen Steiermark.

Genealogie[Bearbeiten]

Vorfahren und Nachkommen Ulrichs:[1]

Aribo II. (†1102)

A: Hartnid von der Traisen, Hochfreier
B: Hartwig von Reidling (†1136, urk. bis 1147?), oo NNw, Tochter von Dietmar von Dornberg und Lungau (1100-1130)
C: Dietmar I. (1126-1140 von Reidling, 1140-1145 von Liechtenstein), vor 1140 Bau Feste Liechtenstein bei Judenburg (damit Abstieg in landesfürstliche Ministerialität verbunden)
D: Dietmar II.
E: Dietmar III. (1164-1218), oo Kunegunde (1140-1217)
F: Ulrich von Liechtenstein (urk. 1227-1274), Minnesänger, Erbauer der Frauenburg, oo Perchta von Weißenstein
G: Ulrich II. (1250-1285), oo Kunigunde von Goldegg
G: Otto II. (1252-1311), 1. oo Agnes von Wildon, 2. oo Diemut von Liechtenstein-Nikolsburg († nach 1265), 3. oo Adelheid von Pottendorf
G: Diemut (1250), oo Wulfing von Trennstein
G: Perchta (1260), oo Herrand von Wildon, Dichter
F: Otto, Pfarrer von Graz
F: Dietmar IV. von Offenburg, oo Gertrud von Wildon
F: Hedwig, oo Dietmar von Steyr
F: NNw, oo Heinrich von Wasserburg, österr. Kämmerer

Werke[Bearbeiten]

Die Minnelyrik Ulrichs ist in die große Sammlung des Codex Manesse aufgenommen worden. Vorher schon hat Ulrich selbst seine 58 doene in einer Minnesänger-Lebensbeschreibung, dem sogenannten Frauendienst, gesammelt. Er erzählt darin in Ich-Form sein Leben als die Geschichte eines um Minne werbenden Ritters. Der Grad der Stilisierung dieser Lebensgeschichte nach literarischen Mustern ist schwer abzuschätzen. Die andersartige Selbstauffassung des Individuums im Mittelalter verbietet es jedenfalls, den Frauendienst mit den modernen Begriffen der 'Fiktion' oder der 'Autobiographie' zu belegen. Wenn hier ein teils komisches Licht auf das Minnewerben fällt (drastische Erniedrigungen des Minnewerbers als Zeichen bedingungsloser Hingabe), so vertritt Ulrich in seinem Frauenbuch eine ernsthafte, belehrende Intention.

Die Lyrik Ulrichs gilt als konventionell, artistisch und vom hohen Minnesang um 1200, besonders von Walther von der Vogelweide, abhängig. Die minnetheoretischen und erzählenden Schriften zeichnen sich im Gegensatz dazu durch avancierte erzähltechnische Mittel aus (Ich-Erzählung im Frauendienst, gerahmter Dialog im Frauenbuch), wenn auch Ulrich nicht zu den großen Erzählern des deutschen Mittelalters gerechnet werden kann.

Literatur[Bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten]

  • Franz Viktor Spechtler (Hrsg.): Frauendienst. Ulrich von Liechtenstein. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik; Band 485), Göppingen 1987, ISBN 3-87452-721-2.
  • Ursula Peters (Hrsg.): Frauendienst (Jugendgeschichte). In Abbildungen aus dem Münchner Cod. germ. 44 und der Großen Heidelberger Liederhandschrift. (= Litterae; Nr. 17), Göppingen 1973, ISBN 3-87452-147-8.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Sandra Linden, Christopher Young (Hrsg): Ulrich von Lichtenstein. Leben – Zeit – Werk – Forschung. Berlin / New York, De Gruyter 2010.
  • Christiane Ackermann: Im Spannungsfeld von Ich und Körper. Subjektivität im 'Parziva' Wolframs von Eschenbach und im 'Frauendienst' Ulrichs von Liechtenstein. Köln u.a., Böhlau 2009 (= Ordo 12).
  • Franz Viktor Spechtler, Barbara Maier (Hrsg.): Ich – Ulrich von Liechtenstein. Literatur und Politik im Mittelalter. Akten der Akademie Friesach „Stadt und Kultur im Mittelalter“ 1996. Wieser, Klagenfurt 1999, ISBN 3-85129-266-9. (Schriftenreihe der Akademie Friesach 5).
  • Heinz Gerstinger: 'Frau Venus reitet … – Die phantastische Geschichte des Ulrich von Lichtenstein. 1995.
  • Judith Klinger: Ich: Körper: Schrift. Potentiale und Grenzen der Kommunikation in Ulrichs von Liechtenstein 'Frauendienst'. In: Gespräche – Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Hrsg. v. Horst Wenzel. München 1997, S. 106-126.
  • Jan-Dirk Müller: Ulrich von Liechtenstein. In: Verfasserlexikon. Band 9. 1995, Spalte 1274–1282.
  • Franz Viktor Spechtler: Liechtenstein, Ulrich von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 522 f. (Digitalisat).
  • Hermann Reichert: Vorbilder für Ulrichs von Lichtenstein Friesacher Turnier. In: Carinthia. I, 173, 1983, S. 171–192.
  • Michael Pieper: Die Funktionen der Kommentierung im 'Frauendienst' Ulrichs von Liechtenstein. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik; Band 351), Lauterburg 1982, ISBN 3-87452-564-3.
  • Hermann Reichert: Rosensiegel Ulrichs von Lichtenstein. In: Jahrbuch des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich 46/47, 1980/1981, S. 425–440 und Bildanhang.
  • Klaus M. Schmidt (Bearb.): Begriffsglossare und Indices zu Ulrich von Lichtenstein. (= Indices [Indizes] zur deutschen Literatur; 14/15), München 1980, ISBN 3-601-00409-7.
  • Ursula Peters: Frauendienst. Untersuchungen zu Ulrich von Lichtenstein und zum Wirklichkeitsgehalt der Minnedichtung. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik; Band 46), Göppingen 1971.
  • Bernd Thum: Ulrich von Lichtenstein. Höfische Ethik und soziale Wirklichkeit. Heidelberg 1968.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Quellen (Version vom 10. Januar 2006 im Internet Archive)
  2. In der slowenischen Sprach- und Literaturgeschichte wird vielfach ein Reimbericht aus dem Frauendienst zitiert, in dem er slowenische Worte des Herzogs Bernhard von Spanheim zitiert. Dieser hatte ihn bei seiner Durchreise durch Kärnten in Thörl-Maglern/Vrata Megvarje am 1. Mai 1227 auf Slowenisch mit den folgenden Worten begrüßt: "Der fürste und die gesellen sin / mich hiezen willekommen sin. / ir gruoz was gegen mich alsus: / "buge waz primi, gralva Venus!" (Der Fürst und sein Gefolge hießen mich willkommen sein. Ihr Gruß an mich war so: "Gott zum Gruß, königliche Venus). Ulrich war als Venus verkleidet gewesen. Vgl.: Reginald Vospernik, Pavle Zablatnik, Erik Prunč, Florjan Lipuš: Das slowenische Wort in Kärnten = Slovenska beseda na Koroškem, Schrifttum und Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart = Pismenstvo in slovstvo od začetkov do danes. ÖBV, Wien 1985, S. 22-23. ISBN 3-215-04304-1

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ulrich von Liechtenstein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien