Verein zur Abwehr des Antisemitismus

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Theodor Mommsen, einer der führenden Gegner des Antisemitismus, Gemälde von Franz von Lenbach 1897

Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus ("Abwehrverein") wurde von liberal und humanistisch gesinnten Bürgern 1890 im Deutschen Kaiserreich gegründet, um der wachsenden Judenfeindlichkeit (Antisemitismus) öffentlich entgegenzutreten.

Die Zunahme des politischen Antisemitismus[Bearbeiten]

Seit den 1880er Jahren hatten antisemitische politische Gruppierungen im Deutschen Reich zunehmenden Zulauf erhalten. Das Programm dieser Antisemiten sah die „Zurückdrängung des jüdischen Einflusses“ und den Entzug der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden vor. Führende Vertreter des Antisemitismus waren der Hof- und Domprediger Adolf Stoecker, der Führer der antisemitischen Berliner Bewegung und der Historiker Heinrich von Treitschke, der mit seinen antisemitischen Äußerungen 1879 den „Berliner Antisemitismusstreit“ auslöste. Eine 1881 an den Reichskanzler Bismarck gerichtete „Antisemitenpetition“ hatte die Wiederrücknahme der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden verlangt.

Bei den ersten Reichstagswahlen nach der Reichsgründung gab es keinen parteipolitisch organisierten Antisemitismus im Deutschen Reichstag. Das änderte sich ab den Reichstagswahlen 1887 und 1890. Erstmals konnten hier Kandidaten, die sich selbst primär als „Antisemiten“ bezeichneten, Mandate erringen.

Neben diesem öffentlichen politischen Antisemitismus gab es noch eine Fülle von zum Teil althergebrachten antijüdischen Vorurteilen und Stereotypen in weiten Bevölkerungskreisen, bis weit in das politisch linke Spektrum hinein.

Vereinsgründung, Publikationsorgan und Mitglieder[Bearbeiten]

Um dem Antisemitismus entgegenzutreten wurde aus dem liberalen Bürgertum heraus 1890 der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ gegründet. Im Verein traten Christen und Juden gegen die antisemitische Propaganda auf. Zu den Mitgliedern gehörten der Historiker Theodor Mommsen, der Jurist Rudolf von Gneist, der Politiker und Publizist Theodor Barth, der Dichter und Publizist Ludwig Jacobowski, der linksliberale Politiker Heinrich Rickert, später der Schriftsteller Heinrich Mann, sowie die liberalen bzw. sozialdemokratischen Politiker Heinrich Krone, Hugo Preuß und Otto Landsberg.

Publikationsorgan des Vereins waren von 1891 bis 1924 die „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ und von 1925 bis 1933 die „Abwehrblätter“, die wöchentlich herausgegeben wurden. In der ersten Probenummer der Mittheilungen vom 1. Oktober 1891[1] hieß es:

„Das Programm der deutschsozialen (antisemitischen) Partei, welches in diesen Tagen wieder durch ihre Organe im ganzen Lande verbreitet wird, enthält offen die Forderung, daß die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Juden aufgehoben und unsere jüdischen Mitbürger unter ein besonderes Fremdenrecht gestellt werden sollen. Für die Beseitigung dieser Bestimmungen, welche ein Resultat hundertjähriger Kulturarbeit und der mühsamen Entwicklung unseres öffentlichen Lebens in Deutschland sind, setzen die Antisemiten ihre ganze agitatorische Kraft ein. Wir aber wollen dafür sorgen, daß der kulturfeindliche Plan von vornherein zurückgewiesen werde. Das ist die Pflicht aller auf dem Boden unserer Verfassung und unserer Rechtszustände stehenden Männer und Parteien.“

Weiter hieß es:

„Mit den Waffen der Wahrheit und Thatsachen wollen wir unsere Gegner bekämpfen und ihren, nach unserer festen Überzeugung für das Vaterland verderblichen Bestrebungen entgegentreten. Nicht darauf kommt es an die Gegner persönlich anzugreifen, sondern die innere Unwahrheit ihrer Bestrebungen und die Gefahr ihrer hetzerischen Agitationen darzutun.“

In seinen Publikationen berichtete der Verein über antisemitische Vorfälle, so z. B. auch zur Konitzer Mordaffäre,[2] bei der die mittelalterliche Ritualmordlegende wieder neu belebt wurde, und versuchte, die Behauptungen der Antisemiten argumentativ als haltlos und hetzerisch zu entlarven. Allerdings musste der Mitinitiator des Vereins Theodor Mommsen schon 1894 resigniert feststellen, dass den Antisemiten mit Vernunftargumenten nicht beizukommen war:[3]

„Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Aber es nutzt nichts. Es ist alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Haß und den eigenen Neid, auf die schändlichen Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich.“

Zu den Autoren der Mitteilungen gehörte u.a. Rudolf Steiner [4] [5]

Politisch war der Verein im Kaiserreich der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei und später in der Weimarer Republik der Deutschen Demokratischen Partei, die deswegen den politischen Rechten auch als „Judenpartei“ galt, verbunden.

Bei Ausbruch des Weltkrieges stellte der Verein angesichts des von Kaiser Wilhelm II. proklamierten „Burgfriedens“ zunächst seine Aktivitäten ein. Er musste jedoch erleben, dass die antisemitische Agitation nicht geringer wurde und immer wieder Vorwürfe gegen angebliche jüdische Kriegsgewinnler und Drückeberger laut wurden. Auf Druck der Antisemiten und unter Protesten des Abwehrvereins führte das preußische Kriegsministerium mitten im Krieg eine „Judenzählung“ unter den Frontsoldaten durch, um „die Behauptung der Antisemiten zu prüfen, dass Juden an der Front unterrepäsentiert seien“. Die Ergebnisse dieser statistischen Erhebung wurden zunächst nicht veröffentlicht, was weiteren antisemitischen Vorurteilen Vorschub leistete. 1922 wies der jüdische Statistiker und Demograph Franz Oppenheimer nach, dass die deutschen Juden mit mehr als 100.000 aktiven Kriegsteilnehmern und 12.000 Toten an der Front durchaus einen Beitrag geleistet hatten, der ihrem demografischen und prozentualen Bevölkerungsanteil entsprach.[6]

Die Abwehrblätter[Bearbeiten]

  • Die Abwehrblätter: aus der Digitalen Bibliothek - Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ): 1891 – 1924: „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. 1925 – 1933: „Abwehrblätter“.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ismar Schorsch: Jewish Reactions to German Anti-Semitism 1870 - 1914, New York 1972, S. 79-101.
  • Barbara Suchy: The Verein zur Abwehr des Antisemitismus, in: Yearbook Leo Baeck Institute 28 (1983), S. 205-239 (Teil I) und 30 (1985), S. 67-100 (Teil II).
  • Auguste Zeiß-Horbach: Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Zum Verhältnis von Protestantismus und Judentum im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2008. ISBN 978-3-374-02604-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Nr. 1, 21. Oktober 1891 (Probenummer) digitalisiert
  2. Der Konitzer Mord, Mittheilungen Nr. 14, 4. April 1900
  3. Interview mit dem Schriftsteller und Journalisten Hermann Bahr 1894, in: H. Berding: Moderner Antisemitismus in Deutschland. Frankfurt am Main 198, S. 156, zitiert in Volker Ullrich: Die nervöse Großmacht 1871-1918. Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage 1999, S. 394/395, ISBN 3-596-11694-5.
  4. George Kaufmann, 2003: Fruits of Anthroposophy, Kessinger Publishing, S. 114 (online)
  5. Uwe Werner, Christoph Lindenberg, 1999, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), Oldenbourg Wissenschaftsverlag, S. 394. (online)
  6. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Band 1, S. 89.