Chirurgie
Chirurgie (gesprochen [çirʊrˈɡiː], regional auch [kirʊrˈɡiː]; zusammengesetzt aus altgriechisch χείρ kheir „Hand“ und ἔργον ergon „Werk, Arbeit“; wörtlich übersetzt ist ein Chirurg ein „Handarbeiter“ bzw. „Handwerker“) ist ein medizinisches Fachgebiet. Umgangssprachlich bezeichnet Chirurgie die allgemeinchirurgische Fachabteilung eines Krankenhauses.
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Aufgaben[Bearbeiten]
Die Chirurgie befasst sich mit der Behandlung von Krankheiten und Verletzungen durch direkte, manuelle oder instrumentelle Einwirkung auf den Körper des Patienten (Operation). In der Chirurgie werden verletzte Körperteile zum Zweck der Heilung wieder zusammengefügt oder genäht, kranke Organe vollständig (Ektomie) oder teilweise (Resektion) entfernt. Verstopfte Organsysteme werden wieder durchgängig gemacht. Es werden neue Organe oder Prothesen implantiert.
Eine zentrale Aufgabe der Chirurgie ist von jeher die Blutstillung bei Verletzungen.[1]
Geschichte[Bearbeiten]
Schon aus der Steinzeit sind chirurgische Eingriffe nachgewiesen, die von den Patienten überlebt wurden. Diese Kunst war nicht nur auf den Homo sapiens beschränkt: Ein etwa 50.000 Jahre alter Skelettfund eines männlichen Neandertalers in einer Höhle im Irak belegt eine Armamputation.[2] Seit 12.000 Jahren lassen sich überlebte Trepanationen nachweisen. Operationen wurden in der Antike, besonders bei Ägyptern und Römern, mit speziell für diesen Zweck bestimmten meist metallischen Werkzeugen durchgeführt. Über die Erfolge und Heilungen ist wenig bekannt.
Feldscher und Handwerkschirurgen[Bearbeiten]
Bis zum Aufkommen der akademischen Chirurgie führte der Bader oder Wundarzt mit handwerklicher Ausbildung (der Handwerkschirurg) Operationen durch. Für den Übergang vom Feldscher zum Chirurgen stehen Johann Dietz, Daniel Schwabe, Alexander Kölpin und Heinrich Callisen, bekanntester Handwerkschirurg war Doktor Eisenbarth. Vorangetrieben wurde die moderne Chirurgie von Militärärzten und italienischen Anatomen. Zur Zeit der Renaissance von kirchlichen Vorschriften emanzipiert, erweiterte die Anatomie mit der Obduktion den chirurgischen Horizont ganz wesentlich.
Antisepsis[Bearbeiten]
Aufgrund fehlenden Wissens über Infektionsgefahren wurden die Instrumente und die Hände des Arztes oft nicht gereinigt. Die Kittel waren damals dunkel, damit Schmutz und Blut darauf schwerer zu erkennen waren und man die Kittel nicht so oft waschen musste. Die Folge solch unhygienischen Vorgehens waren Infektionen, Sepsis und Tod.
Ignaz Semmelweis erahnte Mitte des 19. Jahrhunderts die Ursache des Kindbettfiebers, ordnete erstmals strenge Hygienemaßnahmen an und leistete einen ersten wichtigen Beitrag zum Rückgang der Todesfälle. Sir Joseph Lister experimentierte mit Karbol, ließ Hände und Instrumente damit reinigen, versprühte es über dem Operationsfeld und schuf damit bereits eine keimarme Atmosphäre während des Eingriffs. Der Durchbruch in der Chirurgie kam mit der Entdeckung der krankheitserregenden Keime durch das Mikroskop, den Erkenntnissen von Louis Pasteur und Robert Koch und der darauffolgenden Entwicklung der Asepsis. Ihren Siegeszug zum heutigen Standard begründeten dann die Reinigung, Desinfektion und Sterilisation von medizinischen Werkzeugen und Materialien sowie die Einführung von sterilen Operationshandschuhen aus Gummi.
Schmerzbetäubung[Bearbeiten]
Vor Einführung der Narkose (1846) hatte der Chirurg wegen der starken Schmerzen des Patienten möglichst schnell zu arbeiten. Todesfälle durch Schmerz (Schock) waren nicht selten. Von Dominique Jean Larrey, dem Leibarzt Napoleon Bonapartes, wird berichtet, dass er über 200 Amputationen an einem Tag vornehmen konnte. Robert Liston (1798–1847) amputierte trotz zum ersten Mal eingesetzter Narkose (21. Dezember 1846) aus Gewohnheit ein Bein in 28 Sekunden. Dies stellte damals eine normale Operationszeit dar, war aber nichts anderes als eine Verstümmelung; denn auf jeden Wundverschluß wurde verzichtet. Mit sorgfältiger Stumpfbildung und Weichteildeckung dauern Amputationen heute zum Teil bis zu einer Stunde und bleiben erfahrenen Chirurgien vorbehalten.
Endoskopie[Bearbeiten]
Von Kurt Semm 1967 in der Gynäkologie eingeführt, etablierte sich in den 1990er Jahren die minimal-invasive Chirurgie. Dabei werden die Patienten mit Endoskopen operiert, die über Stichinzisionen eingeführt sind. Der Chirurg sieht das Arbeitsfeld auf dem Bildschirm und bedient die Instrumente indirekt.
Die epochale Entwicklung der endoskopischen Chirurgie wurde von Johann von Mikulicz in Wien eingeleitet. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sie von Olympus in Japan vorangetrieben, wo das schwer zu erkennende Magenkarzinom so häufig ist wie sonst nirgends auf der Welt.[3]
Teilgebiete[Bearbeiten]
Nach der (Muster-) Weiterbildungsordnung von 2008 umfasst die Chirurgie in Deutschland acht Facharztrichtungen:[4]
Weitere operative Fächer sind Frauenheilkunde, Ophthalmologie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Dermatologie, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Neurochirurgie und Urologie. Da jedes Land eine eigene Weiterbildungsordnung hat, ist diese Einteilung nicht allgemein gültig.
Chirurgen[Bearbeiten]
Im 19. Jahrhundert gewann die deutsche Chirurgie durch Johann von Mikulicz Weltgeltung, die nur in der Zeit des Nationalsozialismus Schaden nahm. In den USA, in Australien und im Vereinigten Königreich sind Lehrstühle jüngst mit Deutschen besetzt worden.
Über die schwierige Lage der Chirurgie in der DDR berichtet Helmut Wolff.[5]
Große deutschsprachige Chirurgen sind
- Karl Heinrich Bauer, Onkologie
- Ernst von Bergmann, Kriegschirurgie, Antisepsis
- August Bier, Spinalanästhesie
- Theodor Billroth, Magenchirurgie
- Hans Georg Borst, Herz-Lungentransplantation
- Fritz von Bramann, Neurochirurgie
- Christoph Broelsch, Lebertransplantation
- Vincenz Czerny, Onkologie
- Anton Eiselsberg, Unfallchirurgie, Neurochirurgie
- Friedrich von Esmarch, Kriegschirurgie
- Werner Forßmann, Herzkatheter (Nobelpreis 1956)
- Emil Karl Frey (Pour le Mérite 1975)
- Themistocles Gluck, Endoprothesen
- Alfred Gütgemann, Leberchirurgie
- Axel Haverich, Herzchirurgie
- Martin Kirschner, Darmchirurgie
- Fritz König, Osteosynthese, Neurochirurgie
- Gerhard Küntscher, Marknagel
- Arthur Läwen, Wegbereiter der Anästhesiologie
- Bernhard von Langenbeck, Kriegschirurgie
- Erich Lexer, Plastische Chirurgie
- Peter Friedrich Matzen, Orthopädische Chirurgie
- Johann von Mikulicz, Gastroskopie, Lungenchirurgie, Orthopädie, Urologie, Plastische Chirurgie
- Rudolf Nissen, Thoraxchirurgie, Fundoplicatio
- Erwin Payr, Onkologie, Urologie
- Heinz Pichlmaier, Nierentransplantation, Gefäßchirurgie
- Rudolf Pichlmayr, „Transplantationsmedizin“
- Fritz Rehbein, Kinderchirurgie
- Ferdinand Sauerbruch, Kriegschirurgie, Thoraxchirurgie
- Julius Scriba, Ordinarius in Tokyo
- Louis Stromeyer, Kriegschirurgie
- Friedrich Trendelenburg, Kriegschirurgie, Asepsis
- Harald Tscherne, Unfallchirurgie
- Richard von Volkmann, Knochenchirurgie, Antisepsis
- Werner Wachsmuth, Kriegschirurgie, „Nestor der deutschen Chirurgen“
- Alfred Nikolaus Witt, Orthopädie und Unfallchirurgie
- Helmut Wolff, Pionier der Transplantationsmedizin in der DDR
- Rudolf Zenker, erste Herztransplantation in Deutschland
Nissen und Wachsmuth sind die wichtigsten Chirurgenbiografien des 20. Jahrhunderts zu verdanken. Peter Bamm veröffentlichte 1952 seinen berühmten Bericht über die Kriegschirurgie im Heer der Wehrmacht. Dass seine Wahrhaftigkeit auch deutsche Kriegsverbrechen einbezog, wird erst heute wahrgenommen.
Das Chirurg[Bearbeiten]
Diagnosebezogene Fallgruppen, Privatwirtschaftliches Gewinnstreben, Qualitätsmanagement, Medizinische Dokumentation, haftungsrechtliche Auseinandersetzungen, Arbeitszeitgesetz, quotenorientierte „Kriminalisierung“ in den Massenmedien, die tarifrechtliche Nivellierung operativer und konservativer Fächer und die Ahnungslosigkeit der Politik haben die Medizin zum Spiel um den Schwarzen Peter gemacht. Die Folgen bekommt vor allem die Chirurgie zu spüren. Auch angesehene Kliniken in attraktiven Städten verzeichnen immer weniger Bewerber. Die Lücken werden (noch) mit Frauen geschlossen. Von den vielen ausländischen Kollegen können sich nicht alle mit den Patienten verständigen. Angeregt von einer Stellenausschreibung in der Irish Medical Times – „Geschlechtslose Personen werden bei gleicher Eignung bevorzugt“ – schreibt der Berliner Chirurg Bartholomäus Böhm in einer Glosse:[6]
„Wir benötigen ein Wesen, das durch Familie oder Freunde nicht gebunden ist. Es darf nicht schwanger werden, keine Elternzeit nehmen, keine Kinder aufziehen, sich nicht um kranke Familienmitglieder kümmern, muss immer belastbar und verfügbar sein und wenig Urlaub benötigen. Eigentlich wäre ein asoziales Element wünschenswert, das jederzeit mit vollem Engagement verfügbar ist. Das Chirurg könnte tagsüber am Patienten tätig sein und operieren und sich außerhalb der Kernarbeitszeit um Fortbildung oder DRG-Kodierung kümmern. Für Forschung und Lehre wäre sicherlich auch noch ein Zeitfenster zu finden.“
– Bartholomäus Böhm
Siehe auch[Bearbeiten]
- Anästhesie
- Beratender Chirurg
- Berliner Chirurgische Gesellschaft
- Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC)
- Chirurgische Lehrstühle Berlin
- Der Chirurg
- Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie
- HF-Chirurgie
Einzelnachweise[Bearbeiten]
- ↑ Walter von Brunn: Zur Geschichte der Blutstillung. Die Medizinische Welt. Band 9, 1935, S. 107 f.
- ↑ Manfred Reitz: Steinzeitchirurgie. Pharm. Ind. 73, Nr. 10 (2011), S. 1755-1757
- ↑ Rabenstein et al. (2008)
- ↑ Bundesärztekammer: (Muster-)Weiterbildungsordnung und -richtlinie, abgerufen am 28. Januar 2013
- ↑ H. Wolff: Zur Entwicklung der Chirurgie und der chirurgischen Forschung in der DDR. Deutsche Gesellschaft für Chirurgie – Mitteilungen 1/2012, S. 1–8
- ↑ B. Böhm: Der, die, das Chirurg. Chirurgische Allgemeine, 14. Jg., 3. Heft (2013), S. 121 f.
Literatur[Bearbeiten]
- BRUNS, P.v. (Hg.): Bruns Kriegschirurgische Hefte der Beiträge zur klinischen Chirurgie. Laupp 1917-19, Hln.Lex8°
- Peter Bamm: Die unsichtbare Flagge. München 1952. Neuausgabe 1989, ISBN 978-3807500072
- Knut Hæger: The Illustrated History of Surgery. Starke, London 1992, ISBN 1-872457-00-2
- Rudolf Nissen: Helle Blätter, dunkle Blätter. Erinnerungen eines Chirurgen. Stuttgart 1969; mehrere Wiederauflagen und Nachdrucke. ISBN 3-609-16029-2
- Paul Ridder: Chirurgie und Anästhesie: Vom Handwerk zur Wissenschaft. Hirzel, Stuttgart 1993, ISBN 3-8047-1256-8
- Detlef Rüster: Alte Chirurgie: Von der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert, 4. Auflage. Verlag Gesundheit, Berlin 1999, ISBN 3-333-01029-1 (bis zur 3. Auflage Nebentitel Legende und Wirklichkeit)
- Jürgen Thorwald: Das Jahrhundert der Chirurgen. Droemer Knaur, München 1980, ISBN 3-426-03275-9
- Karl Vossschulte: Leistungen und Ergebnisse der neuzeitlichen Chirurgie. Emil K. Frey zum 70. Geburtstag. Stuttgart 1958
- Werner Wachsmuth: Ein Leben mit dem Jahrhundert. Berlin 1985. ISBN 978-3540150367
Weblinks[Bearbeiten]
- Chirurgisches E-Learning-Angebot der Charité
- Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie
- Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) e.V.
- Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH)
- Chirurgisches Fachportal des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen (BDC) e.V.
Karl Unger (1815) | Albert Wilhelm Hermann Seerig (1836) | Albrecht Wagner | Karl Schönborn (1871) | Johann von Mikulicz (1887) | Christian Heinrich Braun (1890–1895) | Anton von Eiselsberg (1896) | Carl Garrè (1901–1905) | Erich Lexer (1905) | Erwin Payr (1910) | Paul Leopold Friedrich (1911) | Martin Kirschner (1916) Arthur Läwen (1928–1945)
Albrecht Theodor Middeldorpf | Hermann Fischer | Johann von Mikulicz (1890–1905) | Carl Garrè | Hermann Küttner | Karl Heinrich Bauer | Hans Killian | Wiktor Bross (bis 1973) | Stefan Koczorowski (bis 1980) | Bogdan Łazarkiewicz (1980–2000)
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