Vulgata-Zyklus

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Christus überreicht dem Autor ein Buch. Miniatur aus dem Estoire del saint Graal der Handschrift Bibliothèque Municipale Rennes, MS 255, um 1220

Vulgata-Zyklus ist der moderne Titel von fünf höfischen Romanen, die im 12. und 13. Jahrhundert auf altfranzösisch verfasst wurden. Er wird Lancelot-Gral-Zyklus, Pseudo-Map-Zyklus nach dem walisischen Schriftsteller Walter Map, der einige Verse aus dem Lateinischen übersetzt haben soll, oder nach seinem Hauptteil Prose Lancelot, Prosa-Lancelot-Gral-Zyklus oder schlicht Vulgata genannt.

Der Vulgata-Zyklus ist eine der Hauptquellen der Artussage, auf ihm fußt der Hauptteil der später entstandenen Texte aus dem sogenannten Post-Vulgata-Zyklus als auch die wirkmächtige Zusammenstellung des Artusstoffs in Le Morte Darthur von Thomas Malory aus dem 15. Jahrhundert. Den Hauptteil der Erzählungen bilden die Abenteuer des Ritters Lancelot und die Suche nach dem Heiligen Gral.

Gliederung[Bearbeiten]

Der Zyklus besteht in seiner ausgebauten Form aus fünf verschieden langen Teilen, die ohne Titel verfasst wurden und für die sich in der Forschung folgende Namen durchgesetzt haben:[1]

  • Estoire del Saint Graal „Geschichte vom Heiligen Gral“
  • Merlin
    • Suite du Merlin „Fortsetzung von Merlin“
  • Lancelot del Lac „Lancelot vom See“ (entstanden um 1215 bis 1225)
  • Queste del Saint Graal „Suche nach dem Heiligen Gral“ (entstanden um 1220 bis 1225)
  • Mort le Roi Artu „Tod des Königs Artus“ (entstanden um 1225 bis 1235)

Entstehung, Inhalt und Überlieferung[Bearbeiten]

Der Vulgata-Zyklus gehört neben dem Rosenroman zur am besten überlieferten altfranzösischen Literatur. Es sind über hundert Handschriften erhalten,[2] darunter drei vollständige. Die Bonner Handschrift[3] ist in Amiens verfasst worden und auf den 28. August 1286 datiert, die anderen beiden vollständigen Pariser Handschriften[4] sind undatiert. Im Zyklus werden die aus der Historia Regum Britanniae von Geoffrey von Monmouth bekannten Artussagen wiedergegeben, umgeschrieben und um zahlreiche Details und Nebengeschichten ergänzt.

Nach Elspeth Kennedy lassen sich zwei Entstehungsschritte des Zyklus ausmachen, deren erster bereits in der ältesten bekannten Handschrift[5] sichtbar ist und inhaltlich den zentralen und längsten Teil des Zyklus Lancelot del Lac umfasst. In der älteren Gruppe der Handschriften wird erzählt, wie Lancelot von einer noch namenlosen „Herrin vom See“ aufgezogen wird, die von Merlin Zauberkräfte erhalten hat. Es folgen die Abenteuer Lancelots von seiner Ritterschaft bei König Artus über seine Liebschaft mit Guinevere, die Errettungen des Königreichs, seine Aufnahme unter die Ritter der Tafelrunde und wie er die Tafelrunde gemeinsam mit seinem Freund Galehaut wieder verlässt. Nach dem Identitätsverlust Guineveres und der Wiederherstellung durch Lancelot kehrt er an den Artushof zurück. In dieser ersten Entstehungsschicht bestehen viele Gemeinsamkeiten mit den Romanen Chrétien de Troyes und Robert de Borons Estoire dou Graal sowie mit älteren Gralsgeschichten, in denen Parceval vorkommt.

Die zweite Entwicklungsstufe zeichnet sich durch die Umschrift der Guinevere- und Galehaut-Episoden, die Einbindung der Geschichte aus Chrétiens Le Chevalier de la charrette und die Einführung des Lancelotsohnes Galahad aus. Zudem wird der umgeschriebenen Erzählung eine Vorgeschichte voran- und eine Weiterführung nachgestellt. Den ersten Teil der Vorgeschichte bildet die Estoire del Saint Graal, in der die von Robert de Boron bekannte frühe Geschichte des Grals um Josef von Arimathäa umgeschrieben wird. Der zweite Teil ist Merlin, in dem de Borons Versroman Histoire de Merlin in Prosaform wiedergegeben wird. In den meisten Handschriften folgt dem Merlin die sogenannte Suite du Merlin, in der das weitere Leben Merlins geschildert wird und das als Übergang zum ursprünglichen Anfang der Erzählung, dem Lancelot del Lac (Lancelot vom See), dient. Die Gralssuche in Queste del Saint Graal, die in den frühesten Handschriften des Zyklus nicht vorkommt, jedoch bald hinzugefügt wurde, wird in den meisten Handschriften erfolgreich von Lancelot abgeschlossen. In der Abfolge Merlin – Herrin vom See – Lancelot wurde die Tatsache, dass Merlin ungetauft ist, als Widerspruch zur christlichen Gesamtaussage der zweiten Bearbeitungsstufe des Zyklus wahrgenommen. Um diesen Widerspruch aufzulösen entstand eine dritte Handschriftengruppe, in der Textteile weggelassen wurden und die deshalb als „Short Version“ des Vulgata-Zyklus bezeichnet werden. Der Gralssuche folgt in Mort le Roi Artu die Geschichte vom Tod König Artus'.[6]

Ausgaben[Bearbeiten]

Eine vollständige Ausgabe des Vulgata- und des Post-Vulgata-Zyklus mit englischer Übersetzung wurde vom amerikanischen Romanisten Norris J. Lacy besorgt. Die Bände eins bis vier enthalten den Vulgata-Zyklus, in Band fünf sind nur Texte des Post-Vulgata-Zyklus enthalten. Eine Edition mit französischer Übersetzung wurde vom französischen Mediävisten Philippe Walter als Teil der Buchreihe Bibliothèque de la Pléiade vorgelegt.

  • Norris J. Lacy (Hrsg.): Lancelot–Grail: The Old French Arthurian Vulgate and Post-Vulgate in Translation.
  • Philippe Walter (Hrsg.): Le Livre du Graal.
    • Band 1: Joseph d'Arimathie - Merlin - Les Premiers Faits du roi Arthur. Paris, Gallimard 2001, ISBN 978-2-07011-342-2
    • Band 2. Lancelot - La Marche de Gaule - Galehaut - La Première Partie de la quête de Lancelot. Paris, Gallimard 2003, ISBN 978-2-07011-343-9
    • Band 3. Lancelot - La Seconde Partie de la quête de Lancelot - La Quête du saint Graal - La Mort du roi Arthur. Paris, Gallimard 2009, ISBN 978-2-07011-344-6

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Gliederung nach der Bonner Handschrift, siehe Ulrich Mölk (PDF; 543 kB)
  2. Liste der Handschriften
  3. Bonn, UB S 526
  4. Paris, BNF fr. 110 und fr. 344
  5. Paris, BNF fr. 768
  6. Elspeth Kennedy: What is the Lancelot-Grail? In: The Lancelot-Graal Project.