Wachet auf, ruft uns die Stimme

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Fassung aus Nicolais Freudenspiegel des ewigen Lebens, 1599

Wachet auf, ruft uns die Stimme ist ein Kirchenlied von Philipp Nicolai aus dem Jahre 1599, veröffentlicht im Anhang seines Buches Freudenspiegel des ewigen Lebens. Die Melodie zitiert eine Wendung aus der seinerzeit bekannten Silberweise des Nürnberger Schuhmachers und Meistersängers Hans Sachs.

Beschreibung[Bearbeiten]

Das Lied bezieht sich auf das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1–13 Lut) sowie die Prophezeiungen Jesajas (Jes 52,8 Lut) und wird insbesondere zum Ende des Kirchenjahres (Ewigkeitssonntag nach evangelischer Tradition) bzw. im Advent (nach katholischer Tradition) gesungen.

Die Paarkonstellation, dass die menschliche Seele Zion als personifiziertes Jerusalem den Messias heiraten wird, ist über Jahrhunderte aus einer jüdischen und christlichen Interpretation des Hohenlieds entstanden.

Die charakteristischen Anfangstöne des Chorals geben einem Geläutemotiv den Namen.

Das Lied bildet die Grundlage der gleichnamigen Kantate Wachet auf, ruft uns die Stimme von Johann Sebastian Bach (BWV 140). Felix Mendelssohn Bartholdy verwendete es für sein Oratorium Paulus sowohl in der Ouvertüre als auch als Choral. Max Reger entwickelte daraus seine Fantasie über den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (siehe Drei Choralfantasien (Max Reger), op. 52, 2).

Es findet sich heute im Evangelischen Gesangbuch (EG 147, 3. Strophe mit Choralsatz von Johann Sebastian Bach zusätzlich EG 535 als Abschluss des Stammteils) als Eröffnung des Abschnitts Ende des Kirchenjahres, was seiner Stellung als Hauptlied für den Ewigkeitssonntag entspricht; im alten Gotteslob (Nummer 110) stand es, wie im alt-katholischen Gesangbuch Eingestimmt (E 304) hingegen im Abschnitt Advent. Im am 1. Adventssonntag 2013 eingeführten neuen Gotteslob ist das Lied unter der Nummer 554 in der Rubrik „Die himmlische Stadt“ (Eschatologie) eingeordnet. Im freikirchlichen Gesangbuch Feiern und Loben unter Nr. 287 und im Mennonitischen Gesangbuch unter Nr. 414.

Besonders die dritte Strophe ist dabei im Verlauf der Überlieferungsgeschichte verändert worden, weil die Worte Consorten (im Sinn von Teilhaber) und jo, jo (oder io, io, wie bei In dulci jubilo) schon im 19. Jahrhundert nicht mehr als verständlich und zeitgemäß empfunden wurden.[1]

Text[Bearbeiten]

James Tissot, Die weisen Jungfrauen, ca. 1890
Zwölf Tore des himmlischen Jerusalem, Beatus Facundus, 1042
Philipp Nicolai 1599 Evangelisches Gesangbuch/Gotteslob/Mennonitisches Gesangbuch

   Wachet auff / rufft uns die Stimme
   Der Wächter sehr hoch auff der Zinnen,
   Wach auff du Statt Jerusalem.
   Mitternacht heißt diese Stunde
   Sie ruffen uns mit hellem Munde:
   Wo seydt ihr klugen Jungfrauwen?
   Wohlauff / der Bräutgam kompt /
   Steht auff / die Lampen nimpt /
   Halleluia!
   Macht euch bereit / Zu der Hochzeit /
   Ihr müsset ihm entgegengehn.

   Zion hört die Wächter singen /
   Das Herz thut ihr vor Frewden springen,
   Sie wachet und steht eilend auff:
   Ihr Freund kompt vom Himmel prächtig,
   Von Gnaden starck, von Wahrheit mächtig:
   Ihr Liecht wirdt hell, ihr Stern geht auff.
   Nu komm du werthe Kron /
   Herr Jesu, Gottes Sohn /
   Hosianna.
   Wir folgen all zum Frewden Saal
   Und halten mit das Abendmal.

   Gloria sey dir gesungen /
   Mit Menschen und Englischen Zungen /
   Mit Harpffen und mit Cymbaln schön:
   Von zwölff Perlen sind die Pforten
   An deiner Stattt / wir sind Consorten
   Der Engeln hoch umb deinen Thron /
   Kein Aug hat je gespürt /
   Kein Ohr hat mehr gehört /
   Solche Freuwde.
   Deß sind wir froh / jo / jo
   Ewig in dulci iubilo.[2]

   „Wachet auf,“ ruft uns die Stimme
   Der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
   „Wach auf du Stadt Jerusalem!
   Mitternacht heißt diese Stunde!“
   Sie rufen uns mit hellem Munde:
   „Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
   Wohlauf, der Bräut’gam kommt,
   Steht auf, die Lampen nehmt!
   Halleluja!
   Macht euch bereit zu der Hochzeit;
   Ihr müsset ihm entgegengehn!“

   Zion hört die Wächter singen,
   Das Herz tut ihr vor Freude springen,
   Sie wachet und steht eilend auf.
   Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
   Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;
   Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
   Nun komm, du werte Kron,
   Herr Jesu, Gottes Sohn!
   Hosianna!
   Wir folgen all zum Freudensaal
   Und halten mit das Abendmahl.

   Gloria sei dir gesungen
   Mit Menschen- und mit Engelzungen,
   Mit Harfen und mit Zimbeln schön.
   Von zwölf Perlen sind die Tore,
   An deiner Stadt; wir stehn im Chore
   Der Engel hoch um deinen Thron.
   Kein Aug hat je gespürt,
   Kein Ohr hat mehr gehört
   Solche Freude.
   Des jauchzen wir und singen dir
   das Halleluja für und für.

Melodie[Bearbeiten]

  
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  \set Score.timing = ##f   
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}  
\addlyrics 
{ \tiny \set stanza = #"1. " 
<< 
{ „Wa -- chet auf“, ruft uns die Stim -- me der Wäch -- ter sehr hoch auf der Zin -- ne, „wach auf, du Stadt Je -- ru -- sa -- lem.“ } 
\new Lyrics { \tiny Mit -- ter -- nacht heißt die -- se Stun -- de; sie ru -- fen uns mit hel -- lem Mun -- de:  „Wo seid ihr klu -- gen Jung -- frau -- en? }  
>> 
Wohl -- auf, der Bräut -- gam kommt; steht auf, die Lam -- pen nehmt. Hal -- le -- lu -- ja. Macht euch be -- reit zu der Hoch -- zeit, ihr müs -- set ihm ent -- ge -- gen -- gehn.“
}

Quelle: Text und Musik: Philipp Nicolai 1599

Literatur[Bearbeiten]

  • Ansgar Franz: Wachet auf, ruft uns die Stimme. In: Hansjakob Becker et al. (Hrsg.): Geistliches Wunderhorn. 2. Auflage. Ch. H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-48094-2, S. 154–166.
  • Christian Möller (Hrsg.): Kirchenlied und Gesangbuch. Quellen zur Geschichte. A. Francke Verlag, Tübingen 2000, ISBN 3-7720-2911-6, S. 148–149.
  • Joachim Stalmann: 147 Wachet auf, ruft uns die Stimme. In: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Heft 4. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-50325-3, S. 83–88 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Barbara Stühlmeyer, Ludger Stühlmeyer: Wachsam – Achtsam. Wachet auf ruft uns die Stimme. In: Das Leben singen. Christliche Lieder und ihr Ursprung. Verlag DeBehr, Radeberg 2011, ISBN 978-3-939241-24-9, S. 11–18.

Weblinks[Bearbeiten]

Liedtext bzw. weitere Informationen zum Lied bei

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bähr: Vortrag über die Herstellung eines allgemeinen Gesangbuchs für die deutsche evangelische Kirche. In Allgemeines Kirchenblatt für das evangelische Deutschland 1 (1852), S. 236–259, hier S. 247: Wenn es z. B. in dem herrlichen und wahrhaften Kirchenlied „Wachet auf, ruft uns die Stimme" u. s. w. Vers 3 ursprünglich heißt: „Wir sind Consorten der Engel hoch um deinen Thron,“ so kennt das Volk den Ausdruck „Consorten“ gegenwärtig nur aus den amtsrichterlichen Schreiben, wo es zu heißen pflegt: „In Sachen des und des und Consorten.“
  2. zit. nach Lyrik-und-Lied.de Abgerufen am 13. November 2012