Zehn kleine Negerlein

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Dieser Artikel behandelt den Zählreim aus dem 19. Jahrhundert. Für den Roman von Agatha Christie, der von 1982 bis 2003 unter diesem Titel veröffentlicht wurde, siehe Und dann gabs keines mehr; für den danach entstandenen Film siehe Ein Unbekannter rechnet ab.
Ten Little Injuns von 1868
The Ten Little Niggers von Frank J. Green von 1869

Zehn kleine Negerlein ist ein Lied in Form eines Zählreims, der in seinen zahlreichen Varianten in der Regel zehn Strophen enthält, in denen jeweils ein „Negerlein“ stirbt oder verschwindet. Es basiert auf dem amerikanischen Lied Ten Little Injuns aus dem Jahr 1868 von Septimus Winner.

Geschichtlich stand am Anfang die Liedform, gefolgt von Kinderbüchern und später von Kriminalromanen, abgeleiteten Liedern und Filmen. Den Text des Zählreims gibt es in zahlreichen Versionen, die nicht immer von „Negerlein“ handeln. Zudem gibt es auch Variationen des Endes: In manchen sind am Schluss alle zehn verschwunden, in anderen sind sie, in der Regel durch Heirat, wieder vollzählig.

Der Begriff „Neger“ wurde in den 1990er Jahren zunehmend als abwertend und rassistisch empfunden und der Zählreim steht seither den Konventionen von politischer Korrektheit entgegen.[1]

Geschichte 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Das Lied Zehn kleine Negerlein geht auf das amerikanische Lied Ten Little Injuns von Septimus Winner (1827–1902) aus dem Jahr 1868 zurück. Das Wort Injuns ist eine Verballhornung des englischen Worts Indians für Indianer. Daher handelte das Lied anfangs von Indianern und nicht von „Negern“.

Schon kurz darauf wurde es 1869, möglicherweise von Frank J. Green, zu Ten Little Niggers umgereimt. Diese Fassung wurde zum Standardrepertoire der US-amerikanischen Blackface-Minstrel Shows, in denen Weiße mit dunkel bemaltem Gesicht „Neger“ verspotteten. Eine bekannte Blackface-Gruppe der Zeit, die Christy’s Minstrels, brachten die Ten Little Niggers nach Großbritannien, von wo sie europaweite Verbreitung fanden.

Beide Lieder wurden ab 1868 bzw. 1869 in Form von Kinderbüchern auf den Markt gebracht, einige Jahre nach Ende des amerikanischen Bürgerkriegs, der von 1861 bis 1865 dauerte.

Die ältesten deutschen Ausgaben erschienen erst eine Generation später, ab 1885. Durch das zeitliche Zusammenfallen mit der Berliner Kongokonferenz um die Aufteilung Afrikas werden die kleinen Negerlein oft mit dem deutschen Kolonialismus in einen ursächlichen Zusammenhang gebracht.

Texte[Bearbeiten]

Der Text der ersten englischen Version von Septimus Winner (1868) ist in der englischen Wikipedia unter Ten Little Injuns verfügbar. Hier ist die bekanntere Version von Frank Green (1869) dokumentiert.

Erste deutsche Version von F. H. Benary (1885)[Bearbeiten]

Zehn kleine Negerknaben schlachteten ein Schwein;
Einer stach sich selber tot, da blieben nur noch neun.
 
Neun kleine Negerknaben, die gingen auf die Jagd;
Einer schoss den andern tot, da waren’s nur noch acht.
 
Acht kleine Negerknaben, die gingen und stahlen Rüben;
Den einen schlug der Bauer tot, da blieben nur noch sieben.
 
Sieben kleine Negerknaben begegnen einer Hex’;
Einen zaubert sie gleich weg, da blieben nur noch sechs.
 
Sechs kleine Negerknaben gehn ohne Schuh und Strümpf;
Einer erkältet sich zu Tod, da blieben nur noch fünf.
 
Fünf kleine Negerknaben, die tranken bayrisch’ Bier;
Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.
 
Vier kleine Negerknaben, die kochten einen Brei;
Der eine fiel zum Kessel rein, da blieben nur noch drei.
 
Drei kleine Negerknaben spazierten am Bau vorbei;
Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.
 
Zwei kleine Negerknaben, die wuschen am Nil sich reine;
Den einen fraß ein Krokodil – da blieb nur noch der eine.
 
Ein kleiner Negerknabe nahm sich ’ne Mama;
Zehn kleine Negerknaben sind bald wieder da.

Version von Frank Green[Bearbeiten]

Ten little Niggers going out to dine,
One choked his little self and then there were nine.

Nine little Niggers staying up too late,
One overslept himself and then there were eight.

One little, two little, three little, four little, five little Niggers,
Six little, seven little, eight little, nine little, ten little Niggers.

Eight little Niggers going into Devon.
One said he’d stay here and then there were seven.

Seven little Niggers chopping up sticks,
One chopped himself in half and then there were six.

Six little Niggers playing round a hive,
One bumble-bee stung one and then there were five.

Five little Niggers going in for law,
One got in Chancery and then there were four.

Four little Niggers going out to sea,
A red herring swallowed one and then there were three.

Three little Niggers visiting the Zoo,
A big bear hugged one and then there were two.

Two little Niggers playing in the sun,
One got shrivelled up and then there was one.

One little Nigger living all alone,
He got married and then there were none.

Melodie[Bearbeiten]

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Rezeption[Bearbeiten]

Kinderbücher[Bearbeiten]

Negerlein im Schnee als Erziehungshilfe: „Ohne Schuh’ und Strümpf’ ergibt Erkältung“

Die zehn kleinen Negerlein sind ein Kinderbilderbuch, das sich über mehr als 100 Jahre weltweit ausbreitete; es erschien in mindestens in 345 Editionen, in 16 Ländern; nach der Zahl der Editionen am stärksten verbreitet in GB (104), Deutschland (96), USA (54), Niederlande (50), Österreich (13), Schweden (8), Schweiz (6), Australien (4), Frankreich (3), Neuseeland, Kanada, Palästina, Dänemark, Island, CSR, China (je 1). In Deutschland handelt es sich um das verbreitetste jemals gedruckte Kinderbuch.[2]

Es geht auch mit 12... (Fritz Gareis, 1910)

Nur einige der ältesten deutschen Fassungen zwischen 1890 und 1920 weisen 12 Szenen auf; dies geschah in Anlehnung an die Münchener Bilderbogen und die Fliegenden Blätter. Eine undatierte Darstellung von vermutlich 1890 aus dem Robrahn-Verlag Magdeburg wurde als Bilderbogen mit drei Reihen und je Reihe vier Szenen gestaltet, um ein rechteckiges Format zu gewährleisten. In den 1960er Jahren erschienen neben den zehn auch Sechs, Fünf und Vier kleine Negerlein. Unbeschadet solcher Abweichungen ist das Darstellungsmuster stets gleich: Es stirbt oder verschwindet jeweils ein Negerlein.

Lieder (Auswahl)[Bearbeiten]

Verhältnis zum jiddischen Lied "Tsen Brider"[Bearbeiten]

Ein jiddisches Volkslied von 1901 aus St. Petersburg behandelt die Tsen Brider (Zehn Brüder), die beim Handel mit zehn verschiedenen Waren nacheinander umkommen, weil sie – wie erst in der letzten Strophe offenbart wird – zu wenig zu essen haben. Die Melodie der Tsen Brider weicht von der Melodie der Zehn kleine Negerlein ab. Sie ist melancholisch und der Refrain fehlt. Weiterhin konnten keine Verbindungen zwischen den Liedern nachgewiesen werden, weshalb ein direkter Zusammenhang als "möglich aber unwahrscheinlich" gilt. [3] Die Tsen Brider wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von einer ganzen Reihe deutscher Liedermacher neu bearbeitet und aufgeführt.[3]

Literatur[Bearbeiten]

Aus Kamerun (1885)

Kinderbücher, Romane, Satiren[Bearbeiten]

Fachbücher, Aufsätze[Bearbeiten]

  • Wulf Schmidt-Wulffen: Die „Zehn kleinen Negerlein“. Zur Geschichte der Rassendiskriminierung im Kinderbuch. LIT-Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-643-10892-0 (engl.: Schmidt-Wulffen, Wulf: Ten Little Niggers and Zehn kleine Negerlein. Racism in a Globalised Children’s Book: A German Point of View. LIT-Verlag, Zürich 2012)
  • Juliane Kaune, Insa Hagemann: Der Professor und die „Negerlein“. In: HAZ vom 24. Februar 2014, S. 11

Film[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Zehn kleine Negerlein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Im Duden wurde „Neger“ erstmals 1999 markiert als „wird heute meist als abwertend empfunden“. Ulrike Kramer: Von Negerküssen und Mohrenköpfen. Begriffe wie Neger und Mohr im Spiegel der Political Correctness – Eine Wortschatzanalyse. Diplomarbeit, 2006. PDF, S. 11 ff.
  2. Wulf Schmidt-Wulffen: Die „Zehn kleinen Negerlein“. Zur Geschichte der Rassendiskriminierung im Kinderbuch. LIT-Verlag, Münster 2010.
  3. a b Martin Geck. Festschrift zum 65. Geburtstag, hg. von Ares Rolf und Ulrich Tadday. Klangfarben Musikverlag Dortmund 2001, S. 371–392, ISBN 3-932676-07-6