Zeitschriftenkrise

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Zeitschriftenkrise wird im Bibliothekswesen das Problem bezeichnet, dass insbesondere seit Mitte der 1990er Jahre die Preise für Zeitschriften in den Bereichen Naturwissenschaft, Technik und Medizin (eng. Science, Technology, Medicine, kurz STM) stark anstiegen, während die Etats der Bibliotheken zur Erwerbung stagnierten oder rückläufig waren. Deshalb bestellten sie viele dieser Zeitschriftenabonnements ab. Dies wiederum führte zu weiteren Preiserhöhungen, weil die Verlage so die durch sinkende Abonnentenzahlen verursachten Einnahmeverluste auszugleichen versuchten. Dadurch entstand ein Teufelskreis, in dessen Verlauf der Zugriff auf aktuelle Forschungsinformationen für Wissenschaftler und andere interessierte Personen immer stärker eingeschränkt wurde.

Digitale Zeitschriften[Bearbeiten]

Die Zeitschriftenkrise wird durch den Wandel von gedruckten zu elektronischen Zeitschriften noch weiter verschärft. Digitale Inhalte gestatten den Urheberrechtsinhabern eine stärkere Kontrolle über die Nutzung und ermöglichen es ihnen, den Personenkreis weiter einzuschränken, der Zugriff auf die Zeitschriften hat. Wenn eine rein digital vorliegende Zeitschrift abbestellt wird, ist der entsprechenden Universitätsbibliothek in der Regel auch der Zugriff auf diejenigen Jahrgänge verwehrt, für die sie Abonnementsgebühren bezahlt hat (vgl. House of Commons 2004, 33f).

Viele Lizenzverträge gestatten den Zugriff auf die Zeitschriften nur noch Universitätsangehörigen. Bisher hatten in vielen Universitätsbibliotheken auch sonstige, an der Wissenschaft interessierte Personen Zugang zu allen Beständen. Diese Personen werden jetzt ausgeschlossen (vgl. House of Commons 2004, 26). Insbesondere für sie haben die Wissenschaftsverlage das Modell Pay-Per-View vorgesehen, bei dem der interessierte Leser für jeden Artikel gesondert zahlen muss. Die Preisvorstellungen liegen derzeit bei circa 25 Euro pro Artikel.

Ursachen[Bearbeiten]

Nach einem Report des britischen Unterhauses ist die Ursache dieser Entwicklung darin zu sehen, dass vielen verstreuten Käufern (in der Regel Universitätsbibliotheken) nur noch sehr wenige Anbieter von STM-Zeitschriften (Science-Technics-Medicine-Zeitschriften) gegenüberstehen. Denn in den 1990er Jahren kam es in diesem Markt zu einem starken Konzentrationsprozess. Im Jahr 2003 kontrollierten acht Zeitschriftenkonzerne 66,4% des Weltmarkts für STM-Zeitschriften. Der Marktführer Reed Elsevier allein hatte im Jahr 2003 einen Umsatz von 7,1 Mrd. Euro und einen Anteil von 28,2% am STM-Markt. Auch große wissenschaftliche Gesellschaften wie die American Chemical Society treiben in den letzten Jahren die Preise für ihre Produkte dramatisch (teilweise um mehrerer hundert Prozent) in die Höhe:

Weltmarktanteil der STM-Zeitschriftenkonzerne im Jahr 2003
(vgl. House of Commons 2004, 13)
Name Anteil
Reed Elsevier 28,2 %
Thomson 9,5 %
Wolters Kluwer 9,4 %
Springer 4,7 %
John Wiley 3,9 %
American Chemical Society 3,6 %
Blackwell Publishing 3,6 %
Taylor & Francis 3,6 %
Sonstige 33,6 %

Die Wissenschaftler sind andererseits gezwungen, möglichst viele Forschungsergebnisse in Fachzeitschriften zu publizieren (Publish or perish). Nur so können sie innerhalb ihres Fachs an Reputation gewinnen. Bei der Entscheidung, in welcher Zeitschrift sie publizieren, richten sie sich nach deren Ansehen und Einfluss der Zeitschrift, nicht aber nach Marktkriterien. Andererseits ist der Zugriff auf einige wichtige Zeitschriften die Voraussetzung, um über die aktuellen Entwicklungen in einem Fach informiert zu sein und so überhaupt noch wissenschaftliche Forschung betreiben zu können (vgl. House of Commons 2004, 9ff). Diese Faktoren stärken die Positionen der Wissenschaftsverlage, die deshalb jährliche Preissteigerungen im zweistelligen Prozentbereich für Zeitschriftenabonnements durchsetzen und Kapitalrenditen von bis zu 33 % erreichen konnten, was weit über dem Durchschnitt der Medienindustrie liegt. Inzwischen kostet ein Jahresabonnement einer STM-Zeitschrift bis zu 6000 Euro (vgl. Dambeck 2004).

Die Wissenschaftsverlage rechtfertigen ihre hohen Preise vor allem mit den Kosten der Peer-Review und ihrer verlegerischen Tätigkeit. Diese Argumente werden aber angezweifelt, denn die Verlage zahlen in der Regel weder den Autoren noch den an der Peer-Review beteiligten Wissenschaftlern ein Honorar. Fast immer wird auch von den Wissenschaftsverlagen verlangt, dass Autoren ihre Artikel druckfertig nach Verlagsvorgaben einreichen (vgl. Dambeck 2004). Auch werden bei der Mehrheit der STM-Zeitschriften zusätzlich noch Druckkostenzuschüsse oder andere Publikationsgebühren erhoben.

Alternativen: Open Access[Bearbeiten]

Hauptartikel: Open Access

Als Alternative zu dieser Entwicklung wird von einigen Beteiligten, wie etwa den Unterzeichnern der Berliner Erklärung von Oktober 2003 und dem britischen House of Commons von Juli 2004, auf das Prinzip des Open Access gesetzt. Dabei sollen einerseits in gedruckten Zeitschriften publizierte Artikel in institutionellen Eprint-Archiven, die von Hochschulen oder anderen Einrichtungen getragen werden, nochmals allgemein zugänglich veröffentlicht werden (so das 1991 von Paul Ginsparg initiierte ArXiv). Es wird dazu aufgerufen, möglichst viele freie Elektronische Zeitschriften zu gründen.

Eines der möglichen Geschäftsmodelle für solche Open-Access-Zeitschriften sieht vor, dass die Autoren bzw. ihre Institutionen für die Organisation der Peer Review und die Veröffentlichung im Internet bezahlen sollen. Insgesamt sind jedoch die Kosten einer Online-Publikation geringer als bei einer gedruckten Zeitschrift. Es existieren bereits über 8000 Open-Access-Journals, einige davon mit sehr hohem Impact Factor. Da nach einer Studie von Lawrence in Nature online verfügbare Artikel häufiger zitiert werden als gedruckte Werke, hoffen die Befürworter von Open Access, dass dies die Autoren davon überzeugt, ihre Artikel in Open-Access-Zeitschriften zu veröffentlichen. Nach wie vor wird jedoch Artikeln in angesehenen gedruckten Zeitschriften für die Beurteilung wissenschaftlicher Leistung mehr Gewicht beigemessen.

Die Open Archives Initiative (OAI) entwickelt Standards, Schnittstellen und Software für die Archivierung und das Retrieval von Online-Publikationen. Für die Analyse von Zitationen werden derzeit verschiedene Systeme in Analogie zum Web of Science entwickelt, darunter die SPIRES HEP Literature Database, CiteSeer und das Open Citation Project (OpCit).

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

  • http://www.doaj.org Directory of Open Access Journals
  • Zeitschriftenkrise Seite der Bibliothek der Universität Konstanz mit Statistiken und Links zur Zeitschriftenkrise und zu Open Access
  • SPARC Die Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition ist ein Zusammenschluss von etwa 200 namhaften Universitäten, Bibliotheken und Organisationen "gegen Marktversagen im System der wissenschaftlichen Kommunikation"
  • SPARC Europe