Zwergzikaden

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Zwergzikaden
Wiesenschmuckzikade (Evacanthus interruptus)

Wiesenschmuckzikade (Evacanthus interruptus)

Systematik
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung: Schnabelkerfe (Hemiptera)
Unterordnung: Rundkopfzikaden (Cicadomorpha)
Überfamilie: Membracoidea
Familie: Zwergzikaden
Wissenschaftlicher Name
Cicadellidae
Latreille, 1825
Eurymeloides bicincta lebt in Symbiose mit einer Ameisenart
Die kammartigen Dornreihen an den Schienen der Hinterbeine einer Gold-Blattzikade sind deutlich zu sehen
Ein Männchen der Gemeinen Becherjungfer (Enallagma cyathigerum) mit erbeuteter Zwergzikade
Ein frisch gehäutetes Exemplar der Zwergzikade Igutettix oculatus verteilt Brochosomen, die aus ihrem Hinterleib exkretiert werden, über ihren Körper und die Flügel
Rhododendronzikaden bei der Paarung

Die Zwergzikaden (Cicadellidae; Syn.: Jassidae), auch Kleinzikaden genannt, bilden eine Familie innerhalb der Unterordnung der Rundkopfzikaden. Mit mehr als 20.000 Arten[1] ist sie eine der artenreichsten Familien der Insekten. In Deutschland sind 452 Arten beheimatet.[2]

Merkmale[Bearbeiten]

Es handelt sich um relativ kleine Zikaden, die mit Hilfe ihrer Hinterbeine gut springen können. Die Zwergzikaden können eine Körperlänge von 2 bis 30 Millimetern erreichen, der Großteil der Arten misst aber weniger als 13 Millimeter. Ein besonderes Unterscheidungsmerkmal zu anderen Zikadenfamilien sind die langen, meist vierkantigen Schienen der Hinterbeine, die mit Reihen von dornartigen Setae besetzt sind. Diese sind jedoch nicht starr, sondern biegsam. Die Tarsen sind dreigliedrig. Die kugeligen bis plattenförmigen Hüften (Coxae) des mittleren Beinpaares unterscheiden sich von den Coxen der anderen Beinpaare. Sie stehen bauchseitig näher beisammen als die Coxen der anderen Beinpaare.

Auf dem Kopf befinden sich ein Paar Facettenaugen sowie ein Paar Punktaugen (Ocellen) auf der Ober- oder auf der Stirnseite des Kopfes. Die Antennen sind kurz. Der verdickte Teil der Fühler endet in einem Haarbüschel. Die Zwergzikaden besitzen wie alle Schnabelkerfe stechend-saugende Mundwerkzeuge.

Brochosomen[Bearbeiten]

Eine besondere Spezialität ist die Ausscheidung von Brochosomen, das ist ein sekretorisches Granulat, das in den Malpighischen Gefäßen gebildet wird.[3] Die Granulen sind mikroskopisch klein und konnten erst 1952 mit Hilfe eines Elektronenmikroskops entdeckt werden.[4] Die Zwergzikaden verteilen das Exkret mit Hilfe der kammartigen Borsten an den Hinterbeinen nach der Häutung über ihren Körper und die Flügel, die dadurch einen bläulichen Glanz erhalten. Das Exkret ist wasserabweisend und schützt auch gegen den von den Zwergzikaden selbst abgegebenen Honigtau, einer klebrigen, zuckerhältigen Flüssigkeit. Von vielen Arten werden auch die Eier mit den Brochosomen überzogen.[5] Welche weiteren Schutzfunktionen das Exkret neben dem Schutz vor Nässe hat, ist noch weitgehend ungeklärt. Die Wirksamkeit der Brochosomen gegen Parasiten, gegen Austrocknung und gegen die Ultraviolettstrahlung wird untersucht.

Unterschiede zu anderen Zikadenfamilien[Bearbeiten]

Diese Zikaden sind in der Regel kleiner als die meisten Arten anderer Familien. Zudem haben sie keine Fortsätze auf dem Halsschild, die bei vielen anderen Zikadenfamilien der Überfamilie Membracoidea vorhanden sind. Die anderen Zikadenfamilien besitzen keine dornenartigen Setae an den Schienen der Hinterbeine und geben keine Brochosomen ab. Die meisten Zwergzikaden sind hell und besonders lebhaft gefärbt. Die Y-Ader im Clavus der Vorderflügel fehlt wie bei allen Rundkopfzikaden.

Vorkommen[Bearbeiten]

Die Arten kommen weltweit in fast jedem Lebensraum vor, in dem es Gefäßpflanzen gibt. Dazu gehören Wüsten, Steppen, Feuchtgebiete und Wälder. Besonders reich an Zwergzikaden sind die tropischen Regenwälder, deren Artenvielfalt aber noch nicht ausreichend erforscht ist. Schätzungen aufgrund von Stichproben im Regenwald des Amazonasbeckens gehen davon aus, dass die Gesamtzahl der Arten der Zwergzikaden an die 100.000 betragen könnte.[1]

Lebensweise[Bearbeiten]

Die Saison der Zikaden findet der Nearktis und Paläarktis von Frühling bis Herbst statt, in den tropischen Zonen ist sie ganzjährig.

Das Weibchen legt Eier in das Gewebe einer Wirtspflanze, die Larven schlüpfen nach einer Woche bis einem Monat, sie entwickeln sich über fünf Larvenstadien zum erwachsenen Tier. Die Tiere überwintern meist als Ei, bei einigen Arten jedoch auch im Larvenstadium oder als Imagines in verfilztem Gras oder in Laub.[6]

Die meisten Zwergzikaden saugen am Phloem, das ist der Teil des Leitbündels der Gefäßpflanzen, in dem Nährstoffe und andere Assimilate transportiert werden. Sie schädigen ihre Wirtspflanzen nicht nur durch den Entzug wichtiger Aufbaustoffe, sondern sie sind auch Überträger von verschiedenen viralen Infektionen, die sich über das Phloem rasch in der Pflanze verbreiten können. In Teilen Nord- und Südamerikas werden die Weinreben durch die Verbreitung der Pierce’schen Krankheit stark geschädigt. Der Erreger dieser Pflanzenkrankheit, Xylella fastidiosa aus der Bakteriengruppe der Xanthomonadaceae, der im Xylem der Weinpflanzen lebt, wird durch Zwergzikaden aus der Unterfamilie der Schmuckzikaden übertragen.[7]

Ebenso wie viele Pflanzenläuse können auch Zwergzikaden mit Ameisen in Symbiose leben. Sie versorgen diese Ameisen mit Honigtau und werden dafür von den Ameisen bewacht und gepflegt. Die Zwergzikaden sind als Verwerter von Pflanzensäften ein wichtiges Glied in der Nahrungskette und eine lohnende Beute für viele Räuber. Dazu gehören unter den Wirbeltieren viele Vögel und Reptilien. Unter den Gliederfüßern sind ihre natürlichen Feinde Blumenwanzen, Erzwespen, Florfliegenlarven, Laufkäfer, Libellen, manche Marienkäferarten, vor allem die der Gattung Coccinella und Harmonia, Raubmilben, Raubwanzen, Schlupfwespen und verschiedene Spinnen.

Fossilien[Bearbeiten]

Die Zwergzikaden sind eine stammesgeschichtlich relativ ursprüngliche Gruppe, die ältesten Fossilien stammen aus der Unterkreide und sind rund 125 Millionen Jahre alt. Zwergzikaden aus der frühen Erdneuzeit wurden im Baltischen Bernstein aus dem Eozän und im Dominikanischen Bernstein (Eozän bis Miozän) gefunden.[8] Trotz ihres Alters von 23 bis 55 Millionen Jahren unterscheiden sich diese Bernsteineinschlüsse äußerlich nicht von den heute im Fundgebiet lebenden Zwergzikaden. Die äußeren Merkmale haben sich seither nicht wesentlich verändert.[1] Die genauere systematische Zuordnung der fossilen Tiere zu heutigen Gattungen oder Arten ist jedoch schwierig, weil die dafür notwendigen anatomischen Untersuchungen bei Versteinerungen und Einschlüssen nicht möglich sind.

Arten[Bearbeiten]

Obwohl viele Arten äußerlich durch ihre Größe, Form und auffällige Färbung leicht bestimmbar sind, gibt es auch Arten, die durch Tarnfarben an die Pflanzen, auf denen sie leben, angepasst sind, und sich kaum voneinander unterscheiden. In einigen Gattungen sind die Arten, ähnlich wie bei manchen Käfern, nur durch die Präparation des männlichen Genitaltrakts einwandfrei zu identifizieren.[1] Dazu kommen noch Farbvarianten, die zuweilen schon als verschiedene Arten beschrieben worden sind. So wurde die gelbe Buchenblattzikade Fagocyba cruenta var. douglasi früher als eigene Art Fagocyba douglasi geführt, obwohl sie sich außer in der Farbe morphologisch und von den ökologischen Ansprüchen her nicht von der roten Fagocyba cruenta unterscheidet. Die gelben Tiere (F. douglasi) kommen massenhaft auf Laubgehölzen vor, diese Populationen sind aber mit roten F. cruenta durchmischt und durch Farbübergänge mit ihnen verbunden. Das hat zu der Ansicht geführt, dass es sich um Varietäten derselben Art handelt. Da die seltenere rote Varietät schon 1835 als eigene Art beschrieben wurde, müssen die häufiger vorkommenden gelben Exemplare nach der Prioritätsregel als Varietät der ersteren Art angesehen werden.[9] Zu den Varietäten kommen meist noch ein Dimorphismus der beiden Geschlechter und die unterschiedliche Färbung der Larvenstadien.

In Europa sind Arten aus 15 Unterfamilien der Zwergzikaden beheimatet, 12 dieser Unterfamilien kommen in Deutschland vor.

Europäische Unterfamilien und ausgewählte Arten
Afrikanische ausgewählte Arten

Belege[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d C. H. Dietrich: Leafhopper FAQs Center for Biodiversity, Illinois Natural History Survey, 2001-2008 (engl.)
  2. Herbert Nickel und Reinhard Remane: Artenliste der Zikaden Deutschlands, mit Angabe von Nährpflanzen, Nahrungsbreite, Lebenszyklus, Areal und Gefährdung (Hemiptera, Fulgoromorpha et Cicadomorpha). Beiträge zur Zikadenkunde, 5, S. 27-64, 2002 Volltext (PDF, deutsch; 234 kB)
  3. M. F. Day, M. Briggs: The origin and structure of brochosomes. Journal of Ultrastructural Research, 2, S. 239-244, 1958
  4. G. S. Tulloch, J. E. Shapiro und G. W. Cochran: The occurrence of ultramicroscopic bodies with leafhoppers and mosquitoes. Bulletin of the Brooklyn Entomological Society, 47, S. 41-42, 1952
  5. R. A. Rakitov: Post-moulting behaviour associated with Malpighian tubule secretions in leafhoppers and treehoppers (Auchenorrhyncha: Membracoidea). European Journal of Entomology, 93, S. 167-184, 1996 Volltext (PDF, engl.; 1,5 MB)
  6. Frank Dickert: Die heimischen Zwergzikaden
  7. Xylella fastidiosa a scientific and community Internet resource, University of California, Berkeley, 2007
  8. George O. Poinar Jr.: Life in Amber. Stanford University Press, Stanford (Cal.) 1992 ISBN 0-8047-2001-0
  9. Herbert Nickel und Reinhard Remane: Verzeichnis der Zikaden (Auchenorrhyncha) der Bundesländer Deutschlands. Entomofauina Germanica, 6, S. 130-154, 2003, S. 133 Volltext (PDF, deutsch; 345 kB)

Literatur[Bearbeiten]

  • Herbert Nickel und Reinhard Remane: Artenliste der Zikaden Deutschlands, mit Angabe von Nährpflanzen, Nahrungsbreite, Lebenszyklus, Areal und Gefährdung (Hemiptera, Fulgoromorpha et Cicadomorpha). Beiträge zur Zikadenkunde, 5, S. 27-64, 2002 Volltext (PDF, deutsch; 234 kB)
  • Reinhard Remane und Ekkehard Wachmann: Zikaden – kennenlernen, beobachten. Naturbuch Verlag, Augsburg 1993 ISBN 3-89440-044-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Zwergzikaden – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien