Österreichisch-Ungarische Besetzung Bosniens und Herzegowinas 1878–1918

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Bosnien und Herzegowina innerhalb Österreich-Ungarns

Die österreichisch-ungarische Besetzung Bosniens und der Herzegowina 1878–1918 begann nach der auf dem Berliner Kongress vereinbarten Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch das gemeinsame Heer der österreichisch-ungarischen Monarchie, 1878, und endete nach dem Zerfall der Doppelmonarchie im Ersten Weltkrieg, 1918.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vilâyet Bosnien um 1900

Die Regionen Bosnien und Herzegowina waren seit dem Ersten Österreichischen Türkenkrieg mehrmals Ort von Zusammenstößen zwischen den expansionistischen Interessen des Habsburgerreiches und dem Osmanischen Reich.[1] Zum Schutz gegen die Osmanen errichteten die Österreicher die Militärgrenze, die sich von Kroatien bis nach Siebenbürgen über eine Länge von 1850 km erstreckte. 1865 errichtete das Osmanische Reich das Vilâyet Bosnien, das das Gebiet des modernen Staates Bosnien und Herzegowina umfasste. Im Sommer 1875 ereignete sich im Vilâyet aufgrund hoher Steuereintreibungen ein Aufstand gegen die Osmanen. Er dauerte bis 1876 und löste in Bulgarien einen Aufstand aus. Dies ermutigte Serbien und Montenegro zum militärischen Vorgehen gegen das instabile Osmanische Reich. Serbien wurde jedoch im Serbisch-Türkischen Krieg vom Osmanischen Heer besiegt.[2]

Besetzung 1878 und Okkupation bis 1908[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 24. April 1877 brach der Russisch-Osmanische Krieg aus. Der Krieg endete mit einer osmanischen Niederlage am 3. März 1878. Auf Initiative Otto von Bismarcks begann am 13. Juni in Berlin der Berliner Kongress. Dort wurde Österreich-Ungarn zugesagt, die Provinz Bosnien und die Region Herzegowina militärisch besetzen und auf einen unbestimmten Zeitraum verwalten zu dürfen.[3] Das Gebiet blieb nominell weiterhin Bestandteil des Osmanischen Reiches. Gemäß Artikel 25 des Vertrags durfte die Doppelmonarchie auch die angrenzende Provinz Sandschak Novi Pazar militärisch besetzen, um eine Vereinigung zwischen Serbien und Montenegro zu verhindern.[4]

Nordlager bei Mostar während des Bosnienfeldzugs 1878, Gemälde von Alexander Ritter von Bensa und Adolf Obermüller

Anfang Juni 1878 begann das österreichisch-ungarische Heer in großem Umfang mit der Mobilisation. Bereits Ende Juni 1878 standen 82.113 Soldaten, 13.313 Pferde und 112 Kanonen, das XIII. Korps (6., 7. und 20. Division) als Hauptangriffstruppe sowie im Kronland Königreich Dalmatien die 18. Infanteriedivision und andere Reservetruppen zur Verfügung. Das gemeinsame Kommando stand unter Joseph Philippovich von Philippsberg und Stephan von Jovanović. Die Besetzung von Bosnien und der Herzegowina startete am 29. Juli 1878 und wurde am 20. Oktober erfolgreich beendet.[5]

Die Invasion stieß auf unerwartet starken Widerstand. Bedeutende Schlachten fanden in der Nähe von Čitluk, Stolac, Livno und Klobuk statt. Trotz Rückschlägen bei Maglaj, Tuzla und Sarajevo beliefen sich im Oktober 1878 die österreichisch-ungarischen Verluste auf über 5000 Mann.[6] Der unerwartete Widerstand führte zu Schuldzuweisungen zwischen Kommandanten und politischen Vertretern der Monarchie. Der heftige Widerstand der Muslime wurde von den Österreichern erwartet, als realisiert wurde, dass nach einer k. u. k. Besetzung des Gebiets die bosnischen Muslime ihren privilegierten Status verlieren würden.[7]

Auch nach der Eroberung blieben Spannungen in bestimmten Teilen des Landes (insbesondere in der Herzegowina) und es kam zu einer Massenauswanderung der überwiegend muslimischen Dissidenten. Es wurde jedoch noch früh genug ein Zustand der relativen Stabilität erreicht und österreichisch-ungarische Behörden konnten mit einer Reihe von sozialen und administrativen Reformen beginnen.[8]

Annexion 1908[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Bosnische Annexionskrise
Französische Karikatur im Oktober 1908: Sultan Abdülhamid II. sieht hilflos zu, wie Kaiser Franz Joseph Bosnien-Herzegowina und Zar Ferdinand Bulgarien aus dem Osmanischen Reich herausreißen

Auch wenn Bosnien und die Herzegowina noch Teil des Osmanischen Reiches, zumindest formal, waren, hatten die österreichisch-ungarischen Behörden die faktische Kontrolle über das Land. Österreich-Ungarn wartete auf eine Gelegenheit, Bosnien und Herzegowina auch formal in die Monarchie zu integrieren. Die definitive Annexion erfolgte 1908 nach der jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reich. Die jungtürkische Bewegung hatte zu dieser Zeit Unterstützung im ganzen Osmanischen Reich gewonnen. Mit ihrer Absicht, die suspendierte osmanische Verfassung wiederherzustellen, bekamen die österreichisch-ungarischen Behörden Angst, dass sich die Revolution auch in Bosnien und der Herzegowina verbreiten würde. Zudem gab es Ängste, dass ein osmanisches Bosnien und Herzegowina leicht unter serbischen Einfluss fallen könnte.[9]

Am 5. Oktober 1908 gab Kaiser und König Franz Joseph I. die Annexion von Bosnien und der Herzegowina bekannt und trug dem gemeinsamen Finanzministerium auf, eine Verfassung für Bosnien und Herzegowina zu verfassen und zu erlassen. Die Annexion wurde, zwei Tage später, am 7. Oktober in Sarajevo angekündigt. Die Annexion führte zu einer internationalen Krise, die am 26. Februar 1909 gelöst werden konnte, als das Osmanische Reich die Annexion anerkannte, die Provinz Sandschak Novi Pazar zurück erhielt und die Österreicher und Ungarn den Osmanen eine Entschädigung von £ 2.200.000 zahlten. Am 21. März 1909 stellte das Deutsche Reich ein Ultimatum an das Russische Reich, die Annexion anzuerkennen. Russland folgte, das Königreich Serbien am 31. März und das Fürstentum Montenegro am 5. April 1909.[10]

Erster Weltkrieg und Verlust[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichsteile und Kronländer der Österreichisch-Ungarischen Monarchie:

Nach der Annexion kam es erstmals seit 1878 wieder zu Ausschreitungen zwischen muslimischen Bosniern und k. u. k. Truppen. Die Lage beruhigte sich aber bald wieder, da die Österreicher auch auf die alten muslimischen Eliten setzten und den Islam als gleichberechtigte Religion staatlich anerkannten.[11]

1910 wurden von Franz Joseph I. mehrere Gesetze und Reformen erlassen, die dem Land Bosnien und Herzegowina die gleichen Rechte gaben wie allen anderen Kronländern. Unter anderem wurde ein Landtag errichtet.

Am 28. Juni 1914 kam es in Bosnien und Herzegowina zum Attentat von Sarajevo auf Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau. Eine Gruppe von sechs serbischen Nationalisten um Gavrilo Princip von der Gruppe Mlada Bosna steckte hinter dem Attentat.

Nach dem Attentat flammten verstärkt die bestehenden traditionellen ethnischen Feindseligkeiten in Bosnien wieder auf. Es kam von katholischen Kroaten und bosnischen Muslimen zu Gewaltakten gegen serbische Einwohner.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs, 1914, gab es Befürchtungen, Bosnien und Herzegowina könnte von Serbien besetzt werden.[12] Denn anders als erwartet, hatte die gemeinsame Armee Probleme, Serbien militärisch zu besiegen.[13] Erst mit dem Kriegseintritt Bulgariens, 1915, und dem darauffolgenden bulgarischen Angriff auf Serbien konnte man dieses erobern. Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Doppelmonarchie wurde Bosnien und Herzegowina 1918 Teil des Königreichs Jugoslawien unter serbischer Führung.[14]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen von Bosnien und Herzegowina unter Österreichisch-Ungarischer Herrschaft ab 1889

Weil sich die österreichischen und die ungarischen Politiker nicht darauf einigen konnten, zu welchem der beiden Teilstaaten Cisleithanien (Kaisertum Österreich) und Transleithanien (Königreich Ungarn) das Gebiet kommen sollte, wurde die Verwaltung dem gemeinsamen k. u. k. Finanzministerium übertragen. In diesem gab es das Bosnische Amt.[15]

1910 wurde ein Landtag mit Kurienwahlrecht und eine aus diesem hervorgehende Landesregierung errichtet.

Gesetzentwürfe des Landtags bedurften der Zustimmung der Regierungen von Österreich und von Ungarn und des österreichisch-ungarischen Monarchen.

Parteien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Parteien im Parlament
    • Kroatische Volksunion (Hrvatska Narodna zajednica)
    • Muslimische Volksorganisation (Muslimanska narodna organizacija)
    • Serbische Volksorganisation (Srpska narodna organizacija; Српска народна организација)
  • Parteien, die nicht im Parlament vertreten waren
    • Muslimische progressive Partei (Muslimanska napredna stranka)
    • Muslimische Demokratie (Muslimanska demokracija)
    • Serbische Volks- und Unabhängigkeitspartei (Srpska narodna Nezavisna stranka)
    • Sozialdemokratische Partei von Bosnien und Herzegowina (Socijaldemokratska stranka Bosne i Hercegovine)

Gouverneure[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Vertreter des Monarchen)

# Porträt Name
(Lebensdauer)
Amtszeit
1 Joseph Philippovich von Philippsberg.jpg Joseph Philippovich von Philippsberg
(1818–1889)
13. Juli 1878 18. November 1878
2 William of Württemberg.jpg Wilhelm von Württemberg
(1828–1896)
18. November 1878 6. April 1881
3 Hermann Dahlen von Orlaburg 1870.png Hermann Dahlen von Orlaburg
(1828–1887)
6. April 1881 9. August 1882
4 Johann von Appel 1900.jpg Johann Nepomuk von Appel
(1826–1906)
9. August 1882 8. Dezember 1903
5 Eugen von Albori 1900.jpg Eugen von Albori
(1838–1915)
8. Dezember 1903 25. Juni 1907
6 Anton Winzor.jpg Anton von Winzor
(1844–1910)
30. Juni 1907 7. März 1909
7 GdI Marian Varesanin von Vares 1909 Eugen Schöfer.jpg Marijan Varešanin
(1847–1917)
7. März 1909 10. Mai 1911
8 Potiorek oskar fzm 1853 1933 photo2.jpg Oskar Potiorek
(1853–1933)
10. Mai 1911 22. Dezember 1914
9 Sarkotic.jpg Stjepan Sarkotić
(1858–1939)
22. Dezember 1914 3. November 1918

Demografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Volkszählung im Jahre 1879 ergab eine Gesamtbevölkerung von 1.158.164, die sich zusammensetzte aus: 496.485 Griechisch-Orthodoxen/Serben (42,87 %), 448.613 Muslimen (38,73 %), Katholiken/Kroaten 209.391 (18,08 %), 3.426 Juden und 249 Sonstigen.[16]

Bevölkerung von Bosnien und Herzegowina nach Religion 1879–1910[17]
Volkszählung Muslimisch Orthodox Katholisch Jüdisch Total
Anzahl Prozent Anzahl Prozent Anzahl Prozent Anzahl Prozent
1879 448.613 38.7 % 496.485 42.9 % 209.391 18.1 % 3.675 0.3 % 1.158.440
1885 492.710 36.9 % 571.250 42.8 % 265.788 19.9 % 5.805 0.4 % 1.336.091
1895 548.632 35.0 % 673.246 42.9 % 334.142 21.3 % 8.213 0.5 % 1.568.092
1910 612.137 32.2 % 825.418 43.5 % 434.061 22.9 % 11.868 0.6 % 1.898.044

Verwaltungsgliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bosnien und Herzegowina wurde in sechs Kreise unterteilt.

Verwaltungsgliederung von Bosnien und Herzegowina
Kreis
  Banja Luka
  Bihać
  Mostar
  Sarajevo
  Travnik
  Tuzla

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Srećko M. Džaja: Bosnien-Herzegowina in der österreichisch-ungarischen Epoche 1878–1918. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1994, ISBN 3-486-56079-4.
  • Petar Vrankić: Religion und Politik in Bosnien und der Herzegowina (1878–1918). Paderborn u. a. 1998, ISBN 3-506-79511-2.
  • Österreichische Gesellschaft für Heereskunde (Hrsg.): Pulverfass Balkan, Bosnien Herzegowina. 3 Teile:
    • Teil 1: Militärische Friedensmission Österreich-Ungarns im Auftrag der europäischen Großmächte 1878/79. (= Militaria austriaca, Nr. 11/1992), Wien: Stöhr, 1992, ISBN 3901208046.
    • Teil 2: Weder die Türken noch die Russen am West-Balkan - Österreich-Ungarn beruhigt als Ordnungsmacht. (= Militaria austriaca, Nr. 12/1992), Wien: Stöhr, 1993, ISBN 3901208054.
    • Teil 3: Mit Leib und Leben für den Kaiser. Vom Balkan nach Europa - Entwicklung bis 1918. (= Militaria austriaca, Nr. 14/1992), Wien: Stöhr, 1993, ISBN 3901208070.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. National Council for Geographic Education, National Council of Geography Teachers (U.S.), American Geographical Society of New York. The Journal of geography, Volumen 19. National Council for Geographic Education, 1920, p. 1
  2. Morton, Frederic. The Forever Street. Random House Incorporated, 1984, ISBN 0385171595, S. 220.
  3. Arthur Marwick: Europe on the eve of war, 1900-1914. Open University Press in association with the Open University, 1990, ISBN 0335093043, S. 72.
  4. Modern History Sourcebook: The Treaty of Berlin, 1878—Excerpts on the Balkans hosted by Fordham University
  5. Gunther E. Rothenberg: The Army of Francis Joseph. Purdue University Press, 1976, ISBN 978-1-55753-145-2.
  6. Werner Schachinger: Bošnjaci dolaze: Elitne trupe u K. und K. armiji. Cambi, 1996, ISBN 953-9671-6-1-2, S. 2.
  7. Mitja Velikonja: Religious Separation and Political Intolerance in Bosnia-Herzegovina.. Texas A&M University Press, 2003, ISBN 1-58544-226-7.
  8. Peter F. Sugar: Industrialization of Bosnia-Hercegovina: 1878–1918. University of Washington Press, 1963, ISBN 978-0295738147, S. 201.
  9. Ivo Banac: The National Question in Yugoslavia: Origins, History, Politics. Cornell University Press, 1988, ISBN 0-8014-9493-1.
  10. Ljubomir Zovko: Studije iz pravne povijesti Bosne i Hercegovine, 1878–1941. 2007, ISBN 978-9958-9271-2-6, S.?
  11. Robert Okey: State, Church and Nation in the Serbo-Croat Speaking Lands of the Habsburg Monarchy, 1850–1914. In:Religion, State and Ethnic Groups. New York University Press, 1992, ISBN 1-85521-089-4.
  12. Richard B. Spence: Yugoslavs, the Austro-Hungarian Army, and the First World War. University of California, Santa Barbara, 1981, S. 4.
  13. Sabrina P. Ramet: Nationalism and the 'Idiocy' of the Countryside: The Case of Serbia. In:Serbia, Croatia and Slovenia at Peace and at War: Selected Writings, 1983–2007. LIT Verlag Münster, 2008, ISBN 3-03735-912-9.
  14. Ivo Banac: The National Question in Yugoslavia: Origins, History, Politics. Cornell University Press, 1988, ISBN 0-8014-9493-1.
  15. Luigi Albertini: Origins of the War of 1914. Band 1, Enigma Books, New York, S. 218–219.
  16. Robert J. Donia, John V. A. Fine: Bosnia and Hercegovina. A tradition betrayed. Columbia University Press, New York 1994, ISBN 0-231-10160-0, S. 87.
  17. Mitja Velikonja: Religious Separation and Political Intolerance in Bosnia-Herzegovina.. Texas A&M University Press, 2003, ISBN 1-58544-226-7.