Kondominium

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Kondominium oder Kondominat (von lateinisch con-dominium, also „gemeinsames Eigentum“, deutsch Gemein- oder Gesamtherrschaft bzw. Samtherrschaft) ist die gemeinschaftlich ausgeübte Herrschaft mehrerer Herrschaftsträger über ein Gebiet. Auch das jeweilige Gebiet selbst wird als Kondominium bezeichnet.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der europäischen Geschichte gibt es zahlreiche Beispiele für Kondominien. Von der Entstehung her werden Grenz- und Nachfolgekondominien unterschieden: Erstere lassen eine Grenzziehung zwischen zwei Mächten offen, das umstrittene Gebiet wird gemeinsam verwaltet. Letztere entstehen aus nicht aufgelösten Erbengemeinschaften.[1]

Mit der Bildung der modernen Nationalstaaten wurden diese Gebiete überwiegend aufgelöst, oft real geteilt.

Gegenwärtige Kondominien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele für heute bestehende Kondominien sind:

  • der Obersee des Bodensees – zumindest nach österreichischer Auffassung –, bei dem zwischen den Anliegerstaaten keine Grenze vereinbart ist, sondern die hoheitlichen Aufgaben von den Anrainern Deutschland, Österreich und der Schweiz gemeinsam wahrgenommen werden. Österreich betrachtet dabei den gesamten Obersee (wohl ohne den Überlinger See) mit Ausnahme der Halde, des ufernahen Bereichs bis zu 25 Meter Wassertiefe, als Kondominium, während die Schweiz – wie bei Binnengewässern üblich – von einer Realteilung, d. h. einer Teilung im mittleren Abstand zu den Ufern, ausgeht. Bezüglich des Konstanzer Beckens und des Untersees bestehen zwischen der Schweiz und Deutschland entsprechende vertragliche Vereinbarungen.[2]
  • die Flüsse Our, Sauer und Mosel auf den Strecken, auf denen sie die Grenze zwischen Deutschland und Luxemburg darstellen.[3] Gemeinsame Herrschaftsausübung durch die Bundesrepublik Deutschland und das Großherzogtum Luxemburg über die gesamte Wasserfläche der Mosel mit Ausnahme der Schleusenbauwerke. Soweit an der Grenze mit Rheinland-Pfalz befindlich, gilt das Gebiet der drei Grenzflüsse als einziges gemeindefreies Gebiet des Landes Rheinland-Pfalz (Gemeinschaftliches deutsch-luxemburgisches Hoheitsgebiet). Der etwa zehn Kilometer lange Moselabschnitt, der die Grenze zwischen Luxemburg und dem Saarland darstellt und auch Teil des Kondominiums ist, ist ebenfalls gemeindefreies Gebiet.
  • der Distrikt Brčko im Nordosten Bosnien und Herzegowinas, dessen Verwaltung sich die Föderation Bosnien und Herzegowina und die Republika Srpska teilen. Faktisch untersteht er jedoch direkt der bosnisch-herzegowinischen Zentralregierung in Sarajevo, hat allerdings eine lokale Selbstverwaltung.
  • Die autonome Mönchsrepublik Athos ist völkerrechtlich ein Kondominium unter der gemeinsamen Herrschaft Griechenlands und des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel.
  • die Fasaneninsel, eine unbewohnte Binneninsel und das kleinste Kondominium der Welt, in deren Verwaltung sich Spanien und Frankreich halbjährlich abwechseln.[3]
  • die Hans-Insel, eine unbewohnte und vegetationslose Insel in der Mitte des Kennedy-Kanals wird seit 2005 gemeinsam von Kanada und Dänemark verwaltet.

Andorra war seit dem Frieden von Lleida am 8. September 1278 das älteste Kondominium und stand unter Verwaltung des Bischofs von Urgell und des jeweiligen französischen Staatsoberhauptes.[4] Seit der neuen Verfassung von 1993 ist Andorra kein Kondominium mehr, sondern ein souveräner Staat mit zwei Staatsoberhäuptern (Kofürsten), dem Bischof von Urgell und dem Präsidenten von Frankreich.

Für Gibraltar wurde 2001 von der britischen Regierung als Kompromissvorschlag für die Zukunft der Kronkolonie ein Kondominium mit Spanien vorgeschlagen, von der Bevölkerung Gibraltars aber 2002 in einem Referendum abgelehnt.

Historische Kondominien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Liste der Beispiele für Kondominien in der Geschichte ist beileibe nicht vollständig - allein in Baden-Württemberg blicken 274 der früheren Gemeinden auf eine Geschichte als Kondominium zurück - sondern führt besonders typische und auch skurrile Fälle auf:

Mitteleuropa
Übriges Europa
Afrika
Pazifik

Gemeinschaftliches Protektorat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom Kondominium zu unterscheiden sind gemeinschaftliche Protektorate mehrerer Schutzmächte, etwa im Fall der Republik Krakau von 1815 bis 1846. Während beim Protektoratsverhältnis das betreffende Territorium selbst Völkerrechtssubjekt und Träger (eingeschränkter) Souveränität ist, die nur teilweise von den Schutzmächten ausgeübt wird, hat das unter Kondominat stehende Territorium keinerlei Souveränität und ist auch kein Rechtssubjekt des Völkerrechts.[43]

Koimperium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine weitere, zu unterscheidende Konstruktion ist das Koimperium. Dabei ist das Territorium selbst formal souverän, die Gebietshoheit wird aber von mehreren fremden Staaten ausgeübt. Beispiele hierfür sind die Internationale Zone von Tanger in Marokko von 1923 bis 1956 sowie der Status des Deutschen Reichs nach 1945, das – nach herrschender Meinung in der Rechtswissenschaft – zwar nicht unterging und selbst ein souveräner Staat blieb, dessen souveräne Rechte aber von den vier Siegermächten ausgeübt wurden. Diese Rechte wurden nach und nach rückübertragen, endgültig mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990.[43]

Verwandte Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kondominialakt – eine gemeinschaftlich ausgeübte Herrschaftshandlung
  • Kondominalbahn – Staatsbahn, an der mehrere Staaten beteiligt sind
  • Kommunanz – eine territoriale Einheit der Schweiz, die unter der Hoheit mehrerer Gemeinden steht.
  • Enklave, Exklave – weitere geographische Besonderheiten
  • Ganerbschaft – nach altdeutschem Erbrecht das gemeinsame Familienvermögen, vorwiegend Grundbesitz, über das die Ganerben nur gemeinsam verfügen konnten, z. B. eine Ganerbenburg oder ein Territorium.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Albrecht Cordes: Kondominat. In: Lexikon des Mittelalters. Band 5: Hiera-Mittel bis Lukanien. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2002, ISBN 3-423-59057-2, Sp. 1296.
  • Alain Coret: Le Condominium (= Bibliothèque de droit international. 13, ISSN 0520-0237). Pichon & Durand-Auzias, Paris 1960.
  • Alexander Jendorff: Condominium. Typen, Funktionsweisen und Entwicklungspotentiale von Herrschaftsgemeinschaften in Alteuropa anhand hessischer und thüringischer Beispiele (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 72). Historische Kommission für Hessen, Marburg 2010, ISBN 978-3-942225-06-9 (Zugleich: Gießen, Univ., Habil.-Schr., 2009).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Coret: Le Condominium. 1960.
  2. Karlheinz Kibele: Über die Bedeutung der Kanonenschussweite für das Wasserrecht – der Bodensee und seine Spezialitäten. In: Zeitschrift für Wasserrecht 52, Heft 4, 2013, S. 195–208.
  3. a b c d e f Georg Dahm, Jost Delbrück, Rüdiger Wolfrum: Völkerrecht. Band I/1, Die Grundlagen. Die Völkerrechtssubjekte. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1989, S. 342.
  4. Otto Kimminich (Begr.), Stephan Hobe: Einführung in das Völkerrecht (= UTB. Rechtswissenschaften, Politische Wissenschaft. Band 469). 9., aktualisierte und erweiterte Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen u. a. 2008, ISBN 978-3-7720-8304-4, S. 101.
  5. Ernst Christian Schütt: Chronik Hamburg. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/München, 2. Auflage 1997, 61, ISBN 3-577-14443-2.
  6. K. Henß: Das Gebiet der Hanauer Union. In: Die Hanauer Union = Festschrift zur Jahrhundertfeier der evangelisch-unierten Kirchengemeinschaft im Konsistorialbezirk Cassel am 28. Mai 1918. Hanau 1918, 73 f.
  7. Gerhard Köbler, Historisches Lexikon der deutschen Länder. Die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Verlag C. H, Beck, München 1989, 77.
  8. Johann Daniel Georg v. Memminger: Gemeinde Dürmentingen, aus Beschreibung des Oberamts Riedlingen. Cotta, Stuttgart und Tübingen 1827 (Volltext bei Wikisource)
  9. Johann Daniel Georg von Memminger (Hrsg.): Beschreibung des Oberamts Riedlingen. Cotta, Stuttgart und Tübingen 1827. Reprint Bissinger, Magstadt 1972, ISBN 3-7644-0004-8 (Die württembergischen Oberamtsbeschreibungen, Band 4)
  10. Gerhard Schmidt-Grillmeier: Die Frais (auch Fraisch). In: Oberpfälzer Heimat Band 31, 1987, Weiden in der Oberpfalz. (online)
  11. Heinrich Brückner: Das Freigericht Willmundsheim vor der Hart in seinem rechtlichen Charakter und Ursprung. In: Archiv des historischen Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg 68, Würzburg 1929.
  12. Barbara Ohm: Fürth. Geschichte der Stadt, Fürth: Verlag Jungkunz 2007, ISBN 978-3-9808686-1-7.
  13. Barbara-Ulrike Griesinger: Gellmersbach: eine Chronik der Gemeinde, erstellt anläßlich ihrer 750-Jahr-Feier im Jahr 1985. Stadt Weinsberg, Weinsberg 1985.
  14. Adolf Gasser, Die territoriale Entwicklung der Schweizerischen Eidgenossenschaft 1291-1797, Verlag H. R. Sauerländer, Aarau 1932, passim.
  15. Wikisource: Heufelden mit Blienshofen in der Beschreibung des Oberamts Ehingen von 1826 – Quellen und Volltexte
  16. Alexander Jendorff, Condominium. Typen, Funktionsweisen und Entwicklungspotentiale von Herrschaftsgemeinschaften in Alteuropa anhand hessischer und thüringischer Beispiele, Historische Kommission für Hessen Bd 72, Marburg 2010.
  17. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 263f.
  18. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 268
  19. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 281.
  20. Heike Drechsler: Kürnbach…einst Marktflecken zweier Staaten. verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2005, ISBN 3-89735-297-4.
  21. Hansjörg Probst (Hrsg.): Ladenburg. Aus 1900 Jahren Stadtgeschichte. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1998, ISBN 3-929366-89-4.
  22. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 302.
  23. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 304, Stichwort Lippe.
  24. Anton Jacob, Zur Geschichte des ehemaligen Kondominiums Merzig-Saargau, in: Zeitschrift für saarländische Heimatkunde Bd. 1 (1951), 55–57.
  25. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 345.
  26. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 350.
  27. Albrecht Gelz, Geschichte von Perl. Heimatkunde, Perl 2000.
  28. Festschrift zur 600-Jahr-Feier der Stadt Niedernhall. Stadt Niedernhall, Niedernhall 1956.
  29. Jochen Rösel: Parkstein-Weiden, Gemeinschaftsamt, in: Historisches Lexikon Bayerns (8. September 2010)
  30. Uta Löwenstein: Grafschaft Hanau. In: Ritter, Grafen und Fürsten – weltliche Herrschaften im hessischen Raum ca. 900-1806 = Handbuch der hessischen Geschichte 3 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 63. Marburg 2014. ISBN 978-3-942225-17-5, 196–230.
  31. Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band VII: Regierungsbezirk Tübingen. Kohlhammer, Stuttgart 1978, ISBN 3-17-004807-4, S. 120–123.
  32. Adolf Futterer: Einkünfte und Besitz der Herrschaft Lichteneck im gemeinteilherrlichen Flecken Riegel unter den Pfalzgrafen von Tübingen und den Freiherren von Garnier 1391–1721. In: Schau-ins-Land. Jahresheft des Breisgau-Geschichtsvereins Schauinsland, Band 82 (1964), S. 12–46 (Digitalisat)
  33. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 474.
  34. Otto Brandt, Geschichte Schleswig-Holsteins. Ein Grundriss, Walter G. Mühlau Verlag, Kiel 1957, 216–227.
  35. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 498.
  36. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 502f.
  37. Markt Obersinn: Zeittafel Obersinn (PDF; 497 kB)
  38. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 530.
  39. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 530.
  40. Archiv für Hessische Geschichte und Alterthumskunde, 3. Band, Darmstadt, 1844, 126 ff.
  41. Köbler, Historisches Lexikon, a. a. O., 614.
  42. I. Arbussow, Grundriss der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands, Riga 1918.
  43. a b Andreas von Arnauld: Völkerrecht. 2. Auflage, C. F. Müller, Heidelberg 2014, § 2 Rn 33 (S. 36).