Aktion Gitter

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Dieser Artikel behandelt die Verhaftungswelle von Sommer 1944 in der Zeit des Nationalsozialismus; zu einer ähnlichen Aktion im Protektorat Böhmen und Mähren 1939 siehe Aktion Gitter (Protektorat Böhmen und Mähren).

Die Aktion Gitter (auch Aktion Gewitter und Aktion Himmler genannt) war eine umfassende Verhaftungsaktion der Gestapo nach dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler. Durchgeführt wurde die Aktion am 22. und 23. August 1944. Sie richtete sich gegen ehemalige Funktionäre und Mandatsträger einiger Parteien der Weimarer Republik. Verhaftet wurden Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Liberale, Kommunisten, Mitglieder des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei.[1]

Namensgleiche Aktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine andere Aktion, die ebenfalls mit dem Stichwort „Gitter“ belegt wurde, hatte etwa fünf Jahre früher stattgefunden: In der Nacht nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch deutsche Truppen wurden im März 1939 mindestens 6000 Personen, vorwiegend tschechische Kommunisten und deutsche Emigranten, in der gleichnamigen Aktion Gitter durch die Gestapo verhaftet.

Planungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Massenverhaftung Aktion Gewitter war keine spontane Reaktion des Regimes auf die Ereignisse vom 20. Juli 1944, sondern in den Grundzügen schon vorher geplant. Schon 1935/36 wurden ehemalige führende Politiker der Weimarer Republik auf einer sogenannten A-Liste geführt, die in drei Kategorien eingestuft wurden: A-1 bis A-3. Unmittelbar bei Beginn des Zweiten Weltkrieges verhaftete die Gestapo zwischen 2000 und 4000 Personen, die auf der A-1-Liste als Staatsfeinde registriert waren, und lieferte diese als „politische Schutzhäftlinge“ überwiegend im KZ Buchenwald ein. Die meisten von ihnen kamen bis zum Sommer 1940 frei.[2] Für diese Aktion gibt es auch die Bezeichnung Aktion Albrecht I.[3] Adolf Hitler hatte im April 1942 angekündigt, „wenn heute irgendwo im Reich eine Meuterei ausbreche“,[4] so werde man mit „Sofortmaßnahmen“ antworten. Unmittelbar nach Beginn von Unruhen oder ähnlichen Ereignissen werde man alle „leitenden Männer gegnerischer Strömungen, und zwar auch die des politischen Katholizismus, aus ihren Wohnungen heraus verhaften und exekutieren lassen.“[4] Außerdem seien alle Insassen der Konzentrationslager ebenso zu erschießen wie alle Kriminellen, egal ob inhaftiert oder in Freiheit befindlich.

Heinrich Himmler erhielt am 14. August 1944 den Auftrag zur Inhaftierung auch von ehemaligen KPD- und SPD-Funktionären. Diese Massenverhaftung, Schätzungen gehen von über 5000 ehemaligen Politikern aus, sollte unabhängig davon durchgeführt werden, ob ihnen aktuell eine oppositionelle Aktivität nachzuweisen sei, und lief ohne Verbindung mit der Fahndung nach den Verschwörern des 20. Juli.[5] Und so erreichte am 17. August 1944 alle Gestapo(leit)stellen im Deutschen Reich ein geheimes Fernschreiben der Abt. IV des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Darin gab Gestapochef Müller bekannt, der „Reichsführer SS“ Himmler habe eine große Verhaftungswelle befohlen. Festzunehmen seien alle früheren Reichs-, Landtags- und Stadtverordnete von KPD und SPD sowie alle ehemaligen Gewerkschafts- und Parteifunktionäre der SPD, „gleichgültig ..., ob diesen im Augenblick etwas nachzuweisen ist oder nicht.“ Lediglich über 70-Jährige, Kranke und solche, die sich mittlerweile um das System „verdient“ gemacht hätten, sollten verschont werden. Die Verhaftungen sollten reichsweit in den frühen Morgenstunden des 22. August erfolgen. Es wurde befohlen, die Festgenommenen unverzüglich dem nächsten Konzentrationslager der Stufe I („Für alle wenig belasteten und besserungsfähigen Schutzhäftlinge, außerdem für Sonderfälle und Einzelhaft“) zu überstellen. Gleichzeitig musste beim RSHA „Schutzhaft“ beantragt werden. Ferner hatten die Gestapostellen dem RSHA die Zahl der Festgenommenen, aufgeschlüsselt nach Partei sowie unter Angabe der früheren Funktionen, zum 25. August zu melden. Himmlers Befehl lief unter dem Decknamen „Aktion Gewitter“. Das RSHA hatte versäumt, die ehemaligen Kreistagsabgeordneten mit einzubeziehen, was erst nach Rückfrage einiger Gestapostellen geschah. Am 21. August wurde der Verhaftungsbefehl auch auf frühere Abgeordnete der Zentrumspartei ausgedehnt, jedoch zwei Tage später teilweise wieder eingeschränkt.[6]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verhaftung begann in den Morgenstunden und wurde entweder allein durch die Gestapo oder in Zusammenarbeit mit örtlichen Polizeikräften durchgeführt. Schätzungen gehen von insgesamt etwa 5000 Verhaftungen aus. Die meisten Verhafteten wurden in ein Konzentrationslager gebracht. Im gesamten Zeitraum der Aktion wurden allein in das KZ Neuengamme 650 Opfer, ins KZ Buchenwald 742 Opfer[7] und ins KZ Dachau 860 Opfer[8] eingeliefert. Andere wurden in das Hauptgefängnis in der Prinz-Albrecht Straße in Berlin und weitere ins KZ Ravensbrück eingeliefert. Da man nach formalen Kriterien und veralteten Listen verfuhr, wurden auch zahlreiche Kranke und Alte verhaftet, deren politische Betätigung mehr als ein Jahrzehnt zurücklag. Auch waren einige der nun Verhafteten bereits unmittelbar nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft festgesetzt worden. Andere dagegen wurden erstmals inhaftiert.

Aus diesem Grund stießen diese Massenverhaftungen in der Bevölkerung auf Unmut, so dass Ernst Kaltenbrunner schon am 30. August eine Überprüfung anordnete, die ein Abebben der Aktion zur Folge hatte. Insgesamt blieb das Vorgehen des NS-Regimes unvorhersehbar und widersprüchlich.[9] Und so kamen viele Verhaftete, auch auf Grund der heftigen Proteste aus deren Familien und von Freunden, schnell wieder frei. Zu den Inhaftierten gehörten Politiker wie Karl Arnold und Johanna Tesch. Die ehemaligen Reichstagsabgeordneten Otto Gerig, Karl Mache, Heinrich Jasper, Joseph Roth oder der Hamburger Reformpädagoge Kurt Adams überlebten die KZ-Haft nicht oder starben an deren Folgen. Andere wurden beim Herannahen der alliierten Truppen in andere Konzentrationslager verlegt. Auf Grund der unmenschlichen Behandlung in den Lagern starben bis Winter 1944/45 zahlreiche der weiter Inhaftierten. Dabei wurde eine Reihe derjenigen, die diesen Todesmärschen nicht gewachsen waren, erschossen. Einige kamen auch bei der Versenkung des auch mit Häftlingen besetzten Schiffes Cap Arcona ums Leben. Die Aktion „Gitter“ war demnach eine potentiell lebensgefährliche Repressalie.

Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter den verhafteten Mitgliedern früherer demokratischer Parteien befanden sich prominente Namen wie Konrad Adenauer, Paul Löbe und Kurt Schumacher.

Historiografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hanna Gerig, die Witwe eines der Opfer der Aktion, schrieb 1973:

„Einen reinen Willkürakt stellt die Aktion GEWITTER dar, die, schlagartig, minutiös jedoch von der Gestapo auf Bundesgebiet - damals Reichsgebiet einsetzenden Verfolgungsjagd dar.[10] Nur wenige Historiker begriffen, dass diese Aktion keineswegs automatisch mit der AKTION 20. JULI zu identifizieren ist...[11]

Sebastian Haffner beklagte 1978 ein Forschungsdesiderat und schrieb

„Die Aktion, damals unveröffentlicht, ist auch in den Geschichtsdarstellungen merkwürdig unbeachtet geblieben; sie wird meist mit der Verfolgung der 20.-Juli-Verschwörer in Zusammenhang gebracht, mit der sie nichts zu tun hatte. Sie war vielmehr das erste Anzeichen, daß Hitler jeder möglichen Wiederholung des seiner Meinung nach vorzeitigen Kriegsabbruchs von 1918 vorbeugen wollte: daß er entschlossen war, auch ohne sichtbare Chance bis zum bitteren Ende weiterzukämpfen – in seinen Worten: „bis fünf Minuten nach zwölf“ – und sich darin durch niemanden stören zu lassen.[12]

Die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum befand im Jahr 2005, dass die Aktion Gitter bislang nur für den norddeutschen Raum punktuell erforscht sei.[13]

Auch 2009 galt die Aktion Gitter als noch nicht abschließend erforscht.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christl Wickert: Widerstand und Verfolgung deutscher Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im 20. Jahrhundert. In: Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Hrsg.): Der Freiheit verpflichtet. Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert. Mit einem Vorwort von Gerhard Schröder. Schüren, Marburg 2000, ISBN 3-89472-173-1, S. 363–402.
  • Bauche, Brüdigam, Eiber, Wiedey: Widerstand in Hamburg 1939–1945. In: Arbeit und Vernichtung. Das Konzentrationslager Neuengamme 1938–1945. Katalog zur ständigen Ausstellung im Dokumentenhaus. VSA-Verlag, Hamburg 1991, ISBN 3-87975-532-9, S. 48.
  • Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. btb-verlag, Berlin 2004, ISBN 3-442-72106-7.
  • Gedenkstätte Buchenwald (Hrsg.): Aktion „Gitter“ („Gewitter“). In: Konzentrationslager Buchenwald 1937–1945. Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, S. 168–169.
  • Gedenkstätte Dachau (Hrsg.): Deutsche Regimegegner der „Aktion Gewitter“. In: Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1945. Text- und Bilddokumente zur Ausstellung, mit CD. Comité Internationale de Dachau, 2005, ISBN 3-87490-750-3, S. 162.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johannes Tuchel: Inferno und Befreiung: Die Rache des Regimes. In: Die Zeit. 9. Dezember 2004, Nr. 51, online 8. Januar 2009
  2. Stefanie Schüler-Springorum: Masseneinweisungen in Konzentrationslager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Band 1: Die Organisation des Terrors. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52961-5, S. 162.
  3. Andrea Löw (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. (Quellensammlung) Band 3: Deutsches Reich und Protektorat Böhmen und Mähren, September 1939-September 1941. München 2012, ISBN 978-3-486-58524-7, S. 638 in Fußnote erwähnt.
  4. a b Johannes Tuchel: Die Rache des Regimes. In: ZEIT ONLINE. 8. Januar 2009, abgerufen am 13. Mai 2011.
  5. Stefanie Schüler-Springorum: Masseneinweisungen in Konzentrationslager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Band 1: Die Organisation des Terrors. München 2005, ISBN 3-406-52961-5, S. 162.
  6. Bundesarchiv Koblenz (BA) R 58/775. Zur Kategorisierung der Konzentrationslager: Nürnberger Dokument 1063-PS. In: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg, Bd. 27, Nürnberg 1949. S. 695 ff.
  7. http://www.buchenwald.de/462/
  8. http://www.hdbg.de/dachau/pdfs/09/09_07/09_07_01.PDF
  9. Robert Loeffel: Family Punishment in Nazi Germany: Sippenhaft, Terror and Myth. Palgrave Macmillan, 2012, ISBN 978-1-137-02183-0.
  10. Steinbach, Tuchel (Hrsg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Bonn 1994, ISBN 3-89331-195-5, S. 392–383.
  11. ACPD (Konrad-Adenauer-Stiftung), Nachlass Gerig, 01-088-001/3
  12. Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. S. 188.
  13. Stefanie Schüler-Springorum: Masseneinweisungen in Konzentrationslager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Band 1: Die Organisation des Terrors. München 2005, ISBN 3-406-52961-5, S. 163.
  14. Manuel Becker, Christoph Studt (Hrsg.): Der Umgang des Dritten Reiches mit den Feinden des Regimes. XXII. Königswinterer Tagung (Februar 2009). (= Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e.V. Band 13). LIT Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-643-10525-7.