Aktion Lindwurm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Während der Aktion Lindwurm (auch: Operation Lindwurm) wurden im Jahr 1990 Giftgasgranaten aus dem US-Militärdepot in der Nähe des Ortes Clausen (Rheinland-Pfalz, Landkreis Südwestpfalz) über das Miesau Army Depot zum niedersächsischen Hafen Nordenham transportiert. Von dort wurden sie zur späteren Vernichtung zum Johnston-Atoll im Pazifik verschifft.[1]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahrelang lagerten im US-Depot in der Nähe des Ortes Clausen verschiedene Kampfstoffe, darunter 400 Tonnen der tödlich wirkenden Nervengifte VX und Sarin. Insgesamt waren es 102.000 Giftgasgranaten, die abtransportiert wurden.

Den Bürgern und den Politikern in Clausen war nicht bekannt, dass in dem Depot Giftstoffe lagerten. Sogar Demonstranten liefen jahrelang vor einem falschen Lager auf, denn es wurde Anfang der 1980er Jahre vermutet, dass auch die Chemiekampfstoffe im Lager Fischbach (Kreis Südwestpfalz), in dem sogenannte „Sonderwaffen“ in Form atomarer Sprengköpfe lagerten.

1983 bestätigte schließlich das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten die Existenz chemischer Waffen in Deutschland.[2]

Dem Abzug der Chemiewaffen war eine Absprache zwischen den damaligen Regierungschefs US-Präsident Reagan und Bundeskanzler Kohl im Jahr 1986 vorausgegangen. Demnach sollten bis spätestens 1992 sämtliche Chemiewaffen des in der Bundesrepublik Deutschland stationierten US-Militärs abgezogen und außerhalb des Landes zerstört werden. Anschließend begannen die Planungen für den Transport, die insgesamt drei Jahre in Anspruch nahmen.[3] Dabei mussten unter anderem alle vorgesehenen Fahrzeuge auf ihre Sicherheit hin überprüft und die vorgesehenen Verkehrswege gesperrt werden.[2] Am 6. März 1989 gab der US-amerikanische Außenminister James Baker in Wien eine Weisung des seit diesem Jahr amtierenden Präsidenten George H. W. Bush bekannt, dass ein schnellerer Abtransport dieser Waffen beabsichtigt sei.[4]

Abtransport und Vernichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Transport auf der Straße[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Abtransport kamen drei mögliche Routen in die engere Planung:

Hierbei war es lange Zeit unklar ob die Strecke über die noch nicht fertig gestellte Bundesautobahn 62 überhaupt genutzt werden konnte. Erst kurz vor Beginn der Operation wurde diese Strecke dann als Hauptroute ausgesucht, da auf ihr die wenigsten Behinderungen im laufenden Verkehr erwartet wurden. Da zwischen dem Hörnchenbergtunnel und dem Autobahnkreuz die Straße immer noch nicht fertiggestellt war erhielt dieser Abschnitt daher einen besonders geschotterten Belag. Bei der Operation wurde täglich entschieden welche Strecke am jeweiligen Tag benutzt wurde. Einmal wurde, da ein Spürhund auf der an diesem Tag vorgesehenen Strecke etwas vedächtiges bemerkte, eine andere benutzt. Beginnend mit dem 26. Juli 1990 wurden die Giftstoffe mit Lastwagen im Schritttempo durch die engen Straßen von Clausen und anschließend hauptsächlich über die Bundesautobahn 62 abtransportiert. Von dort aus ging es über die Bundesautobahn 6 ins Miesau Army Depot. Die meisten der Behälter wurden aufgrund der geringeren Probleme über die Hauptroute abtransportiert. Das Procedere nahm insgesamt 28 Tage in Anspruch.[2]

Transport auf der Schiene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 12. September übernahmen Züge den Transport an die Nordsee. Das Depot selbst ist per Anschlussgleis mit dem Eisenbahnnetz verbunden. Die Granaten mussten in spezielle Kapseln eingelagert werden. Um eine Beeinträchtigung des elektrischen Fahrbetriebs im Netz der Deutschen Bundesbahn auszuschließen, wurde außerdem festgelegt, den Abtransport komplett mit zwei Diesellokomotiven der Baureihe 218 durchzuführen. Zuständig hierfür war das Bahnbetriebswerk Kaiserslautern, das hierfür Lokomotiven aus den Bundesbahndirektionen Karlsruhe, München und Nürnberg erhielt. Zudem wurde eine Route festgelegt, die dicht besiedelte Regionen wie das Ruhrgebiet meiden sollte. Demnach fand der Abtransport über Ludwigshafen, Worms, Darmstadt, Aschaffenburg, Gießen, Kassel, Löhne und Bremen statt.[3]

Die Operation dauerte bis zum 19. September und wurde stets abends sowie nachts durchgeführt. Dabei wurden mehrere Sicherheitsmaßnahmen mit eingeplant, so gab es stets einen Begleitzug bei allen Transporten, ebenso wurden vor dem eigentlichen Abtransport Notbremsungen, Brände und ein Überfall von Terroristen simuliert.[5]

Weitere Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Einsatz kamen während dieser Operation Hubschrauber, die Polizei, der Bundesgrenzschutz, die Bahnpolizei[4], Sanitätsbegleitung der Bundeswehr, extra zusammengestellte Einheiten aus verschiedenen Bundeswehr-Feuerwehren, sowie etliche ABC-Spürpanzer der Bundeswehr. Zusätzlich erfolgte die Sicherung des Luftraums durch die FlaRakGrp 42 mit Roland Boden-Luft-Raketen.[6]

Anschließend wurden sie per Bahn zum niedersächsischen Hafen Nordenham weitertransportiert, wo sie verschifft und zur späteren Vernichtung zum Johnston-Atoll im Pazifik gebracht wurden.

Kritische Stimmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das US-Militär versuchte den zweifelnden Bürgern in Clausen und an den Bahnstrecken mit moderner Technik Sicherheit zu symbolisieren. Demgegenüber stellten deutsche Behörden bei der Untersuchung der für den Abtransport genutzten Zugmaschinen teilweise massive Sicherheitsmängel wie beispielsweise defekte Bremsen fest.

Nach dem Abzug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Clausen, ehem. US-Depot, Gedenktafel

1990 wurde der Abzug mit einem großen Festakt in Clausen gefeiert. Unter anderen war auch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl zu Gast. Neben dem Depot wurde ein Mahnmal zum Frieden errichtet, bestehend aus einem Kreuz aus Buntsandstein und einer Gedenktafel. Alle dienstlich Beteiligten, sowohl auf deutscher als auch auf amerikanischer Seite, erhielten eine nicht tragbare, bronzene Erinnerungsmedaille.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Engbarth: Von der Ludwigsbahn zum Integralen Taktfahrplan – 160 Jahre Eisenbahn in der Pfalz. 2008, S. 41–43 (Online (PDF; 4,1 MB) [abgerufen am 29. November 2013]).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jochen Badelt: cbw-Chronologie: Januar - Dezember 1990
  2. a b c dc-ramstein.de: OPERATION STEEL BOX. Abgerufen am 29. November 2013.
  3. a b Fritz Engbarth: Von der Ludwigsbahn zum Integralen Taktfahrplan - 160 Jahre Eisenbahn in der Pfalz. 2007, S. 41.
  4. a b bahnpolizeiderdb.de.tl: Großeinsatz der Bahnpolizei - Transportauftrag: "Aktion Lindwurm". Abgerufen am 29. November 2013.
  5. Fritz Engbarth: Von der Ludwigsbahn zum Integralen Taktfahrplan - 160 Jahre Eisenbahn in der Pfalz. 2007, S. 42.
  6. Chronik FlaRakGrp 42 1990 - 1995
  7. Webseite zur Erinnerungsmedaille

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]