Amilorid

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Strukturformel
Struktur von Amilorid
Allgemeines
Freiname Amilorid
Andere Namen
  • 3,5-Diamino-N-carbamimidoyl-6-chlorpyrazin-2-carbamid (IUPAC)
  • N-Amidino-3,5-diamino-6-chlorpyrazin-2-carboxamid
  • Guanamprazin
Summenformel C6H8ClN7O
Kurzbeschreibung

blassgelbes bis grünlich gelbes Pulver (Amilorid·Hydrochlorid)[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer
  • 2609-46-3
  • 2016-88-8 (Amilorid·Hydrochlorid)
PubChem 16231
DrugBank DB00594
Wikidata Q419995
Arzneistoffangaben
ATC-Code

C03DB01

Wirkstoffklasse

Diuretikum

Eigenschaften
Molare Masse 229,63 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

293 °C (Amilorid·Hydrochlorid)[1]

pKs-Wert

8,7[2]

Löslichkeit
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [6]
06 – Giftig oder sehr giftig

Gefahr

H- und P-Sätze H: 301
P: 301+310 [6]
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Amilorid ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der kaliumsparenden Diuretika (Entwässerungsmittel). Es wird in Kombination mit einem weiteren diuretisch wirksamen Stoff – in der Regel Hydrochlorothiazid – zur Behandlung eines Kaliummangels infolge von Herzinsuffizienz sowie zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt.[3] Amilorid kam 1967 als Arzneimittel auf den Markt (Moduretik®, MSD Sharp & Dohme).

Chemisch gesehen handelt es sich bei Amilorid um ein Pyrazinderivat. Es enthält weiterhin eine Guanidino-Gruppe. Amilorid ist lichtempfindlich.

Wirkungsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wirkung von Amilorid beruht auf einer direkten Blockierung des epithelialen Natriumkanals (ENaC). Dieser befindet sich unter anderem im distalen Abschnitt des Tubulussystems eines Nephrons der Nieren und sorgt dort für die Wiederaufnahme von Natriumionen aus dem Primärharn. Amilorid führt durch die Hemmung der Natrium-Wiederaufnahme zu einem erhöhten Natrium- und Wasserverlust ohne jedoch die Kaliumausscheidung zu erhöhen.

Pharmakologische Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amilorid wird immer gemeinsam mit einem Thiazid-Diuretikum oder Schleifendiuretikum eingesetzt. Durch die kaliumsparende Wirkung kann es zu einer Erhöhung des Blutkaliumspiegels bis hin zu einer Hyperkaliämie kommen. Das Risiko hierfür ist bei gleichzeitiger Einnahme von ACE-Hemmern oder Aldosteronantagonisten, erhöht. Kontraindikationen sind Hyperkaliämie (erhöhter Blutkaliumspiegel), Schwangerschaft und Anurie (krankhaft verringerte Harnproduktion).[3]

Durch die Hemmung der Natrium-Wiederaufnahme ist Amilorid ein geeignetes Mittel für Patienten mit dem Liddle-Syndrom, die aufgrund ihres genetisch bedingten Natriumüberschusses im Blut unter einem Volumenhochdruck leiden.

Pharmakokinetik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach peroraler Aufnahme tritt die maximale Blutplasmakonzentration nach etwa 4 Stunden ein.[7] 50 % der aufgenommenen Dosis sind bioverfügbar,[7] 50 % werden renal, 50 % über den Stuhl ausgeschieden.[5] Es findet kaum Metabolismus statt; der Großteil wird unverändert eliminiert.[5] Amilorid besitzt eine Halbwertszeit von etwa 18 Stunden.[7]

Erforschung anderer Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Mausmodell der Mukoviszidose zeigten Zhou und Kollegen,[8] dass in den ersten Lebenstagen inhalativ verabreichtes Amilorid die typischen Symptome der Mukoviszidose sowie die Ausbildung/Entwicklung einer chronischen Lungenerkrankung verhindert. Waren die Symptome allerdings bereits vorhanden, trat keine Besserung durch die Behandlung ein. Ein chronischer Lungenschaden verhindert offensichtlich die Wirkung von Amilorid. Das deutet darauf hin, dass die Veränderungen, die die Erkrankung in der Lunge auslösen, möglicherweise irreversibel sind.

Weitere Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Eigenschaft des Amilorids den epithelialen Natriumkanal zu blockieren wird auch bei der Erforschung des Geschmackssinns genutzt. ENaC befindet sich in den Geschmackssinneszellen auf der Zunge und im Rachenraum und ist in die Wahrnehmung des Salz-Geschmacks involviert. Amilorid hemmt den Rezeptor für Süßgeschmack durch Bindung an T1R2.[9]

Handelspräparate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reines Amiloridhydrochlorid: Ein blassgelbes bis grünlich gelbes kristallines Pulver
Kombinationspräparate

Amiloretik (D, A), Comilorid (CH), Diaphal (D), Diursan (D), Ecodurex(CH), Escoretic (CH), Kalten (CH), Loradur (A), Moducrin(D), Moduretic (A, CH), Rhefluin(CH), Tensoflux (D), diverse Generika (D, A, CH)

Weitere Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amiloridhydrochlorid fluoresziert im ultravioletten Licht (bei 365 nm[4] Wellenlänge). Das macht man sich bei der Detektion der dünnschichtchromatographischen Identitätsprüfung nach Europäischem Arzneibuch zunutze.[4]

Amiloridhydrochlorid enthält etwa 12 % Kristallwasser;[4] die Kristallwasserabgabe beim Erhitzen hat Einfluss auf den Schmelzpunkt.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Datenblatt AMILORIDE HYDROCHLORIDE CRS (PDF) beim EDQM, abgerufen am 22. September 2009.
  2. Harry Auterhoff, Joachim Knabe, Hans-Dieter Höltje: Lehrbuch der Pharmazeutischen Chemie. 14. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1999, ISBN 3-8047-1645-8.
  3. a b c H. P. T. Ammon (Hrsg.): Hunnius. Pharmazeutisches Wörterbuch. 9. Auflage. de Gruyter, 2004, ISBN 3-11-017487-1.
  4. a b c d Europäisches Arzneibuch 6.2
  5. a b c d e Arzneibuch Kommentar. Gesamtwerk einschließlich 36. Aktualisierungslieferung 2010, ISBN 978-3-8047-2461-7.
  6. a b Datenblatt Amiloride hydrochloride hydrate bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 20. März 2011 (PDF).
  7. a b c D. Steinhilber, M. Schubert-Zsilavecz, H. J. Roth: Medizinische Chemie. Targets und Arzneistoffe. Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-7692-3483-9.
  8. Z. Zhou, D. Treis, S. C. Schubert, M. Harm, J. Schatterny, S. Hirtz, J. Duerr, R. C. Boucher, M. A. Mall: Preventive but not late amiloride therapy reduces morbidity and mortality of lung disease in βENaC-overexpressing mice. In: Am J Respir Crit Care Med. 178, 2008, S. 1245–1256.
  9. M. Zhao, X. Q. Xu, X. Y. Meng, B. Liu: The Heptahelical Domain of the Sweet Taste Receptor T1R2 Is a New Allosteric Binding Site for the Sweet Taste Modulator Amiloride That Modulates Sweet Taste in a Species-Dependent Manner. In: Journal of molecular neuroscience : MN. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] August 2018, doi:10.1007/s12031-018-1156-5, PMID 30120716.