Hydrochlorothiazid

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Strukturformel
Strukturformel von Hydrochlorothiazid
Allgemeines
Freiname Hydrochlorothiazid
Andere Namen
  • 6-Chlor-3,4-dihydro-2H-1,2,4-benzothiadiazin-7-sulfonamid-1,1-dioxid (IUPAC)
  • Hydrochlorothiazidum (Latein)
Summenformel C7H8ClN3O4S2
Kurzbeschreibung

Weißes bis fast weißes, kristallines Pulver[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 58-93-5
EG-Nummer 200-403-3
ECHA-InfoCard 100.000.367
PubChem 3639
DrugBank APRD00092
Wikidata Q423930
Arzneistoffangaben
ATC-Code

C03AA03

Wirkstoffklasse

Thiazid-Diuretikum

Eigenschaften
Molare Masse 297,74 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

274 °C[2]

pKs-Wert

7,9[2]

Löslichkeit
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
07 – Achtung

Achtung

H- und P-Sätze H: 302
P: keine P-Sätze [3]
Toxikologische Daten
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Hydrochlorothiazid (HCT oder auch HTZ genannt) ist eine harntreibende Substanz aus der Gruppe der Thiazid-Diuretika, als deren Prototyp es gilt. Es wird bei Bluthochdruck, Herzinsuffizienz oder zur Ausschwemmung von Ödemen angewandt, häufig in Form eines Kombinationspräparates.

Pharmakologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirkmechanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Thiazid hemmt Hydrochlorothiazid reversibel den Natrium-Chlorid-Kotransporter in der luminalen Zellmembran der Zellen des distalen Tubulus in der Niere, wodurch Natriumchlorid samt dazugehörigem Lösungswasser ausgeschieden wird. Weiterhin nimmt die renale Ausscheidung von Calcium-Kationen ab und die von Magnesium-Kationen zu.[4] Die gesteigerte Calcium-Retention kann zu einer Zunahme der Knochendichte bei Osteoporose-Patienten führen.

Hydrochlorothiazid wirkt in hohen Dosierungen auch auf das Enzym Carboanhydrase hemmend, doch besitzt es lediglich ein Zehntel[5] der für Carboanhydrasehemmer üblichen inhibitorischen Potenz, und hat – wie andere Thiazide auch – eine flache Dosis-Wirkungs-Kurve, was heißt, dass auch bei enormer Dosissteigerung nur eine minimale Steigerung der weiteren Effektivität erreicht wird. Hydrochlorothiazid sollte in der Schwangerschaft vermieden werden.

Pharmakokinetik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bioverfügbarkeit von Hydrochlorothiazid beträgt 70 %,[4] die Plasmaproteinbindung 95 %, seine Wirkungsdauer 6–12 Stunden. Es wird größtenteils (92 ± 5 %) unverändert über die Niere ausgeschieden und hat eine Plasmahalbwertszeit von 1,3 bis 1,7 Stunden.[6]

Diuretika – u. a. Thiaziddiuretika wie Hydrochlorothiazid – führen über den Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust zu einer Aktivierung des RAAS und damit zum sekundären Hyperaldosteronismus.

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beschreibung der Nebenwirkungen nach Häufigkeit:

Häufig: Störungen im Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt (insbesondere zu vermindertem Kalium- und Natriumspiegel (Hypokaliämie und Hyponatriämie)), verminderte Magnesium- und Chloridspiegel, erhöhter Kalziumspiegel im Blut (Hypomagnesiämie, Hypochlorämie, Hyperkalzämie), Mundtrockenheit und Durst (bei hoher Dosierung, Schwäche- und Schwindelgefühl, Muskelschmerzen und Muskelkrämpfe, z. B. Wadenkrämpfe), Kopfschmerzen, Nervosität, Herzklopfen, verminderter Blutdruck (Hypotonie), Kreislaufstörungen mit vermindertem Blutdruck (beim Wechsel vom Liegen zum Stehen: orthostatische Regulationsstörungen); bei exzessiver Harnausscheidung kann es infolge „Entwässerung“ (Dehydratation) und verminderter zirkulierender Blutmenge (Hypovolämie) zur Bluteindickung (Hämokonzentration), sowie als Folge der Hämokonzentration – insbesondere bei älteren Patienten oder bei Vorliegen von Venenerkrankungen – zu Thrombosen und Embolien kommen. Infolge einer Hypokaliämie können Müdigkeit, Schläfrigkeit, Muskelschwäche, Missempfindungen an den Gliedmaßen (Parästhesien), Lähmungen (Paresen), Teilnahmslosigkeit (Apathie), Adynamie der glatten Muskulatur mit Verstopfung und übermäßige Gasansammlung im Magen-Darm-Trakt (Meteorismus) oder Herzrhythmusstörungen auftreten. Verstärkte Magnesiumausscheidungen im Harn (Hypermagnesiurien) sind häufig und äußern sich nur gelegentlich als Magnesiummangel im Blut (Hypomagnesimien). Gichtanfälle (durch erhöhten Harnsäurespiegeln im Blut Hyperurikämie), erhöhter Blutzuckerspiegel (Hyperglykämie), vermehrte Ausscheidung von Zucker im Urin (Glukosurie), Anstieg der Blutfette (Cholesterin, Triglyzeride).

Gelegentlich: Anstieg der harnpflichtigen Substanzen (Kreatinin, Harnstoff), Erhöhte Amylasewerte im Blut (Hyperamylasämie), Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis), Appetitlosigkeit und Magen-Darm-Beschwerden (bw. Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Schmerzen und Krämpfe im Bauchraum)

Selten: allergische Hautreaktionen (z. B.: Juckreiz, Hautrötung, Exantheme durch Lichteinwirkung, kleinfleckige Einblutungen in Haut und Schleimhaut (Purpura), stark juckende Quaddeln (Urtikaria)), Arzneimittelfieber oder eine Gelbsucht (Ikterus), akute Nierenentzündung (interstitielle Nephritis), Gefäßentzündung (Vaskulitis), Verminderung der weißen Blutkörperchen (Leukopenie), Verminderungen der Blutplättchen (Thrombozytopenie), eine Anämie durch Blutbildungsstörung im Knochenmark (aplastische Anämie), Potenzstörungen, geringgradige Sehstörungen (bspw.: verschwommenes Sehen, Farbsehstörungen, Gelbsehen), Einschränkung der Bildung von Tränenflüssigkeit, bestehende Kurzsichtigkeit kann sich verschlimmern.[7]

Verwendung im Doping[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hydrochlorothiazid steht auf der Verbotsliste der Welt-Antidoping-Agentur.[8] Obwohl es nicht direkt der Leistungssteigerung dient, kann es zur Verschleierung solcher Dopingmittel herangezogen werden, es wird daher als Maskierungsmittel bezeichnet.

Studienlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hydrochlorothiazid wird als Blutdrucksenker meist erst eingesetzt, wenn mit einem anderen Wirkstoff allein keine ausreichende Blutdrucksenkung zu erzielen ist und zwei Wirkstoffe notwendig sind. Die Empfehlung zur zusätzlichen Verordnung von Hydrochlorothiazid unter dieser Bedingung wird auf die Ergebnisse der MRFIT-Studie zurückgeführt, bei der vier verschiedene Blutdrucksenker unter genau dieser Fragestellung getestet wurden. Drei Wirkstoffe schnitten am Ende gleich gut ab, die Testung mit dem vierten – Hydrochlorothiazid – wurde aber vorzeitig abgebrochen, da eine erhöhte kardiovaskuläre Sterblichkeit zu verzeichnen war. Spätere Analysen der MRFIT-Studie bestätigen diese Beobachtung und führen sie u. a. auf vermehrte Herzrhythmusstörungen zurück.[9] Dennoch wird in heutigen Leitlinien die Aussage der Autoren bezüglich der drei erfolgreichen Wirkstoffe auch auf den vierten, gescheiterten – also Hydrochlorothiazid – übertragen. Bezüglich der Prävention von Schlaganfällen scheint HCT aber Vorteile zu bringen.[10]

Handelsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monopräparate

Disalunil (D), Esidrex (CH), Esidrix (D), zahlreiche Generika (D)

Kombinationspräparate
  • mit Aliskiren: Rasilez HCT (D, A, CH)
  • mit Amilorid: Comilorid (CH), Diursan (D), Ecodurex (CH), Escoretic (CH), Loradur (A), Moduretic (A, CH), Rhefluin (CH)
  • mit Benazepril: Cibadrex (D, CH), zahlreiche Generika (D)
  • mit Bisoprolol: Bilol comp. (CH), Concor plus (D, CH), Rivacor plus (A), Lodoz (CH), zahlreiche Generika (D)
  • mit Candesartan: Atacand plus (D, A, CH), Blopress plus (D, A, CH), zahlreiche Generika (D)
  • mit Captopril: ACE-Hemmer (D), Adocomp (D), Capozide forte (A), Cardiagen (D), Jutacor comp. (D), Tensobon comp. (D), zahlreiche Generika (D)
  • mit Cilazapril: Dynorm Plus (D), Inhibace Plus (CH)
  • mit Enalapril: Co-Acepril (CH), Co-Reniten (CH), Coenytyrol (A), Corvo HCT (D), Elpradil HCT (CH), Renacor (D), Renitec plus (A, CH), zahlreiche Generika (D)
  • mit Eprosartan: Emestar plus (D), Teveten plus (D, A, CH)
  • mit Fosinopril: Dynacil comp. (D)
  • mit Irbesartan: CoAprovel (D, A, CH), Karvezide (D, A)
  • mit Lisinopril: Acecomp (A), Acercomp (D), Co-Lisinostad (A), Co-Lisinopril (A), Prinzide (CH), Zestoretic (CH), zahlreiche Generika (D)
  • mit Losartan: Cosaar Plus (CH), Fortzaar (A), Lanosar comp. (A), Lorzaar plus (D), Losathia (A), zahlreiche Generika (D)
  • mit Metoprolol:Beloc-ZOK comp. (D), Seloken retard plus (A), zahlreiche Generika (D)
  • mit Nebivolol: Hypoloc plus HCT, (A), Nomexor plus HCT (A)
  • mit Olmesartan: Olmetec (D, A, CH), Votum plus (D, CH)
  • mit Quinalapril: Accuzide (D, A, CH)
  • mit Ramipril: Delix plus (D), Lannapril plus (A), Triatec comp. (CH), Tritazide (A), Vesdil plus (D), zahlreiche Generika (D)
  • mit Spironolacton: Spironothiazid (D)
  • mit Telmisartan: Kinzalkomb (D, A, CH), Micardis plus (D, A, CH), Pritor plus (A)
  • mit Triamteren: Diuretikum Verla (D), Diu Venostasin (D), Dytide H (D, A), Nephral (D), Tri-Thiazid (D), Turfa gamma (D)
  • mit Valsartan: Co-Diovan (D, A, CH), Cordinate (D), Provas (D), zahlreiche Generika (D)
  • mit Verapamil: Isoptin RR plus (D)
  • mit Zofenopril: Bifril plus (A)

als Zweifach-Kombination:

  • mit Amilorid + Timolol: Moducrin (D)
  • mit Amlodipin + Valsartan: Dafiro HCT (D), Exforge HCT (D, CH)
  • mit Atenolol + Amilorid: Kalten (CH)
  • mit Propranolol + Triamteren: Beta-Turfa gamma (D), Dociteren (D)
  • mit Triamteren + Verapamil: Confit (A)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst Mutschler: Arzneimittelwirkungen. Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie; mit einführenden Kapiteln in die Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie. 8. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-8047-1763-3, S. 585–586.
  • Heinz Lüllmann, Klaus Mohr, Lutz Hein: Taschenatlas Pharmakologie. 5. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-13-707705-3, S. 168–169.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Europäische Arzneibuch-Kommission (Hrsg.): EUROPÄISCHE PHARMAKOPÖE 5. AUSGABE. Band 5.0–5.8, 2006.
  2. a b c d e Eintrag zu Hydrochlorothiazid in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM)
  3. a b Datenblatt Hydrochlorothiazide bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 16. Juni 2011 (PDF).
  4. a b Eduard Burgis: Intensivkurs Allgemeine und spezielle Pharmakologie. 3. Auflage. Urban und Fischer (Elsevier), München 2004, ISBN 978-3-437-42613-1, S. 186–188.
  5. Comprehensive Heterocyclic Chemistry. 1, S. 173–174.
  6. Thomas Küttler: Kurzlehrbuch Allgemeine Pharmakologie und Toxikologie. 18. Auflage. Urban und Fischer (Elsevier), München 2002, ISBN 978-3-437-41041-3, S. 163.
  7. Gebrauchsinformation zu HCT-beta der Firma beta-pharm Arzneimittel GmbH, Kobelweg 95, D-86156 Augsburg (6/2008).
  8. Der Welt-Anti-Doping-Code. Die Verbotsliste 2011 (internationaler Standard), Nationale Anti-Doping-Agentur, Bonn (PDF-Datei; 125 kB).
  9. Kezdi P1, Kezdi PC, Khamis HJ. Diuretic induced long term hemodynamic changes in hypertension. A retrospective study in a MRFIT clinical center. In: Clin Exp Hypertens A. 1992;14(3): S. 347–365.
  10. Miall WE. Beta-blockers vs. thiazides in the treatment of hypertension: a review of the experience of the large national trials. In: J Cardiovasc Pharmacol. 1990;16 Suppl 5: S. 58–63.
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