Anna Essinger

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Anna Essinger (* 15. September 1879 in Ulm; † 30. Mai 1960 in Otterden, Kent) war eine deutsche Reformpädagogin.

Leben[Bearbeiten]

Essinger war das älteste von sechs Mädchen und drei Jungen des jüdischen Ehepaars Leopold Essinger und Fanny, geb. Oppenheimer. Die Familie lebte von dem vom Vater betriebenen Versicherungsbüro. Was die Familie jedoch auszeichnete, war ihr Gefühl für die Gemeinschaft und das Leben darin. Die gesamte Familie Essinger litt unter Augenproblemen, auch Anna war von schwerer Kurzsichtigkeit ihr ganzes Leben betroffen.

Mit 20 Jahren zog Anna zu ihrer Tante nach Nashville/Tennessee. Besonders mit den Quäkern schloss sie schnell intensive Freundschaften. Sie absolvierte ein Germanistikstudium und finanzierte dieses durch Sprachunterricht. Nebenbei leitete sie ihr privates Studentenwohnheim. Im Anschluss daran arbeitete sie als Lehrerin. 1919 kehrte sie nach dem Weltkrieg, im Rahmen von humanitären Hilfen der Quäker, nach Deutschland zurück. Ihre Aufgabe war, Bürgermeister, Lehrer und Direktoren zu überzeugen, Küchen einzurichten, um Kindern wenigstens eine warme Mahlzeit zu ermöglichen. Dafür sammelte sie Lebensmittel und Kleidung.

Seit 1912 leitete ihre Schwester Klara ein eigenes Kinderheim in Herrlingen, wo sie vor allem schwer erziehbare Kinder, aber auch psychisch Labile und Zurückgebliebene pflegte und betreute. 1925 waren sowohl die eigenen als auch viele Pflegekinder im Schulalter, als sie die Idee zu einem eigenen Landschulheim hatte. Die gesamte Familie engagierte sich und so konnte bereits ein Jahr später, am 1. Mai 1926, die Privatschule mit Internat und 18 Kindern (im Alter von sechs bis zwölf Jahren) in der Wippinger Steige 28 (heute: Erwin-Rommel-Steige 50) eröffnet werden. Anna wurde die Leiterin und Paula, eine weitere Schwester, die gelernte Krankenschwester war, die Schulschwester und Hauswirtschafterin. Trotz ihrer eigenen jüdischen Wurzeln sollte die Schule konfessionsfrei sein. Unter den Ehrengästen zur Eröffnung befanden sich unter anderem auch Theodor Heuss und Otto Hirsch aus Stuttgart sowie die Bürgermeister von Göppingen und Ulm. Bereits 1928 war es nötig, die Räumlichkeiten durch Anmietung (der Ankauf erfolgte im April 1932) des unterhalb gelegenen Anwesens Wippinger Steige 13 (heute: Erwin-Rommel-Steige 13) zu erweitern[1].

Wirken[Bearbeiten]

Das Haupthaus des Landschulheims Herrlingen, ca. 1930
Informationstafel am Haupthaus des einstigen Landschulheims

Essinger, welche sich an der Reformpädagogik orientierte und die Schule nach Montessori-Art leitete, legte vor allem Wert auf das gemeinschaftliche Leben, Erleben und Lernen. Jeder Einzelne, ob Lehrer oder Schüler, sollte sich der Gemeinschaft gegenüber verantwortlich fühlen. In Herrlingen wurde Koedukation praktiziert, mit den Lehrern, die im Heim wohnten, war das Du selbstverständlich. Die Kinder lernten vom ersten Schultag an gleichzeitig zwei Sprachen: Englisch und Deutsch oder Französisch und Deutsch, wobei der Schwerpunkt auf dem gesprochenen, nicht dem geschriebenen Wort lag.

Auf die Leibesertüchtigung und die Hygiene wurde großer Wert gelegt. Das Lernen war mehr ein gelebtes Lernen, sei es bei den täglichen Waldläufen, durch die Ämter, welche die Schüler im und um das Haus innehatten, oder auch beim Essen: So gab es besondere Esstische wie den englischen und französischen Tisch, an denen während den Mahlzeiten in der jeweiligen Sprache kommuniziert wurde. Auch die musische Erziehung wurde besonders betont. Neben Malen, Zeichnen und Werken wurde auch Musizieren, Singen und Theater geboten. Abends wurde eine Geschichte vorgelesen, bevor Anna alle Kinder mit einem „Gute-Nacht-Kuss“ in die Nacht entließ. Bald wuchs die Anzahl der Schüler auf über sechzig. Eine Besonderheit war, dass man auf das übliche Notensystem verzichtete. Vielmehr wurden Beurteilungen erstellt, die über die individuelle Entwicklung des einzelnen Kindes Auskunft gaben. Diese erhielten die Schüler in mündlicher, die Eltern in schriftlicher Form.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Gedenkstele für Essinger in der Ulmer Innenstadt

Die nahende Machtübernahme durch Hitler blieb auch Anna nicht verborgen. Schon die ersten Maßnahmen nach Beginn des Dritten Reichs wurden boykottiert: So setzte sie kurzerhand einen Wandertag an, um das verordnete Hissen der Hakenkreuzfahne an Hitlers Geburtstag zu umgehen. Doch Denunzianten brachten in der Partei zunehmend eine negative Stimmung gegen Essinger auf. So wurde empfohlen, einen Schulkommissar einzusetzen. Die couragierte wie auch weitsichtige Pädagogin sah sich deshalb nach einem neuen Domizil im Ausland um und wurde im Süden Englands fündig. Nachdem die Eltern informiert worden waren und zugestimmt hatten, waren 66 Kinder, deren Lehrer und Anna gewillt, das Land zu verlassen. In einer gut vorbereiteten und als Ausflug getarnten „Nacht-und-Nebel“-Aktion verließ die Gruppe Deutschland und kam am 5. September 1933 in Südengland an. In kluger Voraussicht hatte Anna Essinger das Landschulheim formal nicht aufgelöst, sondern im selben Jahr an den Berliner Pädagogen Hugo Rosenthal übergeben.

In Otterden bei Faversham in der Grafschaft Kent wurde ein altes Herrenhaus, Bunce Court, aus der Zeit Heinrichs VIII. bezogen. Mit über 40 Zimmern auf drei Etagen und großen Außenanlagen war es ein idealer Ort für ein Internat. Tatkräftig wurde durch das Aufteilen der Arbeiten unter allen Flüchtlingen und mit Unterstützung der Behörden eine Selbstverwaltung erreicht, auch wenn chronische Geldnot stets über der Gemeinschaft wie ein Damoklesschwert hing. Bald schon gewann Anna die Achtung der Behörden und gewann Fürsprecher aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Mit den jüdischen Auswandererkindern aus Deutschland kamen im Spätsommer 1938 Richard W. Sonnenfeldt und sein jüngerer Bruder Helmut. Nach den Pogromen der Kristallnacht am 9./10. November 1938 nahm England 10.000 Kinder aus Deutschland auf, unter ihnen war auch Frank Auerbach. Anna, fast sechzigjährig, organisierte mit ihren Lehrern und älteren Schülern das Auffanglager und die Versorgung für einen Teil dieser Kinder. Zudem suchte sie nach Pflegefamilien und Heimen. 1940 musste die Schule erneut evakuiert werden, nachdem Südengland zum Verteidigungsgebiet geworden war. Mit rund 100 Kindern und Lehrern zog das Internat nach Trench Hall in Shropshire[2]. Unter sehr beengten Verhältnissen versuchte man, ein normales Leben zu führen. Erst 1946 und nach langwierigen Verhandlungen konnte Bunce Court wieder bezogen werden.

Späte Jahre[Bearbeiten]

Essinger hatte während dieser 22 Jahre über 900 Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen, der Tschechoslowakei und England betreut und unterrichtet. Besonders die letzten Jahre waren schwierig. Nicht nur, dass sie mit dem Alter langsam erblindete, vor allem die letzte Generation von Kindern waren Problemfälle, da Essinger ab 1945 vor allem überlebende jüdische Kinder aus Konzentrationslagern aufgenommen hatte, welche ein Leben, wie es auf Bunce Court geführt wurde, nicht mehr kannten und sich teilweise nur schwer einfanden. Essinger war nun nicht in der Lage, die Leitung der Schule tatsächlich in neue Hände zu geben, um die neuen Aufgaben zu bewältigen, und zerstritt sich mit dem von ihr engagierten neuen Direktor Fridolin Friedmann, so dass die Schließung der Schule 1948 unausweichlich wurde.[3]

Essinger verbrachte ihre Lebensjahre bis zu ihrem Tod in Bunce Court mit Schreiben. Sie korrespondierte viel mit ehemaligen Schülern, welche sie ihre Tante Anna nannten. Weltoffenheit, Weitsicht und ihr unerschütterlicher Pragmatismus waren ihre herausragendsten Eigenschaften. Konsequent und mit viel persönlichem Einsatz half sie Kindern und Erwachsenen in Not, getreu ihrem Motto: Reiche Kindern die Hand, gib ihnen eine Chance.

Die von Rosenthal als jüdisches Landschulheim fortgeführte Herrlinger Einrichtung musste im Frühjahr 1939 schließen. Der Gebäudekomplex diente von Sommer 1939 bis Mitte 1942 als Zwangs-Altersheim für jüdische Senioren, bevor diese in die Vernichtungslager verschleppt wurden. Das unterhalb an der ehemaligen Wippinger Steige 13 gelegene Gebäude diente Erwin Rommel und seiner Familie zwischen 1943 und 1945 als Wohnung. Auch das in der Oberherrlinger Straße 28 befindliche Kinderheim ihrer Schwester wurde wenige Jahre nach Annas Flucht geschlossen. 1990 wurden in Ulm die Realschule und das Gymnasium auf dem Kuhberg nach Anna Essinger umbenannt. Ein beachtlicher Teil ihres Nachlasses befindet sich im Ida-Seele-Archiv.

Literatur[Bearbeiten]

  • Manfred Berger: Anna Essinger – Gründerin eines Landerziehungsheims. Eine biographisch-pädagogische Skizze. In: Zeitschrift für Erlebnispädagogik 17,4 (1997), S. 47–52
  • Sara Giebeler u.a.: Profile jüdischer Pädagoginnen und Pädagogen. Klemm und Oelschläger, Ulm 2000 (= Edition Haus unterm Regenbogen, 3), ISBN 3-932577-23-X
  • Lucie Schachner: Erziehung zum geistigen Widerstand: Das jüdische Landschulheim Herrlingen 1933–1939. dipa-Verlag, Frankfurt a.M. 1986 (= Pädagogische Beispiele, 3), ISBN 3-7638-0509-5
  • Dietrich Winter: Herrlingen als literarischer und historischer Ort: Begegnung mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten in Zeiten der Entscheidung. Vortrag, gehalten am 9. November 1997 (…) im Rahmen des „Veranstaltungsprojekts Dichter und Richter – Deutsche Literatur in der Entscheidung. 50 Jahre Gruppe 47“ von der Ulmer Volkshochschule. Klemm und Oelschläger, Ulm 1998 (= Edition Haus unterm Regenbogen, 1), ISBN 3-932577-12-4
  •  Frank Raberg: Biografisches Lexikon für Ulm und Neu-Ulm 1802–2009. Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm im Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7995-8040-3, S. 92 f.
  • Richard W. Sonnenfeldt, Mehr als ein Leben. Scherz, Bern 2003, ISBN 3-502-18680-4
  • Katharina Lüdtke: "Anna Essinger - eine Pädagogin der besonderen Art" Neu-Ulm 2011

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ulrich Seemüller, Herrlingen im Brennpunkt der Geschichte. Von Anna Essinger, Martin Buber, Erwin Rommel und anderen. In: Momente. Beiträge zur Landeskunde von Baden-Württemberg, Heft 4/2008, S. 2-7.
  2. siehe tabellarischer Lebenslauf von Frank Auerbach bei fineart
  3. Eric Bourne: Letters to the editor: A Lost Generation (PDF; 3,8 MB) AJR Journal, Juni 2011, S. 6 Abgerufen am 5. August 2013