Augustputsch in Moskau

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Panzer T-80 auf dem Roten Platz während des Augustputsches

Während des Augustputsches in Moskau vom 19. bis 21. August 1991 versuchte eine Gruppe von Funktionären der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), die sich als Staatskomitee für den Ausnahmezustand bezeichnete, den Präsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow abzusetzen und das Land unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die Führer des Putschversuches waren Mitglieder einer strukturkonservativen[1] und reaktionären Junta[2] und Kommunisten der KPdSU,[3][4][5][6][7][4] in deren Augen die wirtschaftliche Umgestaltung zu weit ging und eine rechte Abweichung vom Kommunismus seine Abschaffung bedeute. Außerdem fürchteten sie, der von Gorbatschow neu ausgehandelte Unionsvertrag gebe den Unionsrepubliken zu viel Macht. Obgleich der Putschversuch nach nur drei Tagen scheiterte und Gorbatschow wieder in sein Amt eingesetzt wurde, machte er Gorbatschows Hoffnungen hinsichtlich des Fortbestehens einer, wenn auch dezentralisierten, Staatenunion zunichte und beschleunigte den Zerfall der Sowjetunion.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1985 betrieb Gorbatschow ein Reformprogramm, das von zwei Schlüsselelementen geprägt war: die ökonomische und politische Restrukturierung, Perestroika genannt, und die als Glasnost bezeichnete Öffnung gegenüber der Bevölkerung. Diese Reformen zogen die Ablehnung und den Widerstand des linken Flügels der kommunistischen Partei auf sich. Der Widerstand zu den Reformen wuchs, als sich die wirtschaftliche und politische Situation verschlechtert hatte. Im Juli 1991 wurde der Offene BriefEin Wort an das Volk“ einiger KP-Funktionäre und Literaten veröffentlicht, der als ein Anti-Perestroika-Manifest verstanden wurde. Des Weiteren gewannen Unabhängigkeitsbestrebungen nichtrussischer Bevölkerungsgruppen Raum, die nun die Chance zu mehr Selbstbestimmung sahen, was die Furcht des Sowjetregimes verstärkte, dass einige oder alle Unionsstaaten von der Sowjetunion abfallen würden. Nach einigen Verhandlungen stimmten die Republiken einem neuen Unionsvertrag zu, der sie zu unabhängigen Republiken in einer Föderation mit einem gemeinsamen Präsidenten, gemeinsamer Außenpolitik und gemeinsamen Streitkräften machen sollte. Der Vertrag sollte am 20. August 1991 unterzeichnet werden und die Union stärken; Kommunisten fürchteten, dass nun einige kleinere Mitgliedsstaaten, vor allem die drei baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) eine völlige Unabhängigkeit anstreben würden.

Putsch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Boris Jelzin und Anhänger vor dem Weißen Haus (damals Gebäude des Ministerrates) am 19. August 1991

Am Montag den 19. August 1991, einen Tag bevor Gorbatschow und eine Gruppe der Republikchefs den Unionsvertrag unterzeichnen sollten, versuchte eine Gruppe, die sich selbst Staatskomitee für den Ausnahmezustand (GKTschP) nannte, die Macht in Moskau zu ergreifen.[8] Alle Beteiligten waren erst unter Gorbatschow auf ihre Positionen gelangt. Zu der Gruppe zählten:

Zu den weiteren Mitinitiatoren des Putsches gehörten:

Die Gruppe verkündete, Gorbatschow sei überraschend erkrankt und könne seine politischen Ämter nicht mehr ausüben. Der Vizepräsident und Putschist Gennadi Janajew wurde zum Interimspräsidenten ernannt.

Gorbatschow selbst war zu Beginn des Putschversuches im Urlaub in Foros auf der Krim. Dort wurde er vom Nachmittag des 18. August bis zum 21. August festgesetzt und isoliert, nachdem er seine Zustimmung zur Verhängung des Notstandes und die Übertragung seiner Vollmachten an den Vizepräsidenten verweigerte. Er blieb dort bis zum Ende des Putsches drei Tage später.

In Moskau und Leningrad folgten große Demonstrationen gegen die Putschisten. Der Putsch war erfolglos, da die Streitkräfte den Putschisten die Gefolgschaft verweigerten. Dimitri Jasow gab eine mögliche Erklärung, warum der Coup nicht gelang, als er die Frage analysierte, wozu der Putsch nötig war und worauf er schiessen sollte, aber selber keine Antwort wusste.[9] Der Widerstand, der hauptsächlich vom Präsidenten der russischen Teilrepublik Boris Jelzin aus dem Regierungsgebäude, dem Weißen Haus, gegen den Putsch geführt wurde, war erfolgreich. Während einer dieser Demonstrationen kletterte Jelzin mit einem Megafon auf einen Panzer; vor zehntausenden Demonstranten, die sich vor dem Parlament versammelt hatten, forderte die Rückkehr Gorbatschows und verurteilte den Umsturzversuch. Er bat die Soldaten: „Werdet nicht zur blinden Waffe des verbrecherischen Willens von Abenteurern!“ Dieser Auftritt, der einen so großen Kontrast zu Janajews halbherziger Fernsehansprache darstellte, wurde eines der erinnerungswürdigsten Ereignisse des Putsches und stärkte Jelzins Position.

Ein geplanter Angriff auf das Regierungsgebäude durch die paramilitärische Spezialeinheit ALFA des KGB scheiterte, als Angehörige der Einheit einstimmig den Gehorsam verweigerten. Eine zur Regierung der russischen Unionsrepublik übergelaufene Panzereinheit schützte das Weiße Haus. In den angrenzenden Straßen kam es zu Konfrontationen, unter anderem wurden zwei Demonstranten von einem Panzer überfahren und einer erschossen. Alles in allem gab es wenig Gewalt. Über Glasnet und die angeschlossenen Mailboxnetze wurden aktuelle Lageberichte in die Welt übermittelt.[10]

Am 21. August bekannte sich die Mehrheit der Truppen offen zu den Demonstranten, die verbliebenen wurden abgezogen. Somit war der Putsch gescheitert. Relativ machtlos kehrte Gorbatschow nach Moskau zurück und versprach, die KPdSU von konservativen Kräften zu säubern. Per Dekret verbot Jelzin die KPdSU auf dem Gebiet der russischen Teilrepublik. Gorbatschow trat als Generalsekretär der KPdSU zurück, blieb jedoch Präsident der Sowjetunion. Der Geheimdienst KGB wurde im Oktober abgeschafft. Die Putschisten wurden ihrer Ämter enthoben und inhaftiert. Die meisten von ihnen wurden ab 1992/93 wieder aus dem Gefängnis entlassen. Innenminister Pugo beging Suizid.

Folge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Putsch zerfiel die Sowjetunion endgültig. Nichtrussische bisherige Unionsrepubliken erklärten eine nach der anderen ihre Unabhängigkeit von der UdSSR. Der erstarkte Jelzin übernahm die Kontrolle über Medien und Schlüsselministerien. Schrittweise demontierte und entmachtete er Gorbatschow, den bis zu seinem Rücktritt am 25. Dezember 1991 ranghöchsten Funktionsträger der bisherigen Supermacht. Ende 1991 wurde die Auflösung der Sowjetunion beschlossen. Es blieben die nunmehr 15 souveränen Staaten der Union. Die Russische Föderation übernahm, unter Jelzins Führung, die Rechtsnachfolge der Sowjetunion.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Augustputsch in Moskau – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Moskau beklagt zehn verlorene Jahre. In: Handelsblatt. 16. August 2001, abgerufen am 2. Juli 2012.
  2. Vom Kiewer Reich bis zum Zerfall der UdSSR. In: Bundeszentrale für politische Bildung. 3. Februar 2004, abgerufen am 2. Juli 2012.
  3. Jörn Grävingholt: Rußlands Regionen in der Ära Jelzin: Institutionelle Konsolidierung und Organisation der Macht. In: Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien (Hrsg.): Rußland in Europa? Innere Entwicklungen und internationale Beziehungen – heute. Böhlau, / Weimar/ Wien 2000, S. 64.
  4. a b J. R. Mettke, C. Neef: Rußland bleibt Großmacht. In: Der Spiegel. Nr. 37, 1991 (online).
  5. Wolfram Neidhard: Die letzte Schlacht der Dilettanten. In: n-tv. 19. August 2011, abgerufen am 12. Juli 2012.
  6. Ludmila Lutz-Auras: „Auf Stalin, Sieg und Vaterland!“ Politisierung der kollektiven Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland. Springer VS, 2013, S. 22.
  7. August-Putsch: Das Ende der UdSSR. In: Wiener Zeitung. 16. August 2011.
  8. Andreas Rüesch: Der zitternde Putschist. In: Neue Zürcher Zeitung. 19. August 2016.
  9. Marschall der Sowjetunion Dmitry Yazov: Vielleicht war das Staatskomitee für den Ausnahmezustand ein Verein von Selbstmördern ..., kp.ru, 16. August 2001; Zitiert in «Black Wind White Snow»
  10. Gabriele Hooffacker (Hrsg.): Wem gehört das Internet? München 2008, ISBN 978-3-9805604-3-6, S. 24.