Barbe de Nettine

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Alexander Roslin: Barbe de Nettine als Witwe, 1761.

Barbe-Louise-Josèphe Vicomtesse de Nettine geborene Stoupy (* 20. November 1706 in Arras, Grafschaft Artois; † 4. Dezember 1775 in Brüssel, Herzogtum Brabant) besaß die größte Bank der Österreichischen Niederlande, welche zugleich die Funktion einer Staatsbank hatte.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Dem breiten Publikum und der Geschichte unbekannt, war sie einer der wesentlichen Teile der Regierungsmaschine, und es gelang ihr, diese Rolle zu behalten, ohne die Eifersucht der konkurrierenden Bankhäuser zu erregen und ohne ihre Mutterpflichten zu vernachlässigen.“[1]

Ehefrau des Onkels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Barbe Stoupy war das älteste der acht Kinder eines Advokaten im nordfranzösischen Arras. Als sie 13-jährig war, anvertrauten die Eltern sie der kinderlosen Schwester des Vaters Louise Nettine in Brüssel. Deren Ehemann Matthias (1686–1749) wurde 1733 Schatzmeister von Erzherzogin Maria Elisabeth (1680–1741), die als Schwester des letzten Habsburgerkaisers Karl VI. Generalgouverneurin der Österreichischen Niederlande war.

Nettine benützte seine neue Stellung, um im selben Jahr 1733 eine Bank zu gründen. Als seine Ehefrau 1735 starb, heiratete er mit kirchlicher Dispens die mittlerweile 29-jährige Barbe, die ihm nicht nur sechs Kinder schenkte, sondern auch in der Bank unentbehrlich wurde.

Im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) behauptete die Tochter Karls VI., Maria Theresia, den Besitz der Österreichischen Niederlande.[2] Unter dem neuen Generalgouverneur Herzog Karl von Lothringen[3] (1712–1780) war die Bank Nettine 1744–1775 Staatsbank. In dieser Rolle löste sie die Antwerpener Bank Proli ab, welche von der verwitweten Aldegonde-Jeanne Proli geborenen Pauli (1685–1761) geleitet wurde.

Hinter den Kulissen der Macht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Nettines Tod (1749) wurde seine Witwe Besitzerin der Bank, an der kurze Zeit auch ihre Söhne beteiligt waren, und damit de facto Schatzmeisterin der Österreichischen Niederlande. Sie besaß das volle Vertrauen von Johann Karl Philipp Graf Cobenzl (1712–1770), der als bevollmächtigter Minister ab 1753 die Regierung in Brüssel leitete. Dieser verbrachte jeden Mittag eine Plauderstunde und jede Woche einen Abend bei ihr[4], auch wenn wohl kaum eine Liebesbeziehung zwischen ihnen bestand.

Frau Nettine platzierte Staatsanleihen, verwaltete die staatliche Lotterie, beschaffte Edelmetall für die Münzprägung und beteiligte sich an Firmen. Dem ausgabenfreudigen Cobenzl und dessen Nachfolger Georg Adam Fürst Starhemberg (1724–1807) half sie, ihre Gläubiger hinzuhalten.

Während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) überwies sie Subsidien der Österreichischen Niederlande und des verbündeten Frankreichs nach Wien. Später wirkte sie am Einsatz von Steuer- und Lotteriegeldern zur Tilgung der Kriegsschulden mit. Hierzu bediente sie sich der von ihr verwalteten Gastos segretos (Geheimfonds aus der Zeit der Spanischen Niederlande).

Geehrt und kritisiert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Maria Theresia machte den verstorbenen Ehemann Frau Nettines zum Edlen und deren unmündigen Sohn zum Vicomte, wodurch die Banquière ab 1758 bzw. 1762 die weibliche Form dieser Titel tragen konnte. Das Wappen der Familie zeigt eine Meerfrau, die eine Waage hält.

Staatskanzler Wenzel Anton Fürst Kaunitz[5] (1711–1794) hielt Frau Nettines Einfluss für zu groß. Er forderte daher 1761 die Gründung einer Staatsbank, welche sie aber zu torpedieren vermochte. 1763 fielen Cobenzl und Frau Nettine auf den Meisterbetrüger Saint-Germain herein, der sich Geld vorschießen ließ, um in Tournai eine Chemiefabrik zu eröffnen.[6] Im selben Jahr versuchte Frau Nettines Bruder Edmond-Sébastien-Joseph Stoupy (1713–1785) als Generalvikar des Fürstbischofs von Lüttich vergeblich, dessen Nachfolge nach den Wünschen Wiens zu regeln.

Als 1770 Marie-Antoinette mit dem künftigen Ludwig XVI. verheiratet wurde, finanzierte Frau Nettine ihre Aussteuer. 1771 berichtete General Ayasasa dem Hofkriegsrat in Wien, sie mache mit Heereslieferungen „schändliche Gewinne“.[7] Nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu (1773) war es ihre Bank, welche die Säkularisation des Ordensbesitzes in den Österreichischen Niederlanden abrechnete.

Vier Töchter in der Hochfinanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während Frau Nettines Söhne Dominique (1738–1759) und André (1745–1766) jung starben, erhielten die vier Töchter Ehemänner aus der Hochfinanz. Die Älteste Dieudonnée-Louise-Joséphine (1736–1789) wurde 1755 mit Adrien-Ange de Walckiers de Tronchiennes (1721–1799) verheiratet. Nach dem Tod der Mutter erbte sie die Bank Veuve Nettine et fils (Witwe Nettine und Sohn), die noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts bestand. Ihr Sohn Joseph-Édouard-Sébastien de Walckiers (1758–1837) assoziierte sich 1782 mit Guillaume Herries in Ostende, das von Kaiser Joseph II. zum Freihafen erklärt worden war. 1784 wurde er zum Generalsteuereinnehmer (Receveur général des finances) ernannt, was ihn nicht daran hinderte, 1789 als Anhänger von Jan Frans Vonck an der Brabanter Revolution teilzunehmen.

Um das 1756 geschlossene Bündnis der Häuser Österreich-Lothringen und Bourbon zu befestigen, stifteten Cobenzl und Frankreichs Regierungschef Herzog Étienne-François de Choiseul Ehen zwischen Frau Nettines jüngeren Töchtern und Franzosen: Rosalie-Claire-Josèphe (1737–1820) wurde 1760 mit dem Hofbankier Jean-Joseph de Laborde[8] (1724–1794) verheiratet, Anne-Rose-Josèphe (1739–1813) 1761 mit Schatzmeister Joseph de Micault d’Harvelay (1723–1786), Marie-Louise-Josèphe (1742–1808) 1762 mit Ange-Laurent de Lalive de Jully (1725–1779), einem Bruder des Generalsteuerpächters Denis-Joseph Lalive d’Épinay. Frau de Micault d’Harvelay hatte eine Liebesbeziehung mit Finanzminister (Contrôleur général des finances) Charles-Alexandre de Calonne (1734–1802), den sie nach dem Tod ihres Ehemannes 1788 heiratete.

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Carlo Bronne: Madame de Nettine, banquière des Pays-Bas. In: Financiers et comédiens au XVIIIe siècle, Bruxelles 1969, S. 7–255, hier: S. 145.
  2. Vor dem Frieden von Aachen (1748) hielt Frankreich die Österreichischen Niederlande besetzt.
  3. Der Bruder von Maria Theresias Ehemann Kaiser Franz I. bekleidete das vorwiegend repräsentative Amt des Generalgouverneurs ursprünglich gemeinsam mit seiner Ehefrau, Maria Theresias Schwester Erzherzogin Maria Anna (1718–1744), die im ersten Kindbett starb.
  4. Alfred Ritter von Arneth: Graf Philipp Cobenzl und seine Memoiren. Wien 1885, S. 74, 76, 79, 82.
  5. Kaunitz war 1744–1746 bevollmächtigter Minister in den Österreichischen Niederlanden gewesen. Als Staatskanzler war er in Wien für deren Verwaltung zuständig.
  6. Heinrich Benedikt: Als Belgien österreichisch war. Wien 1965, S. 131–143.
  7. Derek Beales: Joseph II. Bd. 1, Cambridge 1987, S. 485 f./Anm. 19.
  8. Vgl. Yves-René Durand: Mémoires de Jean-Joseph de Laborde, fermier général et banquier de la cour. In: Annuaire-Bulletin de la Société de l’histoire de France, 1968 f., S. 73–162 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3Dhttps%3A%2F%2Fwww.jstor.org%2Fstable%2Fi23406492~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).