Barfüßerkirche (Erfurt)

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Barfüßerkirche und benachbarte Wohnbebauung vor der Zerstörung 1944
Barfüßerkirche, restaurierter Chorraum
Bronzerelief Totentanz von Hans Walther 1947, seit 2012 an der Ruine angebracht
Erklärung zum Relief „Totentanz“ des Erfurter Bildhauers Hans Walther
Ruine der Barfüßerkirche, 1953

Die Barfüßerkirche gehörte bis zu ihrer Zerstörung durch einen Bombenangriff im Jahre 1944 zu den bedeutendsten Kirchenbauten Erfurts und zu den schönsten Bettelordenskirchen Deutschlands. Sie entstand im 14. Jahrhundert als Klosterkirche der Franziskaner, die auch Barfüßer genannt wurden, und steht im Stadtzentrum westlich der Schlösserbrücke am rechten Ufer des Breitstroms, einem Seitenarm der Gera.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Barfüßerkirche in Erfurt

Franziskanerkloster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. November 1224 ließen sich vor den Toren Erfurts als erster Bettelorden („Mendikanten“) die Brüder des 1210 gegründeten Franziskanerordens nieder. Der Orden breitete sich ab 1221 innerhalb eines Jahrzehnts im Deutschen Reich bis zur Ostsee aus und bevorzugte für seine Klöster die Städte. Sie übernahmen in Erfurt zunächst die verlassene Kirche vom Heiligen Geist, die vorher zu einem Augustinerinnenkloster gehört hatte. Auf Veranlassung des Erzbischofs von Mainz begannen sie 1229/30 mit dem Bau einer Kirche und eines Klosters und widmeten sich wahrscheinlich der Krankenpflege. Sieben Jahre nach der Ankunft, 1231, bezogen sie Konventsgebäude an der Gera auf einem Grundstück, das sie vom erzbischöflichen Vicedominus von Apolda, Gunther, erhielten. Am 25. September 1259 wurde in dieser Kirche der Mainzer Erzbischof Gerhard I. beerdigt. Das Kloster wurde mehrfach von Bränden heimgesucht; 1463 erlagen zahlreiche Franziskaner der Pest.[1] Der Erfurter Konvent wurde im Laufe des 13. Jahrhunderts zu einem der zentralen Orte der Ordensprovinz, in dem im Mittelalter die meisten Provinzkapitel der Saxonia stattfanden. Daraus ist zu schließen, dass die Gebäude eine gewisse Größe gehabt haben müssen.

Die Franziskaner gründeten wahrscheinlich bald eine Schule, seit Anfang der 1230er-Jahre bestand in Erfurt ein Studienhaus (studium custodiale, studium particulare) zur Ausbildung zunächst der jungen Brüder in der Kustodie Thüringen, einer Untergliederung der 1230 gegründeten Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia), jedoch entwickelte sich das Studium bald sowohl hinsichtlich seines inhaltlichen Niveaus als auch seiner Größe. Der Lektor hatte einen socius zur Seite, ab 1371 ist ein zweiter Lektor nachgewiesen.[2] Das Ordensstudium wurde 1392 mit den Ordensstudien der Augustiner-Eremiten und Dominikaner in die theologische Fakultät der neugegründeten Universität Erfurt integriert; ordensintern bekam Erfurt den Status eines Generalstudiums des Ordens, in das begabte Brüder auch aus zahlreichen anderen Provinzen des Ordens – 1467 aus insgesamt 14 Provinzen, darunter auch die Provinzen Argentina (Straßburg), Sicilia und Burgundia – zum Studium entsandt wurden.[3] Für die Saxonia war Erfurt die Ausbildungsstätte der Führungskräfte; sechs der zwölf Provinzialminister bis 1517 hatten in Erfurt einen Doktorgrad erworben. Als erste Franziskaner immatrikulierten sich 1395 der Provinzialminister Johannes von Chemnitz und sein Nachfolger (ab 1396) Johannes von Minden, der ab 1400 auch als Magister regens, Leiter des franziskanischen Studienbetriebs, fungierte und einen Lehrstuhl an der Universität innehatte.[4] Zum Lehrkörper der Universität gehörten in der Folgezeit fast durchgehend auch Franziskaner, die an der theologischen Fakultät eine Lehrrichtung ausbildeten, die an der Theologie der Franziskaner Bonaventura und Johannes Duns Scotus ausgerichtet war.[5]

Die Franziskaner in Erfurt waren der franziskanischen Observanzbewegung gegenüber sehr zurückhaltend und gehörten daher seit 1518 zur Sächsischen Ordensprovinz vom hl. Johannes dem Täufer. Der Reformation widersetzten sie sich; der Guardian des Konvents, Conrad Clinge, war seit 1530 Erfurter Domprediger und verteidigte vehement den katholischen Glauben. Da keine neuen Brüder aufgenommen werden durften, starb das Kloster aus; es wurde 1594, nach dem Tod des letzten Franziskaners, aufgehoben, die Konventsgebäude wurden als Schule genutzt. Für eine kurze Zeit kamen ab 1628 noch einmal Minoriten aus Köln in die Klostergebäude, mussten jedoch bereits 1637 weichen, als die Schweden nach Erfurt zurückkamen.[6]

Kirchenbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Stadtbrand von 1291 wurde mit einem Neubau einer Klosterkirche begonnen, deren Chor 1316 geweiht wurde. Die Bautätigkeiten am Langhaus der dreischiffigen Pfeilerbasilika dauerten bis Anfang des 15. Jahrhunderts, der Turmbau war um 1400 beendet. Die hochgotische Kirche mit einem langen durchgehenden Satteldach gehörte zu den größten Kirchen der Stadt und war in den folgenden Jahrhunderten im Stadtbild ein markanter Punkt.

Das gestreckte Langhaus unterscheidet sich von dem der benachbarten Predigerkirche dadurch, dass hier jeweils zwei querrechteckige Gewölbejoche über einen Arkadenbogen gesetzt waren. Der Chor der Barfüßerkirche aus der Zeit um 1300 ist länger als derjenige der Predigerkirche und zeigt in steil proportionierten Spitzbogenfenstern schlichtes Maßwerk. Im 15. Jahrhundert wurde auf der Nordseite des Chores ein schlanker, feingliedriger Turm hinzugefügt; auf der Südseite wurde eine niedrige Kapelle erbaut. Im Gewölbe dieser Kapelle sind einige schildartige Gewölbeschlusssteine aus dem Langhaus eingebaut, die noch aus der Zeit um 1400 stammen. Der östliche Gewölbestrahl ruht auf einer figuralen Wandkonsole, die eine Hand und darüber einen kopfüber dargestellten Dämonenkopf zeigt. [7]

Im Zuge der Reformation wurde das Gotteshaus im Jahr 1525 Gemeindekirche der evangelischen Barfüßergemeinde. Vier Jahre später 1529 predigte am 11. Oktober Martin Luther in ihr. Die Klostergebäude im Norden der Kirche wurden in der Schwedenzeit von 1641 bis 1648 abgetragen und zum Bau einer Bastion der Stadtbefestigung verwendet. Ein Blitzschlag im Jahr 1838 beschädigte das Langhaus und machte von 1842 bis 1852 eine umfangreiche Restaurierung notwendig.

Um 1925 malte Lyonel Feininger mehrere Bilder der Barfüßerkirche, von denen eines im Angermuseum in Erfurt, ein weiteres in der Stuttgarter Staatsgalerie aufbewahrt wird.

Im Zweiten Weltkrieg wurden ab 1943 das bewegliche Kunstgut der Kirche und die wertvollen Farbverglasungen von 1230/1240 durch Auslagerung gesichert. Am 27. November 1944, in der Nacht zum Totensonntag um zwei Uhr, wurde die Kirche, wie auch das benachbarte Wohngebiet und das Pfarrhaus, beim Angriff von mehreren britischen Mosquitobombern auf Erfurt, durch eine Luftmine getroffen.[8] Das Langhaus des Meisterwerks franziskanischer Architektur wurde zerstört, der Hohe Chor schwer beschädigt. Die Aufräumungsarbeiten und die Bergung von wertvollen Architekturteilen folgten ab 1945. Das teilzerstörte Gestühl der Kirche wurde im Notwinter 1945 von der benachbarten Bevölkerung verfeuert.

Zu Christi Himmelfahrt 1957 wurde erstmals wieder ein Gottesdienst gefeiert, und zwar im seit 1950 instandgesetzten Hohen Chor, der durch eine Wand vom zerstörten Kirchenschiff abgetrennt worden war. Die Farbverglasungen von 1230/1240 waren wieder eingefügt worden, ebenso der restaurierte Hochaltar von 1445.[9] Die Reste des Langhauses konnten nur statisch-konstruktiv gesichert werden. Aufgrund sinkender Mitgliederzahl vereinigten sich 1977 in der Erfurter Innenstadt die Barfüßergemeinde sowie die Predigergemeinde, und die Kirche wurde an die Stadt übergeben. Nach weiteren Sanierungen des Chors wurde der Kirchenbau 1983 zur Außenstelle des Angermuseums für mittelalterliche Kunst. Seit 1989 erfolgen dringend notwendige weitere Sicherungsmaßnahmen. Die Stadt Erfurt erhielt im November 2011 aus Bundesmitteln die Summe von 100.000 Euro für Sanierungsarbeiten im Rahmen des Denkmalpflege-Programms „National wertvolle Kulturdenkmäler“.[10] Insgesamt 1,3 Millionen Euro wurden bis 2015 für die statische und Steinsanierung, sowie denkmalpflegerische Arbeiten ausgegeben.

Nach 1990 wurde eine Gedenktafel an der Außenwand aus der DDR-Zeit entfernt, die auf die Zerstörung „durch einen angloamerikanischen Luftangriff“ hingewiesen hatte. Seit etwa dem Jahr 2000 finden im Inneren der Kirchenruine Theateraufführungen statt, auch Lustspiele.

Im Jahr 2007 bildete sich eine Arbeitsgruppe „Barfüßerkirche“, die sich zum Ziel gesteckt hat, das Bewusstsein der Erfurter Bevölkerung für dieses Denkmal nationaler Bedeutung zu stärken und somit den Erhalt der Ruine langfristig zu sichern, beziehungsweise die Kirche eines Tages wieder aufgebaut zu haben.[11] Im Jahr 2009 bildete sich aus der „Arbeitsgruppe Barfüßerkirche“ der „Initiativkreis Barfüßerkirche“ als eigenständiger Verein. Er besteht aus zwölf ehrenamtlich tätigen Mitgliedern.

Ende November 2012 brachte der „Initiativkreis Barfüßerkirche“ ein auf der Basis eines wiedergefundenen Gipsabdrucks neu gegossenes Bronzerelief „Totentanz“ von Hans Walther (1947) an der Außenmauer der Barfüßerkirche an.[12]

Geplant ist eine stärkere museale Nutzung der Kirche, unter Nutzung des Lutherjahres 2017. So soll die Geschichte der Bettelorden in Erfurt dargestellt werden.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der polygonale Chor besitzt dreizehn hohe Fenster, in denen teilweise farbige Glasscheiben eingebaut sind, die aus den Jahren 1230 bis 1235 stammen und schon in der ersten Barfüßerkirche vorhanden waren. Die Scheiben zeigen Szenen aus der Passion Christi und dem Leben des Franz von Assisi.

Der Flügelaltar aus dem Jahr 1445 gehört zu den bedeutendsten Schnitzaltären Erfurts. Er zeigt im Mittelschrein die Marienkrönung durch Christus, Szenen aus dem Leben Jesu und die Ausgießung des heiligen Geistes.

Bemerkenswert sind auch die die Grabsteine der Cinna von Vargula aus dem Jahr 1370 mit einer ausdrucksvollen stilisierten Porträtdarstellung der Verstorbenen und des Weihbischofs Albert von Beichlingen von 1371.

Grablegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Ratke (auch Rachitius) (1571–1635), Pädagoge und Schulreformer

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludger Meier: Die Barfüsserschule zu Erfurt. Aschendorff, Münster (Westfalen) 1958.
  • Otto Arend-Mai: Die evangelischen Kirchen in Erfurt. Wartburg, Jena 1989, ISBN 3-374-00936-0.
  • Uwe Vetter: Die Barfüßerkirche. Denkschrift zur 60. Wiederkehr ihrer Zerstörung am 26./27.11.1944. Hrsg. vom Gemeindekirchenrat der Evangelischen Predigergemeinde, Erfurt 2004.
  • Initiativkreis Barfüßerkirche Erfurt (Hrsg.): Ein Bauwerk – zwei Schicksale. Zwischen Verzweiflung und Hoffnung: Die Barfüßerkirche zu Erfurt im 19. und 20. Jahrhundert. Anläßlich des 70. Jahrestages der Zerstörung am 27. November 1944. Selbstverlag, Erfurt 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Barfüßerkirche (Erfurt) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 23.25.31.55.185.
    Bernd Schmies und Volker Honemann: Die Franziskanerprovinz Saxonia von den Anfängen bis 1517: Grundzüge und Entwicklungslinien. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. (Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz von der Gründung bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, Bd. 1). Paderborn 2015, S. 21–44, hier S. 30.
  2. Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 109.
  3. Jana Bretschneider: Predigt, Professur und Provinzleitung. Funktion und Struktur des franziskanischen Bildungswesens im mittelalterlichen Thüringen. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. (= Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz von der Gründung bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, Bd. 1) Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015, ISBN 978-3-506-76989-3, S. 325−339, hier S. 330.
  4. Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 133.139.
  5. Jana Bretschneider: Predigt, Professur und Provinzleitung. Funktion und Struktur des franziskanischen Bildungswesens im mittelalterlichen Thüringen. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. (= Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz von der Gründung bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, Bd. 1) Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015, ISBN 978-3-506-76989-3, S. 325−339, hier S. 328−334.
  6. Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 303.325.347.349.
  7. Marianne Tosetti, Volkmar Herre: Impressionen in Erfurter Kirchen. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1975, S. 7–18.
  8. Helmut Wolf: Erfurt im Luftkrieg 1939–1945 (= Schriften des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt. Band 4). Heinrich Jung, Erfurt 2005, ISBN 3-931743-89-6.
  9. Rudolf Zießler: Bezirk Erfurt. In: Götz Eckardt (Hrsg.): Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Band 2. Henschel, Berlin 1978, S. 477–478.
  10. Freude über Geld. In: Thüringische Landeszeitung, 18. November 2011.
  11. Barfüsserkirche.de.
  12. Steffen Raßloff: Der Tod aus der Luft. In: Thüringer Allgemeine, 2. März 2013.

Koordinaten: 50° 58′ 32″ N, 11° 1′ 48″ O