Bestattung von Bad Dürrenberg

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Die Bestattung von Bad Dürrenberg ist eine mesolithische Doppelbestattung einer 25 bis 35 Jahre alten Frau und eines etwa 6 bis 12 Monate alten Kindes im heutigen Bad Dürrenberg im Saalekreis (Sachsen-Anhalt). Sie ist vor allem durch ihre ungewöhnlichen Grabbeigaben und medizinischen Anomalien bekannt geworden, aufgrund derer die Frau als eine Art Schamanin angesehen wird. Zwischen 1989 und 2014 wurden mittels Radiokarbonmethode insgesamt vier Altersbestimmungen am Skelettmaterial vorgenommen, die es auf ein Alter zwischen 9000 und 8600 Jahren datieren.[1] Es handelt sich damit um die zweitälteste bekannte Bestattung in Sachsen-Anhalt. Das Grab wurde 1934 bei Kanalarbeiten im Kurpark von Bad Dürrenberg gefunden.[2] Bei erneuten Grabungen, die ab 2019 im Kurpark stattfanden, wurde die genaue Fundstelle wiederentdeckt. Dabei wurden unmittelbar vor dem Grab in einer kleineren Grube zwei Masken aus Hirschgeweih gefunden, die dort etwa 600 Jahre nach dem Tod der Bestatteten niedergelegt worden waren.[3]

Archäologische Befunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frau (auch als Schamanin bezeichnet) war in aufrecht gehockter Haltung (Sitzbestattung), wie sie für die Jäger und Sammler der Epoche nicht untypisch ist, beigesetzt worden. Zwischen den Oberschenkeln hielt die Frau einen Säugling. Sitzbestattungen sind ein Phänomen, das regional vom Paläolithikum bis in die Eisenzeit und darüber hinaus zu finden ist.

Die fast rechteckige Grabgrube von etwa 90 cm und 55 cm Tiefe war etwa 30 cm hoch mit Rötel gefüllt. Die Skelettreste und die Beigaben waren darin eingebettet. Nur die obere Hälfte des Schädels der Frau ragte heraus. Das pulverisierte Mineral ist in kultischem Kontext vielfach nachweisbar. In der Grube fand sich ein 30 g schweres Rötelstück mit einer angeriebenen Fläche. Ein plattiges, dreieckiges Stück aus amphibolitischem Schiefer und ein oval-rundliches Schiefergeröll hatten zum Zerreiben der Farbe gedient. Zwei zusammenpassende Schädelfragmente mit dem Geweih von Rehen und Bruchstücke von drei Unterkieferhälften könnten auf dem Kopf getragen oder an der Kleidung befestigt gewesen sein.

Mehr als 100 Skelettreste von Bibern, Hirschen, Kranichen, Rehen, Wildschweinen, Ur oder Wisent sowie Panzerbruchstücke von mindestens drei Sumpfschildkröten und etwa 120 Schalenfragmente von Fluss-, Maler- und Flussperlenmuscheln stammen von Nahrungsbeigaben oder hatten rituelle Funktion.

In einem Behälter aus dem Langknochen eines Kranichs lagen für die Mittelsteinzeit typische 29 kleine bearbeitete Feuersteinstücke, so genannte Mikrolithen. Es handelt sich dabei um Einsätze in Werkzeuge aus Holz, Knochen oder Geweih (so genannte Kompositgeräte). Neben weiteren Feuersteinen und Abschlägen zählen ein als Schlagstein benutztes Quarzitgeröll, eine geschliffene Flachhacke (oder ein Beil) aus schwarzem Hornblendeschiefer, eine Gerätfassung mit Schaftloch aus einem Hirschgeweihstück, vier Knochenpfrieme und eine 22,1 cm lange Knochenspitze zu den Gerätebeigaben.

Der Schmuck bestand aus über 20 Schneidezähnen vom Wildschwein, Ur oder Wisent und zwei Schmuckplatten aus Wildschweinhauern. Sie waren durchlocht und als Halskette oder Schmuckanhänger an der Kleidung getragen worden. Etwa 40 Zähne vom Hirsch und Reh, Ur oder Wisent sowie vier Eberhauer bzw. deren Fragmente weisen keine Durchlochung auf.

Anthropologische Befunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die jüngsten publizierten Untersuchungen der Bestattung von Bad Dürrenberg wurden von Jörg Orschiedt vorgenommen.[4] Das Geschlecht des erwachsenen Individuums wurde zunächst als männlich bestimmt. Weitere Nachuntersuchungen führten zu dem Ergebnis, dass es sich um ein weibliches Skelett handeln muss.[5] Die Frau war zum Zeitpunkt ihres Todes vermutlich zwischen 25 und 35 Jahren alt.[6] Das Kleinkind ist schlecht erhalten. Es war zum Zeitpunkt seines Todes ca. 12 Monate alt.[7] Wie Harald Meller und Kai Michel in ihrem 2022 erschienenen Buch Das Rätsel der Schamanin zeigen, handelt es sich bei dem Kind um einen nicht ersten Grades, möglicherweise aber dritten oder vierten Grades mit der Frau verwandten Jungen.[8]

Es gibt einige pathologische Veränderungen, die für das Mesolithikum typisch sind. Hierbei handelt es sich um Abnutzungserscheinungen. Die Abrasion ihrer vorderen Schneidezähne ist hingegen kein Normalfall. Diese Abrasion ist so stark, dass sich der Kiefer der Frau entzündete. Diese Entzündungen haben wahrscheinlich nicht zum Tod geführt, da sie lokal begrenzt und teilweise verheilt waren.[9]

Eine weitere Besonderheit ist eine Anomalie am Atlaswirbel, die anfänglich fälschlicherweise für die Spuren einer Enthauptung gehalten wurden. Diese Anomalie führte dazu, dass bei einer bestimmten Kopfbewegung eine Arterie zum Gehirn abgeklemmt wurde. Da die Frau aber 25 bis 35 Jahre alt wurde, war diese Anomalie wohl nicht tödlich.[10]

Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der Lage der Verstorbenen und der großen Menge an Beigaben, insbesondere dem Rehgeweih, wurde das Grab schon früh einer Schamanin zugeordnet. So sind z. B. die Schamanen der Tungusen in Sibirien für geschmückte Kleider mit einem bisweilen hoch aufragenden Geweih auf dem Kopf bekannt.

Die Interpretation wird des Weiteren durch den anthropologischen Befund gestützt, denn die Anomalie könnte sie dazu befähigt haben, mit einem Nicken ohnmächtig zu werden. Es ist möglich, dass ihre Zeitgenossen sie aufgrund dieser Fähigkeit für etwas Besonderes hielten.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Karl Bicker: Ein schnurkeramisches Rötelgrab mit Mikrolithen und Schildkröte in Dürrenberg, Kr. Merseburg. In: Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder. Band 24, 1936, S. 59–81.
  • Volkmar Geupel: Das Rötelgrab von Bad Dürrenberg, Kr. Merseburg. In: Joachim Herrmann (Hrsg.): Archäologie als Geschichtswissenschaft (= Schriften zur Ur- und Frühgeschichte). Band 30. Berlin 1977, S. 101–110.
  • Judith M. Grünberg: Bad Dürrenberg, Ldkr. Merseburg-Querfurt. In: Siegfried Fröhlich (Hrsg.): Aus der Vorgeschichte Sachsen-Anhalts. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale), Halle (Saale) 1995, ISBN 3-910010-13-X, Nr. 4.
  • Judith M. Grünberg: Die mesolithische Bestattungen in Mitteldeutschland. In: Harald Meller (Hrsg.): Katalog zur Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Band 1. Halle Saale 2004, S. 275–291.
  • Judith M. Grünberg: The Mesolithic burials of the Middle Elbe-Saale region. In: Judith M. Grünberg et al. (Hrsg.): Mesolithic burials - Rites, symbols and social organisation of early postglacial communities. International Conference Halle (Saale), Germany, 18th-21st September 2013 (= Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle. Band 13/I). Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) 2016, ISBN 978-3-944507-43-9, S. 257–290 (Online).
  • Harald Meller, Kai Michel: Das Rätsel der Schamanin. Eine Reise zu unseren archäologischen Anfängen. Rowohlt, Hamburg 2022, ISBN 978-3498003012.
  • Martin Porr: Grenzgängerin – Die Befunde des mesolithischen Grabes von Bad Dürrenberg. In: Bernd Beispiel (Hrsg.): Katalog zur Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Band 1. Halle Saale 2004, S. 291–300.
  • Martin Porr, Kurt W. Alt: The Burial of Bad Dürrenberg, Central Germany: Osteopathology and Osteoarchaeology of a Late Mesolithic Shaman's Grave. In: International Journal of Osteoarchaeology. Band 16/5, 2006, S. 395–406 (Online).
  • Jörg Orschiedt: Manipulation an Menschlichen Skelettresten. Taphonomische Prozesse, Sekundärbestattung oder Kannibalismus? In: Urgeschichtliches Materialheft. Band 13, 1999.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Judith M. Grünberg: The Mesolithic burials of the Middle Elbe-Saale region. 2016, S. 263–267.
  2. J. M. Grünberg: Mesolithische Bestattungen in Mitteldeutschland. 2004, S. 275–287.
  3. Spektakuläre Neufunde beim Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg. Zwei Hirschgeweihmasken beim ältesten Grab Sachsen-Anhalts entdeckt. In: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. 16. September 2022, abgerufen am 16. September 2022.
  4. J. Orschiedt: Manipulation an Menschlichen Skelettresten. Taphonomische Prozesse, Sekundärbestattung oder Kannibalismus? 1999.
  5. V. Geupel: Das Rötelgrab von Bad Dürrenberg, Kr. Merseburg. 1977, S. 102.
  6. J. Orschiedt: Manipulation an Menschlichen Skelettresten. Taphonomische Prozesse, Sekundärbestattung oder Kannibalismus? 1999, S. 128.
  7. J.M.Grünberg: Die mesolithische Bestattungen in Mitteldeutschland. 2004, S. 275.
  8. Kai Michel, Harald Meller: Das Rätsel der Schamanin. 1. Auflage. Rowohlt, Hamburg 2022, ISBN 978-3-498-00301-2, S. 240 f. (368 S.).
  9. Harald Meller, Kai Michel: Das Rätsel der Schamanin. 1. Auflage. Rowohlt, Hamburg 2022, ISBN 978-3-498-00301-2, S. 304.
  10. J.Orschiedt: Manipulation an Menschlichen Skelettresten. Taphonomische Prozesse, Sekundärbestattung oder Kannibalismus? 1999, 128 - 129
  11. M. Porr: Grenzgängerin – Die Befunde des mesolithischen Grabes von Bad Dürrenberg . 2004, S. 295.

Koordinaten: 51° 17′ 37″ N, 12° 3′ 47,4″ O