Chariten

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Drei Grazien ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Siehe auch: Drei Grazien (Begriffsklärung).
Die drei Grazien
Relief am Aphrodite-Tempel in Aphrodisias, 1. Jh. v. Chr.
Die drei Grazien
(Lucas Cranach der Ältere, 1530)
Drei Grazien
(Antonio Canova, 1812–1816, Eremitage, Sankt Petersburg)
Drei Grazien
(Ernemann Sander, 1976, Dreieck, Bonn)
Le Tre Grazie
Enrico Tarenghi (1848–1938)

Die Chariten (Χάριτες Chárites, Singular Charis) sind in der griechischen Mythologie nur „Untergöttinnen“ und Dienende der Hauptgötter, die mit Aphrodite, aber auch Hermes und Apollon in Verbindung stehen. Sie entsprechen in der römischen Mythologie den drei Grazien, lat. gratiae.

Sie sind Töchter des Zeus und der Eurynome und heißen Euphrosyne (die „Frohsinnige“), Thalia (die „Blühende“) und Aglaia (die „Strahlende“). Sie brachten den Menschen und den Göttern Anmut, Schönheit und Festesfreude. Die drei Chariten bzw. Grazien waren ein beliebter Gegenstand der bildenden Kunst und wurden meist unbekleidet, sich gegenseitig berührend oder umarmend dargestellt. Eines der bekanntesten Gemälde – „Die Drei Grazien“ (Chantilly, Musée Condé) – ist von Raffael.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name leitet sich laut Cornutus, de natura deorum, ab aus gr. chara „die Freude“, das gr. Verb dazu ist chairein ("sich freuen") → lat. gratia.

Der römische Philosoph Seneca fasst die Bewegungen der drei Grazien als vollständige Darstellung der Großmut auf [1].

Die Abkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die meisten der antiken Quellen sind sich über Zeus als Vater einig, nennen als Mutter aber:

Anderen Genealogien zufolge werden die Chariten auch als Töchter von Nyx und Erebos, Hekate und Hermes oder jene der Nymphe Aigle und des Sonnengottes Helios (lt. Antimachos[6]) bezeichnet. Als Mondgottheiten (s.u.) sollen sie wiederum Uranos zum Vater haben.[7]

Bei Nonnos von Panopolis Dionysiaka treten Dionysos und Hera als Eltern auf.[8]

In der römischen Mythologie sind die Grazien Töchter des Bacchus oder des Liber und der Venus (Vergil).[9]

Anzahl und besondere Namen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Ursprünglich gab es wahrscheinlich nur eine Charis. Sie erscheint als Gemahlin des Hephaistos [Vulcanus, Verf.], was wohl dahin zu verstehen ist, dass man dem Verfertiger reizvoller Kunstwerke den personifizierten Liebreiz (= Charis) zugesellte.“[10][11]

Einige antike Quellen nennen laut Pausanias (griechischer Schriftsteller des 2. Jahrhunderts n. Chr.) nur zwei Chariten:

a) Wie sie die Athener seit ältesten Zeiten verehrten:

  • Auxo („die Wachsende, Zunehmende“)
  • Hegemone („die Voranschreitende, Führende“)

b) Wie sie die Lakedaimonier in Lakonien verehrten:

  • Phaenna („die Glänzende, Leuchtende“)
  • Kleta („die Gerufene“)

In beiden Fällen beziehen sich die Namen auf Phasen des Mondes (der bei Neumondfesten mit Lärm „gerufen“ wurde).

Die meisten antiken Quellen nennen wie Hesiod drei Chariten bzw. Grazien (von der jüngsten zur ältesten):

  • Aglaia („die Glänzende“), in der Ilias (unter dem generischen Namen Charis) und bei Hesiod Gemahlin des Hephaistos[12]
  • Euphrosyne („Frohsinn“), laut Cornutus auch Euphrone genannt,
  • Thalia („Festfreude“), nicht zu verwechseln mit der Muse für das Lustspiel, Tochter des Zeus und der Mnemosyne.

Eine Grazie namens Peitho oder Suadela kommt laut Pausanias in einigen Quellen als vierte hinzu oder wird laut Aristophanes statt Euphrosyne genannt.

Bei Homers Ilias treten zwei Chariten auf:

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Oskar Bätschmann und Sandra Gianfreda (Hrsg.): Leon Battista Alberti - Über die Malkunst. Darmstadt 2002, ISBN 3-534-15151-8, S. 24: „Der Dichter Boccaccio (1581) bezeichnet sie als Töchter der "Venus magna", der tugendhaften Göttin der Liebe - im Unterschied zur wollüstigen "Venus secunda" (Anm. 88, S. 53)“
  2. Hes. Th. 907–908; Paus. 9, 35, 3–5.
  3. Orpheus, Hymni. Die unter Orpheus’ Namen vorhandenen Gedichte – als Argonautica, Hymni und de lapidibus 1764 in Leipzig herausgegeben von Johann Matthias Gesner – stammen nicht von Orpheus.
  4. Cornutus: de natura deorum.
  5. Lutatius zu Stat. Theb. I, 286. Lutatius verfasste Auslegungen über Statius.
  6. Paus. 9, 35, 596.
  7. Karl Kerényi: Die Mythologie der Griechen, Band I, S. 81.
  8. Nonnos von Panopolis Dionysiaka 15,87; 31,103ff; 33,37.
  9. Servius zu Virg. Aen. I, 720. Servius, lateinischer Sprachlehrer aus dem 4. Jahrhundert, verfasste Auslegungen über Vergil. Laut Hederich, Stichwort Servius, ist Pieter Burmans Ausgabe des Vergil-Kommentars die „richtigste“.
  10. Hom. Il. 18, 382f.
  11. Hunger: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, S. 89.
  12. Hom. Il. 18, 368ff
  13. Hom. Il. 14, 231ff
  14. Hom. Il. 18, 368ff

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Benjamin Hederich: Gründliches mythologisches Lexikon. Gleditsch, Leipzig 1770; Reprint Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1996, ISBN 3-534-13053-7.
  • Herbert Hunger: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Literatur und Musik des Abendlandes bis zur Gegenwart. 6. erweiterte und ergänzte Auflage. Hamburg, Rowohlt 1974, ISBN 3-499-16178-8.
  • Nicola Kaminski: Chariten. In: Maria Moog-Grünewald (Hrsg.): Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Musik und Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart (= Der Neue Pauly. Supplemente. Band 5). Metzler, Stuttgart/Weimar 2008, ISBN 978-3-476-02032-1, S. 184–190.
  • Karl Kerényi: Die Mythologie der Griechen. Band I. dtv, München 1984, ISBN 3-423-01345-1.
  • Veronika Mertens: Die drei Grazien. Studien zu einem Bildmotiv in der Kunst der Neuzeit. Harrassowitz, Wiesbaden 1994, ISBN 3-447-03435-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Grazien – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien