Christliche Archäologie

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Die Christliche Archäologie ist die Wissenschaft, die ursprünglich die materiellen Hinterlassenschaften der Christen der ersten Jahrhunderte als historische Quellen untersuchte. Heute hat sie sich erweitert zu einer archäologischen Disziplin, die sich mit allen Bereichen der spätantiken Kultur beschäftigt.

Entstanden im Rom des späten Mittelalters und der Renaissance angesichts der erhaltenen frühchristlichen Kirchenbauten und der immer wieder zutage tretenden Grabungsfunde, weitete sie nach und nach ihr Arbeitsfeld auf die gesamte im Altertum christianisierte Welt aus. Im Zuge des Historismus übernahm auch die Christliche Archäologie die historisch-kritische Methode und zieht zur Erklärung ihrer Objekte zunehmend Artefakte auch aus profanen und nichtchristlichen Zusammenhängen heran. Dadurch kommt es zu Überschneidungen mit den sich gleichzeitig herausbildenden Nachbardisziplinen Vor- und Frühgeschichte, Frühmittelalterliche und Byzantinische Archäologie bzw. Kunstgeschichte, die ihrerseits christliche Denkmäler für ihre eigene Betätigung verwenden. Seit dem Heraustreten aus den Theologischen in Philosophische Fakultäten ab den 1970er Jahren ergeben sich daraus naturgemäß Abgrenzungsschwierigkeiten, die sich in der Angliederung der Lehrstühle an unterschiedliche Institute (zum Beispiel Bonn: Archäologie, Leiden: Klassische Archäologie und Mittelalterarchäologie, Münster: Klassische Archäologie, München: Byzantinistik) und ihren schwankenden Benennungen ausdrücken.

Geschichtliche Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Beginn dieser Bemühungen kann man die legendäre Suche Helenas, der Mutter Konstantins I., nach dem Kreuz Christi in Jerusalem ansehen. Als eigene Disziplin entwickelte sich die Christliche Archäologie, als zu Beginn der Renaissance im Zuge der Suche nach Zeugnissen des Altertums auch die frühchristlichen Kirchen Roms Interesse finden (Giovanni Dondi [1318–1389], Iter Romanum; Poggio Bracciolini [1389–1459], De fortunae varietate urbis Romae; Maffeo Vegio [1407–1458], De rebus antiquis memorabilibus S. Petri Romae), neben heidnischen auch christliche Inschriften gesammelt wurden (Jan Gruyter [Janus Gruterus, 1560–1627]; Raffaele Fabretti [1620–1700]), die Katakomben wiederentdeckt wurden und Gelehrte wie Antonio Bosio (1575–1629), Giovanni Ciampini (1633–1698), Filippo Buonarruoti (1661–1733), Marco Antonio Boldetti (1663–1749) und andere das Material zunächst aus Rom, dann aber auch aus anderen Zentren (z. B. Ravenna: Antonio Zardini [1725–1785], De antiquis sacris Ravennae aedificiis) in reich illustrierten Sammelwerken zugänglich machten. Daneben erforschten Lokalhistoriker auch in den kleineren Zentren Italiens, Frankreichs, Spaniens und auch Deutschlands die christlichen Denkmäler ihrer Heimatorte.

Mit der Histoire de l’art par les monuments, depuis sa décadence au IVe siècle jusqu’à son renouvellement au XVIe (1823) des Franzosen Jean Baptiste Louis Georges Seroux d’Agincourt (1730–1814) wurde auch eine kunstgeschichtliche Gesamtdarstellung des Denkmälerbestands versucht.

Die verbesserten Reisemöglichkeiten seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts brachten wie auch in der Klassischen Archäologie die Ausweitung auf die Erforschung der Kunstlandschaften und Ruinenstätten auch des Nahen Ostens, seit der 2. Jahrhunderthälfte auch Nordafrikas. Giuseppe Marchi (1795–1860) und Giovanni Battista de Rossi (1822–1894) setzten die Erforschung der römischen Denkmäler fort, 1871–1881 publizierte Raffaele Garrucci (1812–1885) seine sechsbändige Storia dell’arte cristiana nei primi otto secoli della chiesa, Joseph Wilpert (1857–1944) nutzte die modernen Druckverfahren für seine aufwändigen Corpora der römischen Katakombenmalereien, Sarkophage und kirchlichen Mosaiken und Wandmalereien.

In der wissenschaftlichen Ausbildung der Theologen blieb die Christliche Archäologie im 19. Jahrhundert, meist zusammen mit der Christlichen Kunstgeschichte, überwiegend ein Anhängsel der Kirchengeschichte. Das Aufblühen der historischen Disziplinen im Zuge des Historismus kam auch der Christlichen Archäologie zugute. In Rom schaffte Anton de Waal (1837–1917) am Campo Santo Teutonico jungen Theologen die Möglichkeiten für ein Spezialstudium der Christlichen Archäologie; 1901 stiftete der Kirchenhistoriker Franz Xaver Kraus (1840–1901) testamentarisch aus seinem eigenen Vermögen in der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Freiburg ein Institut und einen Lehrstuhl für Christliche Archäologie, in der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Berliner Universität, wo Ferdinand Piper (1811–1889) bereits zuvor das Fach der „Monumentalen Theologie“ gelehrt hatte, wurde 1913 eine außerordentliche Professur für Christliche Archäologie und kirchliche Kunst errichtet. Mit Ludwig von Sybel (1846–1929) wandte sich auch die traditionelle Kunstwissenschaft der frühchristlichen Kunst zu (Christliche Antike. Einführung in die altchristliche Kunst [1906/1909]). 1925 wurde in Rom das Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana als Ausbildungsstätte mit Fakultätsrang gegründet.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sorgte die Vermehrung der Kenntnisse und die Verfeinerung der Methoden durch Franz Joseph Dölger (1879–1940), Theodor Klauser (1894–1984), Johannes Kollwitz (1903–1968), Friedrich Wilhelm Deichmann (1909–1993) und viele andere für eine Verselbständigung des Fachs, die auch darin zum Ausdruck kam, dass Lehrstühle für Christliche Archäologie auch in Philosophischen Fakultäten eingerichtet werden. Heute stellt sie ein eigenständiges Fach in enger Nachbarschaft zur Kirchengeschichte, Klassischen Archäologie und Kunstgeschichte dar.

Internationale Kongresse für Christliche Archäologie werden seit 1894 abgehalten, in neuerer Zeit nach Möglichkeit in einem 5-Jahres-Rhythmus.

Institute an deutschen Universitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hilfsmittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lexika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte (seit 1887)
  • Δελτίον της Χριστιανικής Αρχαιολογικής Εταιρείας (seit 1892)
  • Rendiconti della Pontificia Accademia di Archeologia (seit 1921)
  • Rivista di Archeologia Cristiana (seit 1924)
  • Dumbarton Oaks Papers (seit 1941)
  • Jahrbuch für Antike und Christentum (seit 1958, dazu erscheinen in unregelmäßigen Abständen Ergänzungsbände)
  • Mitteilungen zur Christlichen Archäologie (seit 1995, ISSN 1025-6555)
  • Mitteilungen zur Spätantiken Archäologie und Byzantinischen Kunstgeschichte (seit 1998)

Bibliographien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • L’Année philologique (IV. Sources non littéraires. A. Archéologie, e) Aires culturelles, Le monde tardo-antique und B. Épigraphie. f) Épigraphie chrétienne)
  • Archäologische Bibliographie - Dyabola - ZENON
  • Byzantinische Zeitschrift (III. Abteilung: Bibliographische Notizen und Mitteilungen)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Franz Xaver Kraus: Über Begriff, Umfang, Geschichte der Christlichen Archäologie und die Bedeutung der monumentalen Studien für die Historische Theologie. Herder, Freiburg 1879 (Knappe Skizze, die die Beiträge von mehr als 300 Forschern stichwortartig in die geschichtliche Entwicklung vom 16. Jahrhundert bis 1878 einordnet).
  • Carl Andresen: Einführung in die christliche Archäologie. Göttingen 1971. (= Die Kirche in ihrer Geschichte Band 1, Lieferung B, Teil 1) Google Books.
  • Friedrich Wilhelm Deichmann: Einführung in die christliche Archäologie. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1983. ISBN 3-534-06797-5.
  • Hugo Brandenburg: Archeologia Cristiana, in: Dizionario patristico e di antichità cristiane Bd. 1. Casale Monferato 1983, S. 317–330.
  • Wolfgang A. Bienert, Guntram Koch: Kirchengeschichte I, Christliche Archäologie. Stuttgart 1989. (Grundkurs Theologie 3; Urban-Taschenbücher 423) ISBN 3-17-010555-8.
  • Spiegel einer Wissenschaft. Zur Geschichte der Christlichen Archäologie vom 16. bis 19. Jahrhundert dargestellt an Autoren und Büchern. Eine Ausstellung des Christlich-Archäologischen Seminars in der Universitätsbibliothek Bonn September - Dezember 1991. Bonn 1991.
  • Josef Engemann: Archäologie II. Christliche Archäologie. In: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Bd. 1. Freiburg 1993, Sp. 943–945.
  • Guntram Koch: Frühchristliche Kunst. Eine Einführung. Stuttgart u. a. 1995 (Urban-Taschenbücher 453). ISBN 3-17-011400-X.
  • William Frend: The Archaeology of Early Christianity. A History. London, Geoffrey Chapman 1996. ISBN 0-225-66850-5.
  • Achim Arbeiter Christliche Archäologie. In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 13, Rezeptions- und Forschungsgeschichte A-Fo, Stuttgart, Weimar 1999, Sp. 640–646.
  • Susanna Partsch: Frühchristliche und byzantinische Kunst (= Kunst-Epochen 1). Stuttgart 2004 (Reclams Universal-Bibliothek 18168). ISBN 3-150-18168-2.
  • Sebastian Ristow: Christliche Archäologie - Gestern und heute. In: Bilder von der Vergangenheit. Zur Geschichte der archäologischen Fächer (= Schriften des Lehr- und Forschungszentrums für die Antiken Kulturen des Mittelmeerraumes 2). Wiesbaden 2005, S. 215–245.
  • Wolfgang Wischmeyer: Durch Emanzipation zur Transdisziplinarität. Von der Christlichen Archäologie zur spätantiken und frühbyzantinischen Kunstwissenschaft und Archäologie. In: Theologische Literaturzeitung 131, 2006, Sp. 817–832.
  • Urs Peschlow: Christliche Archäologie - Byzantinische Archäologie und Kunstgeschichte. In: Jeorjios Martin Beyer (Hrsg.): Archäologie. Von der Schatzsuche zur Wissenschaft. Mainz 2010, S. 192–203.
  • Rainer Warland: Christliche Archäologie. Die Entdeckung der "späten" Antike und Anfänge einer materiellen Kulturgeschichte von Byzanz. In: Freiburger Universitätsblätter 192, 2011, S. 111–122.
  • Reiner Sörries: Christliche Archäologie compact. Ein topographischer Überblick: Europa - Asien - Afrika. Reichert, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-89500-792-7.
  • Reiner Sörries: Spätantike und frühchristliche Kunst. Eine Einführung ins Studium der christlichen Archäologie (= UTB Kunstgeschichte, Band 3521), Böhlau Verlag, Köln 2013, 978-3-8252-3521-5, Rezension von Florian Sonntag in H-Soz-u-Kult [1].

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]