Clarice Lispector

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Clarice Lispector. Statue in Recife
Unterschrift

Clarice Lispector [kla'risi lispek'tor] (* 10. Dezember 1920 in Tschetschelnyk, Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, als Chaja Pinkussowna Lispektor[1]; † 9. Dezember 1977 in Rio de Janeiro, Brasilien) war eine brasilianische Schriftstellerin. Sie schrieb Romane, Kurzgeschichten, Kinderbücher und Kolumnen für Zeitungen und Zeitschriften.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Clarice Lispector war die jüngste von drei Töchtern russisch-jüdischer Eltern. Sie erhielt den hebräischen Namen Chaya (,Leben‘). Ihre Mutter war von einem russischen Soldaten vergewaltigt worden.[2] Daraufhin und angesichts der immer wieder aufflammenden Pogrome[2] emigrierten die Eltern Pedro und Marietta Lispector mit Chaja und ihren beiden Schwestern Elisa und Tanya zwei Monate nach Chajas Geburt. Sie gelangten zunächst nach Hamburg, wo ihr Vater vergeblich Arbeit suchte, und 1922 nach Maceió, Brasilien. Dort nahm die Familie brasilianische Vornamen an. Sie pflegte später ihr Geburtsjahr beständig um fünf Jahre auf 1925 zu verschieben.[3]

Sie wuchs in Recife im armen Nordosten des Landes auf, zog aber mit ihrer Familie 1934 nach Rio de Janeiro, wo sie die Schule und ab 1937 ein Jurastudium absolvierte und als Lehrerin und bei zwei Zeitungen arbeitete. Sprachen und schrieben ihre Eltern noch fast ausschließlich jiddisch, war sie die erste in der Familie, die das Portugiesische erlernte.

1943 heiratete sie gegen die Vorbehalte ihrer Eltern den Katholiken Maury Gurgel Valente, welcher in das diplomatische Korps Brasiliens eintrat.[3] Im selben Jahr begann sie ihren ersten Roman Perto do coração selvagem (Nahe dem wilden Herzen) zu schreiben, der 1944 veröffentlicht wurde. Der Roman der 23-Jährigen, der die soziale Realität Brasiliens, besonders des Nordostens, beschreibt, erregte zu einer Zeit, in der die vorherrschende Strömung in der Literatur der Regionalismus war, sofort das öffentliche Interesse und wurde zu einer literarischen Sensation.

Als ihr Mann als Botschafter in andere Länder gesandt wurde, musste sie ihm folgen. Sie lebte mit ihm 1945 bis 1949 in Neapel, Bern und 1952 bis 1959 in Washington. 1949 wurde ihr Sohn Pedro geboren, 1953 kam ihr Sohn Paulo zur Welt. In den USA publizierte sie in der brasilianischen Zeitschrift Senhor. Nach der Scheidung 1959 ließ sie sich mit ihren Söhnen in Rio de Janeiro nieder und arbeitete als Journalistin und Übersetzerin. Sie schrieb eigene Kolumnen, so etwa für den Correio da Manhã und das Jornal do Brasil. Es folgten weitere Romane und Bände mit Kurzgeschichten sowie Drehbücher für mehrere Filme. Mit dem Roman Der Apfel im Dunkeln (1961) und als Verfasserin von Beiträgen in Zeitschriften wurde sie endgültig berühmt.

Als 1967 in ihrer Wohnung im 13. Stock im Stadtteil Leme in Rio de Janeiro ein Brand ausbrach, den sie selbst ausgelöst hatte, als sie mit einer Zigarette und Beruhigungsmitteln im Bett eingeschlafen war, versuchte sie noch Manuskripte und Bücher zu retten. Dabei wurde sie von herabstürzenden Deckenbalken verletzt und zudem schwer verbrannt. Seitdem konnte sie ihre rechte Hand nur unter Schmerzen gebrauchen.

1968 interviewte sie in der Reihe „Diálogos possíveis com Clarice Lispector“ (Mögliche Dialoge mit Clarice Lispector) bekannte Persönlichkeiten für die Zeitschrift Manchete, so auch Antônio Carlos Jobim. Im gleichen Jahr am 26. Juni nahm sie an der „Passeata dos cem mil“ (Demonstration der Hunderttausend) gegen die Militärdiktatur teil.

Clarice Lispector starb am 9. Dezember 1977, einen Tag vor ihrem 57. Geburtstag, in Rio de Janeiro an Krebs. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof von Sāo João Bastista beigesetzt.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Clarice Lispector war als „post-regionalistische“ Autorin sowohl vom Existenzialismus als auch von den von ihr verehrten Künstlerinnen Virginia Woolf und Katherine Mansfield geprägt. Der Titel ihres Romans Perto do coração selvagem, (dt.: Nahe dem wilden Herzen), ein Zitat von James Joyce’ aus Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, das sie diesem Roman auch als Motto voranstellt[4], zeigt ebenso wie ihre Vorbilder die literarische Tradition, in der sie steht. Ihr Werk kreist immer wieder um die bestürzende Realität, die hinter der Fassade des Alltags lauert. Arm an äußerer Handlung, beschreibt es doch das Innenleben der Figuren in einer „expressive(n) Sprache bis in die kleinsten, kaum mehr erfaßbaren Verästelungen“ (Suhrkamp, alte Rechtschreibung).

Sie wird als die „brasilianische Virginia Woolf“ (Rowohlt) bezeichnet, ihr Roman A paixão segundo G. H., in seinen 33 Kapiteln an die Passionsgeschichte angelehnt, als „einer der verstörendsten der Weltliteratur“[5]. Die New York Times schrieb 2005, dass sie das Äquivalent Franz Kafkas in der lateinamerikanischen Literatur sei. Lispector „war schon zu Lebzeiten eine Legende, berühmt, bewundert, kapriziös, depressiv und den meisten Menschen unverständlich.“[6]

Wie sich die Stimmungslage einer Erzählfigur innerhalb eines Satzes vollkommen ändern kann, das zeichnet Lispector mit psychologischer Genauigkeit und Gespür für die Machtunterschiede zwischen Männern und Frauen nach. In ihren Erzählungen spaltet sich das weibliche Ich auf in eine bürgerliche Existenz und in eine animalische Existenz, geprägt von Eigensinn und Grausamkeit. Schuldgefühle, Ersatzbefriedigungen und (Auto-)Aggressivität sind häufige Folgen bei ihren weiblichen Figuren, die bei der Sorge um Mann, Haushalt und Kinder ein geheimnisvolles Unglück erfahren.

Ihr Roman A hora da estrela (dt.: Der große Augenblick) erzählt die Geschichte von Macabéa, einer hungernden, armen Schreibkraft aus Alagoas (dem Staat, in dem die Familie von Lispector zum ersten Mal brasilianischen Boden betrat), die sich in der rauen Hafengegend der Metropole Rio de Janeiro durchschlägt. Mit Macabéa hat Clarice Lispector einen der bedeutendsten weiblichen Charaktere der brasilianischen Literatur geschaffen.[7] Der Roman, der auch in einer deutschen Hörspielfassung vorliegt, wurde 1985 von der brasilianischen Regisseurin Suzana Amaral verfilmt.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1945: Graça-Aranha-Preis der brasilianischen Akademie der Künste für Perto do coração selvagem
  • 1976: Kulturpreis des brasilianischen Bundesdistrikts für ihr Lebenswerk

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Perto do coração selvagem. Romance, Ficções u. a., Lissabon 2000 (1944), ISBN 972-708-574-1
  • O lustre, Livraria Agir Editora, Rio de Janeiro (1946)
  • A cidade sitiada, Alves, Rio de Janeiro 1992 (1949), ISBN 85-265-0274-3
  • Laços de família (1960)
  • A maçã no escuro (1961)
    • Der Apfel im Dunkeln. Übers. Curt Meyer-Clason, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 9783518018262
  • A paixão segundo G. H. 1963
    • Die Passion nach G. H. Übers. Christina Schrübbers. Lilith, Berlin 1984
    • Die Passion nach G. H. Übers. Christiane Schrübbers und Sarita Brandt, Suhrkamp, Frankfurt 1990
  • A Legião Estrangeira (1964)
  • O mistério do coelho pensante e outros contos (1967–1978)
    • Das Geheimnis des denkenden Hasen und andere Geschichten. Übers. Marlen Eckl, Hentrich & Hentrich, Berlin 2013, ISBN 978-3-95565-010-0
  • A mulher que matou os peixes. 1968
  • Uma aprendizagem ou o livro dos prazeres. 1969
    • Eine Lehre oder das Buch der Lüste. Übers. Christiane Schrübbers, Lilith, Berlin 1982, ISBN 9783922946014
    • Eine Lehre oder das Buch der Lust. Übers. Sarita Brandt, Rowohlt, Reinbek 1988, ISBN 9783499123283
  • Felicidade clandestina. 1971
  • A imitação da rosa. 1973
    • Die Nachahmung der Rose. Übers. Curt Meyer-Clason, Claassen, Hamburg 1966
  • Água viva (1973)
    • Aqua viva. Ein Zwiegespräch. Übers. Sarita Brandt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-22162-0
  • A vida íntima de Laura. 1974
  • Via crucis do corpo. 1974
  • Onde estivestes de noite?. 1974
  • A hora da estrela. 1977
  • Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau. Übers. Luis Ruby, Erzählungen. Penguin, München 2019, ISBN 978-3-328-60094-7

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernadete Grob-Lima: O percurso das personagens de Clarice Lispector. Garamond Universitária, Rio de Janeiro 2009, ISBN 978-85-7617-170-6 (portugiesisch)
  • Ana Miranda: Clarice Lispector. Der Schatz meiner Stadt. Sans Soleil Edition, Bonn 1999, ISBN 3-88030-033-X
  • Benjamin Moser: Why This World. A Biography of Clarice Lispector. Oxford University Press 2009, ISBN 978-0-19-538556-4
    • Übers. Bernd Rullkötter: Clarice Lispector. Eine Biographie. Schöffling, Frankfurt 2013, ISBN 978-3-89561-622-8
      • Johanna Adorján: Die südamerikanische Sphinx. Rezension. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13. Dezember 2009, Seite 32
  • Heike Schmitz: Von Sturm- und Geisteswut: mystische Spuren und das Kleid der Kunst bei Ingeborg Bachmann und Clarice Lispector (= Frankfurter feministische Texte, Literatur und Philosophie). Helmer Verlag, Königstein 1998, ISBN 3-89741-001-X (=Diss. phil. Universität Frankfurt am Main, 1997)
  • Leonie Meyer-Krentler: Clarice Lispector. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2019 (mit 20 Abb.)
  • Vojin Saša Vukadinović: "Aus dem Grab sprechen." Die 1977 verstorbene Schriststellerin..., in "Dschungel." Beilage zu jungle world, 44, 31. Oktober 2019, S. 1 – 5 (mit mehreren Abb.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nádia Battella Gotlib: Clarice fotobiografia. Editora da Universidade de São Paulo, São Paulo 2008, ISBN 978-85-7060-689-1, S. 494 (brasilianisches Portugiesisch, google.de [abgerufen am 30. März 2020]).
  2. a b Marie Schmidt: Die Henne oder das Ei? Dass die brasilianische Mystikerin Clarice Lispector, Jahrgang 1920, wusste, was zuerst da war, beweisen ihre Erzählungen. In: Süddeutsche Zeitung, 6. Februar 2020, S. 12.
  3. a b „Ausserhalb jedweden Vergleichs: Clarice Lispector. Ums Leben schreiben“, Felix Philipp Ingold in der NZZ vom 28. Dezember 2013, abgerufen am 31. Dezember 2013
  4. „Er war allein. Er war verlassen, glücklich, nahe dem wilden Herzen des Lebens. James Joyce“
  5. „Im Jenseits des Sagbaren“, ein Porträt der Schriftstellerin von Stefan Fuchs, DLF
  6. „Legende zu Lebzeiten“, Katharina Döbler in Deutschlandradio Kultur vom 14. Oktober 2013 zu Benjamin Mosers Lispector-Biografie, zuletzt abgerufen am 8. April 2020
  7. Eva Paulino Bueno, María Claudia André: The Woman in Latin American and Spanish Literature: Essays on Iconic Characters. McFarland, 2014, ISBN 978-0-7864-9081-3 (google.de [abgerufen am 16. Dezember 2018]).