Crypto AG

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Crypto AG

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Rechtsform Aktiengesellschaft[1]
Gründung 1952
Auflösung 2018
Sitz Steinhausen ZG (Schweiz)
Mitarbeiterzahl 80
Branche Informationssicherheit

Die Crypto AG mit Sitz in Steinhausen ZG war ein international tätiges Unternehmen im Bereich der Informationssicherheit. Der deutsche Auslandsnachrichtendienst BND und die US-amerikanische CIA kauften das Unternehmen 1970 heimlich auf. Sie veranlassten, dass vielen Staaten Maschinen mit schwächerer Verschlüsselung geliefert wurden, die von BND und CIA entschlüsselt werden konnten (Operation Rubikon). Hintertüren waren nicht verbaut. Über 130 Regierungen waren Kunden der Crypto AG.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1915 gründete der schwedische Kryptologe, Ingenieur und Erfinder Arvid Damm (1869–1927) in der schwedischen Hauptstadt Stockholm die Aktiengesellschaft (schwedisch ‘Aktiebolag’) A.B. Cryptograph. Zweck war, die durch ihn ersonnenen Chiffriermaschinen weiter zu entwickeln, zu fertigen und zu vertreiben. Als 1921 das Kapital des jungen Unternehmens zur Neige ging, gelang es ihm, den schwedischen Industriellen und Finanzier Emanuel Nobel (1859–1932), Neffe des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel (1833–1896), sowie seinen Landsmann Karl Wilhelm Hagelin für weitere finanzielle Investitionen zu gewinnen. Auf Wunsch der Investoren, stiess im Jahr 1922 Hagelins Sohn, der im Russischen Kaiserreich aufgewachsene und damals 30-jährige Boris Hagelin (1892–1983) hinzu, um bei der Leitung, aber auch als technischer Berater, mitzuhelfen. Bis 1925 entwickelte er dort mit dem Prototyp der B-21 (Bild) seine erste Chiffriermaschine. Im selben Jahr, kurz nachdem Damm nach Frankreich übergesiedelt war, übernahm Hagelin die Leitung der A.B. Cryptograph. Damm starb zwei Jahre später im Jahr 1927. Hagelin reorganisierte das Unternehmen und liquidierte es schliesslich im Jahr 1932.

Unmittelbar darauf, noch im Jahr 1932, wurde es unter der neuen Firma A.B. Cryptoteknik (deutsch Kryptotechnik AG) mit Boris Hagelin als Geschäftsführer wiedergegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die schwedische Regierung Chiffriermaschinen als Kriegsgeräte ansah und deren Export verbot, übersiedelte Hagelin im Jahr 1948 in die Schweiz mit der Absicht, dort ein Entwicklungslabor für die A.B. Cryptoteknik einzurichten. Am 13. Mai 1952 gründete er dort schliesslich die CRYPTO AG.[2][3]

Sie entwickelte und produzierte unter dem Slogan Total Information Security Sicherheitslösungen für Militärs, Unternehmen, Privatpersonen, Banken und Regierungen. Die erste vollständig in der Schweiz produzierte Maschine war die C-52, eine Weiterentwicklung der C-36, die Boris Hagelin bereits vor dem Zweiten Weltkrieg an zahlreiche Nationen und – in Lizenz (Typ M-209) – an die US-Streitkräfte verkauft hatte. Aus den Konstruktionselementen der C-36 wurden in der Folgezeit die weiteren Modelle entwickelt. Boris Hagelin zog sich aus seiner aktiven Tätigkeit im Unternehmen zurück, als sich die Technik der Chiffriermaschinen immer mehr Richtung Elektronik bewegte. Das Unternehmenslogo mit dem orangen «H» verkörpert – damals wie heute – den Anfangsbuchstaben seines Gründers.

Zusammen mit der 1988 gegründeten Schwestergesellschaft Info Guard AG war die Crypto AG bis im Januar 2018 unter dem Dach der «The Crypto Group AG» mit Sitz in Steinhausen organisiert.[4] Seit Februar 2018 befindet sich das internationale Geschäft der Crypto International Group im Besitz des schwedischen Unternehmers Andreas Linde. Das Schweizer Geschäft wurde im Rahmen eines Management-Buyouts in die «Crypto Schweiz AG» überführt. Diese wurde am 17. September 2018 umbenannt in «CyOne Security AG».[5]

Produkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachverschlüsselungsgerät CVX-396

Die Crypto AG bot Verschlüsselungen für Funk, Telefon, VPN und Lichtwellenleiter. Gross geworden ist die Crypto AG durch den Verkauf von Funkgeräten an Regierungen für den Botschaftsfunk. Die verwendeten Verschlüsselungsalgorithmen sind nicht öffentlich, die Details sind nur wenigen Mitarbeitern des weltweit tätigen Unternehmens bekannt. Die Implementierung der Algorithmen erfolgt demnach nach dem Prinzip Security through obscurity. Eine Bewertung der Sicherheit durch jedermann ist daher (mangels offengelegtem Quellcode) nicht möglich.

Die Crypto AG hatte Niederlassungen in Brasilien, Malaysia, im Sultanat Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Eigentum durch Nachrichtendienste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Crypto AG geriet 1996 in die Schlagzeilen, da das Unternehmen in den Verdacht geriet, bis Ende der 1980er Jahre – unter Mitwirkung deutscher und amerikanischer Nachrichtendienste – manipulierte Schutzgeräte vertrieben zu haben[6]. Das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel widmete in seiner Printausgabe Nr. 36 (1996) unter dem Titel Wer ist der befugte Vierte? Geheimdienste unterwandern den Schutz von Verschlüsselungsgeräten dem Geschäftsgebaren der Crypto AG einen Artikel.[7] In einem weiteren kritischen Bericht befasst sich MediaFilter.org mit den Verflechtungen zwischen der Crypto AG und dem amerikanischen technischen Nachrichtendienst NSA.[8]

2013 veröffentlichte das ZDF eine Reportage über die NSA-Affäre. In dieser sagt ein ehemaliger Mitarbeiter aus, dass er gezwungen wurde, einen Algorithmus-Entwurf zur Verschlüsselung von Daten abzuschwächen. Dies sei mehrfach passiert und in Absprache mit dem BND geschehen. Der Experte für Nachrichtendienste Erich Schmidt-Eenboom bezeichnete die Crypto AG in diesem Zusammenhang als „verlängerten Arm des BND“. Er sagt aus, dass der BND gezielt Algorithmen in die Verschlüsselungssysteme der Crypto AG eingebaut habe, welche diesem ermöglicht habe, die Telekommunikation der über 20 Käuferstaaten zu knacken. Sowohl die Crypto AG als auch der BND bestritten dies.[9]

Im Februar 2020 veröffentlichten das Schweizer Radio und Fernsehen, ZDF und The Washington Post nach Auswertung eines 280 Seiten umfassenden Dossiers eine gemeinsame Recherche, in der belegt wird, dass der deutsche BND und die US-amerikanische CIA Eigentümer der Crypto AG waren und im Rahmen der Operation Operation Rubikon an circa 130 Staaten Chiffriergeräte auslieferten, welche manipuliert waren wodurch die verschlüsselte Kommunikation durch Dritte dechiffriert werden konnte.[10][11][12][13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Videos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag der «Crypto AG» im Handelsregister des Kantons Zug (Memento vom 4. Oktober 2015 im Internet Archive)
  2. Boris Hagelin: Die Geschichte der Hagelin-Cryptos. (PDF) Zug, Schweiz, 1979, S. 2.–19
  3. Fred B. Wrixon: Codes, Chiffren & andere Geheimsprachen. Von den ägyptischen Hieroglyphen bis zur Computerkryptologie. Könemann, Köln 2000, ISBN 3-8290-3888-7, S. 601.
  4. The Crypto Group (Memento vom 25. Oktober 2016 im Internet Archive)
  5. Auszug des Zefix – Zentraler Firmenindex, mit dem Eintrag der Cyone Security AG, abgerufen am 11. Februar 2020
  6. Gordon Corera: How NSA and GCHQ spied on the world. 28. Juli 2015 (bbc.com [abgerufen am 19. November 2019]).
  7. Wer ist der befugte Vierte? Geheimdienste unterwandern den Schutz von Verschlüsselungsgeräten
  8. Cryptogate – Crypto AG: The NSAs Trojan Whore? (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive)
  9. ZDF: https://www.youtube.com/watch?v=WGc125Sr1WA . Abgerufen am 29. Mai 2014 in der ZDF-Mediathek
  10. Geheimdienst-Affäre – Weltweite Spionage-Operation mit Schweizer Firma aufgedeckt. 11. Februar 2020, abgerufen am 11. Februar 2020.
  11. #Cryptoleaks: Wie BND und CIA alle täuschten. In: zdf.de. Abgerufen am 11. Februar 2020.
  12. heise online: #Cryptoleaks: CIA und BND steckten jahrzehntelang hinter Verschlüsselungsfirma. Abgerufen am 11. Februar 2020.
  13. ‘The intelligence coup of the century’, Washington Post, 11. Februar 2020
  14. Die Tragödie eines Technikers, Tages-Anzeiger, 12. Februar 2020