Der Jahrhundertschritt

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Bronzeskulptur Jahrhundertschritt 2017 im Innenhof des Museums Barberini in Potsdam
Dieselbe Plastik an ihrem früheren Standort, dem Hof des Kutschstalls in Potsdam

Der Jahrhundertschritt ist eine Bronzeplastik, die von Wolfgang Mattheuer 1984 geschaffen wurde. Sie gilt als eines der bedeutendsten Kunstwerke der DDR zu Zeiten der Deutschen Teilung und ist eine Parabel auf die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts.

Beschreibung und Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Motiventwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wolfgang Mattheuers Werk umfasst Gemälde, Arbeiten auf Papier, Druckgrafiken und seit 1970 auch Plastiken und Objekte. Es lässt sich grob in zwei Themenbereiche gliedern: Die überwiegende Anzahl seiner Bilder sind sogenannte Erholungsbilder, also Stillleben, Porträts und insbesondere Landschaften. Die größere Bedeutung jedoch erlangten die sogenannten Problembilder: In ihnen greift Mattheuer mythologische, biblische, zeitgeschichtliche und metaphorische Motivstoffe auf, kombiniert sie, erweitert ihren Kontext und kreiert mit diesen Bildern scharfsinnige, manchmal zynische Kommentare auf das Zeitgeschehen. Bekannte Beispiele dafür sind seine Bilder zum Brudermord des Kain und Abel, die Ikarus-Figuren, die Flüchtenden und Abstürzenden, eines seiner bekanntesten Bilder ist Hinter den 7 Bergen. Immer wieder thematisiert Mattheuer das Gespaltensein des Menschen zwischen Gut und Böse, zwischen "Größe und Elend" (Blaise Pascal).

In den 1980er Jahren sollte Mattheuer die rückblickend für sein gesamtes Werk bedeutsamste Parabel entwickeln, seine eigene mythologische Figur – den Jahrhundertschritt[1]. Tatsächlich ist diese auseinanderreißende Gestalt in ihrer dialektischen Grundidee bereits in den frühesten Bildern Mattheuers angelegt. Im Bild Aggression (1981) taucht diese unheilvolle Gestalt nun das erste Mal im malerischen Werk auf: Sie besteht lediglich aus den Extremitäten – ein zum Hitlergruß gestreckter Arm findet sein Gegengewicht im bestiefelten, rot markierten Bein, der andere, rechte Arm ist zur kommunistischen Faust geballt, das linke Bein stapft nackt und weit ausholend nach vorn. In der Mitte der Figur ist jedoch kein Rumpf, kein Kopf zu sehen, sondern nur diffuser Nebel[2]. Es folgen Bilder mit den Titeln Alptraum (1982) und Verlorene Mitte (1982). Mattheuer schreibt über diese Figur: „Ein nacktes Bein, weit ausgreifend. Ein Stiefelbein, ein schwarzer Arm mit Heil-Geste aus körperloser Mitte schießend und eine Faust am erhobenen zweiten Arm machen aus vier Extremitäten eine rasende Figur. (…) Was ist das? Hilfloses Wüten? (…) Chaos? Auferstehung? Kriegsrecht? Verlust der Mitte!“[3]

Im Garten seines Reichenbacher Hauses arbeitet Mattheuer an der plastischen Umsetzung der Figur, die von Anfang an geplant war. 1984 ist das 2,5 m hohe Gipsmodell fertig – es folgen Abgüsse in Eisen und Bronze und schließlich ein 5 m hohes Exemplar, welches sich heute im Museum Barberini befindet.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1985 wird die bemalte Gipsfassung das erste Mal öffentlich ausgestellt, auf der 11. Leipziger Bezirkskunstausstellung. Die Staatliche Galerie Moritzburg in Halle und der Sammler Peter Ludwig gaben je einen Bronzeguss in Auftrag. Das Publikum reagierte mit Erstaunen und viel Anteilnahme auf das gezeigte Werk. Noch größer war die Resonanz einige Jahre später, als auf der X. und letzten Kunstausstellung der DDR in Dresden ein Bronzeguss des Jahrhundertschritts gezeigt wurde. Die Figur wurde zum wichtigsten Kunstwerk der Ausstellung gekürt,[4] gerade auch, weil ein politischer Diskurs nach wie vor ersatzweise über die bildende Kunst und Literatur geführt wurde.

Mattheuer sagte über seine Skulptur: „Diese Albtraumfigur, als die verkörperte Absurdität, ist ‚jener Zwiespalt zwischen dem sehnsüchtigen Geist und der enttäuschenden Welt‘, sie ist ‚ … Heimweh nach Einheit, dieses zersplitterten Universums, und der Widerspruch, der beide verbindet‘ (A. Camus) und der allzu oft sich in Aggression und Zerstörungswut entlädt, als zentrifugale Kraft, die das Individuum zerreißt. Kein Versuch der Selbstfindung gelingt mehr.“[5] Eduard Beaucamp, langjähriger Feuilletonist der ZEIT und Fürsprecher insbesondere der Leipziger-Schule-Künstler, schreibt: „Diese paradoxe Jahrhundertmetapher, eine aggressiv-fliehende Endzeitgestalt, die ihren Körper und ihre ‚Mitte‘ verloren hat, ist ein höhnisch-bitterer Abgesang auf die modernen Diktaturen.“[6]

Auch auf dem Gebiet der alten Bundesländer wurde die Botschaft des Jahrhundertschritts erkannt. 1988 versammelte die Ausstellung Zeitvergleich '88 - 13 Maler aus der DDR eine ganze Reihe von Gemälden und plastischen Arbeiten bekannter DDR-Künstler, darunter auch Mattheuers Jahrhundertschritt. Eine Journalistin urteilt: „Gewissermaßen Symbol der Ausstellung, [...] ist eine einzelne Bronzeskulptur. Beziehungsreich platziert auf der Schwelle zwischen den beiden Räumen, schafft der Jahrhundertschritt von 1984 von Wolfgang Mattheuer den Sprung von Ost nach West.“[7]

Jahrhundertschritt: Eisenabguss vor dem Haus der Geschichte in Bonn

Aufstellungsorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eisenabguss vor der GrundkreditBank (jetzige Volksbank) in Berlin

Das Werkverzeichnis der Plastiken und Objekte umfasst zwei unterschiedlich bemalte Eisengüsse, sowie vier Bronzegüsse. Von diesen sind drei unterschiedlich bemalt und einer unbemalt.

Ihre Standorte sind:

Im Oktober 2017 beschloss der Stadtrat von Reichenbach im Vogtland das letzte noch unverkaufte Exemplar (Bronze, unbemalt) anzukaufen und öffentlich aufzustellen. Als Aufstellort ist der Solbrigplatz vorgesehen. Die Kaufsumme beträgt 180.000 € und soll durch Spenden finanziert werden.[8]

Im Jahr 2006 sollte eine auf fünf Meter vergrößerte bemalte Bronze des Jahrhundertschritts (Werkverzeichnis Nr. WV/S 47) auf der Außenfläche vor dem Reichstag in Berlin errichtet werden. Dies wurde nie verwirklicht. Zwischenzeitlich erworben durch Hasso Plattner, war sie vom 16. September 2012 vorübergehend, bis zur Errichtung der von ihm geplanten Kunsthalle, im Hof des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam aufgestellt. Seit Juni 2016 steht sie im Durchgang des Museum Barberini in Potsdam.[9]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Romanus: Zu Mattheuers Werkgruppe "Jahrhundertschritt". In: Dieter Brusberg (Hrsg.): Ostwind. Fünf deutsche Maler aus der Sammlung Grundkreditbank. Berlin 1997, S. 151–156 (Ausführlichere Analyse der Jahrhundertschritt-Thematik).
  2. Stefanie Michels: Wolfgang Mattheuer. Bilder als Botschaft. Werkverzeichnis der Gemälde. Hrsg.: Stefanie Michels. Edition Galerie Schwind, Leipzig 2017, ISBN 978-3-932830-71-6, S. 249.
  3. Wolfgang Mattheuer: Bilder als Botschaft - Botschaft der Bilder. Hrsg.: Ursula Mattheuer-Neustädt. Faber und Faber Verlag, 2002, ISBN 978-3-928660-85-3, S. 84/85.
  4. Bernd Lindner: Das zerrissene Jahrhundert. Abgerufen am 4. Mai 2018.
  5. Wolfgang Mattheuer: Bilder als Botschaft - Die Botschaft der Bilder. Hrsg.: Ursula Mattheuer-Neustädt. 1997, S. 124.
  6. Eduard Beaucamp: Weltbürger in einer giftigen Provinz. In: Stefanie Michels (Hrsg.): Wolfgang Mattheuer. Bilder als Botschaft. Edition Galerie Schwind, Leipzig 2017, S. 19.
  7. Andrea Hildenstock: Symbolik und Junge Wilde. In: Hamburger Abendblatt. 13. September 1988.
  8. https://www.freiepresse.de/LOKALES/VOGTLAND/REICHENBACH/Jahrhundertschritt-Gruenes-Licht-fuer-Plastik-Ankauf-artikel10022849.php "Jahrhundertschritt": Grünes Licht für Plastik-Ankauf www.freiepresse.de. vom 11. Oktober 2017, abgerufen am 6. Februar 2018.
  9. http://www.pnn.de/potsdam-kultur/1091507/