Deutsches Institut für Altersvorsorge

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Deutsches Institut für Altersvorsorge
Deutschesinstitutfueraltersvorsorge.jpg
Rechtsform GmbH
Gründung 1997
Sitz Berlin
Leitung Karl-Heinz Buchholz, Werner Janzen
Branche Wissenschafts-Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit zur Privatisierung der Altersvorsorge
Website dia-vorsorge.de

Das Deutsche Institut für Altersvorsorge GmbH[1] (DIA) ist ein 1997 von der Deutschen Bank AG in Deutschland gegründetes Unternehmen. Es betreibt Wissenschafts-Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit. Nach eigener Aussage ist ihr Ziel, die „Öffentlichkeit über die Chancen und Risiken der Altersvorsorge zu informieren und die private Initiative zu fördern“.[2]

Dies verfolgt das Institut insbesondere mit der Veröffentlichung von wissenschaftlichen Studien zur privaten Altersvorsorge und zur gesetzlichen Rentenversicherung. Seit Gründung sind dort im Eigenverlag über 50 wissenschaftliche Studien erschienen. Gesellschafter sind Unternehmen der Deutschen Bank und der Zurich Gruppe Deutschland, die auch den Beirat der GmbH kontrollieren.[3]

Das Unternehmen wird zusammen mit dem Deutschen Aktieninstitut, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und dem Institut der deutschen Wirtschaft zu den Einrichtungen des deutschen Wissenschaftslobbyismus („Think Tanks“) gezählt, die der Finanzdienstleistungsbranche besonders nahestehen. Hauptziel des DIA und der dahinter stehenden Unternehmen ist demnach eine (Teil-)Privatisierung der Altersvorsorge. Die dem Unternehmen nahestehenden Wissenschaftler befürworten eine solche Privatisierung grundsätzlich und bringen sich entsprechend in die rentenpolitische Diskussion ein.[4]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesellschafter sind die Deutsche Bank AG selbst, die Deutsche Bank Bauspar AG, DWS Investment GmbH und das Versicherungsunternehmen Deutscher Herold AG. Kooperationspartner ist die Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG. Seit dem Verkauf der Deutscher Herold AG an die Zurich Financial Services von 2001/2002 gehört auch die Zurich-Gruppe zum Gesellschafterkreis.[5]

Das Unternehmen wird nach außen durch den Sprecher und Projektkoordinator Bernd Katzenstein vertreten. Werner Janzen, leitender Angestellter des Hauptgesellschafters Deutsche Bank, ist Geschäftsführer des DIA. Wissenschaftlicher Leiter ist Thomas Langer, der an der Universität Münster den Lehrstuhl für Finanzierung innehat.[6] In dieser Funktion führt Langer die DIA Research Group, ein Altersvorsorge-Forschungsteam an der Universität Münster, dem neun Habilitanden und Promovanden angehören.

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ziel des Unternehmens ist es laut eigener Darstellung, Wissen und Kompetenz der Deutschen auf dem Gebiet der privaten Altersvorsorge zu fördern. Seit 1997 hat das DIA hierzu über 50 Publikationen herausgegeben,[7] die von externen Wissenschaftlern für das DIA erstellt werden. Die Studien befassen sich in der Hauptsache mit volkswirtschaftlichen Fragestellungen rund um das Thema Altersvorsorge. Dabei stehen der Status und die Fortentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung, die Rahmenbedingungen für die private Vermögensbildung, sowie verhaltenspsychologische und demographische Aspekte im Mittelpunkt. Aus dem Jahr 2009 stammen die Bände „Finanzkrise und Altersvorsorge – Wie groß sind die Verluste wirklich?“ und „Bankenimage und Finanzmarktkrise – Was Sparer über Einlagensicherheit wissen und wie sie Banken (ein)schätzen“.

Darüber hinaus vergibt das DIA jährlich den mit 20.000 Euro dotierten DIA-Zukunftspreis an Journalisten und Wissenschaftler, die beim Thema Altersvorsorge wichtige Aufklärungsarbeit leisten. Das DIA veröffentlicht ferner den DIA-Deutschland-Trend-Vorsorge, eine vierteljährliche repräsentative Online-Befragung in der deutschen Bevölkerung zum Thema Altersvorsorge. Letztendlich verfolgt das DIA mit der Finanzierung und Verbreitung wissenschaftlicher Studien zu Zwecken der Öffentlichkeitsarbeit das übergeordnete Ziel des Wissenschaftslobbying zugunsten der privaten Altersvorsorge.[4]

DIA Research Group[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die DIA Research Group ist ein 2007 gegründetes Kooperationsprojekt zwischen dem DIA und dem Finance Center Münster (FCM) an der Universität Münster, das sich als „Kompetenzzentrum für Altersvorsorge-Forschung etablieren“ soll.[8] Dabei sollen gemäß dem Forschungsansatz der Behavioral Finance verhaltenswissenschaftliche Aspekte der Altersvorsorge im Mittelpunkt stehen. Das DIA finanziert die DIA Research Group durch die Bereitstellung von Drittmitteln für den Lehrstuhl für Finanzierung (Thomas Langer) und durch die direkte Übernahme von Veranstaltungskosten.[8] Neben der reinen verhaltenswissenschaftlichen Forschung soll die Research Group auch praxisorientierte Konzepte entwickeln, die Anlegern helfen, Vorsorgeentscheidungen zu treffen. Die aktuell von der DIA Research Group untersuchten Forschungsprojekte sind:

  • Behavioral Product Design
  • Betriebliche Altersversorgung – Eine Bestandsaufnahme
  • Einlagensicherung
  • Informationssysteme
  • Risikowahrnehmung in der Auszahlungsphase

Von der DIA Research Group werden auch die Events „Summer School“ und „Speaker Series“ ausgerichtet. Bei der „International Summer School in Behavioral Economics and Retirement Savings“ diskutieren Nachwuchswissenschaftler aus verschiedenen Ländern die aktuellen Probleme auf dem Gebiet der Altersvorsorge mit Experten. Im Jahr 2008 trugen u. a. David Laibson (Harvard University), Cade Massey (Yale University) und Martin Weber (Mannheim) vor. Ziel der alle zwei Jahre stattfindenden Summer School ist es vor allem, internationale Forschungsnetzwerke aufzubauen. Bei der Vortragsreihe Speaker Series werden Studierenden und Bürgern die wirtschaftlichen und psychologischen Aspekte der Altersvorsorge von Fachleuten aus Praxis und Wissenschaft erörtert.

Öffentlichkeitsarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Finanzierung und Verbreitung wissenschaftlicher Studien verfolgt das DIA neben der Beeinflussung des wissenschaftlichen und politischen Diskurses vor allem das Ziel, mittels Öffentlichkeitsarbeit die Bevölkerung vom Sinn zusätzlicher privater Altersvorsorge zu überzeugen, da die gesetzliche Rentenversicherung wegen demografischer und anderer gesellschaftlicher Entwicklungen den Lebensstandard breiter Bevölkerungskreise allein nicht mehr angemessen sichern könne. Dazu werden die beauftragten Studien, Umfragen und Thesenpapiere über Pressemitteilungen, Presseverteiler und direkte Kontakte zu Journalisten verteilt, die in ihren Berichten die DIA-Themen regelmäßig aufgreifen, zum Beispiel:

  • Inflationsbereinigte Verzinsung von Einzahlungen in Gesetzliche Altersvorsorge und private Altersvorsorgeprodukte, 2009. (Zitiert u. a. in Capital [9] und Berliner Zeitung.[10])
  • Studie zum Renditevergleich zwischen staatlicher Rentenversicherung und Altersvorsorge über den Kapitalmarkt, 2008. (Abdruck u. a. in Welt.[11])
  • Umfrage „Deutschland-Trend-Vorsorge“ 2009. (Abdruck u. a. im Focus [12] und in den Ruhr Nachrichten.[13])
  • Axel Börsch-Supan und Lothar Essig: Sparen in Deutschland – SAVE-Sudie, 2001 bis 2005. (Zitiert u. a. in FAZ.[14])

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmen verspricht gemäß seiner Satzung auf seiner Website Neutralität und Unabhängigkeit „von den Marketing- und Verkaufsaktivitäten seiner Gesellschafter“. Jedoch hat nicht nur das Institut als Gesellschaft der Deutschen Bank Gruppe privatwirtschaftliche Verbindungen, sondern es existieren auch personelle Verflechtungen. So ist der DIA-Geschäftsführer Werner Janzen gleichzeitig Produktmanager der Deutschen Bank Privat- und Geschäftskunden AG. Der zweite DIA-Geschäftsführer Karl-Heinz Buchholz war bis 2007 Vertriebsleiter der Deutschen Bank AG. In den Publikationen des DIA wird allerdings auf konkrete Produktempfehlungen – insbesondere für Angebote der DIA-Gesellschafter – grundsätzlich verzichtet, um in Wissenschaft und Medien die gewünschte Glaubwürdigkeit und Akzeptanz zu erzielen.

Insbesondere die gesetzliche Deutsche Rentenversicherung hat in den vergangenen Jahren wiederholt Kritik an der Arbeit des DIA geübt. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen standen dabei die Ergebnisse des DIA zu den internen Renditen der gesetzlichen Renten, die bei den DIA-Rechnungen regelmäßig wegen der Berücksichtigung der Inflation sehr viel schlechter abschnitt als private Vorsorgeverträge. 2008 kritisierten Bert Rürup, damals Vorsitzender des Sachverständigenrats, und der Präsident der Deutschen Rentenversicherung Herbert Rische, dass die DIA-Berechnung die Rendite der gesetzlichen Renten unter Berücksichtigung der Inflation berechne, während die entgegengestellten Altersvorsorgeprodukte der privaten Finanzdienstleister bei ihren Renditeberechnungen die Inflation „regelmäßig unberücksichtigt“ lasse.[15] In der ZEIT wurde der DIA-Renditevergleich zwischen der gesetzlichen Rentenversicherung und Wertpapieren sowie Lebensversicherungen schon 1998 als Auftragsarbeit und als „[z]u plump, um wahr zu sein“ kritisiert.[16] DIA-Pressesprecher Bernd Katzenstein reagierte darauf mit einer Gegendarstellung.[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Diana Wehlau: Lobbyismus und Rentenreform – der Einfluss der Finanzdienstleistungsbranche auf die Teil-Privatisierung der Alterssicherung. Dissertation. Universität Bremen 2008. VS, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16530-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deutsches Institut für Altersvorsorge GmbH, Handelsregistereintrag beim Amtsgericht Frankfurt/Main, HRB 42010. (Ursprüngliche Firma GEISLA Beteiligungsgesellschaft mbH).
  2. Deutsches Institut für Altersvorsorge – Das Institut. Selbstdarstellung auf der DIA-Website. (Abgerufen am 4. Dezember 2009.)
  3. Laut Jahresabschluss zum 31. Dezember 2007 des Deutschen Instituts für Altersvorsorge GmbH, Frankfurt am Main gehörten dem Beirat per 31. Dezember 2007 an:
    • Christoph Siemons, Beiratsvorsitzender, Mitglied der Geschäftsleitung Vertrieb Deutschland, Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG
    • Jochen Schwarz, stellvertretender Beiratsvorsitzender, Mitglied des Vorstandes bei der Deutscher Herold AG
    • Wolfgang Herzog, Head of Sales Third Party Business, DWS Investment GmbH
    • Michael Hoffelder, Generalbevollmächtigter Deutsche Bank Bauspar-AG
    • Hans Kraus, Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG
    • Stefan Märkl, Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG
    • Georg Schürmann, Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG
    • Norbert Walter, Mitglied der Geschäftsleitung Deutsche Bank Research
  4. a b Diana Wehlau: Lobbyismus und Rentenreform – der Einfluss der Finanzdienstleistungsbranche auf die Teil-Privatisierung der Alterssicherung. VS – Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, S. 254–256.
  5. Deal zwischen Deutscher Bank und ZFS perfekt. In: „Handelsblatt“ vom 27. März 2002.
  6. Website von Thomas Langer beim Lehrstuhl für Finanzierung, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Universität Münster. (Abgerufen am 4. Dezember 2009.)
  7. Gesamtverzeichnis der Publikationen beim Deutschen Institut für Altersvorsorge.
  8. a b Junge Forscher diskutieren Altersvorsorge. Pressemitteilung der Universität Münster Nr. 10169 vom 18. Juli 2008.
  9. Heinz-Peter Arndt, Birgit Wetjen: Wer gut verdient, muss besonders hohe Summen ansparen. In: „Capital“ vom 22. Oktober 2009.
  10. Daniel Baumann: Rentenversicherung lohnt sich auch für Jüngere. In: Berliner Zeitung. 15. Juli 2009, abgerufen am 10. Juli 2015.
  11. M. Fabricius, H. Zschäpitz: Die Rente birgt ein höheres Risiko als die Börse. In: „Die Welt“ vom 25. August 2008.
  12. Jeder Fünfte beklagt Verluste. In: „Focus Online“ vom 14. April 2009.
  13. Mangelhaftes Wissen über Altersvorsorge. In: „Ruhr Nachrichten“ vom 16. Oktober 2009.
  14. Stefan Ruhkamp: Im Land des Sparschweins. In „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 24. September 2009.
  15. „Rürup und Rische: Rentenrenditen auch in Zukunft positiv“ in Pressemitteilungen der Deutschen Rentenversicherung Bund vom 25. August 2009.
  16. Marie-Luise Fleck: Vorsorglich gekauft. In: „Die Zeit“ Nr. 29/1998.
  17. Bernd Katzenstein: Wir haben nicht geschummelt. In: „Die Zeit“, Nr. 32/1998.