Deutsches Theater Göttingen

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Logo des Deutschen Theaters Göttingen (seit 2014)
Vorderansicht Deutsches Theater Göttingen
Großes Haus des Deutschen Theaters Göttingen (2016)
Der Theaterplatz in Göttingen
Szene der Eröffnungsinszenierung Spielzeit 2014/’15: Homo Empathicus (Regie: Erich Sidler, Text: Rebecca Kricheldorf)

Das Deutsche Theater (DT) ist ein 1890 erbautes Schauspielhaus in Göttingen. Das Theater ist das größte in Göttingen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Großbrand des alten Stadttheaters am Neuen Markt, dem heutigen Wilhelmsplatz, in der Nacht vom 10. zum 11. Januar 1887 war man sich in der Göttinger Bürgerschaft über die Notwendigkeit eines neuen, würdigen Theaterbaus einig. Am 18. Juli 1887 trafen die städtischen Gremien die Entscheidung, das Theater zwischen dem Königlichen Gymnasium (dem heutigen Max-Planck-Gymnasium) und den Göttinger Wallanlagen im Ostviertel zu errichten. Die Befürchtungen (bis vor den Regierungspräsidenten und Kultusminister getragen), die Nähe des Theaters würde eine sittliche Gefährdung der Schüler des Gymnasiums darstellen, erwiesen sich als haltlos.

Das Theater wurde in den Jahren 1889 und 1890 als Duplikat des Oldenburger Großherzoglichen Hoftheaters von Architekt Nierenheim nach den Plänen des Oldenburger Hofbaumeisters Gerhard Schnitger als Werksteinbau im Stil der Neorenaissance errichtet.

Das Haus ist dann am 30. September 1890 als Stadttheater Göttingen mit der Jubel-Ouvertüre von Carl Maria von Weber und anschließender Aufführung von Schillers Wilhelm Tell eröffnet worden. Seitdem hat man es mehrmals erweitert und renoviert (1904 und 1927), zuletzt 1981–84, als nach Plänen des Göttinger Architekten Jochen Brandi an der Westseite zum Wall u.a. der Glaspavillon angebaut wurde.

Der erste Direktor des neuen Stadttheaters am Wall, Norbert Berstl, leitete 16 Jahre lang bis 1906 das Theater. Sein Nachfolger bis 1917 war Willi Martini. Der Ausbruch und die Zeit des Ersten Weltkrieges wirkten sich natürlich auf die Arbeit des Theaters aus. 1917 war die Lage u.a. aufgrund der Kohlenknappheit so schwierig, dass das Haus geschlossen werden musste.

In den Jahren 1917 bis 1919 stand das Theater unter der Leitung des Städtischen Musikdirektors Philipp Werner. In dieser Zeit fanden jedoch lediglich Gastspiele der Bühnen von Hannover, Kassel und Braunschweig mit Opern, Operetten und Schauspielen statt.

Im Herbst 1919 beschloss die Stadt Göttingen, das Haus mit eigenen Inszenierungen wieder zu eröffnen. Als Direktor wurde Otto Werner gewählt, der das Haus bis 1929 leitete. Entsprechend seiner musikalischen Herkunft (Tenorbuffo) und mit Absprache der Stadt nahm er auch Opern und Operetten mit in den Spielplan auf.

Im Jahre 1929 wurde mit dem Kammersänger Paul Stiegler wieder ein Mann des Musiktheaters Direktor.[1] Die starken Akzente seiner Amtszeit bis 1936 lagen im Opernbereich. Für Stiegler blieb die Anerkennung nicht aus. Als er zum neuen Leiter eines größeren und finanziell besser ausgestatteten Theaters berufen werden sollte, ernannte man Direktor Stiegler zum ersten Intendanten des Stadttheaters Göttingen.

Von 1936 bis Ende des Zweiten Weltkrieges wurde auch in Göttingen nach gleichgeschalteten kulturpolitischen Vorstellungen Theater gespielt. Mit der Spielzeit 1936/37 trat Dr. Karl Bauer die Intendanz bis 1940 an. Seine Nachfolger waren bis 1943 Gustav Rudolf Sellner und anschließend bis zur Schließung des Hauses wegen Verschärfung der Kriegslage im Herbst 1944 Hans Karl Friedrich.

Nach der Wiedereröffnung 1946 wurde der aus Wuppertal kommende Generalmusikdirektor Fritz Lehmann bis 1950 letzter Intendant des 3-Sparten-Theaters. Auf die Dauer ließ sich der aufwändige 3-Sparten-Betrieb mit angemessener Qualität und unter soliden Bedingungen für die darin Beschäftigten nicht aufrechterhalten. So wurde durch Ratsbeschluss die Aufgabe der Musiksparten und die Gründung der Theater-GmbH „Deutsches Theater in Göttingen“ beschlossen.

Die Stadt gewann für den Plan, im Wesentlichen nur den Schauspielbetrieb zu unterhalten, einen der renommiertesten Theaterleute Deutschlands: Heinz Hilpert. Mit der Berufung von Hilpert, der als Nachfolger von Max Reinhardt und vieljähriger Leiter des Deutschen Theaters und der Kammerspiele Berlin beste Berliner Theatertradition verkörperte, begann am 16. September 1950 eine glanzvolle Epoche im Göttinger Theaterleben. In der Spielzeit 1950/51 konnte zunächst noch das Orchester unter der Leitung von Günther Weißenborn und eine Ballettgruppe unter dem Ballettmeister Hans von Kusserow für Sinfoniekonzerte, Ballett- und Operettenaufführungen erhalten bleiben. Danach musste aus finanziellen Gründen das Ballett aufgelöst werden, während sich das Orchester als „Göttinger Sinfonieorchester“, weiter unter der Leitung von Günther Weißenborn, neu etablierte.

Den Ruf einer hervorragenden Schauspielbühne errangen Heinz Hilpert und sein Deutsches Theater in Göttingen mit einem persönlichkeitsstarken ausgesuchten Ensemble und einem absichtsvoll konzipierten Spielplan unter Mitwirkung seines Oberspielleiters Eberhard Müller-Elmau, der 1980 Ehrenmitglied des DT wurde und 1990 die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen erhielt. Göttingen, das als Universitätsstadt seit langem einen Namen hatte, wurde nun auch als Theaterstadt bekannt. 16 Jahre lang war er der durchaus nicht bequeme, bewunderte, geachtete und geliebte Prinzipal des DT, dem er nach seiner Zeit als Oberspielleiter bis zu seinem Tode 1995 als Schauspieler und Regisseur angehörte.

1966 übernahm der in Mainz geborene Regisseur Günther Fleckenstein von Hilpert die Leitung des Hauses. Er bewahrte das Ansehen des DT und setzte in den 20 Jahren seiner Intendanz, der bis jetzt längsten Leitungsphase im Haus am Wall, neue Akzente durch ein qualitätsvolles, engagiertes Programm. Konsequente Autorenpflege, ein vielbeachteter „antiker Zyklus“, die Aufnahme von Stücken junger deutscher Autoren, aber auch die Präsentation des bewährten Repertoire in neuer heutiger Sicht waren die Schwerpunkte seiner Arbeit.

Der Düsseldorfer Heinz Engels, Intendant des DT von 1986 bis 1999, dem er zuvor bereits als Regisseur verbunden war, setzte sich in seinem Programm kritisch und verständnisvoll mit Menschen und den zentralen Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen, wie z. B. dem Generationskonflikt und der Emanzipation der Frau auseinander. Er machte auf Fehler und Schwächen aufmerksam, lehrte das Sehen anhand der Darstellung von Unzulänglichkeiten im Zusammenleben unserer Gesellschaft: Was wir durchschauen, können wir beheben!

Intendanten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Deutsche Theater heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Deutsche Theater bietet als größtes Göttinger Sprechtheater einen Repertoirebetrieb auf drei Bühnen: Großes Haus (DT-1), DT-2 (ehemals Studio) und DT-X (Keller, Bellevue etc.). Seit der Spielzeit 2014/’15 ist Erich Sidler Intendant am Deutschen Theater Göttingen.[2]

DT-1 Das Große Haus bietet mit Parkett und drei Rängen Sitzplätze für 496 Zuschauer und ist ein architektonisches Juwel der Stadt Göttingen. Die Ausstattung des Zuschauerraumes mit Dekors im Neo-Renaissance-Stil gibt im Wesentlichen den Raumeindruck der Entstehungszeit, Ausgang des 19. Jahrhunderts, wieder. Die klassische Guckkastenbühne wartet mit moderner Bühnen- und Lichttechnik auf, die zeitgemäße, künstlerisch anspruchsvolle Inszenierungen alter und neuer Theatertexte ermöglichen. Mit dem festen Schauspielensemble werden jede Saison rund zwanzig neue Stücke produziert und im Repertoirebetrieb gezeigt, elf davon auf der Bühne des Großen Hauses. Den Spielplan ergänzen Wiederaufnahmen, Gastspiele, Konzerte, Lesungen und Sonderveranstaltungen.

DT-2 Die Anfang der 80er Jahre im Zuge großräumiger Um- und Anbauten eingerichtete Studiobühne ist eine multifunktionale Black Box, in der rund 100 Besucher Platz finden. Die moderne und bequeme Bestuhlung dieser Spielstätte ist variabel und richtet sich nach den Erfordernissen der gezeigten Stücke. In der Regel sitzen die Zuschauer auf einer stufig ansteigenden Tribüne, die sehr gute Sicht garantiert. Das Angebot der Spielstätte ist umfangreich und vielfältig. Es reicht von klassischen Theatertexten in für ein junges Publikum zugeschnittenen kleinformatigen Inszenierungen bis hin zur zeitgenössischen Dramatik, bietet die kabarettistische Komödie ebenso wie die anspruchsvolle szenische Lesung. Daneben werden Stücke für Kinder ab vier Jahren, Jugendliche und junge Erwachsene gezeigt.

DT-X Im Keller des Deutschen Theaters verbinden sich Bühne und Gastronomie in idealer Weise. Der halbrunde Gastraum auf zwei Ebenen, der vom Bistro im Glasfoyer aus leicht zugänglich ist und direkt unter der Hauptbühne des Großen Hauses liegt, fasst bis zu 80 Zuschauer. Platz bieten auf der unteren Ebene Sofas und Bistrostühle an Tischen. Auf der halbrunden emporeartigen oberen Ebene sitzen die Gäste in Tischgruppen. Auf der Kellerbühne präsentiert das Ensemble des Deutschen Theaters vor allem Comedy und Themenabende, literarische und musikalische Programme: Konzerte mit Jazzstandards, lyrischem Gitarrenrock, Popsongs und Instrumental- und Vokalexperimente sind hier ebenso zu Hause wie Liebeslyrik und Gruselgeschichten. Die Monatsspielpläne geben ausführliche Auskunft über das Programm.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Norbert Baensch (Hrsg.): Theater am Wall: Stationen Göttinger Theatergeschichte. Steidl, Göttingen 1992.
  • Hans-Christian Winters: Feuersbrunst und Bürgerinitiative. Vor 90 Jahren bekamen die Göttinger ihr neues Theater. In: Göttinger Jahresblätter. Band 3, 1980, ISSN 0172-861X, S. 46–57.
  • Norbert Baensch: Von der Wanderbühne zum stehenden Theater. In: Geschichtsverein Göttingen und Umgebung e.V. (Hrsg.): Göttinger Jahrbuch. Band 25. Die Werkstatt, 1977, ISSN 0072-4882, S. 107–117.
  • Wilhelm van Kempen: Theatergeschichte Göttingens von 1890 bis zur Gegenwart. In: Göttinger Jahrbuch. Band 1, 1952, S. 74–83.
  • Die Intendanz von Mark Zurmühle am Deutschen Theater in Göttingen. In: Lutz Keßler (Hrsg.): Theater der Zeit. Berlin 2014, ISBN 978-3-943881-77-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Deutsches Theater (Göttingen) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Oliver Schröer: Stadtarchiv Göttingen: Chronik für das Jahr 1928
  2. Peter Krüger-Lenz: Erich Sidler neuer Intendant am Deutschen Theater (DT) Göttingen. In: Göttinger Tageblatt. 27. Februar 2013 (goettinger-tageblatt.de).

Koordinaten: 51° 32′ 12″ N, 9° 56′ 24″ O