Die Regentrude

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Dieser Artikel behandelt das Kunstmärchen von Theodor Storm. Zum deutschen Märchenfilm aus dem Jahr 1976 siehe Die Regentrude (Film).

Die Regentrude ist ein Kunstmärchen des deutschen Dichters Theodor Storm. Es stammt aus dem Jahre 1863.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Satz der Geschichte schildert einen übermäßig warmen Sommer vor hundert Jahren. Aus der Darstellung des Stoffs ist ersichtlich, dass Storm die Handlung im Norden Deutschlands ansiedelt. Eine furchtbare Dürreperiode lässt die Pflanzen verdorren und das Vieh verdursten. Die Menschen leiden unter der unerträglichen Hitze. Nur der Wiesenbauer hatte schon vor Jahren eine tiefgelegene Wiese erworben, die noch genug Feuchtigkeit besitzt, um die Heuernte reichhaltig ausfallen zu lassen. Die von der Hitze heimgesuchte Landwirtschaft verursachte eine Teuerung, von der einzig der Wiesenbauer profitierte. Er kann es sich sogar leisten, seiner Nachbarin, der etwa 50-jährigen Mutter Stine, einen Kredit über 50 Taler über den Rückzahlungstermin hinaus zu stunden. Doch selbst dabei verliert er seinen Vorteil nicht aus den Augen und fordert Stines verbliebene Ländereien zum Pfand.

Während dieses Gesprächs rügt er das Verhältnis zwischen Stines Sohn Andrees und seiner Tochter Maren, für die er nun, da es seiner Wirtschaft blendend geht, eine bessere Zukunft plant. Andrees, obwohl dem Dorf als tüchtiger junger Bauer bekannt, ist ihm als Schwiegersohn nicht mehr wohlhabend genug. Stolz brüstet sich der Wiesenbauer seiner Klugheit, da er doch einst mit Andrees’ Vater dessen nun trocken daliegenden Höhenwiesen gegen das sumpfige Tiefland eintauschte.

Die nachfolgenden heißen Sommer hatten ihm recht gegeben. Resignierend bemerkt darauf Mutter Stine, dass die Regentrude wohl eingeschlafen sei. Der Wiesenbauer hält die Regentrude für „Gefasel“ und gibt nichts auf die alten Geschichten. Mutter Stine jedoch weiß, dass die Regentrude in einem ähnlich heißen Sommer vor langer Zeit von ihrer Urahne geweckt worden ist, und nennt den Wiesenbauern einen Neugläubigen. Übermütig erklärt der Wiesenbauer, wenn es Mutter Stine gelinge, „… binnen heut und vierundzwanzig Stunden …“ Regen zu schaffen, dann möge Andrees seine Tochter Maren heiraten.

Maren hört dies und ruft den zufällig anwesenden alten Vetter Schulze und Mutter Stine zum Zeugnis dieses Eheversprechens auf.

Mutter Stine weiß zu berichten, dass die Urahne einst mit einem besonderen Spruch die Regentrude erweckte; sie kann sich aber beim besten Willen nicht mehr auf den genauen Wortlaut besinnen. Die Urahne starb, als Stine selbst noch ein Kind war.

Da aber betritt Andrees die Stube. Er trägt ein verdurstetes Schaf bei sich und berichtet, er sei auf der Weide gewesen und hätte dort einen Kobold getroffen, welcher Fragmente des Spruchs vor sich hingesungen hätte. Mit Hilfe dieser Fragmente kann Stine den ganzen Spruch rekonstruieren:

Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder!

Nimm dich in acht!
Eh' du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in die Nacht!

Nun fehlt den jungen Leuten nur noch der Weg hin zur Regentrude. Andrees verspricht, er wolle noch einmal versuchen dem Kobold das Geheimnis abzulauschen. Tatsächlich trifft er den Feuermann auf seinen versengten Feldern, und dieser weiß bereits über Andrees’ Vorhaben Bescheid. Da der Feuermann seinen Spaß mit dem jungen Bauern haben will, stellt er sich dumm und verrät den Weg zur Regentrude („… hinter dem Walde eine hohle Weide …“). Er freut sich umso mehr des sublimen Spiels, als er ja weiß, dass der junge Bauer sich ebenfalls dumm stellt, um ihm, dem Kobold, das ersehnte Geheimnis zu entreißen. Als er sieht, dass sich Andrees schon innerlich darüber freut, nunmehr im Besitz des Wissens über den Weg zu sein, berichtet er hämisch, dass die Regentrude nur von einer Jungfrau geweckt werden kann, die gleichzeitig im Besitz eines speziellen Spruches ist. In seinem Übermut ahnt er nicht, dass Andrees’ Freundin Maren beide Bedingungen erfüllt und er sich soeben um seine eigene Existenz geredet hatte. Kurioserweise weist der Kobold sich den Namen Eckeneckepenn zu, der doch eigentlich ein Meermann, also ein Wesen des feuchten Elementes ist.

Maren geht zum Brunnen.
Illustration zur Erstveröffentlichung (Anton Muttenthaler 1864)

Schon am nächsten Tage machen sich die beiden jungen Leute in aller Frühe auf den Weg und finden auch bald die hohle Weide. Durch ihren Stamm gelangen sie in eine Unterwelt, deren Landschaft sich zwar von der ihrigen unterscheidet, dennoch aber ebenfalls unter einer gewaltigen Dürre leidet. Bis zu einem weitläufigen Garten mit ausgetrockneten Flussbetten begleitet Andrees die Freundin. Ab hier muss sie nun allein gehen. Sie findet denn auch die Regentrude schlafend – eine hochgewachsene, edle Erscheinung, die früher einmal sehr schön gewesen sein muss, nun aber bleiche und eingefallene Augen, Lippen und Wangen hat. Maren spricht die Dame mit dem Sprüchlein an, worauf diese auch tatsächlich die Augen öffnet. Noch aber ist das Werk nicht getan. Erst muss Maren noch einen Brunnen aufschließen, welches der eingeschlafenen Regentrude verwehrt ist. Kaum ist dies geschehen, steht auch die Regentrude wieder in ihrer prachtvollen Feengestalt vor Maren und plaudert mit ihr über die Zeiten, als sie noch von den Menschen geehrt und geachtet wurde. Als die Menschen sie jedoch später vergaßen, schlief sie immer wieder vor Langeweile ein.

Die Regentrude begleitet Maren zurück zu dem wartenden Andrees und weist beiden einen kurzen Weg zu ihrem Dorf zurück, das sie über einen Bach erreichen, der sich später als der Dorfbach herausstellt.

Seines Versprechens eingedenk und dem kühlen Geschäftskalkül folgend, welches dem Wiesenbauern sagt, dass er mit dem einsetzenden Regen nun wieder mit seinen Tieflandwiesen den schlechteren Teil erwischt hat, richtet er die Hochzeit zwischen Maren und Andrees aus. Diese findet bei strahlendem Himmel statt, aus dem nur ein winziges Wölkchen ein paar Regentropfen auf die Braut herabsendet. Danach betritt das Paar die Kirche „… und der Priester verrichtet sein Werk.“

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Regentrude wurde erstmals in der zu Leipzig erscheinenden Illustrierten Zeitung Nr. 43 aus dem Jahre 1864 veröffentlicht. Storm schrieb das Märchen in Heiligenstadt, Weihnachten 1863, als er wegen Röteln das Bett hüten musste. Die Geschichte entstand ohne längere Schreibpausen. Angeregt wurde er dabei von der malerischen Scheuche, einem Wasserfall des Flüsschens Geislede im heutigen Kurpark von Heilbad Heiligenstadt.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Märchen Die Regentrude verweist auf die vorchristlichen Religionen im norddeutschen Raum. Wie auch bei Frau Holle wird hier das Bild einer archaischen Naturgöttin gezeichnet, die im Zuge der Christianisierung dämonisiert wurde und aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt werden sollte. Durch die Hintertür der Volkserzählungen und Sagen bekommen die einst von den Missionaren bekämpften Götter oftmals wiederum menschenfreundliche Attribute zugesprochen.

Storm verweist ausdrücklich auf die Opfergaben, die der Regentrude einst gebracht wurden, während sich die Regentrude im Gegenzug mit reichen Erträgen von Wald und Flur erkenntlich zeigte.

Storm lässt erkennen, dass dieses Gleichgewicht empfindlich gestört wurde, als die Menschen den alten Naturgottheiten den schuldigen Respekt und die Verehrung versagten.

Ein typischer Protagonist dieser Denkrichtung ist der neugläubige Wiesenbauer, der für kurzsichtigen Profit und wirtschaftliches Kalkül steht.

Storm zeigt aber mit der Figur der Mutter Stine und der ihr folgenden jungen Leute Maren und Andrees, dass die alten Wissens- und Glaubensinhalte zwar nur noch rudimentär vorhanden, jedoch keineswegs völlig in Vergessenheit geraten sind. Indem er das junge Paar die Regentrude wecken lässt, bekennt sich Storm beinahe prophetisch zu einer Rückbesinnung auf Werte wie Naturverbundenheit und Respekt vor der Schöpfung. Nicht der selbstherrliche Wiesenbauer, dessen Tiefland-Wiesen irgendwann auch einmal verdorrt wären, sondern die sich vor der übergeordneten und zeitlosen Gottheit verneigende Maren, nicht der egozentrische Mensch also, sondern der sich mit der Natur in Ehrfurcht verbindende Mensch sorgt für den Erhalt des Lebens.

Dem Zug der Zeit folgend, weist Storm auf einer anderen Deutungsebene dem rücksichtslosen und kaum verdeckt aggressiven homo oeconomicus das männliche Prinzip zu, während er drei scheinbar schwache Frauen den Fortgang des Lebens garantieren lässt (die eingeschlafene Regentrude, die mit dem lückenhaften Gedächtnis und den Schulden behaftete Mutter Stine und die junge Maren, die vom Willen des Vaters und dem des späteren Mannes abhängig ist.)

Das germanische Prinzip der drei schicksalswebenden Nornen Urd (das Gewordene), Verdandi (das Werdende) und Skuld (das Werdensollende), d. h. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, scheint auch hier in die erzählerische Substanz einzufließen.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theodor Storm: Die Regentrude, Artia, Prag 1972

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]