Rolf von Hoerschelmann

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Rolf Erik von Hoerschelmann (* 28. Februar 1885 in Dorpat, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 12. März 1947 in Feldafing) war ein deutschbaltischer Illustrator, Sammler, Schriftsteller und Bohemien.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hoerschelmann wurde als dritter von vier Söhnen des Hochschullehrers und Altphilologen Wilhelm von Hoerschelmann (1849–1895) und seiner Frau Alexandrine, geborene von Bosse, Tochter des russischen Hofarchitekten Harald Julius von Bosse, in Dorpat, dem heutigen Tartu (Estland), geboren. Ein älterer Bruder war der Physiker Harald Wilhelm Tacitus von Hoerschelmann (1878–1941).[1] Rolf von Hoerschelmann war infolge einer Wachstumsstörung, die in der Pubertät auftrat, gesundheitlich labil und kleinwüchsig, weshalb seine Freunde ihm später den Spitznamen „der kleine Hoerschel“ gaben. In seiner Vaterstadt besuchte er das Privatgymnasium Rudolf von Zeddelmanns. Ersten Zeichenunterricht erhielt er von Susa Walter.

Um die Jahrhundertwende, wohl 1903, zog er nach München, wo er mit seiner verwitweten Mutter, genannt „Sascha“, in der Schwabinger Gedonstraße 8 viele Jahre gemeinsam wohnte. Als leidenschaftlicher Sammler hortete er dort in seinem „Fuchsbau“ alles, was mit Papier zu tun hatte und ihm kulturgeschichtlich interessant erschien, vornehmlich aber Grafiken. Trotz begrenzter finanzieller Mittel legte Hoerschelmann im Laufe seines Lebens eine beträchtliche Sammlung an. Hierzu pflegte er die Antiquariate Münchens zu durchstreifen, wobei er scherzhaft bedauerte, dass er von deren Beständen „nur die unteren anderthalb Meter kenne, da er nicht höher hinaufreiche.“

Bei Hermann Obrist und Wilhelm von Debschitz absolvierte er in den Lehr- und Versuchs-Ateliers für freie und angewandte Kunst eine reformorientierte künstlerische Ausbildung. Einen Namen machte Hoerschelmann sich dann als Entwerfer von Exlibris. Einige Jahre arbeitete er als Silhouetten-Schneider bei den Schwabinger Schattenspielen, die 1907 von Alexander von Bernus gegründet worden waren.[2] Bei Karl Wolfskehl und Emil Preetorius lernte er bald den Zeichner Alfred Kubin kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Als Bücherfreund war er Mitglied der Gesellschaft der Münchner Bibliophilen (1908–1913) und der Gesellschaft der Münchner Bücherfreunde (1923–1931). In diesen geselligen Zirkeln lernte er viele Antiquare, Buchhändler, Verleger, Illustratoren, Schrift- und Buchgestalter kennen. Durch die Mitarbeit in den Schwabinger Schattenspielen und bei der Zeitschrift Simplicissimus kam er außerdem in Kontakt mit der „Crème der Boheme von Schwabing“, unter ihnen Friedrich und Ricarda Huch, Heinrich und Thomas Mann, Richard Dehmel, Hermann Hesse sowie Stefan George. Als Stammgast des Künstlerlokals Café Stefanie traf Hoerschelmann auf weitere Protagonisten der Münchener Kunstszene, so Franziska Gräfin zu Reventlow, Carl Georg von Maassen, Joachim Ringelnatz, Max Halbe und Erich Mühsam. Der Maler Max Unold meinte über die Vita seines Freundes Hoerschelmann, ihm gelinge „wie selten einem das Wunder, das Leben zu vervielfachen.“ Im Laufe seines Lebens unternahm er mehrere Studienreisen, nach Italien und Frankreich. Dort entstanden Aquarelle mit Ansichten von Paris, der Provence, Rom, Umbrien und der Toskana. Im September 1934 unternahm er mit Hans Purrmann und Hugo Troendle eine Fahrt zur Corot-Ausstellung nach Zürich.[3] Im Herbst 1943 zerstörte ein Luftangriff seine Schwabinger Wohnung. Danach lebte er in Feldafing am Starnberger See, wo er starb und begraben wurde.

Eine engere Beziehung zu einer Dame hatte Hoerschelmann erst in späteren Lebensjahren, zu Elisabeth Bachmair, geborene Zeller, genannt „Lisel“, der zweiten Frau des Verlegers Heinrich Franz Seraph Bachmair. Sie nannte ihn „Pappilein“ und pflegte „den kranken Hoerschel“ bis zum Tode und erledigte die Trauerkorrespondenz. 1945, wenige Monate vor seinem Tode, lebte der Schaffensdrang Hoerschelmanns noch einmal auf, als er gleichzeitig mit dem Untergang des Nationalsozialismus als Illustrator und Sammler wieder gefragt war. Aus dieser Zeit stammt seine Veröffentlichung Leben ohne Alltag (1947), in der er Lebenserinnerungen und Aufsätze zusammenfasste.[4] Unter dem Titel Allerlei Papier gedachte die Neue Sammlung in München des Verstorbenen durch eine Ausstellung seines Nachlasses in den Jahren 1947/1948.[5]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hoerschelmann schuf als Schriftsteller, Zeichner, Karikaturist und Grafiker ein vielseitiges Werk, Illustrationen für etwa 40 Bücher und die Zeitschriften Simplicissimus, Jugend und Fliegende Blätter, zahlreiche Holz- und Scherenschnitte, Aquarelle und Exlibris sowie Plakatentwürfe.[6] Seine Zeichnungen kennzeichnet ein flotter, impressionistischer Strich. Die bis dahin vernachlässigte Kunstform der Silhouette bekam durch Hoerschelmann einen neuen Stellenwert in der Buchillustration.[7] Die Buchillustrationen Hoerschelmanns sind von unterschiedlichen Schaffensperioden des Grafikers Alfred Kubin beeinflusst,[8] auch von Max Slevogt. Mit Kubin teilte Hoerschelmann einen Hang zur Phantastik.

Illustrationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Diverse Zeichnungen im Gästebuch von Carl Georg Maassen
  • Pfau, „dekorative Zeichnung“ im Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, IV. Jahrgang, 1910[9]
  • Selbstbildnis, 1916, Feder- und Tuschzeichnung
  • Abendfriede, 1919,[10] Illustration in der Zeitschrift Der Orchideengarten
  • Der Säulenheilige, 1919, Illustration in der Zeitschrift Der Orchideengarten
  • Goethe. Empfindsame Geschichten, 1921 (zehn Illustrationen)
  • Selbstporträt 1903–1935, 1935[11]
  • Selbstporträt als „Sammelsurius“ in seiner Schwabinger Wohnung, Federlithografie
  • Straßenszene, Federzeichnung[12]
  • Verfallene Hütte, Federzeichnung[13]
  • Begegnung mit dem Tod, Lithografie
  • Das Einhorn, Federlithografie
  • Wolkenwanderer, Federzeichnung

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Adressbuch, ab 1907, umfangreiche, historisch bedeutsame private Adressensammlung Hoerschelmanns
  • Mit Franz Blei, Carl Georg von Maassen, Carl Graf von Klinckowström und Ernst Schulte-Strathaus: Ueber den Lyrismus bei Max Halbe in seinen Beziehungen zur Anacreontik der Spätromantiker. Fingierte Inaugural-Dissertation, 1911
  • Mit Carl Georg von Maassen, Reinhard Koester und Max Unold: Irma. Ein Fragment. Parodistisches Drama, 1913
  • Leben ohne Alltag. Sammlung von Aufsätzen, Wedding-Verlag, Berlin 1947.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Im „Schwabingroman“ Jossa und die Junggesellen karikierte der Schriftsteller Willy Seidel Hoerschelmann als die Figur des zwergenhaften Künstlers „Hasso von Klösterlein“, als Antipoden der hünenhaften Figur des „Schweickhardt-Gundermann“, womit er den Schriftsteller Karl Wolfskehl überzeichnete. Den zwergenhaften Künstler beschrieb Seidel wie folgt:[14]

Von Klösterlein war zwerghaft klein; was ihm aber an Figur fehlte, ersetzte er durch eine äußerst schlagfertige Zunge baltischer Observanz, ein aggressiv-hüpfendes Organ, das aber bei seiner Umwerbung von Bilderhändlern sanft gedehnt werden konnte wie ein Gummiband. Freilich blieben seine Augen auch dann noch sehr lebhaft und hüpften um die Wette mit seinen Worten.

  • Der Schriftsteller Thomas Mann nannte Hoerschelmann „Herrn vom Hoerselberg“, eine Anspielung auf die Tannhäuser-Sage.[15][16]
  • Der Schriftsteller Hermann Hesse schrieb am 2. April 1947 als Nachruf:[17]

Er ist drüben, er ist befreit, und er hat bis zuletzt sich bewährt und Treue gehalten. Damit rückt er für mich in die Reihe jener Freunde, die mir beinahe näher sind und mit denen ich mehr Umgang pflege als mit jenen, die noch leben….

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul Peter Ewald: Erinnerungen an die Anfänge des Münchener Physikalischen Kolloquiums. In: Physikalische Blätter. Band 24, 1968, S. 540 (PDF)
  2. Frieder Paasche: Schattentheater in Deutschland. Webseite (o. D.) im Portal vagantei-erhardt.de, abgerufen am 31. Dezember 2014.
  3. H. Purrmann – Leben, Webseite im Portal purrmann.com, abgerufen am 1. Januar 2015.
  4. Eberhard Köstler: Bücher Bücher Bücher Bücher. Aus der Blütezeit der Münchner Bibliophilie. Festvortrag vom 25. Mai 2008, München, veröffentlicht in: Ute Schneider (Hrsg.): Imprimatur. (Inhaltsverzeichnisse), NF XXI, 2009, S. 259 ff., 273 (PDF)
  5. Annette Doms: Neue Wege. Über die Situation und Rezeption moderner Malerei in der Münchener Nachkriegszeit. Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München, München 2004, S. 185 f. (PDF)
  6. Verein der Plakatfreunde (Ortsgruppe München): Das Plakat. Katalog der Ausstellung Münchner Reklamekunst, Juli/August 1914, mit einem Einleitungstext von Georg Jakob Wolf (PDF)
  7. Dirk Heisserer: Der Maler und Zeichner Rolf von Hoerschelmann. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft (= revue de la Société Suisse des Bibliophiles). Band 43, 3/2000, S. 201.
  8. Beate Schlöglhofer: Der Graphiker Alfred Kubin als Impulsgeber der Illustrationskunst des 20. Jahrhunderts. Diplomarbeit Universität Wien, Wien 2011, S. 70 (PDF)
  9. Jahrbuch für bildende Kunst in den Ostseeprovinzen, IV. Jahrgang, 1910 (JPG)
  10. Abendfriede, 1919, Abbildung im Portal tumblr.com, abgerufen am 30. Dezember 2014.
  11. Selbstporträt 1903–1935, JPG im Portal stadtmuseum.bayerische-landesbibliothek-online.de, abgerufen am 1. Januar 2015.
  12. Straßenszene (Memento des Originals vom 1. Januar 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/de.zisska.de, Webseite im Portal de.zisska.de, abgerufen am 1. Januar 2015.
  13. Verfallene Hütte (Memento des Originals vom 1. Januar 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/de.zisska.de, Webseite im Portal de.zisska.de, abgerufen am 1. Januar 2015.
  14. Dirk Heißerer: Wo die Geister wandern. München 1996, S. 169.
  15. Dirk Heißerer, S. 9.
  16. Peter de Mendelssohn: Der Zauberer. Das Leben des deutschen Dichters Thomas Mann. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 1996, Band 3, Teil 2, S. 154 f.
  17. Zitiert nach Eberhard Köstler, S. 276.