Die Torheit der Regierenden

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Die Torheit der Regierenden ist ein Sachbuch, das die US-amerikanische Reporterin und Historikerin Barbara Tuchman im Jahr 1984 unter dem englischen Originaltitel „The March of Folly“ veröffentlichte.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch vor ihren eigenen Text stellt Barbara Tuchman ein Zitat des US-amerikanischen Mythenforschers Joseph Campbell:

„Und ich kann keinen Grund erkennen, warum man annehmen sollte, daß dieselben, oft gehörten Motive nicht weiterklingen werden … genutzt von vernünftigen Menschen zu vernünftigen Zwecken oder von Wahnsinnigen zu Unfug und Verderben.“

Joseph Campbell

Politisches Handeln wider das eigene Interesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon im einleitenden Satz legt Barbara Tuchman nahe, was sie von den Regierenden hält:

„Die gesamte Geschichte, unabhängig von Zeit und Ort, durchzieht das Phänomen, daß Regierungen und Regierende eine Politik betreiben, die den eigenen Interessen zuwiderläuft.“

Weiter gibt sie zu bedenken, dass die Leistungen der Regierungskunst weit hinter dem zurückbleiben, was die Menschheit in anderen Bereichen erreicht hat. Sie erwähnt die Mondlandung und die Fortschritte der Medizin und muss dem ehemaligen US-Präsidenten John Adams recht geben, der Folgendes feststellte:

„Während alle anderen Wissenschaften vorangeschritten sind, tritt die Regierungskunst auf der Stelle; sie wird heute kaum besser geübt als vor drei- oder viertausend Jahren.“

Im Anschluss an diese deprimierende Feststellung definiert Barbara Tuchman vier Arten von Missregierung, die häufig auch in Kombination miteinander auftreten:

  1. Tyrannei oder Gewaltherrschaft
  2. Selbstüberhebung
  3. Unfähigkeit oder Dekadenz
  4. Torheit oder Starrsinn

Dann geht Tuchman dazu über, den Begriff Torheit näher zu umschreiben. Torheit ist für sie in diesem Buch dann gegeben, wenn sie drei Kriterien erfüllt:

  1. Sie muss bereits in ihrer Zeit als kontraproduktiv erkannt worden sein.
  2. Es muss eine praktikable Handlungsalternative gegeben haben.
  3. Sie muss nicht von einem Individuum allein betrieben worden sein, sondern von einer Gruppe. (Missregierung einzelner Souveräne kommt zu oft vor.)

Im Vorwort wird eine Reihe von historischen Beispielen für die Torheit der Regierenden aufgezählt, die von der Zerstreuung der zehn Stämme Israels bis hin zu Japans Angriff auf Pearl Harbor reichen.

Tuchman sieht die Torheit nicht an eine bestimmte Epoche oder einen bestimmten Ort gebunden. Allerdings werde ihre Form von den Lebensgewohnheiten und Anschauungen einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes determiniert. Torheit beschränke sich nicht auf bestimmte Regierungsformen. Weder Monarchie noch Demokratie sind davor gefeit.

Das Modell: Die Trojaner ziehen das Hölzerne Pferd in die Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Barbara Tuchman beginnt ihre Sammlung historischer Torheiten mit der Erzählung um das Trojanische Pferd, das – trotz Warnung – von den Trojanern in ihre Stadt geschafft wurde und deren Untergang herbeiführte.

Die Renaissancepäpste provozieren den Abfall der Protestanten: 1470–1530[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im dritten Kapitel führt die Autorin Beispiele für das Fehlverhalten der Päpste auf, das die Spaltung der Christenheit verursachte.

Sechs Jahrzehnte päpstlicher Torheiten (Korruption, Amoral und Machthunger, Nichtbeachtung aller Proteste und Klagen) führten zum Protestantismus und zu den Religionskriegen.

Die Briten verlieren Amerika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tuchman erklärt im vierten Kapitel, wie die Arroganz der britischen Kolonialherren die Loslösung der amerikanischen Kolonien herbeiführte.

Georg III. und seine Regierung zerstörten die Beziehungen zu den Siedlern in den amerikanischen Kolonien und machten aus Untertanen Rebellen, womit sie den Verlust des nordamerikanischen Kontinents besiegelten.

Amerika verrät sich selbst: Vietnam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im fünften und letzten Kapitel zeigt Tuchman, wie sich die USA unnötig in den Vietnamkrieg verstrickten.

Sie analysiert Amerikas Verwicklung in Vietnam – von Franklin D. Roosevelts zögernder Unterstützung des französischen Kolonialismus in Indochina über die unsinnige Domino-Theorie bis zu Lyndon B. Johnsons törichtem Bestehen auf einem militärischen Sieg, das zu einer kaum verhüllten Niederlage der USA führte.

Epilog „Eine Laterne am Heck“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Epilog hat den Titel „Eine Laterne am Heck“ und bezieht sich auf ein Zitat des englischen Dichters Samuel Coleridge:

„Aber Leidenschaft und Parteigeist machen unsere Augen blind, und das Licht, das die Erfahrung spendet, ist eine Laterne am Heck, die nur die Wellen hinter uns erleuchtet.“

Samuel Coleridge

In der Ablehnung der Vernunft sieht Tuchman das wichtigste Merkmal der Torheit. Vielleicht sei es nicht so wichtig, Politiker und Beamte zu erziehen – vielleicht wäre es wichtiger, die Wähler zu erziehen, Integrität und Charakter zu erkennen. Wenn John Adams in seinem oben genannten Zitat recht hatte und die Regierungskunst „heute kaum besser geübt wird als vor drei- oder viertausend Jahren“, dann sind nach Tuchman keine großen Verbesserungen zu erwarten. Das hieße dann aber auch Weiterwursteln wie in den vergangenen drei- oder viertausend Jahren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam. Frankfurt /Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2001. ISBN 3596153948