Diokles von Karystos

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Diokles von Karystos, kurz Diokles (griechisch ∆ιοκλῆς), auch Diokles Karystios genannt, war ein antiker griechischer Arzt und Medizinschriftsteller aus Karystos auf Euboia. Er lebte im 4. und vielleicht auch noch im 3. Jahrhundert v. Chr. und verband Lehren der hippokratischen Medizin mit Elementen der westgriechischen Heilkunde Unteritaliens und Siziliens.[1]

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diokles wurde in Karystos geboren, war der Sohn des Arztes Archidamos und ein Schüler von Aristoteles.[2] Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der medizinischen Wissenschaft nach Hippokrates. Vorwiegend in Athen lebend, wurde er von seinen Mitbürgern (bzw. von Plinius) mit dem Ehrennamen „der zweite Hippokrates“ (ὁ δεύτερος Ἱπποκράτης) bedacht. Er hatte Kontakt zur Platonischen Akademie; eine Zugehörigkeit zum Peripatos ist nicht nachweisbar.

Von ihm stammt das erste Handbuch der Anatomie [anatomé (ἀνατομή)] und das älteste griechische Kräuterhandbuch [Rhizotomikón (Ῥιζοτομικόν)]. Erkennbar sind integrierende Versuche einer medizinisch-philosophischen Systematik, die als Vorläufer der botanisch-phytotherapeutischen Schriften von Krateuas und Pedanios Dioskurides angesehen werden können.[3] Ferner verfasste er ein Buch über Diätfragen (diätetische Vorschriften für eine gesunde Lebensweise)[4] und ein therapeutisches Buch über Schmerz, seine Ursachen und Heilung. Auf seine Forschungen hatten zweifellos Lehren der Sizilischen Ärzteschule (Philistion von Lokroi, siehe Platons 2. Brief) Einfluß. Die Sprache des Diokles war attisch und zeigt deutlich Einflüsse attischer Philosophie.

Seine Hauptleistungen liegen auf dem Gebiet der Methodik („Methodenfragment“) und der Diätetik, im umfassenden Sinne Leib und Seele betreffend. Diokles weist mit größtem Nachdruck auf die Individualität des Patienten und auf die keinesfalls immer gleiche Wirkung gleicher Mittel hin und warnt, als Vertreter der empirischen Ärzteschule (im Gegensatz zu den Dogmatikern, denen er durch die antike Tradition – als ein die hippokratische Medizin theoretisch ausbauender Arzt – ebenfalls zugerechnet wurde[5]), vor Verallgemeinerungen. Er war zweifellos ein bedeutender „Synthetiker“, der sich um eine Synthese zwischen Hippokratismus, westgriechischer Medizin [Empedokles, Alkmeon von Kroton, Akron[6] von Akragas] und attischer Philosophie bemühte.

Diokles war ein Zeitgenosse des Praxagoras von Kos und nahm wie dieser anatomische Sektionen an Menschen vor, bei denen er auch pathologische Befunde erhob. Die systematischen Klassifikationen von Nahrungsmitteln und Heilpflanzen (inklusive Angabe von Synonymen) zeigen Verbindungen zu Mnesitheos (Μνησίθεος) von Athen und Platon auf. Diokles wirkte zudem auf dem Gebiet der Chirurgie, insbesondere der Kriegschirurgie.[7]

Seine medizinischen Schriften sind nur als Fragmente in den Werken späterer Autoren tradiert.[8]

Textausgaben und Übersetzungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Philip van der Eijk (Hrsg.): Diocles of Carystus. A collection of the fragments with translation and commentary. 2 Bände. Brill, Leiden 2000–2001, ISBN 90-04-12013-0
  • Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst – Ausgewählte Texte. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 978-3-15-009305-4. Nur Teilübersetzung (aus Oreibasius, Coll. med. rel., lib. inc. 40): Aus den Schriften des Diokles von Karystos: Die gesunde Lebensweise (S. 150–157: „Den Anfang der Darstellung der Gesundheitsvorschriften bildet der Übergang vom Schlaf zum Wachensein: […]“).

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersichtsdarstellungen

Untersuchungen

  • Felix Heinimann: Diokles von Karystos und der prophylaktische Brief an König Antigonos. In: Museum Helveticum. Band 12, 1955, S. 158 ff.
  • Werner Jaeger: Diokles von Karystos. Die griechische Medizin und die Schule des Aristoteles. Berlin 1938; 2. Auflage. De Gruyter, Berlin 1963.
  • Fridolf Kudlien: Probleme um Diokles von Karystos. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin. Band 47, 1963, S. 456 ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 174, Anm. 10.
  2. Wolfgang Wegner: Diokles von Karystos. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 308.
  3. Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshause & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorischer Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 30 f. und 153 f.
  4. Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. 1989, S. 36 und 150–157.
  5. Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. 1989, S. 8 f. und 174, Anm. 10.
  6. Vgl. Max Wellmann (Hrsg.): Fragmentsammlung der griechischen Ärzte. Band 1: Die Fragmente der sikelischen Ärzte Akron, Philistion und Diokles von Karystos. Weidmann, Berlin 1901.
  7. Markwart Michler: Alexandrinische Chirurgie. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 32–38; hier: S. 33a.
  8. Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. 1989, S. 201.