Doppeltes Perfekt

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Das doppelte Perfekt (auch Doppelperfekt, Perfekt II, Superperfekt[1] oder Ultra-Perfekt) ist eine nicht standardsprachliche Vergangenheitsform der deutschen Sprache, die besonders in den süddeutschen Dialekten und der deutschen Umgangssprache vorkommt. Analog zum doppelten Perfekt existiert auch das doppelte Plusquamperfekt.

Bildung und Gebrauch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim doppelten Perfekt steht das zur Perfektbildung notwendige Hilfsverb „haben“ oder „sein“ selbst im Perfekt.

  • Ich schrieb ihm (Präteritum)
  • Ich habe ihm geschrieben (Perfekt)
  • Ich hatte ihm geschrieben (Plusquamperfekt)
  • Ich habe ihm geschrieben gehabt (Doppeltes Perfekt)
  • Ich hatte ihm geschrieben gehabt (Doppeltes Plusquamperfekt)

Es gibt zwei wesentliche Funktionen des doppelten Perfekts. Einerseits das Hinzufügen eines verstärkenden, betonenden Aspekts. In dieser Verwendung kommt das doppelte Perfekt in der gesprochenen Umgangssprache des gesamten deutschen Sprachraums vor, auch wenn es nicht standardsprachlich ist:

  • Ich habe es dir doch gesagt! <standardsprachlich>
  • Ich habe es dir doch gesagt gehabt! <verstärkt, betont>

Andererseits wird in jenen dialektalen, überwiegend süddeutschen Sprachräumen, die von Präteritumsschwund betroffen sind, das doppelte Perfekt als Ersatzform des Plusquamperfekts verwendet, wenn der vollendete Aspekt dem Sprecher wichtig ist:

  • Als er zu Bett ging, hatte er bereits die Heizung runter gedreht. <Plusquamperfekt, standardsprachlich>
  • Als er zu Bett ging, hat er bereits die Heizung runter gedreht gehabt. <Doppelperfekt, nicht standardsprachlich>

Ersatzform für Konjunktiv I Plusquamperfekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da im Deutschen kein eigener Konjunktiv I Plusquamperfekt gebildet werden kann, wird eine Konstruktion mit doppeltem Perfekt-Partizip verwendet, die wie ein doppelter Perfekt aussieht.

Direkte Rede: „Ich konnte gestern meine Hausaufgaben nicht machen (Präteritum), weil ich das Buch in der Schule vergessen hatte (Plusquamperfekt).“

Indirekte Rede: Der Schüler entschuldigte sich, er habe seine Hausaufgaben nicht machen können (Konjunktiv I Perfekt, da das Präteritum keinen ihm zugehörigen Konjunktiv ausbildet), weil er das Buch in der Schule vergessen gehabt habe (doppeltes Partizip als Ersatzform für den Konjunktiv I Plusquamperfekt).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach herkömmlicher Ansicht entstand das doppelte Perfekt im oberdeutschen Sprachraum, wo die Verwendung des Präteritums und des Plusquamperfekts in der gesprochenen Sprache nicht üblich ist (vgl. Oberdeutscher Präteritumsschwund) und daher eine eigene Zeit für die Vorvergangenheit benötigt wurde. Erstmals erwähnt wird es in Albert Ölingers deutscher Grammatik von 1573, und vor 1700 ist es nur aus süddeutschen Texten zu belegen.[2] Das doppelte Perfekt wird mitunter als normal empfunden und hat in Teilen der Bevölkerung das Plusquamperfekt nahezu vollständig verdrängt.

Diese Erklärung ist allerdings nicht unumstritten. Eine Studie von Michael Rödel führt eine Reihe von Argumenten gegen diese Annahme auf und wertet das Phänomen als aspektuelle Erscheinung, indem der Sprecher das doppelte Perfekt bei einem abgeschlossenen Sachverhalt einsetzen könne.[3]

Außerhalb des Deutschen kennen auch das Jiddische und das Französische (Temps surcomposé) das doppelte Perfekt.

Sprachkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das doppelte Perfekt wurde von Bastian Sick in seinen Zwiebelfisch-Kolumnen aufgegriffen und kritisiert.[4] Dem wird entgegengehalten, dass das doppelte Perfekt nicht erst kürzlich entstanden ist, sondern bereits in Texten des 17. Jahrhunderts zu finden sei.[5] Auch Autoren wie Thomas Bernhard, Hermann Broch, Günter Grass und Christa Wolf bedienten sich dieser Vergangenheitsform. Im Sinne der deskriptiven Linguistik ist die Verwendung des doppelten Perfekts kein „Fehler“, sondern eine umgangssprachliche Variante, die Vorvergangenheit auszudrücken.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Duden. Die Grammatik. (= Duden, 4). Hrsg. von der Dudenredaktion. 8., überarbeitete Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Zürich 2009, §§ 658, 745, 750, 769.
  • Michael Rödel: Doppelte Perfektbildungen und die Organisation von Tempus im Deutschen. (= Studien zur deutschen Grammatik, 74). Stauffenburg, Tübingen 2007, ISBN 978-3-86057-465-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Struktur der deutschen Gegenwartssprache II, Vorlesung Universität Würzburg, S. 26
  2. Robert Peter Ebert, Oskar Reichmann, Hans-Joachim Solms, Klaus-Peter Wegera: Frühneuhochdeutsche Grammatik. Niemeyer, Tübingen 1993 (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte A.12), S. 390.
  3. Michael Rödel: Doppelte Perfektbildungen. Tübingen 2007, S. 181–198.
  4. Bastian Sick: Das Ultra-Perfekt
  5. Österreichisches Deutsch: Wortschatz & Grammatik