Dorothea Ridder

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Dorothea Ridder im Gespräch mit Fritz Teufel (1967)

Dorothea Ridder (* 29. Mai 1942[1] in Berlin-Pankow) ist eine deutsche Mitbegründerin der Kommune I (1967). Sie wurde 1975 als Unterstützerin der Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ verurteilt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dorothea Ridder wuchs in Ost-Berlin auf, wo ihr Vater ein Dekorationsgeschäft führte. Nach der Enteignung des Betriebs übersiedelte der Vater alleine nach Hamburg, Dorothea Ridder ging 1959 mit ihrer Mutter und dem fünf Jahre älteren Bruder nach West-Berlin. Nach einer Ausbildung im Lette-Verein (Höhere Wirtschaftsschule), die sie als anerkannter DDR-Flüchtling erhielt, arbeitete die zunächst unpolitische Ridder 1961–62 als Sekretärin im Wissenschaftsverlag Julius Springer. Sie kam in Kontakt zu Künstlern, denen sie Modell stand, jobbte nebenher als Zeitschriftendrücker und arbeitete zeitweilig als Animierdame in Nachtbars.[2]

Nachdem sie ihr Abitur nachgeholt hatte, immatrikulierte Dorothea Ridder sich 1964 an der FU Berlin, wo sie Politologie am Otto-Suhr-Institut studierte. Dort lernte sie Hans-Joachim Hameister (* 1940) kennen und begann sich gesellschaftspolitisch zu engagieren.[2] Sie beteiligte sich an der revolutionsromantischen Gruppe „Viva Maria“ (Motto: „Revolution muss Spaß machen“), einer kurzzeitigen Abspaltung der Subversiven Aktion, der u. a. Dieter Kunzelmann, Bernd Rabehl und Rudi Dutschke angehörten.[3] Anfang 1967 war Ridder mit Hameister, Kunzelmann, Ulrich Enzensberger und anderen Mitbegründer der Kommune I, deren Gründungsvortrag sie beim SDS verlas.[2] Dorothea Ridder ist auch auf dem berühmten K1-Foto von Thomas Hesterberg zu sehen, das die nackten Rückenansichten der Kommunarden vor einer weißen Wand zeigt.[4] 2008 erinnert Ridder sich an die Aufnahme: „Wir waren froh, als es vorbei war, und wir uns wieder was anziehen konnten.“[2] Ridder und Hameister zogen später in die SDS-Kommune 2, in der u. a. Jan-Carl Raspe lebte.[5]

Im April 1967 bereiteten die Kommunarden einen später „Pudding-Attentat“ genannten Anschlag mittels Rauchbomben auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey vor. Nachdem Ridder, Fritz Teufel, Hameister und andere dafür am 5. April Rauchbomben-Tests und Wurfübungen im Grunewald durchgeführt hatten, wurden sie von Zivilfahndern der Politischen Polizei festgenommen, aber bereits am nächsten Tag wieder auf freien Fuß gesetzt.[6] Am 12. August 1967 tanzte sie zusammen mit Andreas Baader, dem als Frau verkleideten Rainer Langhans und etwa 200 weiteren Demonstranten bei einem Happening zur Haftverschonung von Fritz Teufel auf dem Ku´damm.[7] Im September 1967 sollen einer Spiegel-Meldung zufolge Ridder sowie Wolfgang Neuss und drei Berliner SDS-Mitglieder in das Feriendomizil des Verlegers Axel Springer auf Sylt eingedrungen sein und dort eine Vietcong-Flagge gehisst haben.[8] Ferner war sie im – 1968 auf Initiative von Marianne Herzog und Helke Sander gegründeten – Aktionsrat zur Befreiung der Frauen[9] und als „Spielfrau“ am neugegründeten antiautoritären Kinderladen aktiv.[2]

Durch Günter Ammon angeregt, bei dem Ridder sich einer Gruppenpsychotherapie unterzog, wechselte sie 1969 zum Studium der Humanmedizin. Neben ihrem Medizinstudium organisierte Dorothea Ridder für die RAF eine Wohnung, die als Fälscherwerkstatt benutzt wurde, und machte Botengänge. 2008 erinnert sie sich:

„Es war ganz leicht, in die RAF reinzurutschen, sehr leicht! Mir war ganz klar, was ich mitmache, vielleicht mal eine Wohnung besorgen, so was, konspirativ, auch das Fälschen, okay, da konnte ich unterstützend sein … aber so was wie: ,Natürlich darf geschossen werden‘… Nein!“[2]

Als das RAF-Mitglied Ingrid Schubert am 8. Oktober 1970 in Berlin verhaftet wurde, wies sie sich mit einem verfälschten Ausweis von Dorothea Ridder aus.[10] Im September 1971 wurde die mittlerweile per Haftbefehl gesuchte Ridder festgenommen.[11] Sie verweigerte aber jede Aussage und kam in Untersuchungshaft, die sie überwiegend im „Toten Trakt“ der JVA Köln-Ossendorf verbrachte, wo sie teilweise zeitgleich mit Astrid Proll inhaftiert war.[12] Die Ermittlungsbehörden mutmaßten, Ridder sei, „wie die Mehrzahl der weiblichen Angehörigen der politischen Terror-Gruppe, lesbisch bzw. bi-sexuell veranlagt.“[13] Von Presseorganen wie der Bild-Zeitung[14] wurde Ridder als „Horror-Dorle“ bezeichnet. Und die Zeitschrift Quick schrieb in dem Artikel Wo sich Sex und Terror trafen neben dem Bild eines mit Farbspuren bedeckten nackten Frauenkörpers:

„Als Aktmodell begann es. Und dann ging es bergab. Erst ließ sich die lebenslustige Dorothea von Kunststudenten mit Farbe beschmieren – dann lebte sie als ‚Horror‘-Dorle mit Männern zusammen, die Farbbeutel-Attentate planten.“[15]

Da Ridder nur als „Randfigur“ der RAF galt, erhielt sie Haftverschonung, wurde 1972 aber nach Intervention des bayerischen Innenministers Bruno Merk erneut inhaftiert.[14] Nach insgesamt etwa einem Jahr in Isolationshaft wurde sie endgültig aus der U-Haft entlassen und nahm ihr Studium wieder auf.[2]

1973 bestand Dorothea Ridder die ärztliche Vorprüfung und praktizierte 1973 und 1975 im Uniklinikum in Ankara. Im Juni 1975 wurde sie aufgrund ihrer RAF-Beteiligung wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ nach § 129 StGB zu einem Jahr Haft verurteilt. Die Strafe wurde aber wegen guter Führung zur Bewährung ausgesetzt. 1976 bestand Ridder das ärztliche Staatsexamen und erhielt 1977 die Approbation. 1980 promovierte sie zum Thema Das Intrauterinpessar – Überblick über Geschichte, Wirkungsweise, allg. u. eigene klin. Erfahrungen. Nach Praxisvertretungen in Westdeutschland betrieb sie als Allgemeinmedizinerin von 1981 bis 1983 eine Gemeinschaftspraxis in Berlin, danach eine eigene Praxis am Nollendorfplatz, die sie ab 1989 mit einem Kollegen teilte. Als eine der Ersten behandelte sie Drogenabhängige mit Methadon, bot Aids- und Krebs­gruppen an.[2][16] Zu ihren Patienten gehörten u. a. Erich Fried und Udo Lindenberg.[17] Mehrere Jahre war Ridder Anhänger von Bhagwan Shree Rajneesh.[2]

Ende der 1970er Jahre suchte Ridder die in England inhaftierte Astrid Proll auf, die sie schon aus der Vor-RAF-Zeit kannte, und kümmerte sich seitdem freundschaftlich um sie.[12] Ab 1983 besuchte Dorothea Ridder als Ärztin das gefangene RAF-Mitglied Manfred Grashof. Sie heiratete ihn im März 1984. Die Ehe besteht offiziell noch immer.[2][18] Im Juni 1997 erlitt Dorothea Ridder durch einen Thrombus im Gehirn einen schweren Schlaganfall, bei dem sie zunächst die Sprache und ihr Gedächtnis verlor. Seitdem leidet sie unter fokaler Epilepsie. Ihre Praxis wurde aufgelöst. Die noch immer mit Gedächtnislücken und Sprachproblemen kämpfende Ridder gab 2008 der Schriftstellerin Gabriele Goettle ein längeres Interview, das die Grundlage für ein Buch über sie bildete.[2]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gabriele Goettle: Wer ist Dorothea Ridder? Rekonstruktion einer beschädigten Erinnerung. Berlin 2009, ISBN 978-3-89320-135-8.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. lt. Astrid Proll, in Gabriele Goettle: Im toten Trakt. In: TAZ v. 23. November 2008; siehe aber Berichtigung. In: TAZ v. 30. April 2008.
  2. a b c d e f g h i j k Gabriele Goettle: Wer ist Dorothea Ridder? In: TAZ v. 28. April 2008 (mit Ridder-Foto 2008); = Dies.: Wer ist Dorothea Ridder? Rekonstruktion einer beschädigten Erinnerung. Berlin 2009, S. 7–26.
  3. s. a. Belinda Davis: Provokation als Emanzipation. 1968 und die Emotionen. In: Vorgänge 42 (4), Heft 164 (2003), S. 41–49: Ulrich Enzensberger: Jahre der Kommune 1. Köln 2004, S. 60; Aribert Reimann: Dieter Kunzelmann. Avantgardist, Protestler, Radikaler (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 188). Göttingen 2009, S. 116–120.
  4. Marianne Schmidt: Wer keinmal mit derselben pennt. (PDF; 541 kB) In: FAZ v. 9. April 2008, S. 40 (Foto: Dorothea Ridder 6.v.l.).
  5. Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967–1969. Köln 2004, S. 124 f.; Michael Ludwig Müller: Berlin 1968. Die andere Perspektive. Berlin 2008, S. 100.
  6. Aribert Reimann: Dieter Kunzelmann. Avantgardist, Protestler, Radikaler (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 188). Göttingen 2009, S. 144, Foto der „Pudding-Attentäter“ (1967) (Dorothea Ridder stehend) auf einestages.spiegel.de.
  7. Foto des „Kudamm-Happenings“ (v. l.: Andreas Baader, Unbekannte, Rainer Langhans, Dorothea Ridder) auf webdesignausberlin.de; abgedr. u. a. in Dorothea Hauser: Baader und Herold.Frankfurt/M. 1998, S. 129; s. a. Butz Peters: RAF. Terrorismus in Deutschland. Stuttgart 1991, S. 62.
  8. Personalien. In: Der Spiegel Nr. 40 v. 25. September 1967, S. 188; der im Artikel ebenfalls als Beteiligter genannte Fritz J. Raddatz dementierte in einem Brief an Springer seine Mitwirkung, s. Fritz J. Raddatz: Unruhestifter. Berlin 2005, S. 256.
  9. Ursula Nienhaus: Wie die Frauenbewegung zu ‚Courage‘ kam. Eine Chronologie. In: Gisela Notz (Hrsg.): Als die Frauenbewegung noch Courage hatte. Bonn 2007, S. 7–22, hier: S. 7.
  10. Butz Peters: RAF. Terrorismus in Deutschland. Stuttgart 1991, S. 93.
  11. Gisela Diewald-Kerkmann: Bewaffnete Frauen im Untergrund. Zum Anteil von Frauen in der RAF und der Bewegung 2. Juni. In: Wolfgang Kraushaar: Die RAF und der linke Terrorismus. Hamburg 2006, Band 1, S. 657–675, hier: S. 658; Trials and Arrests of Members of Baader-Meinhof Terrorist Group. In: Keesing’s Record of World Events 18 (August 1972), S. 25434; Activities, Arrests and Trials of Alleged Terrorists. In: Keesing’s Record of World Events 21 (August 1975), S. 27264.
  12. a b Gabriele Goettle: Im toten Trakt. In: TAZ v. 23. November 2008; = Dies.: Wer ist Dorothea Ridder? Rekonstruktion einer beschädigten Erinnerung. Berlin 2009, S. 107–124.
  13. Bundeskriminalamt, Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.): Der Baader-Meinhof-Report. Dokumente, Analysen, Zusammenhänge. Aus den Akten des Bundeskriminalamtes, der „Sonderkommission Bonn“ und dem Bundesamt für Verfassungsschutz. Mainz 1972, S. 17.
  14. a b Jagdszene aus Niederbayern. In: Der Spiegel Nr. 27 v. 26. Juni 1972, S. 16.
  15. Quick v. 12. Juli 1972, S. 70 f., zit. n. Martin Steinseifer: ‚Terrorismus‘ zwischen Ereignis und Diskurs. Berlin/New York 2011 (Reihe Germanistische Linguistik; 290), S. 171.
  16. s. a. Gabriele Goettle: Freunde von Dorothea Ridder erzählen. In: TAZ v. 6. Juli 2008; = Dies.: Wer ist Dorothea Ridder? Rekonstruktion einer beschädigten Erinnerung. Berlin 2009, S. 27–46.
  17. Gabriele Goettle: In der Gemeinschaftspraxis. In: TAZ v. 28. September 2008; = Dies.: Wer ist Dorothea Ridder? Rekonstruktion einer beschädigten Erinnerung. Berlin 2009, S. 87–106.
  18. Gabriele Goettle: Die Praxis der Galaxie. In: TAZ v. 28. Juli 2008 (mit Hochzeitsfoto Ridder/Grashof 1984); Dies: Wo Schloss und Riegel für. In: TAZ v. 28. Dezember 2008; = Dies.: Wer ist Dorothea Ridder? Rekonstruktion einer beschädigten Erinnerung. Berlin 2009, S. 47–66, S. 125 ff.